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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-11-04 · 45 (4.11.1904) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
45 (4.11.1904)
Date
1904-11-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 718 Dr. Vlocb's Mocbenscbrttt, Nr. 45 „Staatsgrundgesetzlich steht jedermann die freie Meinungsäußerung zu, und es wäre von uns verfehlt, wenn wir, meine Herren, diese staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Rechte einem Stande absprechcn wollten. Der Lehrer i st ein P i v u i e r d e r F r e i h e i t u n d faitn nur als solcher seiner Pflicht gerecht werden". (Lebhafter Beifall.) In Wien und Niederösterreich ist Landesausschuß Doktor Geßmann Herr und Referent: in Czernowitz und in der Bukowina ist der Jude Dr. Benno S t r a u ch e r Landesausschuß und Referent. Der Eine im Osten arbeitet für die Befreiung des Lehrerstandcs, der Andere im Westen für seine Knechtung und Knebelung. Der Tiefstand. Sie blödes Mistvieh! Ist das Alles? Nein: auf das blöde Mistvieh setzte er noch eine blöde Canaille. Das ist unsere parlamentarische Beredtsamkeit. Thersites unter den Helden: aber von den homerischen Helden ganz abgesehen, selbst der klassische Stänkerer würde sich eine solche Parallele sehr ernstlich verbitten. So Witz- und talentlos, so einfach gemein hat er doch niemals geschimpft. Selbst für die äußere rhetorische Form gibt es da nur eine Note: gänzlich ungenügend! Der illustre Redner hatte das Bedürfnis, das Mistvieh durch ein schlagkräftiges eMmton omaus besonders hervorzuheben — ein künstlerisch ganz berechtigtes Bedürfnis. Man schickt nicht ein Mistvieh völlig schmucklos in die Welt. Er wählte dazu das Adjektivum „blöd". Mn, nicht besonders! Aber schließlich — man darf nicht zu hohe Ansprüche stellen. Wenn er aber dann gleich darauf auch die Canaille mit demselben Epitheton schmückt, so ist das entschieden ein Kunstfehler. Das schmückende Beiwort muß individuell und charakteristisch sein. Thetis ist niemals rosenfingrig und Eos niemals silberfüßig, obschon sie es ja fein könnten, aber das Beiwort muß treffend sein und so charakteristisch, daß dann eine Verwechslung gar nicht mehr möglich ist. Wie charakteristisch ist beispielsweise das Charaktereigeuschaftswort „christlich-sozial"! Das erzählt gleich eine ganze Geschichte, und man weiß sofort Alles. Wenn aber die Canaille genau ebenso taxiert wird wie das Mistvieh, dann hört dabei jede rhetorische Kunstübung auf, und es bleibt nichts übrig, als die blanke Gassenbüberei. Unsere parlamentarische Beredtsamkeit! Wenn man sie einem Japaner begreiflich machen wollte, das wäre eine schwere Sache. Die Japaner sind — Herr Hermann Bielohlawek beweist das allwöchentlich in seinem Blättchen in Plakatschrist, ich bitte — Herr Bielohlawek! — ein halbwildes, kulturloses Volk, aber dieses Volk hat eine besondere Eigentümlichkeit: es kennt keine Schimpfwörter. Und da soll man dann einem Japaner unsere parlamentarische Beredtsamkeit begreiflich machen! Er würde meinen, daß Leute, die so reden, betrunken sein, jedenfalls aber der tiefften Hefe des Volkes angehören müssen. Nein, mein armer kulturloser Japaner, so steht die Sache nicht. Bei uns reden die Erwählten des Volkes so, selbst Würdenträger unter den höchsten Würdenträgern des Landes bei Beratung der ernstesten Interessen des Volkes, — und gibt es für dieses ein ernsteres Interesse, als die Schule! — nicht Schnapsbrüder in den Spelunken, sondern Barone, Vertreter der Aristokratie, und Aristokratie heißt nichts Anderes, als die Herrschaft der Besten. So, mein lieber Japaner, steht es bei uns. Und die ernsten Männer, die da über das Wohl des Volkes beraten, haben den Tobenden nicht hinausgetragen, haben sich nicht beeilt, jede Gemeinschaft mit ihm aufzuheben, sich von ihm loszusagen, ihn im berechtigten Gefühle der Scham zu isolieren. Sie haben wohlgemut dazu gelächelt und halten ihn für einen „feschen Kerl", wie ja bekanntlich auch Herr Hermann Bielohlawek ein fescher Kerl ist. So, mein sehr geschätzter Japaner, sieht es mit unserem Parlamentarismus, unserer parlamentarischen Eloquenz und unserem parlamentarischen Anstand ans. Und die Ursache von alledem? Die Juden. Du begreifst, mein kleiner Ostasiate, daß diese nicht das Beispiel