Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 47 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 47 Dr Wlocds- Mocvenscbrttr. Seite 753 Wordenen Söhne waren. Um nicht bis auf die Hellenisten der Makkabäerzeit zurückzugreifen, erinnere ich hier nur kurz an Nikolaus Donin, mit dem der Tosfaafist R. Jechiel aus Paris disputieren mußte und auf dessen Anklagen hin der Talmud 1244 in Paris verbrannt worden ist: an den Konvertiten Pablo Christiani, mit dem der berühmte Nachmanides 1263 in Barcelona im Beisein' des Königs eine religiöse Disputation abhalten mußte, infolge welcher Nachmanides sich später genötigt sah, im hohen Alter sein Vaterland zu verlassen und nach Palästina auszuwandern; an den talmudgelehrten und philosophisch gebildeten Abner aus Burgvs, der als Konvertit den Namen Alfonso Burgensis de Valladolid führte und ein kirchliches Amt in letzterer Stadt bekleidete. Der Sakristan von Valladolid verfaßte viele judenfeindliche aufreizende Schriften, und kann als Urheber der von dieser Zeit an schnell aufeinander folgenden Judenverfolgungen aus der schönen pyrenäischen Halbinsel, die nach zweihundert Jahren (1492) zur Vertreibung der Juden aus ihrer Heimat führten, betrachtet werden. Womöglich noch feindlicher als Abner-Alfonso trat ein Jahrhundert später der frühere Rabbiner Salomon Levy und spätere Konvertit Paulus de Santa Maria, Bischof von Kartagena und Geheimrat des Königs, gegen seine srüheren Glaubensgenossen aus. Dessen Schüler und Freund Josua Lorqui, der anfangs gegen ihn schrieb, fiel später selbst von der väterlichen Religion, die er verteidigt hatte, ab, erhielt den Namen Geronimo de Santa Fö und erhob als solcher Anklagen gegen das von ihm als Josua Lorqui verteidigte Judentum, infolge welcher die über ein Jahrdauernde (von Februar 1413 bis November 1414) vor Papst und König geführte Disputation von Tortosa stattgesunden hat. Von den jüdischen Apostaten in Deutschland sei nur Josef—Johannes Pfefferkorn (stammte aus Mähren) erwähnt, weil er der Urheber des literarischen Kampfes war, der viele Jahre hindurch zwischen den Dominikanern von Köln und dem Humanisten Reuchlin wegen des Talmud geführt worden ist und die ganze damalige wissenschaftliche Welt in Bewegung gesetzt hatte. Dieser Kampf endigte zu gunsten Reuchlin's und des von ihm verteidigten Talmud, dessen vollständige Drucklegung damals (1520) zum erstenmale, und zwar in der berühmten Buchdruckerei des Daniel Bömberg aus Antwerpen (ein Christ) mit Bewilligung und Befürwortung des Papstes Leo X. erfolgte. Ob nun die Häuser Wagner und Schönerer zum Teile im Hause Juda wurzeln und aus diesem hervorgewachsen Mld die in den Blättern aufgestellten Behauptungen wahr find oder nicht, möge dahingestellt bleiben; es genügt, daß solche Behauptungen ausgestellt werden können und Glauben finden. Analogien dazu bietet uns die jüdische Geschichte und Sage in großer Fülle. Ein Unterschied besteht nur darin, daß diese mehrere der frömmsten, gelehrtesten und bedeutendsten Männer des Judentums von den bekanntesten und größten geschichtlichen Judenfeinden abstammen lassen. So macht die talmudische Sage Schemaja und Abtaljon, die Häupter des Synhedriums zur Zeit des Bruderkrieges zwischen Hyrkon und Aristobul, zu Abkömmlingen von dem assyrischen Könige Sancherib, dessen Vater Salmanassar das Reich Israel zerstört hatte und der selbst das Reich Juda und Jerusalem mit dem Untergange bedrohte. Akylas, den berühmten Uebersetzer der Bibel ins Griechische, der wirklich ein Proselyte war und aus Pontus stammte, macht der Midrasch zu einem Schwestersohne des Kaisers Hadrian, der dem von Titus zerstörten Jerusalem sogar seinen alten heiligen Namen nahm und ihn in Aelia Kapitolina verwandelte und in der Folgezeit wegen seiner blutigen Verfolgungen als Typus eines grausamen Judenhassers galt. Auch dem großen R. Akiba, dem echtesten Nationaljuden, der am Bar-Kochba-Ausstande beteiligt war und unter dem vorhin genannten Kaiser den Märtyrertod starb, gibt die Sage einen heidnischen Ahnherrn, nämlich Sißera, den kananitischen Feldherrn von Chazar zur Zeit der Richterin Deborah. Bekanntlich schließt diese Richterin und Dichterin ihr herrliches Siegeslied mit den Worten: „So (wie Sißera) mögen alle deine Feinde, o Herr, untergehen!" Den Schüler R. Akibas und Erben seines großen Scharfsinnes und seiner Dialektikkunst, R. Me'ir, von