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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-11-04 · 45 (4.11.1904) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
45 (4.11.1904)
Date
1904-11-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 720 Nr. 45 Dr. Mocb's MwcbenscbrM. sie seien eine Nation von „Aussätzigen" gewesen, möchren wir bestreiten und fast behaupten, Schiller hätte das Kapitel bei Tacitus in den „Historien" nicht sehr genau gelesen. Wir bemerken, daß sich . Schiller bei der Schilderung der aussätzigen Inden >twas gar zu lange, verdächtig lauge aushält. Daß der Aussatz eine furchtbare Krankheit war, die im Oriente schrecklich wütete und gegen die so zahlreiche Vorkehrungen von dem Gesetzgeber selbst getroffen wurden, wissen wir aus der Bibel, aber wir wissen nichts davon aus der heiligen Urquelle, daß die Egypter aus „Ekel" vor dieser „Volkskraukheit" sich gegen das Volk wandten, das mit dieser Krankheit behaftet war. Das sagt Manethv, das redete ihm später Apion willig nach und Schiller konstruierte sich daraus nicht am wenigsten die Gründe, die zu einem Widerwillen der Egypter gegen das unter hartem Drucke seufzende Israel führten. Die biblische Urkunde entwirft von dem Israel der Vorzeit nicht grade das schmeichelhafteste Bild, von jener Volksmenge, die dem Führer seine Aufgabe oft so schwer machte. Aber der edle Kern, den die Sklaverei vieler Jahrhunderte nicht zu vernichten vermochte, der unter dem eisigen Hauche der Despotie nicht ganz verkümmern konnte, kommt doch zum Vorscheine, und manche tüchtige Persönlichkeit stellt sich dem großen Führer dienend zur Seite. Und so müssen wir sagen, daß der Dichter Schiller dem Historiker Schiller nicht den besten Dienst leistete, als er in breiter Schilderung ein abschreckendes Bild von den Zuständen des israelitischen Volkes entwarf, da Moses in seiner Mitte anstrat. Schiller in seinen geschichtsphilosophischeu Absichten immer bestrebt, Ueberuatürliches ans natürliche Weise zu erklären, mit geradezu dürftigen historischen Hilfsmitteln ansgestattet, gibt uns eine ganz unwissenschaftliche Darstellung der damaligen israelitischen Bolksvcrhältuisse. So bleibt „die Sendung Moses" ein nicht zu verkennendes Monument des l 8. Jahrhunderts, .ein Aussluß des Barth'scheu Rationalismus, dem auch die Gestalt Mosis entspricht. Damit ist es auch zu erklären, daß Schiller Moses in die Schule der egyptischen Priester gehen laßt, nur hier die Mysterien des Altertums kennen zu lernen Auf den Lehrkanzeln der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts wurde dieses Wort Schiller'« wiederholt, man hat die Namen Moies. Aron, Miriam aus dem Egyptischeu erklären wollen, und wer Lust hat, sich darüber zu unterrichten, der schl.-ge in älteren Jahrgängen der „Sitzungsberichte der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften" nach und lese hier Büdinger's oft widerlegte Arbeiten über diesen Gegenstand. In jenen Priesterschnlen soll Moses die Lehre von dem einen Gotte im Gegensätze zur Volksreligion kennen gelernt haben, dort soll in ihm seine große, künftige Aufgabe zur Reise gelangt sein. Der Priesterzögling muß durch ein zufälliges Ereignis genötigt, fliehen, und in der arabischen Wüste wird die größte Befreiung, von der die Geschichte berichtet, zur Wirklichkeit. — Halten wir hier ein wenig still. Es muß uns billig wundern, wenn Schiller, der doch als Jüngling Theologie studieren wollte und der die ganze Bibel in Luther's markiger Uebersetzung auswendig gelernt hatte, so gar nicht Rücksicht auf das nimmt, was die Bibel uns erzählt. Nach der Bibel ist das, was die Hebräer glauben sollten und was die Egypter lehrten, im unvereinbarten, bewußten Gegensatz. Jeder denkt hier sofort an den egyptischeu Todtenkultus. Wie konnte derselbe Moses in die Schule der egyptischen Priester gegangen sein, die das Mysterium des Todes lehrten, welche die Erhaltung der Persönlichkeit — denn das ist die egyptische Unsterblichkeitslehre — forderten, derselbe Moses, der des Todes so wenig achtete, wie Ahron sein Bruder. Sind doch beide, wir wissen selbst nicht wie gestorben, und auf die Art ihrer Bestattung haben sie noch weniger