Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 47 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021595--14057-3038744- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 758 Dr. Blocb’s THUocbenscbvitt. Nr. 47 Kartschmaroff die herrlichen Werke unserer Klassiker. Oratorien von Bach, Händel, Haydn und Mendelssohn wurden in vollendetster Weise zu Gehör gebracht. Wie Katsch m nrosf sang und wie er den kleinen Kreis entzückte und begeisterte, läßt sich nicht schildern und hatte ich selbst gar das Glück, ein Lied oder eine Löwe'sche Ballade begleiten zu dürfen, so war des Jubels kein Ende. Ich hatte in den verflossen.n 35 Jahren Gelegenheit, die größten Sänger zu hören; keiner konnte, was Wärme der Empfindung und vornehme Auffassung anbelangt, unseren Jubilar Herrn Oberkantor Kart s ch m a r o f f in den Schatten stellen. Was ein einziger, künstlerisch veranlagter Mensch für die Gesamtheit zu leisten vermag, hat Herr Oberkantor Kartschmaroff voll und ganz betviesen; seine Gemeinde wird ihm für seine außerordentlichen Berdienste gewiß die höchste Anerkennung zollen. Mir bleibt nur noch übrig, dankbar auch der Gemahlin des Herrn Oberkantors zu gedenken. Diese sich stets bescheiden in den Hintergrund stellende, feinfühlende, weit über das gewöhnliche Maß gebildete Frau wußte ihrem Manne das Heim so angenehm zu machen, daß man bei Kartschmaroff stets die Empfindung hatte, hier lebt eine glückliche, zufriedene Familie. Möge Herr Leon Kartschmaroff noch viele Jahre seinem edlen Berufe erhalten bleiben und sich seines schönen, glücklichen Familienlebens, sowie der allgemeinen Hochschätzung noch lange, lange erfreuen. In unveränderlicher, alter Verehrung Ludmilla W e l i s ch. Prag. (A f i k e - J e h u d a.) Ungewöhnlich groß war das Interesse, das dem Vortrage Seiner Ehrwürden des Herrn Rabbiner Dr. Ziegler aus Karlsbad, den er am 8. d. M. über „Jüdische Ketzer in alten Zeiten" in dem Verein zur Verbreitung jüdischer Wissenschaft hielt, entgegengebracht wurde. Der tiefe Eindruck, den sein im Vorjahre abgehalteuer Vortrag hier zurückgelassen hatte, trug auf diese Weise die schönsten Früchte. So konnte denn auch der große Saal des Hotel Bristol die Zahl der erschienenen Gäste gar nicht fassen und viele mußten wieder umkehren. Nach den die Vortragssaison eröffnenden Begrüßungsworten des Vereinsobmannes Dr. Deutsch und seinem dem jüngst verstorbenen Ehremnitglied des Vereines, Herrn Schriftsteller S. Kohn gewidmeten Nachruf ergriff der Vortragende das Wort und führte in einem einstündigen Vortrage in packender Weise den gewaltigen Kulturkampf uns vor, der zwischen der jüdischen und der griechischen, namentlich der späteren epikuräischen Weltanschauung in den letzten zwei Jahrhunderten v. Ehr. ausgefochten wurde und aus welchem allmälig die Sekte der M i m i n hervorgegangen ist. Es waren dies Juden, welche sich ganz und gar der heiteren Lebensanschanung der Griechen anschlossen und dann durch Spottsucht und lockere Lebensführung ihre gläubigen, frommen Stammesgenossen kränkten. Ihre Anfänger waren zahlreich und die Gefahr für den Bestand der naiven Gläubigkeit sehr groß. In dieser Erkenntnis wurde von den ftommen Eiferern mit schonungsloser Heftigkeit gegen das Hinübergreifen griechischer Lehrbegriffe in das Judentum gekämpft, wie dies aus manchen späteren Psalmen nachzuweiscn ist, die Verwünschungen gegen die gottlosen Verführer enthalten. Die Wahrung der Gesetzlichkeit machte auch viele Neuordnungen nötig, die einerseits im täglichen Gebete ihren Niederschlag fanden, andererseits den Verkehr mit den Sektierern betrafen. Der mit großer rhetorischer Kunst gehaltene Vortrag erntete allseits stürmischen Beifall. Für die Saison sind vorläufig nachfolgende Herren mit Vorträgen vorgcmerkt: Dr. N. Grün, Prag; Rabbiner Dr. Guttmann, Breslau; Rabbiner Dr. A. Kaminka, Wien; Dr. I. Pollak, Prag; Rabbiner Dr. Werner, München; Rabbiner Dr. Bamberger, Hanau. Lemberg. In der Nachtsitznng des Landtages verlas Abg. Dr. Löwenstein in der Spezialdebatte über den Budgettitel „Unterricht" eine Erklärung der jüdischen Landtagsabgeordneten mit dem Ausdrucke des Dankes für die den Juden in dem jüngst beschlossenen Gesetz zugestandene Berufung eines Vertreters ihres