Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 48 (25.11.1904)
- Date
- 1904-11-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 770 Dr. Blocb’s MocbenscbrtN. Nr. 48 erwecken, sondern das Bewußtsein der Solidarität mit allen Juden aus dem Erdenrunde stärken, uns unsere große Vergangenheit stets vor Augen führen, die Muttersprache des jüdischen Stammes wach und lebendig erhalten. Die Wohltätigkeits-Anstalten sollen wahre Stätten der reinen Menschenliebe, der echten Humanität sein. Nach einen kurzen Rückblick aus seine in diesem Geiste erfolgte öffentliche Wirksanikeit wendet sich Redner der Besprechung der erhabenen Aufgaben und Bestrebungen des Judentums in Vergangenheit und Zukunft zu, an welchen alle jüdischen Gemeinden, unsere herrliche Muttergemeinde tonangebend und voransschreitend, mitzuwirken berufen sind. Die interessante Tatsache, daß die Bäume im Walde, welche hart aneinander grenzen, schlank und gerade emporwachsen und ihre Wipfel hoch erheben, während die Bäume in der Ebene gewöhnlich ihre Zweige zur Erde senken, findet ihre naturwissenschaftliche Erklärung darin, daß in jedem Wesen der Trieb lebendig ist, sich den Bedingungen der größtmöglichen Entfaltung und Vervollkommnung anzupassen. Nachdem nun die Bäume im Walde sich gegenseitig Lust und Licht benehmen, streben dieselben nach oben, um dort diese Lebenseleniente auszunehmen. Auch die Juden sind seit Jahrtausenden, seitdem sie ihre Wanderung durch die Geschichte angctreten, von den anderen Völkern enge umschlossen, die ihre Lebensaufgabe darin suchten, ihnen Licht und Luft zu entziehen. Da hat das jüdische Volk zu allen Zeiten seinen Blick nach oben gerichtet, hat emporgestrebt zu den höchsten Idealen der Menschheit und sich aus den Niederungen eines trüben Daseins zu den Höhen der Begeisterung für unsere erhabenen Lehren, aus deren reichem, unerschöpflichem Inhalte ihnen Trost und immer neue Kraft zuströmte, emporgerungen. Aufrechten Ganges und erhobenen Hauptes haben sie allem Ungemach, allen Drangsalen, allen Stürmen Trotz geboten und so ist unsere Vergangenheit die stärkste, glänzendste Bürgschaft der fernsten Zukunft. (Lebhafter Beifall.) Zum Schlüsse bemerkte Redner, daß er sich glücklich schätzen werde, in seinen Gedanken und Anschauungen einig zu sein mit seinen geehrten Wählern, daß diese Uebereinstimmung ihn anspornen werde, aus dem betretenen Wege richtig vorwärts zu schreiten, und so erbittet er sich deren Vertrauen für die Zukunft. (Lebhafter Beifall.) Kultnsvorfteher Baurat Wilhelm Stiahny: Meine sehr geehrten Herren! Seit einer laugen Reihe von Jahren bekleide ich das Ehrenamt eines Mitgliedes des Kultusvorstandes. Die immer steigende Anzahl von Stimmen, welche sich bei den jeweiligen Wahlen aus meine Person vereinigt haben, dient mir als schmeichelhafter Beweis, daß mich die Gemeinde stets ihres Vertrauens würdig befunden hat. Meine Herren! Seitdem ich zu öffentlichen Aemtern .in autonomen Körperschaften durch das Vertrauen meiner Mitbürger berufeil werde, habe ich es immer als meine Pflicht erachtet, einen beständigen Kontakt mit meinen Wählern zu erhalten. Ich habe diese Berührung jederzeit gesucht und sie auch gesunden. Ich kenne die Bedürfnisse unserer Gemeinde genau und habe ilnmcr bei meinen Handlungen diesen Bedürfnissen Rechnung getragen. Im Verhältnisse zu meiner Gemeinde und zu meinen Wählern halte ich an dem Grundsätze fest: „Alle Macht geht vom Volke aus." Unter den Fehlern, welche uns Juden anhaften sollen und die uns von unseren Feinden zum Vorwurfe gemacht werden, steht nach Angabe der Letzteren an erstem Platze die S v l i d a r i t ä t, welche angeblich alle Juden wie ein ehernes Band umfassen soll. Ich wollte, dieser Vorwurf entspräche den Tatsachen. Leider ist kaum eine Spur jenes Gefühls der Zusammengehörigkeit bei uns zu finden, welches, wenn es in Wirklichkeit vorhat den wäre, uns geradezu unüberwindlich machen müßte. Im Gegenteile habe ich gefunden, daß so häufig das Bestreben zu Tage tritt, die Besten und Edelsten unter uns herabzusetzen und zu verunglimpfen. Diese Tatsache ist nicht neu: denn schon