Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 46 (11.11.1904)
- Date
- 1904-11-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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’Jir. 46 Dr. Mocb's MocbenscbrM. Seite 743 woher und auf welche Weife Sibirien feine Juden erhalten habe, deren Kopfzahl heute 0°3 Perzent bei zirka sieben Millionen Einwohnern beträgt. Zumeist, so führte er aus, sind die sibirischen Juden aus dem inneren, russischen Reiche dorthin verbannt worden. Viele ihrer Familien folgten ihnen freiwillig ins Exil und zahlreiche der heute in Sibirien lebenden Juden sind deren Nachkommen. Es gibt aber auch eine größere Anzahl von Juden, die freiwillig nach Sibirien ausgewandert sind. Kaiser Alexander der Erste hegte den Wunsch, daß sich jüdische Familien in Sibirien niederließen, um dort Ackerbau zu treiben, ebenso Nikolaus der Erste, der ihnen anfangs besondere Privilegien bewilligte, die aber bald unter allerlei Motiven wieder zurückgezogen wurden, so daß schließlich die Uebersiedlung russischer Juden nach Sibirien völlig eingestellt wurde. Sie tvurden nunmehr wie früher in Südrußland angesiedelt. Was die Arbeitstätigkeit der sibirischen Juden anbetrifft, so erstreckt sie sich insbesondere auf Handel und Gewerbe. Das Beamtentum ist ihnen verschlossen. Hervorragendes leistet eine Anzahl von ihnen als Aerzte, die an russischen und deutschen Universitäten ihre Vorbildung genossen haben. Die meisten sibirischen Juden sind nach den persönlichen Erfahrungen des Vortragenden, was ihre materielle Lage anbelangt, durchaus zufrieden, die Gewerbetreibenden haben allerdings ein ziemlich unsicheres Los. In größeren Städten Sibiriens gibt es dagegen eine größere Anzahl reicher Judenfamilien. Die soziale Stellung der sibirischen Juden darf als eine durchaus gute bezeichnet werden. Sie leben mit den anderen russischen Untertanen nicht nur in friedlichem, sondern oft auch in freundschaftlichem Verkehre, so daß man der christlichen Bevölkerung in dieser Beziehung das beste Zeugnis ausstellen darf. Mit einer kurzen Betrachtung über das Bilduugs- und Schulwesen in Sibirien, das auf eine große geistige Regsamkeit schließen lasse und an dem das jüdische Element nicht den letzten Platz einnehme, schloß der Redner seinen Vortrag und gab dem Wunsche Ausdruck, daß Sibirien auch weiterhin zum Lichte der Freiheit fortschreiten möge. Rom. In der jetzt aufgelösten italienischen Kammer saßen 10 jüdische Abgeordnete und zwar: Barzilai (5. röm. Bezirk), Franchetti (Citta di Castello), Ludwig Luzzati zAbano), Arthur Luzzatto (Montevarchi), Richard Luzzattv (S. Daniele), Mellt (Cornacchio), Morpurgo (Friaulische Städte), Romanin- Jacur (Piave), Sorani (Scansano) und Wvllemborg (Cittadeüa). — In Modena wird gegenwärtig das alte Ghetto niedergerissen, da der ganze betreffende Stadtteil assaniert wird. Aus diesem Anlasse wurde eine neue Synagoge gebaut, die mit der Front in die Hauptstraße Via Princ pale zeigt und, wie die dortigen Blätter berichten, eine neue Zierde der Stadt bedeutet. — In Neapel langten am 14. v. M. 270 jüdische Auswanderer aus Rußland per Schiff an. Sie kamen von Triest und benutzten die „Unione austriaca di navigazione". Sie hielten sich kurze Zeit in Neapel auf und wurden durch Fürsorge des Neapolitanischen Rabbiners rituell verpflegt. — Auf der Weltausstellung zu St. Louis wurde dem Minister Luzzati der Grand Prix für Nationalökonomie verliehen. — Aus Anlaß der Geburt des italienischen Thronfolgers spendete unser Glaubensgenosse Baron Albert Treves de' Bonfili 2500 Lire für barmherzige Werke und 500 Lire für die jüdischen Armen Venedigs. London. (V i e r B r ü d e r in h v h e n Staatsämtern.) Dieser Tage ist Mr. Robert Nathan zum Privatsekretär des Vizekönigs von Indien ernannt worden. Er ist der vierte von vier Brüdern, die in verhältnismäßig jungen Jahren zu hohen englischen Aemtern gekommen sind. Der bekannteste ist Sir Matthew Natan, der mit 42 Jahren Gouverneur in Hongkong wurde. Nachdem er 1880 die Militärakademie von Woolwich absolviert hatte, diente er als Offizier im Jngenieurkorps. Mit diesem Regiment hat er zwei Feldzüge mitgemacht, 1895 bei der Nilarmee zur Befreiung Gordons und vier Jahre später bei der Luschai-Expedition. 