Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-10-28 · 44 (28.10.1904) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
44 (28.10.1904)
Date
1904-10-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021592--14003-3038687
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 44 Dr. JSlocb’s Mocbenscbrtkt. Seite 707 dauernd zu fesseln und seine Satire zum Schweigen zu bringen. Auch nicht mit einer Silbe travestiert er die Weihe der Empfindung in dem Lobliede, das er ihr singt: ..die Haggada, Will ich einen Garten nennen Wo die schönen alten Sagen Eugelmärchen und Legenden, Stille Märtyrerhistorien, Festgesänge, Weisheitsspriiche, Auch Hyperbeln, gar possierlich, Alles aber glaubenskräftig, Glaubensglühend. - " Kanbelsbeziehrmgerr der Inden Mischen Ostnnd Westeuropa im Mittelalter. In dem interessanten Essay „Die Handelsvölker in der Geschichtschreibung" meint Herr Sigmund Mayer auch, daß Handelsbeziehungen der Juden zwischen West- und Osteuropa schon im Mittelalter bestanden, indem er erwähnt, daß Güdemann aus rabbinischen Quellen den Handel der Juden im Mittelalter nachweist. Da ich die Beweise des Herrn Dr. Güdemann und die Stellen, wo dies geschieht, nicht kenne und da überdies die von mir weiter erwähnten Beweise, daß diese Handelsbeziehungen schon im frühesten Mittelalter bestanden, auch einiges Licht über manche noch dunkle geschichtliche Fakta verbreiten, dürfte es vielleicht den Lesern einiges Interesse bieten, wenn ich dieses Thema mit einigen Worten berühre. Vorerst muß ich die kurze Bemerkung vorausschicken, daß das in den folgenden angeführten hebräischen Schriften jener Zeit erwähnte k'bti soviel wie das Slavenland') im Osten bedeutet und darunter das damalige Polen, Lithauen und Teile Rußlands, Kiew mitinbegriffen, verstanden, sogar teilweise auch auf Mähren und Böhmen ausgedehnt war. Diese Benennung mag von dem Worte „Reussen" (Schwarz- und Rotrußland), lateinisch' „Terra Russia“ genannt, herrühren und wurde als Kollektivname für die ganze Gruppe slavischer Nachbarprovinzen mit dem Mittelpunkte Polen gebraucht. Von vielen Beweisen sei nur erwähnt, was der bekannte Reisende Benjamin von Tudela (gegen 1160) am Ende seines Jtinerariums sagt: K'c’n nbvun i-2 (Kiew) “W nn artt’a r6ru npba s-n rpaban X'.n R. Elieser, C. Nathan aus Mainz (gegen 1150) in seinem Buche Eben Haeser 8 erwähnte Reisende nach Russin mit Kleidern und anderen Waren, und aus seinen Worten S'D'n lr^n ist zu entnehmen, daß dies Reisen schon seit sehr langer Zeit her dort üblich war. Desgleichen kann man aus einem Zitat aus dem handschriftlich vorhandenen Sefer Huaffuffoth (Auszug von Luzzatto in Nachlath Schdal), wo von einem gewissen Isaak B. Durbal (Zeitgenosse des R. Tam gegen 3150) ausRamerr?) zitiert wird: Dobinn onmea pbia nwban *ivtn uwe ’) Das Wort „Russin" in dem erwähnten weiteren Sinne, angewendet auf mehrere slavische Provinzen und Länder ist nur im frühen Mittelalter gebraucht worden; dagegen von hebräischen Schriftstellern späterer Zeit wie im XVI. Jahrhundert meistens nur auf „Reussen" angewendet und selten auch auf Wolhynien und Litthauen ausgedehnt. Mit Recht sagt also der Verfasser der Dissertation „De Rebecca Polona“ (ed 1719) p. 10. Russia (Reusser-Land) Minori seil, seu Rubra Polonorum. (Magna enim s Moscovia Judaeos nou alit nec tolerat). Für das eigentliche Rußland wurde schon früh, im X. Jahrhundert, (Orient 18-tl Nr. 36) das Wort -stvv angewendet, obwohl früher damit Moscher (Gesenius s. v. ^Vv) gemeint waren, wurde es später auch auf Moskoviter ausgedehnt. 2) Was diesen Isaak bon Durbal anbetrifft, scheint mir, daß er aus Polen war. Dieser Isaak besuchte R. Tam und erzählt Begebenheiten aus Rameru in dieser Zeit. (Nachlath Schdal p 22). Aber aus dem Zitat rc. 'ivai ersieht man, daß er in Polen war und die Verhältnisse dort kennt. In seinen Marginalien zu Machsor Vitry (Kerem Chemed III. p 201) erzählt er wieder, als er auf der Durchreise in Prag Isaak Laban besuchte, teilte er ihm auch eine Entscheidnng mit, die er in Russia bei einer ihm vorgelegten rituellen Frage getroffen. Sollte Isaak von Frankreich gewesen sein, drängt sich ja die Frage auf, was sollte damals (gegen 1100) einem jüdischen Gelehrten der berühmten Tossafistenschule in Frankreich Veranlassung gegeben haben, Polen zu besuchen und dort TTO ersehen, daß die jüdischen Kaufleute Polens mit Waren auch bis nach Frankreich gelangten. Ebenso erwähnt Zidkia Rofe bei Mansi im XIII. Jahrhuneert in seinem Buche Schibile Lekaet Nr. 60 nwjna rvb& ar x*cnä mav vmn (Regensburg) anan matMinä Nach einigem Nachsuchen ließen sich gewiß noch