Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 43 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 43 Dr. JSlocb's MocdenscdrM. Sette 697 Köln. In die „Internationale Kommission zur Verarbeitung einer Denkschrift sür die diplomatische Konferenz in Bern" hat der internationale Kongreß gegen die unsittliche Literatur aus Deutschland auch den Rabbiner Dr. Frank aus Köln gewählt. Strahbnrg. Der außerordentliche Professor der Geschichte in Straßburg, Dr. Hermann Bloch, ist mit Wirkung vom 1. Oktober zum ordentlichen Professor an der Universität Rostock ernannt worden. Frankfurt a. M. Wie wir der „Frankfurter Zeitung" entnehmen, hat die Akademie von Lund (Schweden) den Lindermann'schen Preis für Berechnung von Kometen unter Anderen auch den Astronomen Herrn Dr. B. Cohn in Straßburg i. E. verliehen. Honkong. (Gouverneur und Vorsteher.) Die hiesige Gemeinde Ohel Lea hat den Gouverneur von Honkong Sir Matthew Nathan einstimmig zu ihrem Ehren-Vorsteher ernannt. Feuilleton. Gesühnt. Von Dr. F. Nich. Heinschel. (Fortsetzung.) „Rieke, was haben Sie mir getan? Nun muß ich gehen, aus Nimmerwiedersehen gehen. Doch warum soll ich es jetzt leugnen, was mir so oft auf den Lippen brannte. Rieke! Ich liebe Sie mit jeder Faser meines Herzens! Sie sind mein Eins und Alles auf Erden, das müßte Ihnen Ihr Herz längst sagen; ich wagte nicht meine Hand nach Ihnen auszustrecken, ehe ich nicht in gesicherter Lebensstellung. Doch Sie haben einen Anderen erhört. Mögen Sie diesen Schritt nie bereuen!" Sie schüttelte sich wie fröstelnd und wendete ihr Gesicht von ihm ab. „Rieke, bedenken Sie meine Worte mit Ruhe. Ich will Ihnen keinen Vorwurf machen, aber ich glaube, Sie haben nur in montanem Sinnesrausch gehandelt, ohne sich der Tragweite dieses Schrittes bewußt zu sein. Das muß ich Ihnen sagen, um auch mir spätere Vorwürfe zu ersparen. Ich habe immer gefürchtet, daß es so kommen wird, daß Sie mir entrissen werden, und längst hätte ich mich zurückziehen müssen. Ich blieb. Es war eine Schwäche, die Sie verzeihlich finden werden. Ich. konnte nicht anders. Der Ertrinkende klammert sich an einen Strohhalm. Und die Hoffnung, Sie doch einmal mein zu nennen, ließ mich bis zum letzten Augenblick ausharrcn. Nun darf ich nicht länger vor dem zurückschrecken, was das Herz so schmerzlich verwundet. Die Wunde, die ich mir selbst geschlagen, sie möge bluten." „Josef, können Sie mir denn nicht bleiben, was Sie mir von Jugend auf waren, der liebe, gute Freund?" Er lächelte bitter. „Dieser Rolle fühle ich mich nicht gewachsen. Mich beruhigt der Gedanke, daß Sie nicht fühlen, wie tief mein Herz verwundet, das sagt mir auch, daß Ihr Herz für mich nichts fühlt und daß mein Scheiden keine Leere zurücklassen wird. Dankbar bin ich.Ihnen für all die unvergeßlichen Stunden, in welchen ich Ihr Freund und Jugendgespiele, Ihr Lehrer und Erzieher sein durfte und in welchen ich glaubte, Ihnen näher zu stehen als alle Anderen. Mögen Sie an der Seite Ihres Erkorenen das Glück finden, das Sie suchen, und nie bereuen, den besten Freund verstoßen, die edelste Mutter verwundet zu haben. Sollten Sie einmal einer Freundeshand bedürfen, dann erinnern Sie sich an den, der Sie ewig lieben wird. Leben Sie wohl". Er ließ noch einen heißen, innigen Blick auf Riecke hingleiten, um die geliebte Gestalt für ewige Zeiten sich einzuprägen, dann schritt er lautlos der Türe zu. — .Rieke machte keine Miene ihn zurückzuhalten, nicht einmal ein Abschiedswort rief Sie ihm nach. Sie hatte ihren Freund verloren, aber einen Geliebten gewonnen. Egon, der schöne Egon wird ihr Alles, auch den Jugendfreund ersetzen. Egon von Brinkmann wartete auf den Doktor, der bald nach Riekes Fortgehen zurückkam. Seine erste Frage