Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 44 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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©ttlC J14: Dr. »locb’s Mocbenscbrttt Sir. 44 Dichter Dr. Steuerman in's Rumänische übersetzte. Die Königin dankte ihm und dem jüdischen Maler Tinkelstein, der die Dekoration geleitet, huldvoll. Zum Hofball wurden einige Juden — Bankiers, Industrielle, Literaten, wie Rabbiner Dr. Niemirower und Frau — geladen. Sollen die Juden Besserung der Verhältnisse erwarten?? Israelowitz. Audrychau. Am jüngsten Sabbath-Bereschith feierte unser derzeitige Kultusvorsteher Herr Ferdinand Stamberger sein Skijähriges Jubiläum als Tempclvorsteher. Aus diesem Anlasse wurde dem um die Gemeinde sehr verdienten Mynne seitens des Kultusvorstandes eine überaus würdige Ovation dargebracht. Nach dem. Gottesdienste begaben sich sämtliche Mitglieder des Vorstandes in die Wohnung des Jubilars, woselbst ihm eine schön ausgestattete Dankadresse überreicht wurde. Hiebei hielt Herr Vorsteher-Stellvertreter Samuel Schnitzer eine Ansprache, in welcher er die Verdienste des Gefeierten hervorhob. Herr Stamberger dankte für die ehrende Kundgebung in bewegten Worten. Da Herr Stamberger sich auch um die Renovierung unseres Gotteshauses sehr verdient gemacht hat, beschloß der Vorstand, in der Vorhalle des Tempels eine Votivtafel mit dem Namen des Jubilars anbringen zu lassen.' „Der junge Mozart". Unter diesem Namen ist ein lOjähriger jüdischer Knabe, namens Sittel Drabsky seit einiger Zeit in der Londoner Musikwelt bekannt geworden. Er ist der Sohn eines Musiklehrers in Rußland; als Kjähriger Junge hatte er schon Kompositionen verfaßt, die in Tausenden von Exemplaren verbreitet, wurden und allenthalben Beifall fanden. Vor einigen Tagen fand im Konzertsaal „Alexandra Hall" ein seinen Kompositionen gewidmetes Konzert statt, wo er. sich sowohl als. Komponist wie auch als gewandter Musiker auszeichnete. Die größten Londoner Tagesblätter würdigen ihn und versprechen ihm eine große Zukunft. Poris. Die Jca hat in ihrer letzten Sitzung beschlossen, auf ihre Rechnung ein Auskunftsbureau für Auswanderer unter ihrer Aufsicht zu gründen. ' Feuilleton. Grsiihnt. Von Dr. F. Nich. Heinschel. (Fortsetzung.) Wenige Wochen nach der Hochzeit schon begann er seine junge Frau ganz zu vernachlässigen. Er verbrachte die Abende im Klub und in lustiger Gesellschaft und Ricke mußte bald die Erfahrung machen, daß er niemals Neigung für sie empfunden und es nur aus ihren Geldsack abgesehen hatte. Welche Qualen litt sie, wenn sie die luxuriös ausgestatteten Salons ruhelos durchschritt. Es war nicht Eifersucht, sie sah ja ein, daß es nur ein rascher, ein kurzer Sinnestaumel war, was sie für Egon empfunden, wahre tiefempfundene Neigung hatte sie nie gefühlt. Und wenn sie in den Abendstunden allein zu Hause saß, in ein Buch starrte, dann ertappte sie sich oft bei den Gedanken an den Jugendfreund und Genossen. Wie glücklich wäre sie an der Seite des ernsten, gebildeten Mannes geworden, der sie von ganzer Seele liebte und für den auch sie Neigung hegte. Warum ließ sie sich von der glänzenden, gleißenden Gestalt des Wüstlings betören, sie mußte es schwer büßen. Der Weg zum Herzen der Mutter war ihr verschlossen, eilte sie ja doch mit deren Fluch beladen in des Gatten Arm; der Vater aber hatte kein Verständnis für solche Gefühlsduseleien, wie er es zu nennen liebte, war er ja doch selbst der leichtlebige Genußmensch. Und der Trost der Religion war ihr versagt, den neuen Glauben hatte sie nicht erkannt und den alten hatte sie abgeschworen. Ab- . geschworen für' ein Phantom, für einen Namen, für einen Titel, ftir einen leexen Schall, für ein Wahugebilde. Die einst so lebenslustige Riete war eine stille ernste Frau geworden. Wie haßte sie nun den Mann, der ihr Lebensglück so mutwillig; zystörte. Betrogen! Betrogen vom Hochzeitstage an! Ihre ^Freundinnen waren,grausam genug, ihr zuzuflüstern, daß ihr Mann zarte Beziehungen zur Schauspielerin Medea unterhielt. Rieke wurde mit jedem Tage bleicher; wie ein Schatten ging sie in ihren herrlichen Wohnräumen herum, still in sich gekehrt. Sie war zumeist