Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 48 (25.11.1904)
- Date
- 1904-11-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 768 Dr. Mocb's Mlocbenscbrtkt. Nr. 48 Von den Vorstandsmitgliedern sprachen nacheinander Baurat Theodor Ritter v. Goldschmidt: Hochgeehrte Versammlung! Es sind 18 Jahre verflossen, seit ich zum erstenmale die Ehre hatte, vor Sie hinzutreten und um Ihre Stimme in den Kultusrat zu bitten. Ich wurde damals in den Vorstand gewählt und seither wiederholt mit Ihrem Vertrauen bedacht. Es obliegt mir daher zunächst die angenehme, erfreuliche Pflicht, Ihnen für das fortgesetzte Vertrauen verbindlichen, aufrichtigen Dank zu sagen. (Bravo!) Und gerade dieses Vertrauen, das Sie mir durch fortgesetzte Wahl angcdeihen ließen, gibt mir den Mut, heute, nach 18jähriger Erfahrung, an dieser Stätte vor Sie hinzutreten und um Ihre Stimme zu bitten. (Bravo!) Meine hochverehrten Herren! Wenn wir einen Rückblick werfen aus die Wandlungen in Wien und auf die Wandlungen in der Wiener Kultusgemeinde, so ist es naturgemäß, daß wir auf die Verhältnisse der Kultusgemeinde im Jahre 1888 89 im Vergleiche zur heutigen Situation derselben zurückkommen. Damals, meine hochgeehrten Herren, hatte das Wiener Gemeindegebiet noch geringeren Umfang und erst zwei Jahre später wurde durch Einverleibung der Vororte Groß-Wien und damit auch die große Wiener Judcngemeinde kreiert. Aus dieser Tatsache ergab sich ganz naturgemäß die Richtung, in welcher der Kultusvorstand in den nächsten Jahren zu arbeiten hatte. Es mußte aus der kleinen Kultusgemeinde ein großes Gemeinwesen werden und entsprechend diesem größeren Umfange mußte auch die ganze Administration umgestaltet und erweitert werden. Man begann mit der Ausarbeitung eines neuen Statuts und auf Grundlage desselben haben wir nun bis zum heutigen Tage weiter gearbeitet, und es ist nicht zu wenig und nicht zu viel gesagt, wenn konstatiert wird, daß wir heute mächtig sind, den großen Aufgaben, die sich darbieten, im großen Ganzen zu entsprechen. Es ist eine unangenehme Pflicht des Berichterstatters, wenn er von seiner eigenen Person sprechen muß. Ich bin nunmehr genötigt, dieser Pflicht nachzukommen, doch verspreche ich, mich hiebei möglichst kurz zu fassen. Alsbald nach meinem Eintritt in den Kultusvorstand wurde ich in das Vertreter-Kollegium und zum Obmann der Sektion für Armenwesen und Wohltätigkeit berufen. Damals hatten wir zur direkten Verteilung an Arme per Jahr fl. 4000 zur Verfügung und ein oder zwei Jahre später fl. 8000, während heute für dieselbe Rubrik in unserem Budget K 88.000 eingestellt erscheinen. Diese Ziffern mögen Ihnen klarstellen, in welcher Weise unsere Aufgaben gewachsen sind. Meine Herren! Die Armenfrage war damals für diejenigen, die sich damit zu befassen hatten, umso schwieriger, nicht nur weil die Mittel nicht ausreichten — die werden eigentlich nie ausreichen, um der Armut tatkräftig zu steuern — sondern weil die Basis zur Feststellung der Bedürftigkeit und Würdigkeit der Bittsteller nicht vorhanden war. Man ließ damals allerdings mehr das Gemüt wirken, aber ein Armenkataster fehlte, Recherchen bezüglich der Armen nach systematischer Methode wurden nicht vorgenommen, und es ist dem Kultusvorstande zu danken, einen ausgezeichneten, leider seither Heimgegangenen Beamten berufen zu haben, der einen Armenkataster kreiert hat, welcher heute noch als Ausgangspunkt für unsere Verteilungen dient. Eine der ersten Arbeiten der damaligen Armen-Sektion war die Einberufung einer General-Armen-Enquete, in welcher sämtliche Fragen, welche das Armen-Wesen in weitestem Umfange betreffen, beraten werden sollten. — Es wurden viele Fachmänner und Interessenten berufen, und tatsächlich hat der Vorstand sehr wertvolle Anregungen empfangen und hat auch viele derselben in Ausführung gebracht. Ein unmittelbarer Ausfluß dieser Enquete war die Kreierung des „Verbandes zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen", ein Institut, dessen Tätigkeit unser hochgeehrter Herr Präsident in seinen heutigen Ausführungen gestreift hat. Aus dem statistischen Materiale, betreffend diesen Verband, möchte ich nur