Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-11-11 · 46 (11.11.1904) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
46 (11.11.1904)
Date
1904-11-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021594--14035-3038721
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 46 Dr. Llocb's MocdenscbrM. Sette 737 gedanken ausgegangen ist, die Interessen und das Wohl der israelitischen Religionsgemeinschaft nach Kräften zu fördern. Und nun Hochwürdige, Hochgeehrte Herren, treten Sie in Ihre Arbeit ein; Gottes Segen walte über ihr! Im Namen und Auftrag des Großherzoglichen Oberrates erkläre ich hiermit die Synode für eröffnet. Alterspräsident Kahn beruft hierauf als Jugendsekretäre die Mitglieder Doktor und Hannes und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß auch diese Tagung unter dem gnädigen Schutze des Landesfürsten von Erfolg begleitet sein möge. Nachdem sämtliche Wahlen nach vorangegangener Prüfung für unbeanstandet erklärt worden waren, wurde zur Bildung des Bureaus geschritten und Rechtsanwalt Dr. Friedberg-Karlsruhe zum ersten Präsidenten und Stadtrat Rothschild-Konstanz zum Vizepräsidenten gewählt, zu Schriftführern die Herren Kaßewitz- Freiburg und Wertheimer-Bühl. Präsident Dr. Friedberg führte dann folgendes aus: Ehrwürdige, hochgeehrte Herren! Ehe wir unsere Arbeiten beginnen, ist es mir ein Bedürfnis, des Hauptgeschehnisses seit unserer letzten Tagung zu gedenken, das die Herzen aller Badener freudig erregte, ich meine das 50jährige Regierungsjubiläum Sr. königl. Hoheit unseres geliebten Großherzogs. — Der Oberrat der Israeliten mit dem früheren Präsidenten der Synode hatte damals die Ehre, von Sr. königl. Hoheit empfangen zu werden, ihm die Glückwünsche der israelitischen Landessynagoge auszusprechen und in einer sowohl stylistisch wie inhaltlich glücklich abgefaßten Adresse die Gefühle darzulegen, welche die Herzen der israelitischen Staatsbürger bei jener freudigen Veranlassung bewegten. Lassen Sie auch mich als ihrem nunmehrigen Präsidenten gewiß im Sinne aller Synodalen nochmals unfern freudigen Dank dem Lenker unserer Geschicke int Himmel aussprechen, daß er uns den Großherzog bis jetzt erhalten, und die innige Bitte zum Schöpfer und Erhalter aller Wesen richten, daß er die Lebenstage dieses Vaters des Vaterlandes bis an die äußerste. Grenze menschlicher Daseinsmöglichkeit verlängern möge, zum Heile des engeren badischen, wie des großen deutschen Vaterlandes. Meine Herren! Wenn in der Tat ein Fürst auf Beinamen, welche die Geschichte zu verleihen pflegt, Anspruch erheben kann, so ist es unser erhabener Landesfürst, und wenn die Geschichte mir ein Vorschlagsrecht gestatten würde, so fiele meine Wahl auf zwei Beinamen, welche so recht die Kardinaltugenden unseres Großherzogs, seine opferwillige Vaterlandsliebe und seinen hohen Gerechtigkeitssinn kennzeichnen, ich meine die Beinamen der Deutsche und der Gerechte. Meine Herren, wer wie ich noch die Zerrissenheit des deutschen Volkes in seiner Jugend erlebt und seine Einigung zu seiner innigen Genugtuung auf dem Schlachtfelde mit erkämpfen durfte, der weiß auch, daß alle Opfer an Gut und Blut nichts gefruchtet hätten, wenn nicht deutsche Fürsten, wie unser Großherzog, Selbstbescheidung und Entsagungsfreudigkeit zur Erreichung des großen Zieles bewiesen hätten. Unentwegt und in hohem Patriotismus hat unser Großherzog nicht angestanden, alle von ihm verlangten Opfer für die Einigung Deutschlands als Einer der Ersten zu bringen, wie er ja auch bis in die letzten Tage hinein — ich erinnere Sie an die Verfassungsänderung, welche wir mit feiner patriotischen Initiative verdanken — gezeigt hat, daß ihm die Zufriedenheit und Eintracht der Bürger seines Staates über alles geht. Wie durch seine Vaterlandsliebe, so ragt Großherzog Friedrich auch durch Gerechtigkeitsliebe unter den Zeitgenossen hervor; seine Regierung wurde stets nach dem Grundsätze „llnstitia kunckamkutum Regnoruin“ geleitet: von der Tugend der Gerechtigkeitsliebe ist unser Großherzog voll und ganz erfüllt, sie war, um es kurz zu sagen, der Schmuck seiner Jugend und ist die Zierde seines Alters. Wenn unsere christlichen Mitbürger dies freudig