dessen scharfen Verstand und haarspaltenden Geist man sich später Wunder erzählte, läßt die talmudische Sage von keinem Geringeren als vom Kaiser Nero, den sie zum Proselyten macht (im Orient wurde das damals allgemein geglaubt) abstammen. Trotz des kaiserlichrömischen Blutes, das in R. Mekr's Adern floß, war er so arm, daß er sich seinen Lebensunterhalt vom Abschreiben von Thorarollen verschaffen mußte. Selbst der alte Erzschelm und Erzfeind der Juden, Haman, wird von der Sage nicht vergessen. Abkömmlinge von ihm haben in den Lehrhüusern von Bene-Berak Talmudvorträge gehalten: In welchem Verhältnisse in allen dieser Sagen Wahrheit und Dichtung untereinander gemischt sind, läßt sich jetzt nicht mehr bestimmen. Daran ist aber auch nichts gelegen. Denn jedenfalls sehen wir, daß geradeso wie man jetzt die ärgsten Antisemiten von Juden abstammen läßt, man in früherer Zeit wiederum die größten und durchlauchtigsten Judenfeinde zu Ahnherrn der frommsten, gelehrtesten und berühmtesten Juden gemacht hat. Durch beides erhält die Rassentheorie einen argen Stoß. Man denke nur: auf der einen Seite die Gesetzeslehrer R. Akiba und R. Me'i'r, beide von fürstlicher, heidnischer Abstammung — letzterer sogar von kaiserlich-römischer: auf der andern Seite die beiden Antisemitenheroen Wagner und Schönerer von dunkler semitischer Abkunft! Wer wollte und könnte nach solcher Zusammenstellung noch mit Sicherheit behaupten, woher er stamme, wer seine Ahnen gewesen seien, ob sie an den Ufern des Jordan und des Euphrat oder an jenen der Donau und Elbe gewandelt, ob sie einst ans den sonnigen Gefilden Kanaans friedlich ihre Herden geweidet und den Pflug geführt oder in den nebeligen Urwäldern Germaniens Bären gejagt und Met getrunken haben?! Sollte aber auch obige Zusammenstellung nicht ganz auf historischer Wahrheit beruhen,' so bleibt immerhin die unleugbare Tatsache bestehen, daß einerseits eine große Zahl von Inden nicht von semitischer Abstammung ist, da nicht bloß zahlreiche einzelne Uebertritte zum Jndentume im Lause der Zeiten stattgefunden haben, sondern auch ganze heidnische Völkerschaften, wie die Chazaren, Juden geworden sind und daß andererseits gar vieleJuden von der väterlichen Religion abgesallen, ihr Volk verlassen und andern Völkern sich angeschlossen, unter denen sie sich verloren haben. Noch vor der Entstehung des Christentums und der Zerstörung Jerusalems sind Fälle von Abtrünnigkeit vorgekommen. Ich erinnere nur an Tiberius Alexander, den Sohn des Alebarchen Alexander, des politischen Oberhauptes der egyptischen Juden und Neffen des berühmten alexandrinischen Philosophen Philo. Tiberius Alexander wurde sogar 47 vom Kaiser Klaudius zum römischen Prokurator in Judäa ernannt, was dort nicht wenig zur Verstärkung des Hasses gegen Rom beitrug. Wenn man von den Vorgängen bei und unmittelbar nach Entstehung des Christentums absieht, so kann wohl der Gesetzeslehrer Elischa b. Abuja, später Acher genannt, als erster zur gnvstisch-christlichen Religion übergetretene Jude betrachtet werden (135 n.). Die Nachkommen des Königs Hervdes haben sich zum großen Teile wiederum dem Heidentum zugewandt, dem sie ursprünglich entstammten. Die Nachkommen der Königin Helene von Adiabene hingegen, die zum Jndentume übergetreten, sind Juden geblieben. Für die jedenfalls bemerkenswerte Erscheinung, daß viele von denen, deren Väter am Berge Sinai gestanden, als Gott dort sein Gesetz offenbarte, der väterlichen Religion untreu werden und von diesem Gesetze sich lossagen, andere hingegen, deren Ahnen nicht am Gottesberge gestanden und sich und ihre Nachkommen zur Beobachtung des dort gegebenen Gesetzes nicht verpflichtet haben, freiwillig Bekenner der sinaitischen Lehre werden und das Joch des Gesetzes auf sich nehmen, gibt ein bekannter rabbinisch-kabbalistischer Schriftsteller des vierzehnten Jahrhunderts folgende originelle, psychologisch-kabbalistisch angehauchte Erklärung. Nach einer Erzählung im Talmud und Midrasch hat nämlich Gott, als er Israel seine Lehre aus dem Sinai geben wollte, sich zuerst an die benachbarten Völker, die Jsmaeliten,Edomiten und Mvabiten, gewendet und diesen das Gesetz angeboten. Doch diese weigerten sich, dasselbe anzunehmen, indem sie erklärten, daß dessen Inhalt ihrer Natur und ihrem Charakter widerstrebe. Den Jsmaeliten z. B. paßte nicht das Gebot: „Du sollst nicht stehlen"!, weites