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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-11-11 · 46 (11.11.1904) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
46 (11.11.1904)
Date
1904-11-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 46 Dr. Blocb s MocbenscdrM. Sette 741 Scharf war nicht bloß ein geistreicher hochbegabter Journalist, sondern auch ein klarer Kopf und ein vorausschauender Politiker. Er hat den Zusammenbruch der liberalen Parteiwirtschaft in Oesterreich vorausgesehen und sich eifrig bemüht, der Demokratie die Erbschaft zu sichern. Er erkannte, daß dies nur im Wege einer Zusammenfassung der demokratischen Elemente aller Nationalitäten möglich sei, wenn ein aufrichtiger Ausgleich den nationalen Hader vorerst geschlichtet hat. Er unterstützte deswegen die politischen Pläne Adolf Fischhof's aufs eifrigste. Das Scheitern dieser Pläne brachte über Oesterreich die verhängnisvolle Schandwirtschaft der antisemitischen Reaktion. Scharf war auch Generalrepräsentant der North British and Mercantile Insurance Company in London und einer der Besitzer der elektrischen Glühlampenfabrik Watt, Scharf u. Comp. Scharf hinterläßt drei Söhne und zwei Töchter, von denen die eine mit Primararzt Dr. Latzko, die andere mit dessen Bruder Rudolf verheiratet ist. Das Leichenbegängnis fand Montag den 7. d. um 10 Uhr vormittags vom Trauerhause aus, unter zahlreicher Beteiligung nach dem Zentralsriedhof (israelitische Abteilung) statt. Prag. (S a l o m o n K o h n.) In seinem achtzigsten Lebensjahre — er war am 8. März 1825 zu Prag geboren — ist Sonntag hier der bekannte Schriftsteller S. Kohn gestorben. Ein Erzähler von großer Kraft des Spanuens und Fabulierens, hat er fast ausschließlich jüdische Geschichten geschrieben oderjüdische Helden in ein deutsches Milieu gestellt. Daher erklärt sich die Verbreitung seiner Schriften, von denen seine erste und erfolgreichste, der „Gabriel", in nahezu alle Kultursprachen übersetzt worden ist. S. Kohn war ursprünglich Kaufmann und gerade sein erstes Werk, das ihn überaus bekannt machte, war eine Gelegenheitsarbeit, entstanden aus der Beschäftigung mit religiösen Büchern, zu der ihn seine Orthodoxie hinzog. Als er in der wirtschaftlichen Katastrophe des 73er Jahres sein Vermögen verlor, wandte er sich, obzwar schon fünfzig Jahre alt, der Schriftstellerei zu, für die er seine entschiedene Begabung schon bewährt hatte. Zunächst bearbeitete er seinen „Gabriel" neu zu einer zweibändigen Ausgabe, dann schrieb er in rascher Folge die Romane und Erzählungen, die in angesehenen deutschen Verlägen erschienen sind: „Ein Spiegel der Gegenwart", „Die Starken", >,Die silberne Hochzeit", „Prager Ghettobilder", „Neue Ghettobilder", „Des Stadtschreibers Gast", „Gerettete Ehre", „Ein deutscher Minister", „Der alte Grenadier", „Die fidelen Alten", „Der Lebensretter", „Fürstengunst", „Ein deutscher Handelsherr", „Alte und neue Erzählungen aus dem böhmischen Ghetto", „David Speier", „Judith Löhrach". lieber die Ursache seines Todes wird uns mitgeteilt, daß der Verstorbene vor etwa acht Tagen in seiner Wohnung von Schwindel erfaßt wurde, auf eine Tischkante aufschlug und sich dadurch eine Rippe brach. Diese Verletzung zog eine Lungenentzündung nach sich, die bei dem hohen Alter des Erkrankten einen tödlichen Verlauf nahm. Kohn war viele Jahre Mitglied der israelitischen Kultusgemeinderepräsentanz. Die Repräsentanz der israelitischen Kultusgemeinde in Prag veröffentlicht folgende Parte: „Die israelitische Kultusgcmeinde-Repräsentanz erfüllt mit tiefster Betrübnis die traurige Pflicht, von dem am 6. November im 80. Lebensjahre erfolgten Ableben ihres an Lebens- und Dienstjahren ältesten verdienstvollen Mitgliedes, des Herrn Salomon Kohn. Schriftstellers, Mitgliedes des Vorstandes der Babette von Lämelschen Versorgungsanstalt und vieler wohltätigen Vereine rc. re. die zahlreichen Freunde und Verehrer des Verewigten zu benachrichtigen. Der Verblichene hat nicht nur durch mehr als ein Lebensalter seine hervorragende Geisteskraft unserer Gemeinde mit unerschöpflicher Opferwilligkeit gewidmet, sondern auch durch seine von glühender Begeisterung für unseren heiligen Glauben und für Humanität beseelten Schriften in den Annalen des Judentums sich ein unvergängliches Denkmal gestiftet. Das Leichenbegängnis findet am Dienstag den 8. November 3 Uhr nachmittags vom israelitischen Badhofe aus, und statt der im Sinne des Dahingegangenen wegen des Neumondfestes entfallenden Trauerrede eine besondere Gedächtnisfeier am Sonntag den 13. November 11 Uhr vormittags in der Klaus-Synagoge statt". — Auch der Verein zur Verbreitung der Wissenschaft des Judentums „Afike Jehudah" widmet seinem langjährigen verdienstvollen Ehrenmitgliede ein Parte, ebenso Schwägerin und Schwager des Verblichenen, Fr. Emilie Brandeis und Dr. Josef Junk. Essek, 4. November. Anläßlich der Ernennung unseres