Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-10-28 · 44 (28.10.1904) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
44 (28.10.1904)
Date
1904-10-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021592--13998-3038682
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 702 Dr. Mocb's Mocbenscbrttt. Nr. 44 Größen des Tages doch schon so mächtig sei, hatte man sich vorher doch noch nicht so klar gemacht. Dr. Lueger hat bei diesem Anlasse die Bilanz seiner Wirksamkeit gezogen. Das ist schon ganz richtig. Man soll die Bilanz aufstellen, damit es endlich mit all den hohlen Ruhmredigkeiten und direkten Fälschungen ein Ende habe. Wie schön dieses Wien ist! ruft Dr. Lueger pathetisch aus, um anzudeuten, was er für diese Stadt „getan" hat. Und wenn dieses Wien noch hundertmal schöner wäre, als es ist, dann dürfte man doch mit Schopenhauer ftagen: „Ja, ist denn diese Welt ein Guckkasten?!" Wir sind nicht nur dazu da, uns die Stadt anzusehen, sondern in ihr zu leben, und wenn Ungerechtigkeit, Brutalität und Gehässigkeit ganze Klassen der Bevölkerung das Leben verbittert, so werden sie an einer schönen Gartenanlage, die ein geschickter Stadtgärtner, nicht aber Dr. Lueger gemacht hat, nur einen sehr ungenügenden Ersatz dafür finden. Was Wien wirklich schön macht: der Wiener Wald, der Kahlenberg, die Donau, die Ringstraße, die Monumentalbauten — ja sind das alles Lueger'sche Erfindungen? Wien war doch auch schon etwas ohne und vor Lueger. Er braucht die Auerstrümpfe und die elektrische Beleuchtung, um seine Verdienste in das richtige Licht zu rücken. Fachmänner haben nachgewiesen, daß die Artillerie und alle Schußwaffen seit dem letzten deutsch-französischen Kriege bis auf unsere Tage mehr sich entwickelt haben, als insgesamt in der ganzen Zeit der Erfindung des Schießpulvers bis zum Jahre 1870. Auf allen Gebieten riesenhafter Fortschritt, und gerade die Beleuchtungsindustrie, deren Entwicklung mit jener der Artillerie wohl zu. vergleichen, ist, die hätte in den entscheidenden letzten zehn Jahren über Wien hinweggehen sollen, ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen? Unter irgend einem andern Bürgermeister hätte sich k e i n .Fortschritt gezeigt? Unter einem anderen Bürgermeister wäre die Straßenbahn plötzlich in der Entwicklung stecken geblieben? Du glaubst zu schieben, und wirst geschoben! Die Zeit macht ihre Rechte geltend. Mag Bürgermeister sein wer immer, eine moderne Weltstadt muß vorwärts, und Wien würde nicht stehen bleiben, selbst wenn ein Mechaniker Schneider oder ein .Bielohlawek auf den Stuhl des Bürgermeisters hinaufgesetzt würde. Es ist förmlich eine kosmische Schwungkraft, die da wirkt, und die kann weder durch die Böswilligkeit noch durch den Kretinismus eines Einzelnen aufgehalten werden. Es ist demnach ein billiges Vergnügen, nur auf der einen Kolonne der Bilanz herumzureiten und mit ihr die Parade aufzuziehen. Es gibt noch eine andere Kolonne nnd wir sind nicht in der Lage, uns das Vergnügen zu gönnen, sie zu übersehen. Was hat die Herrschaft Luegers getan, das öffentliche Bewußtsein für Recht und Gerechtigkeit zu beleben, was hat sie getan, das sittliche Gefühl des Volkes zu heben? Es gibt heute kein Unrecht, das, sofern es nur den Juden zugefügt wurde, das öffentliche Gewiffen beschwerte. Das hat das Regime Lueger bewirkt, und wenn etwaige Versäumnisse im Beleuchtungs- oder Verkehrswesen in wenigen Jahren gut zu machen gewesen wären, so wird die Depravation der Volksseele auch in Dezennien nicht wieder auszugleichen sein. Das ergibt sich für uns aus der Bilanz, und es war notwendig, sie bei diesem festlichen Anlasse zu ziehen. _. Wh. Z«m Prozeß Rohling und Kloch. Ein Leser schreibt uns: . „Ihre Nummer vom 21. Oktober enthält eine „Berichttgung", adressiert an den verantwortlichen Redakteur der Druckschrift „Der Tiroler". Aus diesem offenen Brief ersehe ich, daß mau mit der Prämie von 3000 Mark, welche seinerzeit Rohling in hinterlistiger Weise zum Schein ausgesetzt hat, noch immer krebsen geht. Aus diesem Grunde wird Ihre Leser und überhaupt die Oeffentlichkeit in Oesterreich ein Prozeß interessieren, welchen soeben gegen den Kaplan Dasbach der frühere Jesuit