Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 44 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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■a&wscusicaanfciM Nr. 44 Dr. Bloches Hahrganz XXI Centralorgan Mr die gessmmten Interessen des Iudenthums. * - y IS. k. xostfxm»«y'rn-»«rk Clearing-VrrkessrI Nr. 810.976. Lrdsrtton und AdruinistraNon: I Wir» IX/1, Verggalsr Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. | * - -« Mien^ 23* Oktober 1904. -<- Lrsch eint jeden Freitag. - <>.> 4 |i - Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggajse 39. Telegramm-Adresse: Dloch's Wochenschrift, Wien. m.- ■ --« Bejagspni* str Orstrrrrtch: Halbjährig S Krone«. Einzelexemplare 50 Heller, Fiir>W Ausland: Halbjährig 10 Krone«, ganzjährig 20 , ES Anzeigen: Die4malgespaltene Petitzeile 24 Heller. Inhaltr L eitartitet: Sein Ehrentag. — Zum Prozeh Rohling und Bloch. — Schiller und das jüdische Volk. — Ein Urteil des Verwaltungsgerichtshofes in jüdischen Vereinssachen. — Entwicklung der Sage von Salomo und dem Todesengel. — Handelsbeziehungen der Juden zwischen Ost- und Westeuropa im Mittelalter. — Korrespondenzen: Jüdisch-soziale Fragen. Spenden aus der Plenarsitzung der israelitischen Kultusgemeinde. Prag, Berlin. Lazar Brodsky. London. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Ehewra-Kadischa in Wien. Wien. Baron Hirsch-Stiftung. Wien, Dobrisch, Ludbreg, Jassy, Andrychau. „Der junge Mozart". — Feuilleton: Gesühnt. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Sri« Ehrentag. Die ganze Sicherheitswache war bis auf einen kleinen Theil nach dem Schauplatz des Festes dirigiert oder in der Nähe desselben konsigniert worden. In der Roßauer Kaserne stand eine Eskadron Dragoner in Bereitschaft, während in beiden Höfen der Alserkaserne von zwei Uhr an die ganze dort dislozierte Mannschaft des Befehls zum Abmarsch harrte. Das sogenannte tote Viertel, von der Ringstraße bis zur Universitätsstraße und von der Grillparzerstraße bis zur Stadiongasse, war von Sicherheitswachleuten abgesperrt. Berittene Wachleute, hinter welchen noch Wache zu Fuß ausgestellt war — und so geht das noch lange fort in den Schilderungen der Lokalberichterstatter. Was war denn eigentlich los, das solche militärische und polizeiliche Vorsichtsmaßregeln nötig machte? Ein Volksmann, das Oberhaupt der Wiener Bürgerschaft, der Herr von Wien, feierte seinen Ehrentag. „Preisend mit viel schönen Reden" — der freundliche Leser kennt das schöne Lied Körner's. Die deutschen Fürsten sitzen zu Worms im Kaisersaal und berühmen sich ihres Reichtums und ihrer Macht. Schließlich einigen sich alle in dem Urteil: „Graf im Bart, Ihr seid der Reichste, Euer Land trägt Edelsteine." Das war Graf Eberhard, der Württemberger. Er hatte keine sonderlichen Schätze, aber er konnte sagen, „daß in Wäldern noch so groß, ich mein Haupt kann kühnlich legen, jedem Untertan im Schoß." Wenn der Herr von Wien dieses Experiment an seinem Ehrentage nicht in einem dunklen Walde, sondern auf der breiten Ringstraße von Wien, vor seiner Zwingburg, dem neuen Rathause, selber hätte versuchen wollen, es wäre doch nicht ganz geglückt und mindestens ohne einige gediegene Kopfstücke wäre es schwerlich abgegangen. Wie haben sie sich immer in die Brust geworfen, Doktor Lueger und sein Gefolge, daß fie ganz Wien, das ganze Volk für sich erobert hätten, und nun mußte die ganze polizeiliche Macht aufgeboten und das Militär in den Kasernen konsigniert werden, um diese Volkstümlichkeit zu schützen, als ob die wahre Volkstümlichkeit überhaupt erst beschützt werden müßte! Wenn man die Zahl der Festgäste, die sich am Sonntag Nachmittag auf allen Seiten um das Rathaus gesammelt hatten, während oben Dr. Lueger Cercle hielt, auf etwa hunderttausend veranschlägt, so wird man nicht leugnen können, daß reichlich die Hälfte davon Schmährufe gegen den Jubilar nach dem gothischen Prunksaal hinaufsandte. Es hätte befremdlich wirken müssen Ms den Uneingeweihten. Eine höhere Amtsperson feiert ein Jubiläum ist glücklich sechzig Jahre alt geworden. Es wäre das Normale gewesen, ihr das Vergnügen der traditionellen Ovationen nicht zu trüben. Jubiläen und Leichenbegängniffe bilden nicht die richtigen Anlässe zur Verkündigung der ungeschminkten Wahrheit. So hätte man ja auch hier die Herrschaften unter sich sein lassen können und nicht nötig gehabt, den Strom der landläufigen Festberedtsamkeit einzudämmen. Die höhere Amtsperson hatte sich aber in diesem Falle vorher ein wenig übernommen und eine Hybris walten lassen, die hinterher vielleicht nicht geschadet hätte, so aber das erhebende Fest in den Grund und Boden ruiniren mußte. Herr Dr. Lueger hat keinen Grund, sich zu beklagen; er war es selber, der sich die Suppe versalzen hat. Seine Parteigenossen waren unermüdlich darin, die besondere Bedeutung des Festes hervorzuheben, und nun, da es vorübergerauscht ist, stimmen wir ihnen vollinhaltlich zu: es war ein bedeutungsvolles Ereignis, das einen Markstein bilden wird in dem Stückchen Weltgeschichte, das zu machen Lueger und sein Gefolge bei uns versucht haben. Es hat sich nämlich gerade bei diesem Feste so klar wie noch niemals zuvor gezeigt — nicht etwa, daß die wüste Spekulation mit dem Antisemitismus bereits vollständig Bankerott gemacht habe, — man darf nicht zu sanguinisch sein, — wohl aber, daß der Herr von Wien und der ganze auf den Meister eingeschworene Troß sich selbst und ihre Macht wesentlich überschätzt haben. Das ist gerade bei diesem pompös inszenierten Feste mit überzeugender Klarheit in die Erscheinung getreten, und darin liegt auch für uns die eigentliche Bedeutung der ganzen verunglückten Veranstaltung. Die Massen, die gegen Lueger demonstriert haben, das waren die schwer beleidigten Sozialdemokraten. Es gibt aber noch andere weite Schichten der Bevölkerung, die unablässig schwer beleidigt und beschimpft werden, die aber nicht auf der Straße demonstrieren, sich nicht mit schrill tönenden Pfeifchen versehen, die aber doch die Bataillone jener ergänzen und vermehren, die in dem schamlosen Walten einer antisemitischen Ochlokratie ein Unglück für die Stadt und für das Reich erblicken. Und das find nicht nur die Juden, sondern alle jene, die sich selbst in dieser Zeit noch einen letzten Rest von Freisinn und noch einen Funken des Gefühls für Anstand und Gerechtigkeit bewahrt haben. Eine Heerschau der Luegerianer hätte es werden sollen, und es ward zugleich eine Heerschau über seine Gegnerschaften, und vom Standpunkte dieser kann man es ruhig sagen: die Parade ist sehr befriedigend ausgefallen. Daß die Bundesgenossenschast wider die