Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 44 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021592--14005-3038689- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 44 Dr. Mocb's Mocbenscbrttt. Seite 709 Demel alle jüdischen Geschäftsleute für Betrüger erklärt, so ist das nichts anderes als der allerärgste Boykott. Wenn der Landtag jüdische Studenten der Exportakademie von seinen Stipendien ausschließt, so ist dies gleichfalls ein Boykott u. zw. der allerärgste, der sich denken läßt, er ist gegen die zukünftige Existenz unserer Jugend gerichtet. Und neben diesem Boykott geht noch der allerärgste Hohn her. Der Herr Bürgermeister, der sich der antisemitischen Bewegung bemächtigt hat, einzig und allein um sich von ihr an die Spitze der Stadt tragen zu lassen, welcher also heute an der Spitze dieses Kampfes gegen die wirtschaftliche Existenz der Juden steht, hat jüngst im Gemeinderat verlangt, die Juden mögen ihn mit ihren Judenangelegenheiten in Ruhe lassen. Das ist wohl politisch die keckste Zumutung, die uns gestellt werden kann. Selbstverständlich werden wir dieser freundlichen Aufforderung keine Folge leisten, sondern im Gegenteile werden wir Juden diesen Kampf um unsere Existenz auf das Allerenergische st e bis zu einer Aenderung derSituationführen müssen. (Lebhafter Beifall.) Zu unserem lebhaften Bedauern ist der für den ersten Gegenstand bestimmte Referent, Herr Dr. Ascher, wegen Heiserkeit verhindert, zu sprechen. Lassen Sie mich darum selbst die Bedeutung desselben mit einigen Worten skizzieren. Diese Bedeutung ist eine doppelte. Vorerst eine allgemeine für die ganze Bevölkerung. Sie legt die ganze Gewalt über die Schule in die Hände des klerikalen Landesausschusses. Wir Juden müssen erwarten, daß nach dieser Richtung sich die vernünftigen Elemente in der ganzen Bevölkerung des Reichsvolksschulgesetzes, das für Niederösterreich durch diese Vorlagen durchbrochen wird, annehmen werden. Speziell für uns Juden hat eine Bestimmung in diesen Vorlagen eine große prinzipielle Bedeutung. Sie verfügt, daß im Ortsschulrate wohl der katholische Pfarrer selbstverständlich Mitglied des Ortsschulrates ist, daß aber die Vertreter der anderen Konfessionen nur dann und bei jenen Gegenständen mitzusprechen und mitzustimmen haben, in denen es sich um Entscheidungen von Gegenständen ihrer Konfession handelt. Nun ist das vor Allem ein sehr dehnbarer Begriff. Es ist ganz natürlich, daß, wenn es sich um spezifische Gegenstände der jüdischen Religion handeln wird, dies in den Kreis jener Gegenstände fällt, über welche der jüdische Vertreter mitzustimmen hat. Aber gesetzt den Fall, daß beispielsweise ein Geschichtsbuch in den Schulen eingeführt werden soll, in welchem eine gehässige Darstellung der Geschichte der Juden enthalten ist, dann hätte der jüdische Vertreter hiebei nicht mitzusprechen, weil der Geschichtsunterricht keine Religionssache ist. Aber dieses einzelne Bedenken verschwindet ganz und gar gegen die grundsätzliche Bedeutung, die diese Bestimmung für uns Juden hat. Wenn der Landtag aus öffentlichen Mitteln Stipendien stiftet, welche nach konfessionellen Motiven verteilt werden sollen, so ist das ganz gewiß gegen die Verfassung. Aber immerhin ist dies nur eine gegen das Gesetz verstoßende Praxis. In der Schulvorlage wird zum ersten Male seit Aufhebung des Konkordats durch ein Gesetz eine verschiedene Behandlung der Katholiken und aller Akatholiken eingeführt. Es ist nur der erste Schritt, aber wir können mit Bestimmtheit rechnen, daß, wenn den Klerikalen dieser erste Schritt gelingt, die weiteren auf sich nicht warten lassen werden, und wir laufen Gefahr, in Zustände zurückgeworfen zu werden, wie sie die Alten unter uns noch vor dem Jahre 1848 gekannt haben. Dagegen heißt es, sich mit aller Kraft wehren. (Anhaltender Beifall.) Der Vorsitzende erteilt nun Herrn Dr. Stransky das Wort zu dem zweiten Punkte: „Der Kampf gegen die jüdische Berufsintelligenz" mit dem Bemerken, daß er die Diskussion über beide Punkte gleichzeitig eröffnen werde. Referent Dr. Stransky betont den praktischen und ethischen Wert der von der Union veranstalteten Versammlungen über