allein. Manchmal verbrachte Egon noch die Abende in ihrer Nähe, dann, das wußte sie schon, hatte der Mann Geld für seine noblen Passionen nötig. Bald nach der Hochzeit, wenn die Gläubiger das Haus einrannten, schwankte sie keinen Augenblick und gab das Geld mit vollen Händen her. Da war er vor ihr niedergestürzt und bat, mit der Mordwaffe in der Hand: „Deine Liebe, oder ich lebe nicht mehr". Und sie glaubte ihm und bezahlte seine Schulden. Jetzt hörte sie auf solche Komödie nicht mehr. Egon geriet später wiederum einmal in arge Klemme. Sie sah es ihm an, daß etwas mit ihm vorgegangen sein mußte, das ihn geistig aus allen Fugen gebracht und jeden inneren Halt ihm geraubt. Aber' sie hatte keinen Blick, kein freundliches Wort für ihn, wußte sie doch seit einigen Stunden, wie schwer er sich gegen sie vergangen. „Rieke, Rieke, liebe mich doch! Dann kann noch alles gut werden". Dabei zog er sie plötzlich mit einer Heftigkeit in seine Arme, die sie bis zur Atemlosigkeit erschreckte und drückte einen glühenden Kuß auf ihr Gesicht. Ein widerwilliger Schauder zog durch ihren Körper; die innere Abscheu, die sie dagegen empfand, war so groß, daß sie ihn mit Gewalt von sich stieß. Der Gedanke, daß sich solche Szenen wiederholen könnten, erfüllte sie mit Entsetzen. Egon hatte ihren Schauder, ihr Entsetzen, ihren Widerwillen bemerkt, doch er war in großer Not und er sank vor ihr auf den Boden, umschlang ihre Knie und drückte sein verstörtes Gesicht in die Falten ihres Gewandes. Sie riß sich von ihm los und sah verächtlich auf ihn herab. Dann trat sie zum Fenster, sie hatte die Lippen aufeinander gepreßt, die Hände verschlungen, sie hielt den Atem an sich, als wolle sie die verpestete Luft nicht einatmen, die von dem Manne, der von Alkohol und süßlichem Patschuli roch, ausströmte. Das Blut war ihm zu Kopfe gestiegen und die nervöse Erregung schnürte ihm die Kehle zu. Endlich begann er zu sprechen. Dabei richtete er sich zu seiner vollen stattlichen Höhe auf. Warum stießest Du mich von Dir? Du weißt, ich will.Geld? „Herr von Brinckmann, Sie wollen Geld, das ordinäre Geld, welches ein echter Edelmann auf die Straße zu streuen gewohnt ist, ich habe keines für Sie!" Es zuckte höhnisch um seine Lippen. „Glaubst Du denn, ich hätte dich umsonst zur Freifrau erhoben? Jüdin! Glaubst Du ich hätte Dich Deiner schönen Augen wegen heimgeführt?" Er zischte es zwischen den Zähnen hervor. Sie hob mit einem Aufschrei die Hand: „Nicht weiter! Ich weiß ohnehin, daß Sie mich nie geliebt!" Dabei machte sie ein paar Schritte nach dem Schreibtische hin, zog eine Lade auf und reichte ihm mit abgewandten Blick einen Brief. Hatte ihr Ton, ihr stechender Blick schon gewirkt, die Empfindung in ihm erweckt, daß es auch für den Langmut dieser Frau eine Grenze gab, so! mrde er beim Erblicken des Schreibens vollständig konsterniert. Er erkannte das dicke Rosapapier mit den ungeübten Schriftzügen. „In einem Buche, welches das Mädchen aus Ihrem Zimmer geholt,, habe ich den Brief gefunden", sprach sie dabei. Nicht einmal den Vorwurf der Spionage konnte er diesem Weibe machen; das Blatt zitterte in seiner Hand. Nach diesem Ereignis, das wußte er, war ein Zusammenleben nicht mehr denkbar. Dazu würde sich dieses Weib nimmer verstehen. Rieke war wieder ans Fenster getreten, als schien sie sich für nichts, als für das, was auf der Straße vorging, zu interessieren. Nach einer Weile drehte sie sich um und sprach: „Für uns ist ein Zusammenbleiben undenkbar. Die reichlichsten Mittel sollen Ihnen zur Verfügung stehen, stellen Sie Ihre Bedingungen, ersparen Sie mir aber das Geschäftliche, mein Anwalt wird alles nach Ihrem Wunsche in Ordnung bringen. Er. ist verschwiegen, und genießt mein vollstes Vertrauen". Dann winkte sie mit der Hand, er war entlassen und sie sah in diesem Augenblicke so hoheitsvoll, so vornehm aus, als wäre sie eine Fürstin. Dann schritt sie zum Sofa, länger vermochte sie nicht mehr sich aufrecht zu erhalten — „war er noch nicht gegangen?" — sie wagte es nicht sich umzuwenden und Egon, sein Fuß zögerte, grub sich in dem persischen Teppich, seine Hände schloffen sich krampfhaft, seine Gesichtsmuskel zuckten konvulsivisch.