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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-11-18 · 47 (18.11.1904) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
47 (18.11.1904)
Date
1904-11-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 764 L>r. Dtocb's Mlocbenscbrtkr. Sir. 47 von ihrem Stammvater heißt: Seine Hände werden nach Allem langen"; die Edomiten wiederum sahen ihre ganze Existenz durch das Gebot: „Du sollst nicht töten"! bedroht, weil ihrem Stammvater Esau verkündet wurde: „Du wirst von Deinem Schwerte leben"; den Moabitern wiederum erschien das Gebot: „Du sollst nicht unzüchtig sein!" als ein ihrem Stamme angetaner nationaler Schimpf, weil ihr Stammvater ein Kind der Blutschande gewesen ist. Alle drei riefen daher: Wir mögen die Thora nicht! Israel hingegen, an welches Gott jetzt sich wandte, rief, bevor es noch den Inhalt der Thora kannte: „Alles, was Gott gebieten wird, werden wir tun!" Zu dieser agadischen Erzählung bemerkt nun Menachem Rekanati, der außer halachischen Schriften auch einen kabbalistischen Kommentar zum Pentateuch verfaßt hat, daß es wohl nicht denkbar sei, daß unter den Millionen Heiden sich nicht einzelne, bessere Leute von edler und sittlicher Denkungsart gefunden hätten, die bereit gewesen wären, die Thora anzunehmen; nur die Furcht vor den Anderen, welche die weit überwiegende Mehrzahl bildeten, habe sie davon abgehalten, ihre Bereitwilligkeit kundzugeben; ebenso aber habe es auch im Volke Israel einzelne schlechte, frevelhafte Leute gegeben — es fehlte ja nicht' an Dathan und Abirams — die, trotz des einstimmigen Rufes, in ihrem innersten Herzen mit der Annahme der Thora nicht zufrieden waren, aber auch sie habe Furcht vor der Mehrheit von der Kundgebung ihrer innersten bösen Gedanken abgehalten; die Nachkommen jener besseren heidnischen Männer, welche in ihrem Innersten schon damals das Gesetz annahmen, sind es nun, meint er, die im Laufe der Zeiten zum Judentume übergetreten sind; die Apostaten hingegen, die vom Judentume abfielen, sind wieder Nachkommen jener verderbten Israeliten, die schon bei der Offenbarung des Gesetzes dieses im innersten Herzen verworfen und es nur widerwillig aus Furcht angenommen haben. Nach dieser jedenfalls iriginellen Ansicht über die Deszendenz der Apostaten und Proselyten sind es vorzüglich die moralischen und geistigen Qualitäten der Eltern, die aus die Kinder übergehen, und oft kommt erst bei den spätesten Enkeln das zum Durchbruche, was sich einst in der Seele und im Geiste der Ahnen als Wunsch und Gedanke geregt hat. Die geistigen und moralischen Qualitäten sind es auch hauptsächlich, die einen Unterschied zwischen Mensch und Mensch begründen und das Substrat zu einer Einteilung der Menschen in höhere und niedrigere Klassen abgeben dürfen. Somatische Verschiedenheiten, wie Hautfarbe, Körperbildung, Gesichtsausdruck u. s. w. können hiefür nicht maßgebend sein. Diese Theorie ist ganz im Sinne und Geiste der Bibel, welche die Einheit des Menschengeschlechtes lehrt und nur einen Unterschied zwischen guten und schlechten, gerechten und gewalttätigen, sittlichen und lasterhaften, gottesfürchtigen und gottlosen Menschen und Völkern kennt. Wenn wir von der Erwähnung von Riesen in der Bibel absehen, so finden wir in dem ganzen heiligen Buche keinen Hinweis auf die äußeren körperlichen Verschiedenheiten der Menschen und Völker. Von der eigenartigen Haut- oder Haarfarbe/ Gesichts¬ und Körperbildung dieses oder jenes Volkes wird nirgends gesprochen. Bloß der Prophet Jeremia ruft einmal in einem Gleichnisse emphatisch aus: Kann der Aethiopier seine Hautfarbe ändern?! und der Prophet Ezechiel hebt einmal eine eigenartige somatische Beschaffenheit der Egypter hervor, ohne deswegen diese andern Völkern nachzusetzen. Wie die Bibel, unterscheidet auch der Talmud die Menschen und Völker nicht nach ihren äußern somatischen Verschiedenheiten, sondern nach ihren moralischen und geistigen Eigenschaften, die von den ersteren ganz unabhängig sind. Er behauptet sogar, daß sett der Zeit, wo der assyrische König Sancherib alle damaligen Völker in Kriegen und Eroberungszügen untereinander gewürfelt hat, die Abstammung keines