viele solcher Stellen aus rabbinischen Quellen jener Zeit heranziehen, die einen regen Handelsverkehr der Juden zwischen Osten und Westen und vice versa beweisen können?) Noch mehr dürste ein anderes Faktum auf den erwähnten, damals bestandenen Handelsverkehr einiges Licht werfen, nämlich, als der bekannte jüdische Staatsmann Chasdei Jbn-Schaprut, Minister eines maurischen Fürsten in Cordova, im X. Jahrhundert mit dem jüdischen Chagan der Chazaren fich brieflich in Verbindung setzen wollte, benützte er dazu jüdische Mitglieder einer gerade damals am Hofe seines Königs in Cordova fich befindenden Gesandtschaft eines sklavenischen Königs, um sein Schreiben über Sklavenien nach Ungarn und von dort nach Russia an den jüdischen Chazarenfürsten gelangen zu lassen. Dieses Schreiben ist auch richtig auf diesem Wege durch einen Juden, gewiß aus Polen, namens Jakob Nemiee, dem jüdischen Chazarenfürsten übermittelt worden. Dieser Umstand bestätigt nicht nur, daß die slavischen Juden schon im X. Jahrhundert einen hervorragenden Anteil an dem Handelsverkehr nahmen, deshalb in Ansehen bei einem sklavenischen König standen, der sie an der Gesandtschaft an einen ausländischen Hof teilnehmen ließ, sondern zeigt auch, da die Vermittlung dieser Juden einen schriftlichen Verkehr zwischen Spanien und dem Chazarenlande auf diesem Wege herzustellen in Anspruch genommen wurde, ganz genau den Weg an, den der Handel damals aus den östlichen Slavenländern Europas nach Spanien genommen hat. Bekanntlich lebten slavische Volksstämme (Sklavenen) schon sehr früh an der Küste des adriatischen Meeres und existierte dort noch im X. Jahrhundert ein slavisches Königreich, das fich über rabbinische Funktionen zu versehen? Die Annahme liegt daher nahe, daß dieser Isaak, der in den zitierten Stellen eine Intimität mit den Verhältnissen in Polen offenbart, ein Pole von Geburt war und nach Frankreich, in das Land der Tossafistenschule, reiste. — Bei der fast undurchdringlichen Dunkelheit, in der die Geschichte der Juden des Ostens in jener Zeit gehüllt ist, bietet es schon einiges Interesse, einen jeden Lichtstrahl, der in diese Dunkelheit fällt und solche auch nur teilweise aufhellt, festzuhalten. Dieser R. Isaak scheint ein Kopist älterer Schriften gewesen zu sein und hatte die Gewohnheit, solche mit Randgloffen zu versehen. Das sehen wir bei de» Schriften Sefer Assufoth, Machsor Vitry und Reiponsen der Gaonim (Schibbile Leket, Hilchoth Thefillin). An letzterer Stelle sind seine Randglossen fälschlich in den Text der Response» der Gaonim, nämlich der R. Jehudai und R. Josef Gaon hereingekommen, was jedem prüfenden Auge aus den ersten Blick schon auffällt, und muß es daher Wunder nehmen, daß der gelehrte Herausgeber der Sch. Leket, Herr Buber, nicht darauf aufmerksam machte. 3) Wie wenig man noch unlängst eine Verbindung zwischen den Juden Spaniens und denen des Ostens im Mittelalter für möglich hielt, zeigt auch Graetz (Geschichte der Juden VII. p. 153), der bei der Erwähnung Moses b. Chasdais, den auch Nachmani (Novellen zu Gittin I) mit dem Zusatze ca* n-rvw X'3 /isa zitiert, es für höchst unwahrscheinlich hält, daß Nachmani mit einem Gelehrten aus Deutschland, geschweige noch mit einem aus Polen in einem vertrauten Verhältnisse gestanden sein sollte, als würde man nicht schon damals im XIII. Jahrhundert jüdischen Jüngern aus Polen in Spanien begegnen, die die dortigen Schulen und Lehrhäuser besuchen (Vergl. Ascheris Resp 51,2); wie sie später im XV. und XVI. Jahrhundert Italien zustrebten, die dortigen Universitäten zu frequentieren (Czaczki, Rozprawa o Zydach p 109). Auch beweist der Reisende Benjamin von Tndela (gegen 1150) mit seiner Schilderung der slavischen Länder, daß schon damals dort eine rege Verbindung mit den Juden des Ostens bestand. Aus den Worten Benjamins, wie auch aus dem Momente, daß er sich nur an allgemeine Schilderungen hält, während er wesentliche Details, speziell jüdische Verhältnisse dort betreffend, mit Stillschweigen übergeht, ist ja ersichtlich, daß er diese Länder nicht selbst bereiste oder aus Autopsie, sondern alles mehr vom Hörensagen kennt oder richtiger gesagt, daß slavische Juden in Spanien ihm dies mitteilten. Er sagt: B'T!,°v,i rrniK D'Kmpi |I?32 pH BV amn und schildert das Land, es befinden fich dort Wälder, wo das Zobeltier (Zibellina) lebt, (Vergl. Dlugosz, Historia Polouiae I. p 43), und nennt dies sogar, obwohl nicht ganz richtig, mit einem slavischen Namen Wewrka. Dies hat er nur aus dem Verkehre mit dort lebenden slavischen Juden erfahren können.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.