war: „Wo ist Rieke?" „Mir fortgelaufen. Ich war mit Fräulein Rieke allein und ergriff den Augenblick, ihr meine Neigung zu gestehen. Ihrer Absolution durfte ich doch sicher sein, Sie sagten doch erst vor wenigen Stunden zu mir, daß ich Ihnen als Schwiegersohn willkommen wäre. Es war ein bischen rasch, das will ich zugeben, aber das Herz ging mit mir durch. Ein mutiges Geständnis, ein feuriger Antrag, und ich kann mich mit Ihrem Segen als Riekes Zukünftigen betrachten." „Und Rieke?" fragte der Doktor. „Sie zitterte wie Espenlaub, als ich Ihre Hand ergriff, entzog sie mir aber nicht. Ich wagte die entscheidende Frage, gestand ihr meine Liebe in den feurigsten Worten, wie sie mir das Herz diktiert, und sie sank in meine Arme und flüsterte: „Ich liebe Dich über Alles!" „Sie lieben Rieke, und nachdem Ihnen Rieke ihr Jawort gegeben, ist es außer Zweifel, daß auch ihr Herz gebunden und so soll mein Segen diesem Herzensbund auch nicht versagt sein. Ich bin aber sehr überrascht, daß es so schnell ging." „Herr Doktor, Sie scheinen von der Furcht erfüllt zu sein, daß irdische Güter meine Neigung beeinflussen, aber Sie können von der Ueberzeugung durchdrungen sein, daß es einzig und allein der persönliche Liebreiz und der herrliche Charakter ' Ihrer Tochter ist. der mich zu diesem Schritte veranlaßte. Es ist eine reine, heilige Liebe, denn ich liebe Rieke um Ihrer selbst willen." Der Doktor drückte ihm warm die Hand. „Diese Versicherung freut mich. Das Wort eines Gentlemen gilt mir mehr als der heiligste Treuschwur. Mögen Sie mit Rieke glücklich sein und ihr das Glück bereiten, das sie durch ihre Herzenswürme in so reichem Maße verdient". Dann setzte sich der Doktor mit sei, ein zukünftigen Schwiegersöhne auf's Sofa und besprach den Zeitpunkt der Hochzeit, die Egon so bald als möglich feiern wollte und womit er einen Herzenswunsch des Doktors erfüllte. Jakob Schwarz sprach auch von dem Vermögen seiner Tochter, doch Egon wollte davon nichts hören. Der schlaue Regierungsassessor hatte sich über die Vermögensverhältnisse seiner Zukünftigen genau informiert, ehe er den entscheidenden Schritt gewagt. Egon wartete lange auf seine Braut, doch diese kam nicht zurück und so übernahm der zukünftige Schwiegervater die Empfehlung an Rieke. „Ich erwarte Sie morgen, um in Riekes Gegenwart den heute erteilten Segen zu wiederholen. Auf Wiedersehen also! Als Josef das Hinterhaus verlassen, lief er mehr als er ging, ohne auf die Vorübergehenden zu achten, bis er in eine Vorstadt kam. Er ging Straß' auf. Straß' ab, konnte aber keine Gedanken fassen. Als es zu dunkeln begann, suchte er wieder die Stadt auf. Ein eisiger Nordwind pfiff durch die menschenleeren Straßen. Der Wind peitschte die Gasflammen in den Laternen, daß sie unruhig flackerten. Die Wagen rasselten an ihm vorüber und die Tiere dampften vor denselben. Der Wind hob ihm den Mantelkragen in die Höhe, er achtete nicht darauf. Ihm perlte der Schweiß auf der Stirne. So rannte er bis spät in die Nacht hinein ziel- und planlos herum, bis er nicht mehr weiter konnte und müde bis zum Zufammenbrechen seine Wohnung aufsuchte. Er war sterbensmüde und doch drückte ihm der Schlaf nicht die Lider zu, ruhelos wälzte er sich auf seinem Lager hin und her. Er war dem Wahnsinn nahe. Am Morgen erhob er sich von seinem Lager, um seiner Mutter das Vorgefallene mitzuteilen und fein Fernbleiben vom Schwarz'schen Hause zu rechtfertigen. Dann versuchte er seiner Beschäftigung nachzugehen, er war aber so schwach und elend, daß er sich kaum regen konnte. Seine Hauswirtin sah, wie er zwei Tage umherschlich und ließ einen befreundeten Arzt kommen, der das Haupt bedenklich schüttelte. Er konstatierte ein herannahendes Nervenfieber.