Obergespans Herrn Levin v. Chavrak zum Chef der Sektion für Kultus und Unterricht haben die Kultusgemeinden Efsek- Oberstadt und Unterstadt eine Deputation der Kultusvorständc unter der Führung des Kultusvorstehers Herrn Dr. Hugo Spitzer und des Oberrabbinates Se. Ehrwürden Herrn. Dr. Simon Unger entsendet, welche dem neuernannten Kultuschef Herrn Levin v. Chavrak ihre Aufwartung machte, einerseits um ihn zu seiner Ernennung zu beglückwünschen, andererseits aber, um sich von ihm, anläßlich seines Abganges nach Agram, zu verabschieden. Wir teilen hier die Reden, die bei dieser Gelegenheit zwischen dem Führer der Deputation, Herrn Kultusvorsteher Dr. Hugo Spitzer und dem Kultuschef ausgetauscht wurden. Herr Dr. Spitzer, begrüßte den neuen Kultuschef mit folgenden Worten: Ich habe die Ehre, die Vertreter der israelitischen Gemeinden zu Essel-Oberstadt und Unterstadt vorzustellen, welche auf die Kunde von der Ernennung Ew. Hochgeboren zum Chef der Abteilung für Kultus und Unterricht hierher geeilt sind, um Ihnen durch mich ihre herzlichsten Glückwünsche aussprechen zu laffen. Ich bin überzeugt, Euer Hochgeboren werden es für keine Phrase halten, wenn ich sage, daß mir noch niemals eine Beglückwünschung so schwer gefallen ist, wie heute, und aus diesem Anlasse Unbeschadet unserer Pflichten für das Vaterland und ohne Beeinträchtigung unserer Liebe für dasselbe find wir in erster Reihe Esseker, die mit der ganzen Kraft ihres Denkens au dieser Stadt hängen, die unser ganzes Fühlen ihrem Wohle, ihrem Fortschritte und ihrem Ruhme widmen. Als Esseker fühlen wir im Grunde unserer Seele, daß die Beförderung Ew. Hochgeboren für unsere Vaterstadt einen unersetzlichen Verlust bedeutet. Ew. Hochgeboren haben während der zweieinhalbjährigen Dauer ihres Wirkens als Obergespan nicht nur mit unermüdlichen! Eifer für das Wohl der Stadt gearbeitet, nicht nur ein außerordentliches Verständnis für alles gezeigt, was der Stadt und ihren Bewohnern frommt, indenl Ew. Hochgeboren in die kleinsten Details der Verwaltung und des gesellschaftlichen Lebens mit kundiger Hand und rastlosem Eifer eingegriffen haben, sondern Sie waren auch uns in allem ein leuchtendes Beispiel dafür, wie man seine Pflichten zu erfüllen hat. All dies empfinden wir in diesem Moment mit dankbarem, aber gleichzeitig auch mit bekümmerten! Herzen. Aber wenn etwas geeignet ist, dieses Bedauern zu milde n und unseren Schmerz um den Verlust, den wir erleiden, weniger empfindlich zu machen, so ist es der Stolz darüber, daß durch die königliche Gnade eben unser Oberg e s p a n, u n s e r v o r n e h ui st e r M i t b ü r g e r zu einer der höchsten Würden des Landes berufen wurde, und insbesondere wir Repräsentanten der hiesigen Knltnsgenieinden müssen einen Trost darin erblicken, daß Ew. Hochgeboren die Verwaltung eben jenes Ressorts übernehmen, in denen Wirkungskreis die Oberaufsicht über die Religionsgemeinden, demgemäß die Sorge für ihre Entwicklung, die gerechte Würdigung und Förderung ihrer auf dem Gesetze begründeten Wünsche und Bestrebungen fällt. Als ich vor zweieinhalb Jahren die Ehre hatte, Ew. Hochgeboren als nenernannten Obergespan unseres Komitates und der königlichen Freistadt Essek im Namen dieser Kultusgemeinde zu begrüßen. sprach ich die feste Ueberzcugung aus, daß Sie ein zuverlässiger und gerechter Vertreter unserer Interessen sein werden. Und weil uns diese Erwartung bisher nicht getäuscht hat, so hegen wir auch für d e Zukunft die unerschütterliche Zuversicht, daß Ew. Hochgeboren in Ihrem neuen und hohen Wirkungskreis alle unsere berechtigten Wünsche verständnißvoll vertreten und erfüllen werden, indem wir gleichzeitig versichern, daß dieselben nie über jene Grenzen hinausgeben werden, welche durch das Gesetz und die Gerechtigkeit gezogen werden. Unentwegt auf dem Boden unwandelbarer Treue unb unerschütterlicher Hingebung zum Vaterlande, zu deu durch die Gnade des Königs im verfassungsmäßigen Wege eingesetzten Behörden stehend, wünschen wir nichts anderes, als was uns das Gesetz verbürgt: die Selbständigkeit in der Ausübung unseres Glaubens und die Gleichberechtigung vor der Welt, vor dem Gesetze und vor den Behörden, und dementsprechend die Beseitigung aller jener Ueberreste einer vergangenen dunklen Zeit, welche dieser Gleichberechtigung noch im Wege stehen. Von der Ueberzengung durchdrungen, daß Ew. Hochgeboren stets ein gerechter und zuverlässiger Förderer und Fürsprecher dieser Bestrebungen sein werden, begrüßen wir Sie in Ihrem hoben Amte als Chef der Abteilung für Kultus und Unterricht und beglückwünschen Sie von ganzem Herzen zu diesem neuerlichen glänzenden Beweise allerhöchster Huld und allerhöchsten Vertrauens und wünschen, daß Gott Ew. Hochgeboren noch lange Jahre in Rüstigkeit und Krafi zum Wohle des Vaterlandes erhalte und Ihre Tätigkeit mit seinen Segen kröne!

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