Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 46 (11.11.1904)
- Date
- 1904-11-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seile 742 Dr. Dlocb's 'MocvenscbrM. JtT. 46 Brausende ..Zivio”-9iufe folgten den Worten des Redners, worauf Herr Kultuschef v. Chavrak, sichtlich bewegt, folgendes erwiderte: Geehrte Herren? Ihr Herr Vorsteher hat zu mir nicht so sehr als zum Vertreter der Negierung und als zum scheidenden Chef der Verwaltung dieser Stadt und dieses Komitates gesprochen, als vielmehr wie ein Mensch zum Menschen. Ich finde tatsächlich nicht genügend Worte, um aus die glänzenden Ausführungen Ihres Führers gebührend zu danken. Empfinde ich es doch gerade in diesem Momente, wie schwer und schmerzlich es mir wird, von dieser Stadt zu scheiden, in welcher nicht nur wahrend der 2^jährigen Dauer meines Wirkens als Obergespan, sondern auch während meiner nahezu 1'1-jährigen Beamtentätigkeit mein Verhältnis zu ihren Bürgern auch nicht eine Stunde lang getrübt war, in welcher ich stets von dem Vertrauen und den Sympathien meiner Mitbürger getragen, und in meiner oft schwierigen Amtstätigkeit so willig unterstützt wurde. Mit Genugtuung hebe ich es hervor, daß es gerade die Mitglieder Ihrer Gemeinde waren, die sich, so wie die Juden in Kroatien und Slavonien überhaupt, durch glühenden Patriotismus auszeichneten und auf deren Unterstützung und Mitwirkung ich jederzeit rechnen konnte. Von meiner auf dieses Komitat und diese Stadt beschränkten Amtssphäre an die Spitze des Unterrichtswesens des ganzen Landes tretend, habe ich wohl meine Sorge allen in mein Ressort fallenden Anstalten und Angelegenheiten gleichmäßig zu widmen. Ich verspreche es jedoch, daß ich nicht nur meiner Pflicht gemäß, sondern freudig gerne Ihre Bestrebungen tatkräftigst unterstützen werde und ich bin gewiß, dies umso leichter einst tun zu können, da nach meiner langjährigen Erfahrung von Ihnen nie etwas beansprucht werden wird, was nicht mit dem Gesetze in Einklang zu bringen ist und weil Ihre Bestrebungen dem Fortschritte auf jedem Gebiete und insbesondere auf dem Gebiete des Unterrichtes und der Erziehung gewidmet sind. Und nun lassen Sie mich schließen, wie Ihr Führer begonnen hat. Ich spreche zu Ihnen als Mensch zu Menschen, als Freund zu Freunden: Bewahren Sie mir ein angenehmes Andenken, und wenn ich wieder zu Ihnen komme, so nehmen Sie mich freundlich aus. Unter lebhaften „Zivio"-Rufen drückte der Kultuschef jedem Mitgliede der Deputation die Rechte und verabschiedete sich herzlichst. Breslau. Die Jubiläumsfeierlichkeiten des jüdisch-theologischen Seminars wurden am letzten Sonnabend durch einen Festgottesd wirst in der Seminarsynagoge eröffnet, an dem Seminardozent Dr. Horovitz die Festpredigt hielt. Am Abend vereinigten sich die Festteilnehmer in der Leffingloge zu einem von dem Stiftuugskuratorium veranstalteten Bierabend, der in überaus gemütlicher Weise die Alten Herren mit den jungen Semestern vereinigte. Kurator Stadlrat Milch begrüßte aufs wärmste die Gäste, die aus allen Gauen Deutschlands und seiner Nachbarländer sich eingcfunden hatten. Sonntag vormittag 11 Uhr fand in der Leffingloge die Jubiläumsfeier statt. Nach Einleitung der Feier durch den Chor hielt Kurator Stadtrat Milch die Begrüßungsansprache und gab einen kurzen Ueberblick über die Geschichte der Fränikl'schen Stiftungen, insbesondere über die Gründung des Seminars. Er schloß mit einem begeistert aufgenommenen Kaiserhoch. Die sich anschließende Festrede des Seminar-Rabbiners Dr. Lcwy behandelte das Thema: „Die Entwicklung des talmudischen Lehrhauses". Darauf folgten die Beglückwünschungen der Vertreter des Magistrats der Stadt Breslau, der Gemeindebehörden, der sonstigen Korporationen und anderer jüdisch-theologischer Lehranstalten. Es sprachen: Bürgermeister Mühl im Namen des Magistrats der Stadt Breslau; ihm dankte Kurator Milch. Im Namen der Synagogengemeinde Breslau, die dem Seminar eine Stiftung von 2000 Mark überwies, gratulierte Stadtrat Pringsheim. Für den deutschen Rabbinerverband sprach Rabbiner Dr. Guttmann- Breslau, im Austrage der kgl. isr.