der Verwilderung und der Verrohung der Sitten geben. Das haben sie nie und nirgends getan, aber der Haß wider sie ist eilt negativer Kulturfaktor geworden, und es gibt keine Brutalität, keine Ungerechtigkeit, keine gewalttätige Rechtsbeugung, die bei uns in unserer Zeit durch sie nicht hvf- und salou- und regierungsfähig werden könnte. Wenn es nur gegen die Juden geht, dann ist alles möglich, alles gestattet, alles aussichtsvoll, verheißungsvoll, lohnend. Du hast recht, du kulturloser Fremdling, das Alles könnte nicht so sein, wenn nicht zuvor die Sittlichkeitsbegriffe und das öffentliche Nechtsbewußtsein des Volkes zu einem entsetzlichen Tiefstand hinabgedrückt worden wären. Vor mehr als einem Vierteljahrhundert ging es wie ein tiefes Aufatmen durch dieses Volk, als seine Vertreter ihm die neue Schule erkämpft hatten, die eine Schule der freien Lehre sein sollte, die gesegnet Pflanzstätte für Bildung und Aufklärung. Es war ein weltgeschichtlicher Jubel, der durch die Seele dieses Volkes brauste, als die Errungenschaft gesichert und unter Dach gebracht wvr. Vorangegangen war jene köstliche Erhebung der Geister, die den geistertötenden Bann des Konkordates abfchüttelte, das sich von Rom aus, die Herrschaft über das ganze geistige Leben des Volkes angemaßt hatte. Es war ein glorreiches Aufraffen, ein prachtvoller Zorn, ein hochgesinnter Trotz, der sich nicht länger unter das kaudinische Joch beugen wollte. Und heute? Heute wollen sie die geschichtliche Entwicklung zurückschrauben bis dahin, wo sie stand, bevor das Konkordat abgeschüttelt und die neue Schule errungen war. Und das Volk murrt nicht, lehnt sich nicht auf, verjagt nicht in heller Empörung die Dunkelmänner, die ihm wieder den Horizont mit schwarzen Kutten verhängen wollen. Es leistet ihnen vielmehr Heerfolge, es jubelt ihnen zu. Warum? Weil man von ihm Alles haben kann, wenn nur das Schlagwort ausgegeben wird, es gehe gegen die Juden. Das ist ein Kapitel zur Psychologie der Volksseele. Jede Rechtsempfindung erstirbt, wenn es gilt, den Juden einen Tort anzntun. Im Gemeinderat wie in der Landstube ist die Schulfrage in einer Weise behandelt worden, wie es sonst in der ganzen Welt nicht möglich wäre. Nicht das ist das Aufreizende, daß die Schule wieder unter dem Klerikalismus gebeugt werden soll. Es ist anderwärts auch schon die klerikale Partei zur Herrschaft gelangt, niemals zum Heile der Schule und der freien Forschung, aber volunti non fit injuria, und wenn es so des Volkes Wille ist, so soll es so sein, bis es sich wieder eines Bessern besinnt. Was aber nicht so sein soll und darf, das ist, daß das offenbare Unrecht zu einem System, förmlich zu einem Dogma erhoben wird. Ein Redner, es ist der große Bielohlawek, also sicherlich der providentielle Mann, um in der Schulsache und allen markanten Kulturfragen der Zeit das große Wort zu führen, wirft sich in die Brust und verkündet namens seiner Partei: „Bezüglich der Beförderung der Lehrer herrscht bei uns die größte Objektivität". Man geht niemals fehl, wenn man hinter jeder christlich-sozialen Aeußerung, die Gerechtigkeit predigt, die Heuchelei sucht. Nur wird es selten gar so plump gemacht, wie in diesem Falle. Denn der Redner fährt gleich darauf fort: „Daß ich aber als Antisemit einen Juden nicht befördern kann, das ist eine feststehende Tatsache". Wir leugnen nicht, daß Logik in dem Satze steckt, aber wenn man einmal logisch zu schließen begonnen hat, darf man nicht willkürlich stehen bleiben. Es nützt auch nichts. Denn der gesunde Menschenverstand kommt ja dann doch zu dem richtigen Schluffe. Was folgt denn weiter aus dem lapidaren Satz? Der einmal angestellte Jude hat vor dem Gesetz genau dasselbe Recht, wie jeder andere Angestellte. Läßt man ihm dasselbe Recht nicht zuteil werden, so begeht man eine Ungerechtigkeit. Der Antisemit — „das ist eine feststehende -Tatsache" — kann nicht Gerechtigkeit walten lassen, folglich ist der Antisemit und der ganze Antisemitismus untauglich für die öffentliche Verwaltung. Das ist es, was sich mit zwingender Logik aus jenem edlen Bekenntnis ergibt, und das ist's, was zu beweisen war. Die Juden sollen auf das Niveau der Heloten und Sklaven hinabgedrückt werden. Während aber die rechtlosen Sklaven

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