Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 45 (4.11.1904)
- Date
- 1904-11-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021593--14024-3038709- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Nr. 45 Dr. ZSlocd's MocvenscdrM Seite 737 offen vor Aller Welt mit Stolz und mit Freimut seine Zugehörigkeit zu unserem Bekenntnis betonte. Er besuchte häufig die Synagoge, ließ sich zur Thora rufen und nahm an allen Bewegungen innerhalb des Judentums lebhaften Anteil. Petersburg. Während der Inspizierung der Truppen durch den Zar in Odessa hat Kaiser Nikolaus II. den Befehl erteilt, Reservisten der aktiven Armee, welche mehr als drei Kinder haben, von der Einberufung zum aktiven Dienst in der Mandschurei zu befreien. Wie die russischen Blätter nun mitteilen, wird der Befehl des Zaren nur Nichtjuden gegenüber eingehalten, jüdische Reservisten aber, wenn sie auch fünf und mehr Kinder haben, werden von der Wohltat des kaiserlichen Befehles ausgeschlossen. Die Petersburger „Buduschtschnostj" widmet dieser traurigen Erscheinung einen längeren Artikel, in welchen! über die Ausschließung der jüdischen Reservisten aus der Gnade des Zaren bittere Klage geführt und gleichzeitig die Mitteilung gemacht wird, daß 15 Frauen jüdischer Reservisten, welch letztere trotz ihrer zahlreichen Kinder dennoch nach der Mandschurei geschickt wurden, dem Kriegsminister eine Beschwerde überreicht haben, in welcher sie die Befreiung ihrer Männer auf Grund des Befehles des Zaren verlangen. Die Entscheidung des Kriegsministers ist jedoch noch nicht herabgelangt. Die Assentierungskommission von Nowograd-Wolynsk hat anfangs Oktober, wie die Zeitschrift „Wolhyn" meldet, den 50 Jahre alten und gebrechlichen Juden Schulim Schwarzer als tauglich den nach der Mandschurei abgehenden Truppen zugeteilt. Die „Odeßkija Nowosti" und die „Rußj" publizieren ein amtliches Schriftstück, welches beide Blätter als „unmögliches Dokument" bezeichnen. Dasselbe lautet: „Der Hetman des kaukasischen Gebietes. 26. Juli 1904. Nr. 12.842. Dem Charkower Kaufmann erster Gilde Salvmon N. wird hierdurch gestattet, im Kurorte Kislowodsk sechs Wochen zu verweilen, aber ausschließlich zu Handelszwecken, keinesfalls aber zum Zwecke des Gebrauches der Mineralwässer ..." Die „Rußj" bemerkt dazu: „Der Hetman hatte offenbar Angst, daß vielleicht der Jude Salomon die kaukasischen Mineralwässer zugrunde richten werde, wenn er sie gebrauchen sollte ..." Der Prozeß wegen der Jndenhetze in Home!. Die „Frankfurter Zeitung" meldet: Am 24. Oktober hat in Homel der Prozeß wegen der Krawalle, die anfangs September vorigen Jahres in Homel stattfanden, begonnen. Angeklagt sind 44 Christen und 36 Juden. Es find 1101 Zeugen vorgeladen worden, von denen 130 nicht erschienen sind. Die Anklage-Akte sucht die Schuld für die Exzesse ans die Juden zu wälzen, weil diese sich nach den Ereignissen in Kischenew bewaffnet und am 29. August bei einem Streite zwischen einer Händlerin und einem Förster die für diesen Partei nehmenden Russen angegriffen hätten. Selbst ein Offizier und einige Soldaten seien von den Juden bedroht worden. Dann heißt es in der Anklageschrift wörtlich: 1 Auf Grund der Summe aller Angaben, welche die Voruuteruchung in Sachen der Judenausschxeitungen in Homel am t. September 1903 zusammenbrachte, hat man mit Sicherheit fest stellen können, daß