Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 44 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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H>^.«iivfe*a!BB3»ME»Mw<eaecawBMWwiwi- "rnr.«*» Nr. 44 Dr. Blocb s schäften in Wien, Dr. Theodor N ö l d e ck e und der Professor der Theologie Dr. August W ü n s ch e in Dresden in Bezug auf die von mir dem k. k. Landesgericht im Original vorgelegten vierhundert Talmudtexte alle meine Depositionen gutgeheißen und bestätigt, dagegen die Behauptungen meines Gegners Professors Rohling nahezu ausnahmslos abgewiesen haben. Es ist unwahr, daß ich, Dr. Bloch, je „einmal selbst verstohlen zugab", „daß bei Lebensgefahr der falsche Eid zulässig sei". Wahr ist vielmehr, daß ich lediglich veeretales Gregorii Liber II, tit. XXIV, cap. XV zitiert habe, wonach Katholiken, „welche zum Zwecke der Erhaltung ihres Lebens oder Vermögens einen Eid geleistet haben, davon zu entbinden sind", und die Lehrmeinung des katholischen Bischofs S i m a n c a s angeführt habe: „Zur Strafe und zum Hasse der Ketzer gehört auch noch, daß man ihnen das gegebene Wort nicht halten muß". Im Namen des Talmuds dagegen habe ich erwähnt: „Die Vorsehung läßt den nicht ungestraft, der gegen wen immer wortbrüchig geworden". Es ist unwahr, daß ich je zugegeben habe, „daß Lada k. 113 gelehrt wird, der Jude könne sich vor Gericht des Betruges bedienen". Wahr ist, daß ich nirgends eine solche Behauptung aufgestellt oder nur angedeutet habe: wahr ist, daß an der genannten Talmudstelle von dem Verhalten von Parteien vor Gericht gar nicht die Rede ist. Wahr ist, daß ich' mich nur auf ein von einem Ordenspriester verfaßtes, von den Benediktinermönchen des Monto Cassino unter der Patronanz des Kardinals Lambruschini verbessertes und erweitertes, von dem Hexausgeber der Kirchenväter, dem Priester Migne, im Jahre 1858 herausgegebenes Werk berufen, nämlich Ferrari Prompta Bibliotheca, wo im Bande „ckurameutnm", Art. I, Nr. 19, pag. 1095 gelehrt wird: „Ebenso kann, wenn ein Priester oder Mönch vor einen weltlichen Richter geladen ist, nicht allein er für sich, sondern es können auch andere für ihn schwören, er habe nichts verbrochen, wobei man sich des Vorbehaltes bedient, daß man vor einem inkompetenten Richter aussagen muß". Als talmudische Lehrmeinung habe ich im Gegenteil erwähnt: „Wahrheit ist das Siegel Gottes und die Bekenner des Judentums haben Wahrheit und Treue in jeder Lage und an jeder Stelle heilig zu halten". Wien, 24. Oktober 1904. Dr. Jos. S. Bloch, Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift". Schiller uni» das jüdische Uolk. i. Wie man im Jahre 1859 überall, soweit nicht nur die deutsche Zunge klingt, sondern wo immer die zivilisierte Menschheit noch das Werk des Genius feiert, daran ging, den 100. Geburtstag des Dichters, Philosophen, Geschichtsschreibers und Kritikers festlich zu begehen, wovon die Zeitschriften der damaligen Tage beredtes Zeugnis ablegen, so bereitet mau sich schon jetzt in den berufenen Kreisen vor, im Jahre 1905 des hundertsten Todestages jenes Geistes zu gedenken, der auf so vielfachen Pfaden leuchtend und erhcllend der Menschheit vorausschritt, der nicht nur neue Quellen der Erkenntnis erforschte, sondern auch überall den Zauberglanz der Schönheit ausbreitete. Auch wir Juden haben Grund, Schillers zu gedenken, wo alles sich seiner erinnert. Denn abgesehen davon, daß er das Mark und die Kraft seiner Sprache aus unserer Bibel schöpfte, daß wir, insbesondere in seinen Jugenddrameu, den Spuren unserer heiligen Schrift überall begegnen, daß er namentlich in seinem „Löwer.wurfe", den „Räubern" aus jenem uuversieglichen Börne schöpfte, haben wir besonderen Grund, auf Schiller den Historiker hinzuweisen. Denn zwei seiner historischen Arbeiten sind, als Streifzüge auf das Gebiet unserer Geschichte zu bezeichnen, es sind dies: Moebens irm. Seite 703 „Die Sendung M 0 f es" und „Etwas über die