Glaubens in den galizischen Landesschulrat, durch welche die der Judenschaft staatsgrundgesetzlich zugesicherten Rechte verwirklicht erscheinen und der jüdischen Bevölkerung ein neues Gebiet der Mitarbeit für das Wohl des Landes eröffnet werde. Die vom Episkopat geäußerten Bedenken hinsichtlich der Gefahren des betreffenden Gesetzes über die neue Organisation des Landesschulrates seien, wenn sie etwa durch die Berufung eines Repräsentanten der Judenschaft hervorgerufen würden, unbegründet, da es den Juden, bezw. ihren Vertretern, ganz ferne liege, sich in die Angelegenheiten anderer Religionsgenossenschaften einzumengen. Berichterstatter Abgeordneter Dr. Kozlowski verwies sodann mit Befriedigung auf den maßvollen Ton der jüdischen Landtagsabgeordneten und betonte, daß die Deklaration der Bischöfe den Andersgläubigen keinen Anlaß zu Befürchtungen habe geben können, da diese Deklaration sich nur dagegen verwahrte, daß die anderen Konfessionen in den Wirkungskreis der katholischen Kirche eindringen, im Uebrigen aber das Gebiet der Glaubensfreiheit gar nicht tangiert hätte. Willy Bambus. Berliner Blätter melden: In der Nacht zum 4. d. M. verschied nach langem schweren Leiden der vielseitig begabte und in weiten Kreisen als ausgezeichneter Mensch und Jude bekannte Herr William Bambus im Alter von 42 Jahren. Ursprünglich dem Kaufmannsstande angehörend, widmete er sich seit zwanzig Jahren ausschließlich jüdischen Angelegenheiten. Der anfangs der Achtziger-Jahre des vorigen Jahrhunderts zur Förderung der Kolonisation Palästinas begründete Verein Esra fand einige Jahre darauf in dem Verblichenen den geeigneten Mann, der es verstanden hat, feinen humanitären Zwecken viele tausende von Gönnern und Anhängern 31t verschaffen. Im Verein mit einigen Freunden gab er von 1886 bis Ende 1888 die Monatsschrift Serubabel heraus, die, mit großem Geschicke geleitet, unerschrocken für die jüdisch-nationale Idee eintrat. Nach der Begründung des Vereines zur Abwehr antisemitischer Angriffe übernahm er dessen Sekretariat und setzte seine ganze Kraft ein, um den Endzielen dieses Vereines zum Siege zu verhelfen. Es fei nur daran erinnert, daß er an der Bearbeitung jener Reihe von grundlegenden Schriften des Abwehr-Komitees „Die Juden als Soldaten", „Die Kriminalität der Juden" rc. rc. verdienstlich mitgearbeitet hat. Seine Liebe zu Zion brachte ihn mit den großen Vereinen in Paris und London zusammen und führte ihn wiederholt ins heilige Land, von dessen Kolonien einige seinem organisatorischen Talent ihr Entstehen und Bestehen zu verdanken haben. Die Besiedelung des Landes unserer Väter durch Juden, feine Renaissance, sein ökonomisches Wiedererstarken durch die Seßhaftmachung einer möglichst großen Anzahl von Glaubensgenossen — das war das Ideal seines Lebens, für das er in Wort und Schrift mit allen geistigen und materiellen Mitteln, über die er gebot, als feuriger Vorkämpfer unermüdlich eintrat. Mit nicht minderem Geschick trat er für den Handel in Palästina ein. Die Erschließung des europäischen Marktes für den Palästinawein war ausschließlich sein Werk. Sein Interesse erstreckte sich auf alle Bestrebungen, die in den letzten Jahren, um das Judentum nach Innen und Außen zu heben, sich geltend machten. So war er Mitbegründer des hiesigen Vereins für jüdische Geschichte und Literatur, des Verbandes dieser Vereine und fand trotz der großen Arbeitslast, die auf ihm ruhte, noch Zeit und Muße, sich literarisch zu beschäftigen, und so oft das Ersuchen an ihn gestellt wurde, in hiesigen und auswärtigen Vereinen Vorträge zu halten. Das letzte große Werk, das vorzüglich dmch seine Mitwirkung zustande kam, ist der „Hilfsverein der deutschen Juden". Die vielseitige und segensreiche Tätigkeit dieses Mannes erschöpfend zu würdigen, müssen wir uns für heute versagen. Willy Bambus hätte dieser Riesensumme von Pflichten, deren jede eine ganze Manneskraft forderte, unmöglich zu bewältigen vermocht, wäre er nicht ein gottbegnadetes Arbeitsgenie von erstaunlicher geistiger Versabilit'it gewesen. Hierdurch war er imstande, nicht nur eine achtzehnstündige Tagesarbeit zu leisten, sondern in jäher Aufeinanderfolge den verschie >enstgearteten Obliegenheiten sich zu lvidmen und in Minuten ein