jüdisch-soziale Fragen, durch welche eine Orientierung über die verschiedenen Wünsche und Beschwerden ermöglicht und durch Diskussion die Meinungen geklärt werden. Es sei notwendig, die unterschiedlichen Beschwerden zu sammeln, um wirksam arbeiten zu können. Redner konstatiert die Ueberfüllung des Aerztestandes im Allgemeinen und besonders den hohen Perzentsatz der Juden in demselben speziell in Wien. Diese Ueberfüllung sei verursacht durch die Boykottierung der jüdischen Aerzte auf dem Lande, welche denselben keine Stellen zukommen läßt, aber auch die Gründung einer Praxis verschließt und daher selbstverständlich ein Abfluten derselben nach der Hauptstadt zur Folge habe. Die jüdischen Aerzte leiden ganz besonders unter dem Uebel des Aerztestandes im Allgemeinen, unter der unrichtigen Anwendung des Krankenkassagesetzes, das es den Reichen ermöglicht, gegen einige Kreuzer ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen und den Mißbrauch der ambulatorischen Behandlung in sich schließt. Während den Christlich-Sozialen die Erlangung von Stellen in hohem Maße erleichtert wird, wird den Juden der Zutritt zu denselben verwehrt, weil bei der Ausschreibung oft nicht nur der Taufschein, sondern auch arische Abstammung verlangt wird. Es ist eine Tatsache, daß jüdische Sanitätskonzipisten im Staate seit Jahrzehnten nicht angestellt wurden, ebenso wie Juden zwar Offiziere werden, aber nie zur Kriegsschule beordert werden und jüdische Diplomaten nicht zur Verwendung gelangen. Eine Ausnahme bilden die jüdischen Polizeiärzte, welche aber nicht in Staatssondern Polizeidiensten stehen und deren Dienst ungemein anstrengend, deren Avancement äußerst schlecht ist. Was die diesbezüglichen Verhältniffe in Wien anbelangt, werden bekanntlich die jüdischen Aerzte von städtischen Stellen ausgeschlossen, so zwar, daß man bei der Ausschreibung derselben nicht den Taufschein verlangt, aber den Bewerbern die Unmöglichkeit ihr:r Anstellung klar macht. Die vor dem christlichsozialen Regime angestellten jüdischen Aerzte avancieren nicht, es wird ihnen die Pensionierung nahegelegt. Redner hebt den bedauerlichen Umstand hervor, daß jüdische Aerzte, wenn sie sich das Allergeringste zu Schulden kommen lassen, in der heftigsten Weise angegriffen werden, daß ein jüdischer städtischer Bezirksarzt privater Verhältnisse halber, die mit seiner Berufstätigkeit in gar keinem Zusammenhänge standen, entlassen wurde. Redner kommt auf die Bezirkskrankenkassen zu sprechen, welche das Gebiet der freien Praxis durch die große Anzahl der eingeschriebenen Personen erheblich verringern. Die Berhältniffe bei der in 3 Kategorien, die Lehrlings-, Gehilfen- und Meisterkrankenkassa, zerfallenden Institution stellen sich für die Juden so, daß dieselben nur bei der unter sozialdemokratischer Leitung stehenden Gehilfenkrankenkaffa angestellt werden und zwar aus dem Grunde, weil sich Christen zu diesem schlecht bezahlten sehr anstrengenden Amte nicht melden. Die Stellen bei den antisemitischen Lehrlings- und Meisterkrankenkassen find für jüdische Aerzte gar nicht, bei Eisenbahn en, Versicherungsgesellschaften rc. fast gar nicht zu erreichen. Die Lage für jüdische Affistenten ist an den Wiener Krankenhäusern derartig, daß strebsame Aerzte das Ausland aufsuchen müssen, wo sie gerne ausgenommen werden. Jüdische Militärärzte haben zwar, besonders in der Provinz, einen schweren Stand, doch geht wenigstens ihr Avancement nach Verdienst vor sich. Diese Situation bezüglich der Erlangung von Stellen bringt es mit sich, daß die jüdischen Aerzte der freien Praxis zugetrieben werden. Doch auch hier wird die Gründung einer Existenz durch die von den Christlich-Sozialen gepredigte Boykottierung der Juden verhindert. Redner betont den traurigen Umstand, daß die wohl habenderen jüdischen Kreise mit Vorliebe getaufte jüdische Aerzte beschäftigen. Diese Tatsache abzuändern und dafür zu sorgen, daß dieser starke Zudrang zum medizinischen Berufe vermindert werde, ferner die in jüdischen Händen befindlichen Gesellschaften und Unternehmungen zu veranlassen, jüdische Aerzte anzustellen, sei eine dringende Aufgabe unserer Führer und würde eine Erleichterung