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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-11-04 · 45 (4.11.1904) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
45 (4.11.1904)
Date
1904-11-04
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 7 SO Dr. Mocb's Mocbenscvrltt. >JU. 45 Berlin« In der Sitzung des geschästsführenden Ausschusses des Hilfsvereines der deutschen Juden, die am 31. Oktober abends stattgefundcn hat, wurde über die Berufung einer internationalen Konferenz zur Regelung der Auswanderung aus den östlichen Ländern definitiv Beschluß gefaßt. Die Konferenz soll anfangs Dezember stattfinden. Der Hilfsverein der deutschen Juden wird an alle großen jüdischen Organisationen Einladungen zur Teilnahme an der Konferenz verschicken. Die Konferenz soll tagen in Franffurt am Main. Es ist hervorzuheben, daß an der Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses des Hilfsvereines der deutschen Juden angesehene Mitglieder anderer großer humanitärer jüdischer Gesellschaften teilgenommen haben. Nochmals mag betont werden, daß der nach Frankfurt zu berufenden Konferenz nicht die Aufgabe gestellt ist, die Auswanderung mit Geldmitteln zu unterstützen und damit die Auswanderung voraussichtlich in unübersehbarer Weise zu steigern. Es soll in erster Reihe eine Organisation geschaffen werden, um solche Personen Osteuropas, die ihr Vaterland, verlassen wollen, unentgeltlich darüber aufzuklären, unter welchen Bedingungen eine Auswanderung überhaupt nur vorteilhaft erscheinen kann, welche Reiserouten die billigsten sind, und um alsdann durch Ueberwachungskvmitees längs der Reiseroute die Auswandernden vor Ausbeutung und Uebervorteilung zu schützen. Feuilleton. Gesühnt. Bon Dr. F. Nich. Heinschel. (Fortsetzung.) Lange, lange mochte sie so gesessen und stille vor sich hingeweint haben, dann suchte sie ihr Lager auf. Das Licht brannte auf dem Nachttische, daneben lag ein Buch. Mechanisch griff sie darnach. Sie hatte die ersten Seiten gelesen, ohne sich dabei etwas zu denken. Schließlich begann sie der Inhalt zu interessieren, sie las cs in einem Zuge ohne auszuhören ein-, zwei- und dreimal. Jetzt wußte sie es. Das Pseudonym T. H. Alheim war Josef Thalheim, der die Geschichte seines Lebens erzählte. Jede Zeile atmete reine, heilige Liebe für sie und sie hatte dieses gemütvolle Herz von sich gewiesen. Sie wiederholte sich einzelne Stellen auswendig. Das Buch war ja für sie allein geschrieben. „Wahrheit und Dichtung, aus dem Tagebuche eines Misanthropen", war der Titel des Buches und die Wahrheit schnitt ihr tief in's Herz. Es war viel dichterische Phantasie dabei, aber die darin zerstreut sich findenden Wahrheiten schmerzten sie tief. Wie viel Schmerz lag doch in den losen Tagebuchblättcrn, die er am ersten Mai, an ihrem Hochzeitstage, zu schreiben begann. 1. Mai 18 . . . Warum haben sie mich gesund gepflegt, warum bin ich zu Leben und Fühlen aus der wochenlangen, todesähnlichen Nacht erwacht, warum hat meine Jugend den Sieg über den Tod davongetragcn? Es ist entsetzlich, so schön und so falsch, da muß einen der Menschheit ganzer Jammer zu Boden drücken. Mir war ja so traurig zu Mute, als du mir fortgelaufen, als wenn ich dich nie Wiedersehen sollte, als wenn man einen geliebten Toten auf dem letzten Gange begleitet, und mein Empfinden hat mich nicht getäuscht, du bist verloren, für mich verloren. Ich war dein Freund, du zeigtest mir all' die Zeichen der Huldigung und Verehrung, die man dir gewidmet, weihtest mich in alle Flittereien und Liebeleien ein, wie das wehe tat. Du spieltest dich auf die Unschuldige heraus, als ich dich antraf, wie du einem deiner Freunde eine heimliche Adresse angabst. Weißt du, was ich dabei gelitten? O' wenn ich dich nie Wiedersehen mußte, oder dich sehen, so leiden, so zerfleischt, so zerwühlt in deinem Innersten, wie ich es bin, aus tausend