in dem uralten täglichen Gebete sagen wir: 'Wolumulsolllulm al-tehi tikwoh! Den Verleumdern werde keine Hoffnung (auf Erfüllung ihrer Absichten) zuteil! Und schon vor 2 Jahrtausenden wurden wir vor den 1 ß z i m, den bösen Spöttern unter uns, eindringlich gewarnt. Welche große unverwüstliche Kraft unser Volksstamm in sich schließt, das zeigt nicht nur die ansehnliche große Anzahl von Gelehrten und Künstlern, die er hervorbringt, das zeigen nicht nur Kaufleute und Industrielle, die zu den Angesehensten in unserer Stadt und im Staate zählen; das beweist insbesonders der Stand der Arbeiter, der Handwerker und Gewerbetreibenden, der uns Allen zur Ehre gereicht. In einem unter meiner Leitung vor wenigen Tagen vollendeten, öffentlichen Zwecken gewidmeten Hause, einem Waisenhause, haben sich unter den 50 Firmen und Handwerkern, die am Bau und an der inneren Einrichtung dieses Hauses mitgewirkt haben, 36 Mitglieder unserer Gemeinde, außerdem 5 Gesellschaften und Gewerkschaften befunden, an deren Spitze Mitglieder unserer Gemeinde stehen und welche harmonisch mit ihren nichtjüdischen Mitarbeitern zusammengewirkt haben. Und demungeachtet, oder richtiger, eben deshalb kann mit Recht behauptet werden, daß die technische Durchführung dieses Gebäudes zu den besten Arbeiten zählt, welche im Laufe der letzten Jahre zur Ausführung gelangten. (Beifall.) .Gestatten Sie mir, mit wenigen Worten einer Institution zu gedenken, welche unter der Patronanz des Kultusvorstandes in unserer Gemeinde besteht, die mir sehr am Herzen gelegen ist und welcher ich, vielleicht nicht ohne Erfolg, viel Zeit und Tätigkeit gewidmet habe. Das jüdische Museum, an dessen Spitze ich seit 10 Jahren zu stehen die Ehre habe, wird, getragen von dem Vertrauen und der Achtung unserer Glaubensgenossen, mit der Zeit zu einem jüdischen National- Museum ausgestaltet werden. Daß der Aufschwung dieser, idealen Zwecken dienenden Schöpfung langsamer erfolgt, als wir alle wünschen, ist, bei aller Achtung, welche ihm von vielen Seiten in Wien, in Oesterreich und Ungarn- und -im gebildeten Auslande entgegengebracht wird, auf den Mangel an zureichenden Geldmitteln zurückzuführen, welche ihm zur Verfügung stehen. Es geht eben dem Museum und unseren Handwerkern, wie den Juden zu Luther's Zeiten, über welche der große Reformator gesprochen hat: „Du sollst die Juden ehren, aber nicht ernähren." Das jüdische Museum und die jüdischen Handwerker, sie haben zwar viel Ehre, aber nur wenig Geld. Lassen Sie mich nun mit einer Legende aus dem Kuran und mit einer Nutzanwendung auf unsere Zeit schließen. Als der Prophet Muhammed auf Befehl Gottes den Aufstieg zum Himmel unternehmen sollte, wurde er von dem Erzengel Gabriel in Mekka abgeholt und in wenigen Minuten nach Jerusalem und auf den Berg Moria gebracht. Dort setzte sich Muhammed, von der weiten Fahrt ermüdet, an jenem Steine nieder, auf welchem Abraham die Opferung seines Sohnes.Isaak vornehmen sollte und auf welchem das Opfer des Widders vollzogen wurde. Es ist dies derselbe Stein, welcher nach jüdischer Legende als der Mittelpunkt des Weltalls gilt und der noch bis zum heutigen Tage als gefeiertes Heiligtum inmitten der Luddetes-sachra, des Felsendomes sich befindet. Und der Stein wich zurück und zeigt bis zum heutigen Tage den Eindruck, welchen der Körper des Propheten an ihm hervorgebracht. Als dann der Prophet, die Rechte auf den Stein stützend, zwischen den Flügeln des Erzengels Platz genommen, da verursachte der Griff seiner Hand so deutliche Spuren an demselben Steine, daß sie noch bis zum heutigen Tage dem Auge des Gläubigen sichtbar geblieben sind. — — So, meine sehr geehrten Herren, muß auch die Anwesenheit und die Tätigkeit des Kultusvorstandes dieser großen Gemeinde, einer Gemeinde, in der so viel Bildung und Wissen und Schaffenskraft vorhanden ist, wohltätige und nachhaltige Spuren zurücklassen, welche noch späte Geschlechter dankend anerkennen werden. Wenn Sie, meine Herren, mir neuerdings Ihr Vertrauen zuwenden wollen, so wird mich dies mit Dank erfüllen und mir zur Ehre und zur Freude gereichen. (Lebhafter Beifall.)