den nächsten Anlaß zu den ersteren die am 39. August stattgefnndene Mißhandlung der Christen durch die Inden gegeben hat, und daß die Ursachen des tiefen Antagonismus zwischen der christlichen und jüdischen Bevölkerung in dem schon seit langem bemerkbar gewordenen Benehmen der Juden den christlichen Bewohnern gegenüber zu suchen sind. Eine ganze Reihe von Zeugenaussagen charakterisierte dieses Benehmen als äußerst feindliches, freches und Verachtung ausdrückendes, und die nach dem 29. August freudige Erregung der Juden, ihr enthusiasmiertes Verhalten infolge der gelungenen Russenexzesse, ihre triumphierenden, lauten Ausrufe: „Es ist eben nicht Kischenew! Unser Sanistag tanzt jetzt auf eurem Sonntag herum!" und eine Menge einzelner Fälle, in welchen die Juden, vorzüglich die jüngeren, ihre äußerste Verachtung nicht nur Leuten aus dem Volk-, sondern auch dem intelligenten Teile der christlichen Bevölkerung gegenüber kundgaben, all das hatte, der Meinung der bei der Untersuchung verhörten Einwohner von Homel nach, zur Anhäufung judenfeindlicher Gefühle, die sich am 1. September in Judenausschreitungen auslösten, beigetragen. Der Rassenhaß zwischen den Einwohnern von Homel, welcher durch die Ereignisse vom 29. Aubust verstärkt wurde, hatte in der Stadt eine Menge beunruhigender Gespräche und das Gerücht hervorgerufen, daß die Eisenbahnarbeiter der größten örtlichen Werkstätten am ersten besten Werktage an den Juden für die erwähnte Durchprügelung der Christen Rache nehmen werden. Diese Gerüchte waren auch zur Polizei gedrungen, und daher hatte die örtliche Polizei am 1. September Maßnahmen getroffen, um einen Zusammenstoß zwischen den Arbeitern und den Juden zu verhindern, zu welchem Zwecke eine Kompagnie Soldaten aus dem in der Nähe von Homel sich aufhaltenden abchasischen Regiment nach Homel beordert und im Hofe des Ambulatoriums neben demBabnhof aufgestellt wurde. Um!2 Uhr mittags verließen die Arbeiter nach dem üblichen Fabrikssignal die Werkstätten, und auf der Brücke, welche zur Stadt führte, hatte sich eine ziemlich große Menge versammelt. Das ungewöhnlich laute Benehmen der Arbeiter, unbestimmte Rufe und Ausrufe zeugten von einer Aufregung unter der Menge, so daß der auf dem Bahnhof befindliche Polizeimeister Rajewski es für angebracht hielt, die in Bereitschaft stehende Kompagnie hierher zu beordern und der Arbeitermenge den Zugang zur Stadt abzusperren. Dies hatte die Arbeiter noch mehr erbittert: „Der Juden wegen dürfen wir nicht einmal nach Hanse zum Mittagsessen!" schrieen sie. und die Menge begann über den Polizeimeister zu schimpfen. Die künstlich aufgehaltene Arbeitermenge wurde durch andere herbeigekommene Arbeiter verstärkt und nachdem sie sich auf dem Platze vor dem Bahnhof gruppiert hatten, marschierten sie auf die Samkowaja-Straße los. Unter dem allgemeinen Stimmenchaos hörte man drohende Rufe gegen die Juden ausstoßen. Die Stimmung der Menge war, wie der Polizeimeister Rajewski bestätigt, eine düstere und aggressive, alle Ermahnungen, die er an die Menge richtete, nach Hause zu gehen und keine Gewaltätigkeiten auszuüben, blieben erfolglos, und aus der Menge wurden Steine in die nächsten jüdischen Häuser geschleudert. Währenddessen hatte auch die jüdische Bevölkerung nicht stillgesessen. Es begannen sich große Gruppen von Inden zu organisieren, und bei Beginn