Graf Hoensbroech geführt hat. Graf Hoensbroech hat die Lehren der Jesuiten in derselben Weise angegriffen, wie Rohling die des Talmud. Allerdings mit dem Unterschied, daß Rohling's Zitate gefälscht waren, während die Hoensbroech'schen Zitate richtig waren. Infolge des unliebsamen Aufsehens, welches die Erklärungen Hoensbroech's machten, fühlte sich Dasbach veranlaßt, genau wie Rohling eine Prämie auszusetzen, falls es Hoensbroech gelingt, nachzuweisen, daß der bekannte Satz: „Der Zweck heiligt die Mittel" sich in jesuitischen Schriften befinde. Hoensbroech nahm den Fehdehandschuh auf und strengte gegen Dasbach Klage an. Er wurde, ohne daß es zu einer Beweiserhebung kam, aus rechtlichen Gründen abgewiesen. Das Gericht nahm im Einverständnis mit den Ausführungen des Dasbach'schen Vertreters an, daß hier keine Auslobung im rechtlichen Sinne vorliege. Bei der Auslobung wünsche derjenige, der die Prämie aussetzt, den Erfolg, für welchen er die Prämie bestimmt, hier habe Dasbach aber gerade umgekehrt durch die scheinbare Aussetzung der Prämie bekräftigen wollen, daß die Schriften der Jesuiten den Satz: „Der Zweck heiligt die Mittel" gerade nicht enthalten. Es sei zweifellos, daß er kein Geld daran habe wenden wollen, um den Beweis des Gegenteils geführt zu erhalten. So waren dem Sinne nach die Ausführungen des Gerichtes. Die Ausführungen stimmen genau mit denen überein, w e l che Sie sein erzeit gegenüber Rohling's Prämien-Anerbieten gemacht haben. Moralisch war allerdings das Verfahren Dasbach's, der übrigens in der deutschen Zentrumspartei das antisemitische Element vertritt, bedenklich. Hatte er die Prämie ausgesetzt, so durfte er natürlich sich nicht dahinter verstecken, daß diese Aussetzung nicht ernstlich gemeint sei. Aber rechtlich war sein Standpunkt durchaus begründet. Es zeigt das, wie zutreffend Sie damals gehandelt haben, die Einklagung der Prämie gegen Rohling nicht zu versuchen, sondern ihn durch den Vorwurf des Meineides zur Beleidigungsklage zu zwingen. Denn die Klage auf Auszahlung der Prämie hätten Sie (da in dieser Beziehung deutsches und österreichisches Recht übereinstimmen) aus Rechtsgründen verloren, und die Fälscherbande hätte natürlich nicht versäumt, daraus Kapital zu schlagen. Ich möchte bei dieser Gelegenheit darauf Hinweisen^'daß jetzt vielfach das System, nach welchem die jüdische Religion und der Talmud zu Unrecht von den Rohling und Genossen angegriffen wurden, bei Angriffen gegen den Ultramontanismus Nachahmung gefunden hat. Es zeigt sich hierin, wie übrigens durch viele andere Tatsachen, daß der konfessionelle Hader, den man gegen die Juden entfesselt, auch andere Bevölkerungsschichten entzweit hat. Darin liegt eine innere Logik. Hochachtungsvoll C. Die klerikale Zeitung „Der T i r p t e t" in Bozen hat übrigens in der Nummer von Donnerstag den 20. Oktober die Berichtigung, welche der Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift" ihr zugemittelt hat, publiziert. Indessen hat die Redaktion des genannten Blattes die Zuschrift mit Vermerkungen verbrämt, welche Veranlassung waren, daß ihr neuerdings nachstehendes Schreiben übersendet worden: An den verantwortlichen Redakteur der periodischen Druckschrift „Der Tiroler", Peter Fuchsbrugger in Bozen. In Bezug auf den Artikel vom 20. Oktober 1904 „Das Talmudjudentum", werden Sie im Grunde 8 19, Preßgesetz, aufgefordert, in gesetzlicher Form und Frist nachstehende Berichtigung abzudrucken. Berichtigung. Es ist unwahr, daß ich „ein Rabbiner in Wien" bin. Wahr ist vielmehr, daß ich bloß Zeitungsherausgeber und Redakteur der „Oesterreichischen Wochenschrift, Zentralorgan für die Interessen des Judentums" bin. Es ist unwahr, daß ich, wie Sie im Namen Rohling's behaupten, „ein Verbum von einem Nomen nicht unterscheiden kann". Wahr ist vielmehr, daß die über Vorschlag der „Deutschen Morgenländischen Gesellschaft" zu Leipzig und Halle -von dem k. k. Landesgericht zu Wien in dem Streite Rohling eoutra Bloch bestellten und in Eid genommenen Sachverständigen, der Professor der orientalischen Sprachen an der Universität zu Straßburg, Ehrenmitglied der kaiserlichen Akademie der Wissen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.