Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 44 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 708 Dr. Dlocb's Mocbenscbrttt. Nr. 4L das heutige Dalmatien, Kroatien und die Hinteren Provinzen erstreckte. Der bekannte polnische Historiker Szajnocha weist in einer Monographie „Slaven in Andalusien" (üt SMce Mstorychzne HI) nach, daß sich im Mittelalter slavische Kolonien in Spanien befanden, die einen lebhaften Handel mit den Mutterländern unterhielten, und bildete Ragusa damals das „slavische Venedig", Hafenplatz und Mittelpunkt des slavischen Handels nach Spanien und Südfrankreich. Einen Hauptzweig des Handels dort bildete auch, wie in allen Slavenländern*), damals der Sklavenhandel, an dem sich auch Juden wesentlich beteiligten. (Bergl. Czaczki, Lospravra o Zydach p. 37 aus einer Chronik: „Multos Christianos de servitute Judaeorum suis facultatibus redimebat.“) Diesen (im Brief Chasdai's) beschriebenen Handelsweg von Spanien über Sklavenien (nämlich über Ragusa), Ungarn, Russia zum Schwarzen Meer und vice versa mußte auch die erwähnte Korrespondenz nehmen. Und selbst Literaturprodukte aus dem Orient scheinen diesen Handelsweg eingehalten haben zu müssen, um über Polen auch nach Deutschland zu gelangen, wie dies Moses C. Chasdai, ein Pole, (gegen 1250) in seinem B'ön ans (Ozar Nechmad Hl., p. 80) von karäischen Pentateuch-Kommentaren aus Bagdad, bezeugt. Aber auch noch in einer anderen Richtung ging damals der Handel und Verkehr der slavischen Länder. Besonders auch der damals dort betriebene Sklavenhandel, nämlich über das Rheinland und Frankreich bis über die Pyrenäen, wo man überall in jener Zeit slavischen Niederlassungen begegnet, wie Szajnocha in der obenerwähnten Monographie nachweist (ibid.) Daß die Juden diese Handelsstraße benützten, bestätigen auch die obenangeführten rabbinischen Quellen und sind überdies Merkmale genügend in der rabbinischen Literatur jener Zeit vorhanden, als Zeugen dieses Verkehres zurückgeblieben, die bezeugen, daß dieser Verbindung zufolge die Juden der Westländer Europas sich einige Vertrautheit mit dem slavischen Idiom aneigneten und besessen hatten. Die rabbinischen Werke des Mittelalters geben gewöhnlich zur besseren Erklärung des Sinnes mancher hebräischen Worte solche mit Wörtern aus der je in ihrem Lande üblichen Sprache wieder und begegnet man in hebräischen Werken von Juden der Westländer Europas, verfaßt vom 10. Jahrhundert aufwärts, mitunter auch Erklärungen mancher Worte in slavischer Sprache beigegeben. Schon Zunz und Andere haben darauf aufmerksam gemacht und als auf ein Kuriosum hingewiesen, ohne sich dies erklären zu können. Harkavi hat einen Teil der darauf bezughabenden Stellen zusammengestellt und den Zusammenhang richtig aus dem Verkehre mit den Juden des Ostens erklärt. Nach den Konstatierungen Szajnochas, die von den rabbinischen Quellen bestätigt werden können, hat ja diese auf den ersten Blick so seltsame Erscheinung das Barocke verloren, und muß man es sehr plausibel finden, daß die Juden des Westens durch den regen Handelsverkehr mit den damals meistens slavisch sprechenden Juden des Ostens zusammen mit den vorhandenen slavischen Niederlassungen in den verschiedenen westlichen Gegenden und der in ihrem Dienste stehenden slavischen Sklaven oder Domestiken sich mit der Zeit auch teilweise die slavische Sprache aneigneten. Wenn der Wiener Rabbiner Isaak, genannt Or-Serua (gegen 1250) in seinem Werke auch viel slavische Worte gebraucht, hat dies an sich nichts Beftemdendes. Nicht etwa, weil er von Geburt ein Slave aus Böhmen, sondern aus dem Grunde, weil die Provinz Oesterreich von Slaven umgeben war und in früherer Zeit sich auch ein Einbruch von Slavenvölkern daher wiederholte, und bestand nicht nur die damalige jüdische Gemeinde in Wien gewiß aus einem großen Teile slavischer Juden, sondern selbst die städtische christliche Bevölkerung hat auch einen großen