der Unruhen hatte sich eine große Menge von solchen auf der Samkowaja-Straße versammelt und schleuderte mit Steine» und Stöcken nach der Arbeitermenge. Der Polizeileutnant Brszosowski, von einer Soldatenpatrouille und einigen Schutzleuten begleitet, hatte den Zusammenstoß zwischen den Arbeitern und den Juden verhindern wollen, wurde aber von zwei Ziegeln, die aus der Judenmenge geschleudert kamen, dermaßen stark in den Rücken getroffen, daß er zu Boden fiel und das Bewußtsein verlor. Dieser letzte Umstand diente als Signal zu wirklichen Judenausschreitungen. Die Menge ging mit dem Rufe: „Die Juden haben den Polizeileutnant getötet!" zur Plünderung der jüdischen Häuser und Läden über. Nach der Anklage sind 250 jüdische Wohnhäuser und Läden geplündert, neun Personen getödtet und acht verwundet worden, davon die eine Hälfte Juden, die andere Christen. Es find über die Vorgänge in Homel am 1. September v. I. genug Einzelheiten bekannt geworden, um erkennen zu lassen, daß die Anklageschrift vielfach in schroffem Widerspruche zu den Tatsachen steht. Die Panik der Juden, welche ihre Läden eiligst schlossen, wird als Beginn zu verabredeten Ausschreitungen ausgelegt. Der Schutz, welchen das Militär den Exzedenten erwiesen hat, wird als „Teilung" der Judenmenge von den russischen Arbeitern dargestellt und die Selbstverteidigung der Juden wird als Ueberfall auf die christliche Bevölkerung geschildert, um dadurch die Opfer der Exzesse in Angeklagte zu verwandeln. Jrrdenkrawalle irr Rußland. Berlin. Ueber neue Judenkrawalle in Rußland wird dem „Tageblatt" geschrieben: Im Gouvernement Mohilew sind in fünf Orten bedeutende antisemitische Unruhen ausgebrochen, denen wieder viele Hunderte armer jüdischer Proletarier zum Opfer gefallen sind. Tie Ausschreitungen begannen in der Stadt Mohilew selbst und in den kleineren Orten Bogusnawka, Bychow-Gory-Gorki und Mstißlawl am 22. Oktober und wurden an den folgenden Tagen fortgesetzt. Die russischen Zeitungen hüllten sich in tiefstes Schweigen. Die Plünderungen der jüdischen Häuser und Läden, der Markiplätze rc. gingen von den Reservisten, die bei der jüngsten Mobilmachung einbernfen worden sind, aus. Zn ihnen gesellte sich allerhand Straßenpöbel. Sie durchzogen lärmend in Haufen die Stadt und zerstörten die armselige Habe der jüdischen Kleinhändler, Handwerker und Anderer. Gab man ihnen nicht alles freiwillig hin. so machten die Exzedenten kurzen Prozeß und mißhandelten die Ueberfallenen. In Mohilew allein liegen mehr als zwanzig Verwundete in Spitälern, mehr als hundert in ihren Wohnungen. Ob es Tote gibt und wie groß die Zahl der Verwundeten in den anderen Orten ist, ist zur Zeit noch nicht bekannt. In Mohilew wurde es erst am 24. Oktober Nachmittags ruhig, weil man die Reservisten in die Kasernen eiuschloß. Diese letzten Ausschreitungen lassen sich durch zwei Merkmale charakterisieren: erstens durch die Passivität der Behörden, die sich nicht die geringste Mühe gaben, den Ausschreitungen entgegenzutreten, und zweitens, daß die beim Plündern beteiligten Personen meistens Reservisten waren. Mitte Oktober hatte der Polizeichef von Mohilew, Rodionow, folgende Ansprache an die Juden gehalten: „Bald wird hier mobil gemacht, dann werdet ihr büßen für eure Revolutionsmacherei. Euer Blut wird fließen in der ganzen Stadt!" Derselbe Rodionow stellte schon im