anerkennen, so haben die badischen Israeliten ganz besondere Ursache, dies dankbar zu empfinden, denn wenn Sie die letzten Dezennien der Staats- und Völkergeschichte beobachtet haben, so werden Sie mir gewiß beistimmen, wenn ich behaupte, daß das Großherzogtum Baden, was die Verhältnisse der israelitischen Glaubensgemeinschaft anlangt, wie eine blühende Oase aus den europäischen Staaten hervorragt. Meine Herren! Ich bitte Sie, Ihren Gefühlen für unseren geliebten Großherzog dadurch Ausdruck zu geben, daß Sie fich von den Sitzen erheben und mit mir ausrufen: „Unser väterlicher Landesfürst, Friedrich der Deutsche, Friedrich der Große, er lebe hoch, hoch, hoch! Der Präsident widmet hierauf einen ehrenvollen Nachruf den verstorbenen früheren Mitgliedern der Synode, B. Dukas von Freiburg, D. Dreifuß von Offenburg und Sigmund Netter von Heidelberg, und fährt dann u. a. fort: Ich betrachte die Synodalverfassung als einen äußerst glücklichen, dem modemen Zeitbewußtsein gerecht werdenden Akt der Gesetzgebung für die religiösen Gesamtinteressen der Glaubensgenossen unseres engeren Vaterlandes, welche, richtig verstanden und gehandhabt, es ermöglicht, die vitalen Interessen unserer Glaubensgenoffen für jede bestehende Richtung zu wahren; ich sage ausdrücklich „für jede Richtung" und vermeide es absichtlich, von „Parteien" zu sprechen, weil ich der Ansicht bin, daß es in Korporationen des öffentlichen Rechts, wie der unserigen, ja im religiösen Leben überhaupt, Parteien im Sinne des politischen Lebens nicht geben darf, wohl aber verschiedene Richtungen, die aber alle das gleiche Ziel haben müssen, wenn sie es auch auf verschiedenen Wegen zu erreichen suchen. Unser Ziel muß sein, die Befestigung, Fördemng und Heiligung unserer ehrwürdigen Religion, und wenn dieses Ziel im Auge behalten wird, dann ist ein Zusammenwirken aller Richtungen, heißen sie nun liberal, konservativ oder orthodoxgesetzestreu, sehr gut möglich, wenn sie nur alle die Gleichberechtigung der verschiedenen Richtungen nicht nur nicht verkennen, sondern anerkennen. Meine Herren! Es gibt keinen besseren Prüfstein für wahrhaft freiheitliche Gesinnung, als die Achtung vor und die Hvchhaltung der Gewissensfreiheit; hier ist die Grenze der Ausübung der Rechte der Majorität, aber auch umgekehrt die Grenze der Berechtigung der Bekämpfung der Majorität seitens der Minorität. Die Majorität achte und schütze die gewiffenhafte Ueberzeugung der Minorität, und diese anerkenne aber auch die Ueberzeugung und das redliche Bestreben der Majorität; wenn beide Teile so Zusammenwirken, dann, meine Herren, können und müssen nicht nur segensreiche Früchte für unsere Glaubensgemeinschaft im engeren Vaterland, sondern auch für das Gesamtjudentum aus unseren Arbeiten hervorgehen. So ist meine Auffassung von der Art, wie wir in Baden in Hinkunft Zusammenarbeiten wollen, und ich hege das Vertrauen zu unserer obersten Kirchenbehörde, daß sie auch in diesem Sinne gemeinschaftlich mit der Synode die Interessen unserer Landessynagoge wahrnehmen werde, ist doch der Vater der Synodalversaffung Mitglied dieser Behörde. Die Verdienste dieses Mannes um unsere Glaubensgemeinschaft in das rechte historische Licht zu versetzen, ist hier nicht der richtige Ort, es muß das einer späteren Zeit Vorbehalten bleiben. Ich muß aber dem verehrten Oberratsmitgliede Geh. Regierungsrat Mayer namens der Synode ganz besonderen Dank sagen für die Art, wie er die badische Landessynagoge bei der Einweihung des Denkmals für den verdienten Staatsmann K. A. Lamey in Mannheim vertreten hat. — Die Ansprache, welche Herr Geh. Regierungsrat Mayer damals gehalten, hat alle jüdischen Herren weit über die Grenzen des badischen Vaterlandes hinaus gerührt und begeistert, weil noch niemals einer solchen Versammlung gegenüber die Rechte der Juden als Minorität gegenüber den anderen Konseffionen so freimütig und offen gewahrt wurden. Möchte der gütige Lenker unserer Geschicke es bewirken, daß noch viele solcke Männer dem Judentum erstehen, welche mit Würde und berechtigtem Stolze die Rechte der Minorität zu vertreten und der Welt zu zeigen wiffen, daß die Juden, m

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.