Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 45 (4.11.1904)
- Date
- 1904-11-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 45 Dr. Mocb's MocbenscbrM Sette 7. 5 lichen Wissenschaften unterrichtet und so weit gefördert werden sollten, daß sie die Fähigkeiten hatten, als Rabbiner oder Religionslehrer zu wirken. Dieses Seminar, das später eine Musteranstalt auf diesem Gebiete wurde, ist formell am 10. August 1854 eröffnet worden; die tatsächliche Eröffnung, der Beginn des Unterrichtes, erfolgte erst Mitte Oktober desfelben Jahres. Der wichtige Posten des Direktors des neuen Institutes wurde Dr. Z. Frankel angeboten, der seinerzeit die Stellung eines Oberrabbiners des Königreiches Sachsen bekleidete und seinen Wohnsitz in Dresden hatte. Dr. Frankel nahm die Stellung an. Er war nicht nur als großer Talmudist und als ein Mann von klassischer Gelehrsamkeit bekannt, sondern auch als ein Vertreter der goldenen Mittelstraße, der weder die non xo88umn8-Politik der ultra-orthodoxen Partei im Judentum begünstigte, noch mit der damals entstehenden Partei innerhalb der jüdischen Gemeinde sympathisierte, die für das jüdische Gesetz und für die Tradition radikale Reformen befürwortete. Es wurde deshalb allgemein angenommen, daß Frankel der rechte Mann für die Leitung der zu schaffenden Unterrichtsanstalt war und daß unter seiner Führung der Unterricht in strenger Uebereinstimmung mit dem Geiste des historischen Judentums unter gleichzeitiger Berücksichtigung der fortschrittlichen Ideen des Tages gehalten sein würde. Diesen Gedanken gab Frankel auch Ausdruck, als er bei der Einweihung des Institutes über die Zwecke und die Tendenz des Seminars sprach. Er drückte den. Studenten die Hoffnung aus. sie würden, wenn sie als die geistigen Führer jüdischer Gemeinden in die Welt zögen, allezeit der Lehren eingedenk bleiben, die sie im Seminar erhalten würden, der Lehren, die auf den Wurzeln des geschichtlichen Judentums ruhen und mit den Erfordernissen des fortschreitenden Zeitalters übereinstimmen. Wenn sie diese Lehren in ihrem privaten und öffentlichen Leben auf sich wirken ließen, so würden sie den segensreichsten Einfluß ausüben, nicht allein auf ihre unmittelbare Umgebung, sondern auch indirekt auf die in den verschiedensten Teilen der Erde lebenden künftigen Geschlechter. Die Kuratoren des Breslauer Seminars handelten sehr weise, indem sie auf Frankels Anregung zunächst Dr. Bernays und Dr. Grätz, später Dr. Joel und Dr. Zuckermann zu Lehrern ihres Institutes wählten. Sie alle waren Männer von anerkannter Gelehrsamkeit und großem Geschick und dabei intensiv jüdisch in Gemüt und Geist. Das machte sie besonders geeignet zur Mitarbeit mit ihrem großen Leiter an. der schwierigen Aufgabe, das Seminar zu einer Musieranstalt zu machen, wie sie vorher noch kaum bestanden hatte. Folgende Unterrichtsgegenstände bildeten bei der Eröffnung des Seminars das Lehrprogramm: 1. Die Schrift und ihre Exegese mit den verschiedenen Targumim; die hebräische und aramäische Sprache; Geographie von Palästina. 2. Einführung in die Mischna und den Talmud. 3. Klassische Sprachen und zwei moderne Sprachen — deutsch und französisch. 4. Geschichte der Juden und der hebräischen Literatur. 5. Midraschim. 6. Religionsphilosophie nach jüdischen Quellen. 7. Studium des talmudischen Rituals. 8. Zivil- und Kriminalgesetze nach mosaischen und talmudischen Entscheidungen. 9. Pädagogik. 10. Homiletik. Die vorgeschrittenen Studenten des Seminars, die als Hörer der Universität Breslau immatrikuliert waren, erhielten die Erlaubnis, alle Universitätskollegien zu besuchen, die sie später in den Stand setzten, als Doktoren der Philosophie zu promovieren. Dr. Frankel, als das Haupt des Seminars, unterrichtete in den höheren Graden der jüdischen Theologie, im Talmud, Midrasch, den sogenannten „Turim" und einigen anderen gelehrten Fächern. Als Resultat dieser seiner Vorlesungen dürfen wir das berühmte Buch „variro hamischnoh“ betrachten, in dem er eine anschauliche und systematische Uebersicht von der Geschichte der frühen rabbinischen Literatur gibt. Grätz unterrichtete in jüdischer Geschichte und Bibelexegese mit einem vorbereitenden Kursus im Talmud, und Bernays Lehrtätigkeit bestand hauptsächlich in Vorträgen über griechische, lateinische, deutsche und hebräische