erste Menscheugesellschaft nach dem Leitfaden der mo-aischen Urkunde". Natürlich interessiert uns die erste Arbeit mehr, als die zweite, die bloß durch die Quelle dem jüdischen Altertum angehört, während der Stoff, den sie behandelt, mehr universalhistorischen Charakters ist und daher unserer Betrachtung ferner liegt. „Die Sendung M o s e s" gehört zu den geschichtlichen Vorlesungen, die Schiller in Jena hielt. Sie gibt, wie fvviele historische Arbeiten des 18. Jahrhunderts Zeugnis davon, wie in dieser Zeit in Deutschland der Sinn für das geschichtliche Studium erwachte. Von jenem kritischen Geiste allerdings, der in unserer Zeit notwendig ist, um auf dem G biete der Geschichtswissenschaft etwas zu leisten, konnte damals keine Rede sein. Dagegen wurden die geschichtlichen Studien in den Dienst der Freiheit und der Humanitätsbestrebungen gestellt, wovon einen leuchtenden Beweis Herders „Ideen zu einer Philosophie, der Geschichte der Menschheit", Heerens „Ideen zur Politik . . . der alten Völker" geben. Auch Schillers historische Schriften wollen die Prinzipien der Gerechtigkeit und Freiheit in den Geschicken der Völker ausweisen; „die Weltgeschichte ist das Weltgericht", das ist der erhabene Grundsatz, dessen innere Notwendigkeit der Dichter des „Wallensteiu" in feinen historischen Arbeiten beleuchten will. In diesem Sinne spricht auch Schiller von der „Gründung des jüdischen Staates durch Moses". Kritische.Historiker werden gewiß diesen Ausdruck beanstanden. Denn einen „jüdischen Staat" hat nach ihnen erst David gegründet. Den folgenden Worten Schiller's werden gewiß aber alle vorurteilslosen Historiker und NichthistoriLr zustimmeu, wenn er diese „Gründung" „eine der denkwürdigsten Begebenheiten nennt, welche die Geschichte aufbewahrt hat, wichtig durch die Stärke des Verstandes, wodurch sie ins Werk gerichtet worden, wichtiger noch durch die Folgen auf die Welt, die noch bis aus diesen Augenblick fortdauern" . . . Man kann sich wohl denken, wie ein solcher Ausspruch aus solchem Munde damals, am Ende des 18. Jahrhunderts, auf das jüdische Gemüt wirken mußte. Der Jude, durch mehr als tausendjährige-Schmähungen so empfindlich gegen den rauhen Hauch der Gehässigkeit, wurde erfüllt von dem Geiste der Dankbarkeit für den großen Dichter,' der immer zu seinen begeistertsten Lesern und schwärmerischen Bewunderern Juden und nicht am wenigsten Jüdinnen zählen konnte. Kein Dichter hat in der „Gasse" solche Verehrer und Verehrerinnen gefunden, wie der Dichter der „Räuber" und der „Luise Millerin". Wenn aber Schiller von sich als Historiker das Geständnis ablegt: „Ich werde immer eine schlechte Quelle für einen künftigen Historiker werden, der das Unglück hat, sich an mich zu wenden. Die Geschichte ist nur ein Magazin für meine Phantasie, und die G e g e u st ä n d e müssen s i ch g e f a l l e n l a s s e n, w a s sie unter meinen Händen werden" (Aus einem Briefe Schillers an Caroline v. Beulwitz), so werden wir ihm sicherlich zustimmen, wenn wir smo iru 6t 8tuäio seinen Aufsatz lesen und zunächst darauf aufmerksam machen, wie der Historiker sich Mühe nehmen muß, „gerecht gegen das Volk zu sein", welchen man „alles Böse nachzusagen gewohnt ist". Hat nun Schiller diesem Volke wirklich Gerechtigkeit widerfahren lassen, dem er eine so erhabene Aufgabe zuschreibt? Bezeichnet er doch dieses Volk „als ein unreines und gemeines Gefäß, worin aber etwas sehr Kostbares aufbewahrt worden"; er nennt dieses Volk „den Kanal, den, so unrein er auch war, die Vorsicht erwählte, uns das edelste aller Güter, die Wahrheit, zuzusühren" ... Denkt bei diesen Worten der Historiker Schiller vielleicht an unsere Propheten, die noch stärkere Bezeichnungen gegen ihr Volk gebrauchten? Denkt er an den zürnknden Jesaias oder an den schmerzbewegten Jeremias? Oder hält er sich die Juden seiner Zeit vor Augen, deren Lobredner zu sein ihm ferne liegt? ^ir wollen dies hier nicht unter-