anführen, daß im abgelaufenen Jahre aus den Mitteln' desselben 700 Wöchnerinnen unterstützt wurden und daß 13 Frauen-Wohltätigkeitsvereine und die Kultusgemeinde s lbst hiezu Beiträge leisten. Mit besonderem Danke und in höchster Anerkennung möge es hier verkündet werden, daß 120 Damen tatkräftig an der Linderung der obwaltender! traurigen Verhältnisse Mitwirken, indem sie sich persönlich in den Samariterdienst des Verbandes stellen. — (Bravo!) Traurig ist es, zu konstatieren, daß nahezu der vierte Teil der jüdischen Wöchnerinnen Wiens vom Verbände unterstützt wird, diese demnach nicht in der Lage sind, die mit dem Wochenbette verbundenen Kosten aus eigenen Mitteln zu bestreiten. Gestatten Sie niir, hier festzustellen, daß die Organisation dieses Verbandes mir obgelegen war. - Ich gehe nunmehr auf die übrigen Zweige der Wohltätigkeitspflege über und tvill erwähnen, daß seinerzeit in der Wohltätigkeits-Sektion neben der Armenpflege im engeren Sinne die Spitals- und Versorgungshaus-Angelegenheiten vereinigt waren. Da war mir mehrfach Gelegenheit geboten, im Bau- Komitee für die erweiterten Spitalbauten, (nämlich für die chirurgische und gynäkologische Abteilung) günstig mitzuwirken. Später hat sich die Unmöglichkeit ergeben, diese zahlreichen Agenden in einer einzigen Körperschaft konzentriert zu belassen; es wurde daher eine Kommission für die Versorgungs-Anstalt, eine Kommission für das Spital geschaffen und die Behandlung des Armenwesens an die altehrwürdige Armen-Anstalt übertragen, in welchem Zentrum heute die direkte Verteilung von Bargeld und Naturalien liegt und trefflich verwaltet wird. Ich habe es als ineine Pflicht erachtet — und so tun es meine Kollegen — meine Tätigkeit nicht zu sehr zu spezialisieren und ich fühlte mich daher veranlaßt, in organisatorischen und finanziellen Dingen auch mitzuarbeiten, und da gestatte ich mir, zu erwähnen, daß die Einteilung unseres Personales bis vor 8 Jahren nicht geregelt war und daß es mir gelungen ist, nach genauem Studium der einschlägigen Verhältnisse ein Elaborat HU verfassen und Anträge zu stellen, betreffend die Regelung und Systemisierung des Personales zu dem Zwecke, um den Beamten ein regelmäßiges Avancement zu sichern und ihre Gehalte und zugehörigen Emolumente in richtige Bahnen zu führen. — Und heute noch wird auf Grund dieses Elaborats vorgegangen. Noch eine Arbeit ist es, auf welche ich mit Befriedigung zurückblicke: Es ist dies das Kontierungs-Schema für das Budget, welches sämtliche Einnahmen und Ausgaben, sowohl die eigenen wie jene der Fonde planmäßig präzisiert, so daß durch dasselbe die Beurteilung des Budgets ermöglicht wird. Es sind mir dabei die analogen Arbeiten von Staat und Kommune Wien, also ausgezeichnete Muster vorbildlich gewesen und wird heute auf dieser Grundlage bei uns gearbeitet. Und nun, meine Herren, komme ich zum Schluffe: Seit zwei Jahren ist mir die Leitung der Kommission für Friedhof- und Beerdigungswesen übertragen, die ich aus den Händen meines Vorgängers, meines lieben Freundes Stiaßny, übernommen habe. Auch hier waren viele Neuerungen einzusühren. Ich habe das Transportwesen für die Leichenkondukte, die Blumen-Ausschmückungen der Gräber am Zentralfriedhofe, die schärfere Kontrolle des Nachtdienstes auf dem Friedhofe und noch andere Arbeiten in Angriff genommen. Durch die freundliche und eifrige Mitwirkung der Kollegen sind schon viele Dinge verbessert worden; wenn auch nicht alle Uebelstände in vollem Umfange behoben sind, so wird doch niemand, der gerecht urteilt, eine eingetretene Besserung vermissen. Meine hochgeehrten Herren! Wenn Sie geneigt sind, meinen Ausführungen geneigte Zustimmung zu schenken, so gestehe ich, daß ich mich kräftig genug fühle, ein neues Mandat in unserer Gemeinde zu übernehmen. Ich will keine Versprechungen machen, in meinen Jahren ändert man sich nicht mehr; ich will aber in jenem Geiste, in welchem ich bisher zu arbeiten gewohnt war, und zur Erzielung jener hohen Zwecke, die ich mir immer vor Augen gehalten habe, weiter zu wirken mich bestreben, auf Grund meiner Erfahrungen nach bestem Willen und nach bestem Können, in unverbrüchlicher Treue im