Literatur. Dr. Joel unterrichtete in Homiletik, Religionsphilosophie und in einigen Fächern, die besonders für die jüngeren Studenten bestimmt waren. Dr. Zuckermann's Unterrichtsgegenstände waren die Arithmetik in allen ihren Zweigen, Physik und allgemeine Geographie. Gleichzeitig fungierte er als Bibliothekar an der zum Seminar gehörenden Bibliothek, die nicht nur damals, sondern auch heute noch in Deutschland einzig in ihrer Art ist. Die drei ersten Rabbiner, die vom Seminar nach vierjährigem Studium als qualifizierte Rabbiner entlassen wurden, waren Dr. Güdemann, Dr. Perles und Dr. Rahmer. Die beiden letztgenannten weilen leider nicht mehr unter den Lebenden, sie werden aber immer eine hervorragende Stellung in den Annalen der jüdischen Bibliographie einnehmen für die wertvollen Beiträge, die sie der jüdischen Wissenschaft und Literatur geliefert haben. Dr. Güdemann lebt glücklicherweise in bester Frische als Oberrabbiner in Wien und veröffentlicht von Zeit zu Zeit höchst interessante Beiträge über verschiedene jüdische Gegenstände. Sein bedeutendstes und bemerkenswertestes Werk ist die „Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur der abendländischen Juden"; es umfaßt drei Bände und ist in den Jahren 1880 bis 1888 erschienen. Als Güdemann und seine beiden Kollegen seinerzeit das Seminar verließen, um ihre Pflichten als neugewühlte Rabbiner dreier jüdischer Gemeinden auf sich zu nehmen, hielt er im Vortragssaal des Seminars eine kurze Ansprache, die von der zahlreichen Zuhörerschaft mit größter Aufmerksamkeit angehört wurde. Diese Ansprache enthielt einige charakteristische Stellen, die noch heute von großem Interesse sind. „Treues Judentum", sagte Dr. Güdemann, „steht der allgemeinen Wissenschaft durchaus nicht feindlich gegenüber und ist durchaus nicht abgeneigt, sich mit ihr aufs engste zu verbünden." Die wünschenswerte Vereinigung des Judentums mit allgemeiner Wissenschaft ist allezeit von allen gebildeten Leitern jüdischer Gemeinden aus das Kräftigste gefördert worden, und Frankel, der Führer und Leitstern des Breslauer Rabbinerseminars, hat immer zu diesen Männern gezählt. Im Vereine mit seinen übrigen Lehrern ist er stets bemüht gewesen, in die Herzen der Schüler eine immer wachsende Liebe für hebräische und jüdische Studien zu legen, die aus wissenschaftlicher Grundlage aufgebaut waren. Solch ernstes Streben auf Seiten des Lehrerkollegiums des Seminars mußte notwendig die befriedigendsten Ergebnisse zeitigen. Daß die charakteristischen Bemerkungen Dr. Güdemann's aus dem Jahre 1862 praktische Gestalt angenommen haben, beweist die Tatsache, daß die meisten jüdischen Gelehrten aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts frühere Schüler des Breslauer Rabbinerseminars sind. Außer den bereits genannten drei gelehrten Rabbinen sind aus dem Institut noch mehrere andere Männer hervorgegangen, die wegen ihrer talmudischen, orientalischen oder klassischen Gelehrsamkeit berühmt geworden sind. Oderfurt. Programmäßig fand am 30. Oktober die Einweihung unseres Tempels statt. Um 2 74 war Versammlung im Hause des Herrn Förster, wo sich die Regierungsvertreter, Stadt- und Kultusgemeindevertretungen u. s. w. einsanden. Nach einer Ansprache des Rabbiners Dr. Spi ra begab sich der Zug in nachstehender Ordnung zum Tempel: Junge Mädchen, Kantoren voran, sodann Rabbiner unter dem Baldachin, k. k. Statthaltereirat und Bürgermeister, Kultusvorsteher Herr Dr. Hilf und Herr Förster, auswärtige Kultusvorstände, Ausschuß der Kultusgemeinde M.-Ostrau unter Führung des Kultusvorsteher-Stellvertreter Friedländer, Ausschuß des Oderfurter Tempelvereines, Vereinsmitglieder des Oderfurter Tempelvereines, Damen und andere Gäste. Am Tempeleingange erfolgte die Begrüßung der Gäste durch Herrn Förster. Schlüsselübergabe durch ein Mädchen an Kultusvorsteher Dr. H i l s. Letzterer überreichte sodann den Tempelschlüssel an den Regierungsvertreter, woraus der Einzug in den Tempel unter Spielen eines Präludiums erfolgte. Der weitere Festakt vollzog sich folgendermaßen: Wajhi binsoa, Oberkantor L ö w y und M.-Ostrauer Chor. Oeffnen der Bundeslade und Einheben der Thorarollen durch die Kultusvorsteher Dr. H i lf und Förster. Nwenuchoh jomar, Oberkantor Löwy und Mähr.- Ostrauer Chor. Schlußsteinlegung. Ma tauwu, Oberkantor