1895 wurde er zum Sekretär der Kolonialverteidigungskommission erwählt und erhielt als Anerkennung seiner Tätigkeit in diesem Amt den Michael-Georgsorden. 1889 war er Gouverneur von Sierra Leone, später einige Jahre lang der Goldküste. Das mörderische Klima ist ihm ver hültnismäßig gut bekommen. Er war der erste Jude, der im Kvlonialdienst die Gouverneur-Stellung erreicht hat. Sein Brud.r, Major F. L. Nathan, hat ebenfalls eine akademisch-militärische Vorbildung in der Hochschule von Sandhurst genossen. 1897 trat er in die Dienste der königlichen Artillerie, 1886 wurde er, nach Absolvierung der Endprüfung, Jnstruktionshauptmann in der königlichen Militürwerkstatt. Er beschäftigte sich besonders mit Geschützbau und wurde, nach einigen Zwischenchargen, mit dem schwierigen Amt eines Offiziers bei den Pulvermagazinen in Waltham Abbey betraut. 8 Jahre danach gab man ihm den Direktorposten in diesem Institut. Der älteste der Brüder, ein Jurist, hat in Westindien gelebt, und wurde 1888 Richter, 1781 Richter des Obertribunals in Kingston, der Hauptstadt von Jamaika, 1893 wurde er Senior des Appellationsgerichts in Trinidad, 1898 Generalftaatsanwalt von Trinidad und Tobago und 1904 wurde er in den Ritterstand erhoben. Auch der vierte Bruder machte feine Karriere in den Kolonien. Nach seinen Universitätsstudien widmete er sich dem Zivildienst in Bengalen und wurde, nachdem er bei der dortigen Steuerverwaltung fungiert hatte, Unterstaatssekretär für Indien im Finanz- und Handelsdepartement. 1897 wurde er in das Ministerium des Innern befördert und 1900 Direktor der Steuerverwaltung. Zwei Jahre darauf gab man ihm noch das Amt des Sekretärs der indischen Universitätskommissiou und jetzt ist er, wie anfangs erwähnt, Privatsekretär des Vizekönigs von Indien, die höchste Stelle in Indien, nach der der Generalgouverneure von Madras, Kalkutta und Bombay, an Wichtigkeit ihnen aber überlegen. Die Stellung dieser vier Brüder ist ganz besonders hervorragend, und es ist erfreulich für die Juden, daß wenigstens in England die Religion nicht an der Erreichung dieser Aemter hindert. Washington. Eine in mehr als einer Hinsicht interessante Nachricht übermittelt das deutsche offiziöse Telegraphenbureau aus Washington: Das Staatsdepartement der Vereinigten Staaten hat von dem amerikanischen Botschafter in Petersburg ein Telegramm erhallen, wonach die russische Regierung sich zunächst bereit erklären werde, die Pässe für in Rußland reisende amerikanische Inden anzuerkenuen. Diese Anerkennung der Pässe jüdischer Amerikaner in Rußland kann nichts anderes bedeuten als die Aufhebung des Ausnahmegesetzes gegen nichtrussische jüdische Reisende in Rußland für Juden amerikanischer Nationalität. Es werden also für amerikanische Juden die Vorschriften, in bestiminten Stadtteilen zu wohnen, ihren Aufenthalt an einem Orte auf eine bestimmte Zeit zu beschränken, bestimmte Ortschaften überhaupt nicht zu betreten und was dergleichen unglaubliches Zeug mehr ist, in Zukunft fortsallen. Fortfallen wird auch, soweit amerikanische Juden in Betracht kommen, die Erhöhung der Gebühr, die für die Erlaubnis, in Rußland Geschäftsreisen zu machen, von nichtrussischen Handlungsreisenden erhob« n lvird. Diese Gebühr ist scholl für nichtjüdische Geschäftsreisende sehr hoch, für jüdische ist sie derart, daß sie ihnen die Bereisung Rußlands nahezu unmöglich machte. Bei der Hartnäckigkeit, mit der Rußland sich bisher gegen jede Durchbrechung dieser judenfeindlichen Vorschriften sperrte, ist der amerikanische Erfolg doppelt bemerkenswert. Er ist zugleich ein wirtschaftlicher und ein politischer Erfolg. Ein politischer wegen der Harthörigkeit, die Rußland in dieser Frage anderen Mächten gegenüber, besonders auch dem so eng befreundeten Deutschland, zeigte. Ein wirtschaftlicher, weil der amerikanische Export damit einen Vorsprung vor demjenigen der europäischen Lander gewinnt. New-4)ork. Der russische Botschafter notifizierte in Washington die Revision des Paßgesetzes, wodurch die bisherige Ausschließung der Israeliten allgemein sortfällt. Tie Bundesregierung verlangt jedoch auch Gleichstellung der in Amerika naturalisierten russischen Inden. m