unsichtbaren Wunden blutend, verlassen, betrogen von dem, den du zu lieben glaubst, dann wäre mein Schmerz, mein Leid gesühnt. Wie hast du mich betrogen, als du mit liebeglühenden Augen mich empfangen! Ein neuer Stern ist am Himmel der Kunst aufgetreten, die große Komödiantin, Geliebte sie trägt deinen Namen. Auch zu einem Blinden dringt manchmal ein warmer Lichtstrahl, auch ein Wahnsinniger hat manchmal lichte Momente und so wahnsinnig und blind ich war, ich durchblickte dich. Und doch konnte ich von dir nicht lassen. Jäger, du hast schlecht gezielt, aber gut getroffen, verende liebedurstendes Reh, du hast durch dein Aesen dem Weidmann dich, verraten. Wie bitter ist doch die Enttäuschung, werde ich diese nicht zu teuer, vielleicht gar mit einem langen Dasein des Elends bezahlen müssen? Zu teuer und doch auch nicht. Jede Erfahrung kostet ein Lehrgeld, je weiser wir werden, desto größer war das bezahlte Lehrgeld. Mancher bezahlt es mit seinem Herzblute, dafür aber ist sein Herz leergebrannt, empfindungslos, kalt und bewahrt ihn vor ferneren Enttäuschungen vor Schmerzen, die bis zum Wahnsinne führen. 2. Mai. Ich weiß nicht, wie es kommt, noch immer muß ich an dieses Weib denken. Mantegazza behauptet, es gebe auch eine Wollust des Schmerzes. Wenn die Zunge an den hohlen Zahn leckt oder die Hand eine wunde Stelle betastet, so geschieht es nicht, um zu untersuchen, ob der Schmerz noch vorhanden, sondern weil auch das Gefühl des Schmerzes eine Sinneslust. Denke ich vielleicht deshalb an die untreu gewordene Geliebte? 3. Mai. Heute habe ich die Novelle losgeschlagen, losgeschlagen um jeden Preis, fort mit Schaden. O, daß sie doch nie die Druckerschwärze erblicken möchte! Das Ideal ist zerronnen, die Leier ist gesprungen! Von Kindheit auf habe ich dich belehrt, habe mich jahrelang nach einer Vereinigung mit dir gesehnt, und warum ich mich abgemüht, du hast es einem Andern mühelos gewährt, ihm deinen Leib und deine Seele, dein Leben und deinen Gott verkauft. In meiner Erstlingsarbeit habe ich dich geschildert so edel, so ideal, wie du sein hättest sollen, um mich glücklich zu machen.-Du warst anders. Könnte ich jetzt dein Bild aus dem Herzen nur reißen und es mit Füßen treten, ich gebe mein Leben dafür. Glaubst du, er hätte „dich" genommen? Mit deinem Golde wollte er seinem verrosteten Wappen neuen Glanz verleihen. Weggeworfen hast du dich an einen „Andern". 4. Mai. Noch manche stille Träne wird das liebestrahlende Auge vergießen. Noch mancher Seufzer wird sich der liebeglühenden Brust entringen. Noch manchmal wird das schwerverwundete Herz ausschreicn, wird die Wunde jemals vernarben? Die Zeit lindeA ja bekanntlich alle Schmerzen, läßt alle Wunden verharschen. Doch die leiseste Berührung reißt die alte Wunde wieder auf. Und sie blutet, blutet, bis das wunde Herz ausgerungen. 5. Mai. Geliebte, das hast Du mir getan? Mir gegenüber spieltest Du die Unnahbare, dem Andern flogst Du in die Arme, warfest Dich ihm an den Hals. Ich gönne Dir die Freude. Ernste Naturen, Charaktere von geschmiedeter Festigkeit, Idealisten kennen ja solch' rose Freuden der Sinneslust nicht. Genieße sie bis zur Uebersättigung, bis zum Ekel, und zehre an dieser ekelhaften Erinnerung Zeit Deines Lebens. Die Zeit wird mich mein Leid wohl nicht vergessen machen, aber vielleicht milder stimmen, in die hochgehenden Fluten Oel schütten und mich lehren, mein Leid still und heimlich tragen. Ich habe Deine flüchtige Laune, wenn es wenigstens eine solche war, teuer bezahlt, mit meinem Lebensglücke beglichen. Daß Du Dich aber an den Buben weggeworfen, daß Du alle Bande zerrissen, die Dich mit mir, mit Deinem Volke verbunden, das zerfleischt mir die Brust. Den Schatz von Liebe, den ich gleich meinem Augapfel gehütet hätte, Du hast ihn um ein Nichts verschleudert. Sei glücklich!

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