Gewicht gelegt. Wir sehen hier natürlich ab von jenen phantastischen Erklärungsweiseu, die Goethe in einer theologischen Arbeit für Mosis Tod gibt, als wäre hier Josua ein Beteiligter gewesen. Es scheint überhaupt, als wäre Goethe bei der Beleuchtung der großen Erscheinung der Vergangenheit, die wir in Moses verehren, noch weniger glücklich gewesen, als Schiller. Was ist — man lese darüber in den Noten zum „westöstlichen Divan" — nach aus der Gestalt Mosis unter den Händen des „großen Heiden" geworden! Eul ganz unfähiger Regent, ja ein schuldiger Volksverführer. Schiller'sche Phantasie und Goethe'scher Zweifel haben ans dieser erhabenen Gestalt, die von der Urquelle mit so gewaltigen, charakteristischen Zügen ausgestattet ist, einen kalten, ruhigen Helden gebildet, einen Mann mit ruhiger Ueberlegung, der sich zu einer geistigen Tat sammelt, und bei Goethe ist diese Gestalt fast schon zu einem Zerrbilde des Prophet namtes ausgeartet. Wir behaupten ferner, Moses konnte in der Schule der Egypter nicht die Lehre von der reinen, idealen Gottheit empfangen, die er so begeistert verkündete. Der Tiernnd Todtenkultus der Egypter ist der gerade Gegensatz zu dem nnsichtbar-walteuden Ewigen, zu der Religion des Lebens, die Moses lehrt. Doch hören wir, wie der Geschichts- Philosoph Schiller, nach Eichhorn's oder Spittler's, nach der Weise der Göttinger Schule, Geschichte vortragend, die Person Mosis schildert: „In dem Kleid eines Hirten trägt er einen feurigen Regentengeist, einen rastlosen Ehrgeiz mit sich herum." Schön deklamiert, aber wenig der Wahrheit entsprechend. Es ist, als hörten wir den Vertreter der Allegoristen, den Platoniker Philo sprechen, dem Moses eine Art Verkündiger sokratischer Weisheit ist, als hörten wir jenen Josephus, nach dessen Erzählung Moses die alten Rhetorenschulen fleißig besucht haben müßte, um jene Reden zu halten, mit denen er sich bei seinem Volke vor der Offenbarung einführt. Das fHugt alles so dichterisch schön, aber vom Historiker verlangen wir noch etwas mehr, als schöne dichterische Worte. Der schlichte, fast möchten wir sagen, scheue Hirte der Bibel, er.ist zum Regenten geworden, der bescheidene, demutsvolle Moses zum Geiste, „der einen rastlosen Ehrgeiz mit sich herumträgt". Und nun folgt, bei Schiller ein ganz natürlicher Erklärungsversuch der großen Wirkungen und Ereignisse, deren Held Moses ist, der, lange unschlüssig, in welcher Form er seinem Volke die Gvtteslehre überliefern soll, endlich dazu gelangt, ihm „seinen wahren Gott auf fabelhafte Weise zu verkünden". Feemo bleibt hier Schiller das ganze jüdische Altertum, desto williger folgt er Manelhos, Strabos, Tacitus und Philos Spuren. Moses kann — nach Schiller — seinen Hebräern doch nicht den Demiurgos verkünden. Wir glauben dies Schiller sehr gerne, denn zu einem Platoniker können wir, trotz Philo, Moses denn doch nicht stempeln. Er kann ihnen auch den Jao nicht verkünden, von dem sich so schön in dem Gedichte „das verschleierte Bild von Sais" liest und von dem wir so wenig wissen, als wahrscheinlich auch Moses von ihm gemußt hat. Aber „er paßr seinen Jao dem Volke au, dem er ihn verkündigen will; er paßt ihn den Umständen an, unter welchen er ihn verkündiget, und so culsttht sein Jehowah." Wie wir sehen, steigt Schillert Untersuchung immer mehr aus kalten und unzugänglichen Höhen heran, auf denen das Eis der menschlichen Vernunft zu finden, denen aber der warme Strahl empfindungsvollen, warmen Lebens versagt ist. Dieser Schiller'sche Moses besitzt wenig Wärme, gar keine Gläubigkeit und natürlich auch keine Begeisterung. Es ist der ewig berechnende Denker, der nach Mitteln zu seinem großen Zwecken suchende, dos Unglaubliche stets versuchende und.die Natur selbst für sein großes Werk in Bewegung setzende Mensch. Und doch, wir möchten schwer auf diesen, — wie wir ihn bezeichnend nennen wollen Schiller'schen Moses — wir möchten ungerne auf ihn verzichten. Ist es im hohen Grade belehrend, zu sehen, wie sich im Genius eine Welt . spiegelt, wie sie in einem gewaltigen Geiste sich oft so eigenartig gestaltet, wie bedeutsam ist es für uns zu erkennen,

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