Volkes mehr zweifellos feststeht. Auf Grund dieser Behauptung wollten talmudische Gesetzeslehrer sogar erlauben, Ehen mit Angehörigen solcher Völker einzugehen, mit welchen das nach mosaischem Gesetze unstatthaft ist, weil man, sagen sie, von niemanden mehr mit Gewißheit sagen könne, daß er ein Abkömmling dieses oder jenes Volkes sei. Auch für die Kennzeichnung jüdischer Abstammung macht der Talmud keine äußeren angeborenen Unterscheidungszeichen geltend, sondern moralische Eigenschaften. „Die Angehörigkeit zum jüdischen Volke, sagt er, ist durch drei Merkmale festzustellen: durch Barmherzigkeit, Schamhaftigkeit und Menschenfreundlichkeit"; und an einem anderen Orte: „Wer Mitleid und Erbarmen gegen die Geschöpfe Gottes bekundet, dessen Abstammung von Abraham steht außer allem Zweifel". Nichtsdestoweniger wurde gerade von den Juden der talmudischen Zeit beim Eingehen von Ehen gar viel auf eine reine, lautere Abstammung innerhalb der eigenen Volksgemeinschaft gesehen. Besonders rigoros waren in dieser Beziehung die babylonischen Juden, die ihre Abstammung für ganz frei von jeder fremden Beimischung hielten. Viele von diesen trieben die Sache auf die Spitze und gingen so weit, daß sie sich nicht einmal mit hervorragenden palästinensischen Familien verschwägern wollten. Ein Gesetzeslehrer aus Palästina, der nach Babylon kam, rief einmal einem solchen fanatischen Abstammungspuristen zu: Wissen wir denn sicher, ob wir nicht von jenen abstammen, auf welche sich die Klage des Propheten bezieht: Weiber schändete man in Zion und Jungfrauen in den Städten Judas! oder ob wir nicht gar Abkömmlinge jener entarteten Familie im Zehnstämmereiche sind, bei denen der Ehebruch als Zeichen der Vornehmheit galt?! R. Sei'ra, ein Babylonier, der nach Palästina gekommen war, um die Lehrvorträge des R. Jochanan zu hören, weigerte sich, die Tochter seines hochangesehenen Lehrers zur Frau zu nehmen, weil er in die reine Abstammung der höchsten talmudischen Autorität in Palästina Zweifel setzte. R. Jochanan fühlte sich gekränkt und sprach zu ihm: Unsere Lehre und Gesetzeskunde ist Dir koscher, d. h. rein und lauter genug, unsere Töchter aber sind Dir nicht koscher genug (Auraisin kscherin bansin lukscherin). An diesen berechtigten Vorwurf R. Jochanan's erinnere ich mich unwillkürlich jedesmal, wenn auch solche Antisemiten auf die Juden schmähen und schimpfen, dem jüdischen Stamme alle guten Eigenschaften absprechen und ihn als unedel und unrein hinstellen, die für fromme, gläubige Christen gehalten werden wollen und als solche doch zugeben müssen, daß die Evangelien echt und wahr sind, daß ferner nach deren Berichten das Christentum aus dem Judentum hervorgegangen, daß das Neue Testament das Alte zur Grundlage hat, daß die Apostel und ersten christlichen Heiligen dem jüdischen Stamme entsprossen. Könnte man nicht auch diesen mit Recht zurufen: Unsere Lehre ist Euch koscher genug, die habet Ihr angenommen, wir selbst aber, unser Stamm ist es nicht, diesen schmäht Ihr, erklärt Ihr für unedel und unrein, kennet Ihr denn nicht den Ausspruch Hiobs: Wer schafft Reines aus Unreinem? Nicht Eines! Und die Apostaten und Ueberläufer, die Euch so willkommen sind und die Ihr oft auf den Schild hebet, und in hervorragende Stellungen bringet: wer macht denn die rein, wenn die Juden etwas Unreines sind? Wir selbst aber können uns über den Verlust, deu wir durch Apostasie erleiden, mit der Erklärung des Menachem Rekanati trösten, daß die Apostaten Abkömmlinge jener Israeliten sind, die schon am Sinai den Keim zur Apostasie im Herzen trugen, also nie wahre und echte Israeliten gewesen sind. Korrespondenzen. Aus der Plenarsitzung des Knltusvorstandes vom 13. November 1904 unter dem Vorsitze des Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern. Beginn der Sitzung 1v Uhr Vormittags Vor Uebergang zur Tagesordnung hält Präsident Doktor Stern dem dahingeschiedenen Obmanne der Bezirkskommission VI und VII, Vorsteher der Chewra Kadischa, Mitglied des Bethausvorstandes Herrn Adolf R o s e n b a u m einen ehrenden Nachruf, in welchem er der gemeinnützigen Tätigkeit des Verstorbenen gedenkt.

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