-württembergischen Oberkirchenbehörde Kirchenrat Dr. Kroner, im Aufträge des großherzoglich-badischen Oberrates der Israeliten Dr. Steckelmacher, für das Breslauer Rabbinat Dr. Rosenthal, als Vertreter des deutsch-israelitischen Gemeindebundes und zugleich im Aufträge der Gesellschaft für Förderung der Wissenschaft des Judentums Professor Dr. Philippsohn-Berlin, als Delegierter der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin Dozent Dr. Elbogen, als Delegierter des Jewish theol. Seminary in New-Iork Professor Dr. Drachmann, für die noch lebenden, bei Gründung des Seminars eingetretenen Hörer Oberrabbiner Dr. Güdemann- Wien, für die Alliance israslite universelle und zugleich für die Gemeinde Köln Dr. Frank, für die Gemeinde Posen Dr. Bloch, für Stettin Dr. Vogelstein, für Lemberg Dr. Karo, für Dresden Dr. Winter, für die Chewra-Kadischa-Breslau Herr Eduard Sachs, als Vertreter der jüdischen Lehrerschaft Schlesiens und Poseus und im Aufträge des Hilfsvereines deutscher Juden Prof. Dr. Badt-Breslau und als Vertreter der derzeitigen Hörerschaft Dr. Wilde. Die Redner waren fast ausschließlich ehemalige Hörer des Seminars. Um halb 3 Uhr schloß die würdige Feier. Das Festbankett in der Leffingloge begann um 5 Uhr und wurde von Kurator Stadtrat Marck durch einen Kaisertoast eröffnet. Kurator Dr. Freund begrüßte die Gäste. Alsdann folgten die Toaste von Professor Dr. Kisch-Prag, Dozent Dr. Braun, Oberrabbiner Dr. Güdemann-Wien, Kurator Stadtrat Milch, Kirchenrat Dr. Kroner-Stuttgart, Rabbiner Dr. Guttmann-Breslau, Religionslehrer Dr. Klueger, Prof. Dr. Bacher- Budapest, Dr. Behrens-Breslau, Dr. Frank-Köln, Dr. Münz- Gleiwitz, Dr. Zuckermandel-Breslau und Seminarrabbiner Dr. Levy. Die Reihe der Festlichkeiten beschloß ein von der jetzigen Herrschaft am folgenden Abend veranstalteter Festkommers. Berlin. (Hilfsverein derdeutschenJuden.) Bekanntlich hat der Hilfsverein der deutschen Juden mit der Durchführung der von ihm vorgeschlagenen Organisation der jüdischen Auswanderung aus Osteuropa auf deutschem Gebiete bereits begonnen. Zu den in Ostpreußen bestehenden Schutzkomitees des Hilssvereines für durchreisende russische Juden, welche eine überaus rege und segensvolle Tätigkeit entfalten, sind in den letzten Tagen neue Komitees dieser Art hinzugekommen. Um die gegenwärtige Lage auch an der Grenze in den Provinzen Westpreußen und Posen kennen zu lernen, sandte der Hilfsverein der deutschen Juden den Sekretär Herrn A. Meyerowitz dorthin und es wurden in vergangener Woche auch in den Städten Thorn, Gollub und Jnowrazlaw Schutzkomitees für durchreisende russische Juden gebildet. Diese Schutzkomitees, welche gleichzeitig als Lokalkomitees für den Hilfsverein der deutschen Juden zu Propagandazwecken sich konstituierten, sind seit einigen Tagen bereits in Aktion getreten. Eine große Anzahl von auswandernden Glaubensgenossen sind durch diese Komitees befördert worden. Die Vorsitzenden dieser Schutzkomitees sind: In Thorn Herr D. Wolff, in Gollub Herr Apotheker A. Riesenfeld, in Jnowrazlaw Herr Leo Davidsohn. In letztgenannter Gemeinde fand auch eine öffentliche Propagandaversammlung für den Hilssverein unter dem Vorsitze des Herr Stadtrates Salomonsohn statt. Nach einem Referat des Herrn Meyerowitz über Ziele und Bestrebungen des Hilfsvereins wurde die Begründung eines Lokalkomitees für denselben einstimmig beschlossen. Es trat auch eine große Anzahl von Herren dem Hilssverein als Mitglieder sofort bei. Auch in anderen Gemeinden Westpreußens und Posens ist das Interesse für den Hilfsverein ein sehr reges. So finden unter Anderem am 30. November in Bromberg, am 1. Dezember in Posen öffentliche Propagandaversammlungen für den Hilfsverein statt. In diesen Versammlungen werden voraussichtlich die beiden ersten Präsidenten des Hilfsvereines der Deutschen Juden, die Herren James Simon und Dr. Paul Nathan, als Redner fungieren. Die Jude« in Sibirien, so lautete das Thema, welches Herr Privatdozent Dr. Georg Huth am 11. Oktober im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" (Königsberg) in mehr als einstündigem Vortrage im Artus- Hof behandelte. Der Vortragende, der zu Studienzwecken Sibirien längere Zeit hindurch bereist und dort bei den Behörden und Einwohnern bereitwilligstes Entgegenkommen gefunden hat, erörterte in seinen einleitenden Ausführungen zunächst die Frage,