Perzentsatz Slaven haben müssen. Dies wird *) Da Slaven damals den Sklavenhandel so schwunghaft betrieben. ist das Wort „Slave" und „Sklave" in allen europäischen Sprachen fast gleichbedeutend und synonym, und selbst Benjamin von Tudela will das Wort |jaa, womit die mittelalterlichen hebräischen Schriftsteller, die Slavenländer X’OiabplPK benennen, davon herleiten, daß sie Sklavenhandel betrieben. auch genügend bestätigt durch den Umstand, daß R. Isaak bei dem Gebrauche von manchen slavischen Worten sagt: p“vip nx«? no „was wir hier nennen" (Or-Serua Hilchoth Schabbath); ebenso bei den angeführten im alltäglichen Bedürfe gebrauchten Worten in Hilchoth Jomtow u. s. w. Wien im Oktober 1904. S. Spinner. Korrespondenzen. Jüdisch-soziale Fragen. Zur Besprechung der jüngsten Vorgänge im niederösterreichischen Landtage, sowie der Mittel, mit welchen der zunehmenden Hetze gegen die jüdische Berufsintelligenz entgegengetreten werden kann und soll, hat die „Oesterreichisch- Israelitische Union" für Samstag den 22. d. ÜW. eine frei zugängliche Vereinsversammlung in den großen Saal des „Hotel Guth" einberufen, welche massenhaft besucht war. Unter den Anwesenden befanden sich Angehörige aller Stände, zahlreiche Aerzte, Advokaten, Konzipienten, Lehrer und Studierende. Nach Begrüßung der Versammlung durch den Präsidenten Herrn Sigmund Mayer, nahm dieser zu folgenden Ausführungen das Wort: Meine geehrten Herren! Ueber die Vorfälle während des Sommers haben wir Ihnen in der letzten Plenarversammlung Bericht erstattet. Diejenigen Herren, welche nicht Gelegenheit hatten, diesen Bericht anzuhören, werden denselben in unserem Organe, der „Monatschrift", lesen. Von den seitherigen Vorfällen haben wir Ihnen zu berichten, daß die „Union" vor dem Tage der Verhandlung im Landtage über die Stiftung konfessiom ller Stipendien an der Exportakademie aus öffentlichen Mitteln beim Statthalter i n t e r v e n i e r t und ihn ä u s gef o rd e‘if f hat, eist e die verfassungsmäßige Gleichberechtigung wahrende Erklärung abzugeben. Wie Sie wissen, hat sich der Herr Statthalter nicht bewogen gefunden, gegen diese Stipendien vom Standpunkte der Regierung aus Einsprache zu erheben. Wir haben inzwischen die Gewißheit gewonnen, daß dieses Stillschweigen ganz und gar auf alleinige Rechnung des Herrn Statthalters zu setzen ist. Mit Befriedigung hebe ich hier das Eintreten der Abgeordneten der Handels- und Gewerbekammer, insbesondere der Herren v. Lindheim und Strobl für die staatsbügerlichen Rechte unserer Glaubensgenossen und für die Interessen des österreichischen Exporthandels hervor. Des Weiteren teilen wir Ihnen mit, daß wir am verflossenen Donnerstag in einer Audienz beim Herrn Ministerpräsidenten gegen die im Landtage eingebrachten Schulvorlagen, resp. gegen die darin enthaltene Zurücksetzung des Vertreters der jüdischen Religion gegen die Vertreter der katholischen, entschieden Verwahrung eingelegt haben. Es entspann sich eine längere Diskussion, über die wir jetzt keine Mitteilung machen können, da sie Fragen berührt, deren Lösung durch eine vorzeitige Publikation ungünstig beeinflußt werden könnte." Redner geht zur Tagesordnung über und fährt fort: „Die beiden Gegenstände derselben gehören wohl zu den für die gesamte Judenschaft aktuellsten; sie sind förmlich aus der Not des Tages heraus geboren. Die antisemitische Bewegung hat ihren rein theoretischen Charakter, den sie anfangs besessen, längst abgeworfen, ist ein praktischer, d. h. ein angewandter Antisemitismus geworden. Er hat gegen die wirtschaftliche Existenz der Juden einen wütenden Kampf eröffnet und zwar nach und nach auf der ganzen Linie. Anfänglich sind bloß die jüdischen kleinen Geschäftsleute boykottiert worden, heute geschieht dies auch schon bei den jüdischen Aerzten, Advokaten, Lehrern, Ingenieuren u. s. w. Dieser Boykott nimmt nach uud nach die äußersten Formen an. Wenn ein Magistratssekretär