Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 43 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nk 43 Dr. Dlocb's Mocbenscvrm« Sette 695 stammte, da er über langen, roten Unterkleidern einen schwarzen Kaftan trug. Unter dem roten, von einem schwarzen Bande umwundenen Turban schauten graue Augen, ohne zu zucken, in das Goldlicht der Sonne, das verklärend auf seiner regungslosen Gestalt lag. Von einem ebenfalls aus hellblauen Augen blickenden Kaufmann, der in der Türe feines Geschäftes „Hermes" lehnt, des Herrn Samuel Hahanaki, erfuhr ich, daß der Rabbiner aus Babylon stamme, daß er verwitwet sei und seit Jahresfrist für einen Monatsgehalt von 120 Drachmen seine Pflichten zur Zufriedenheit der Gemeinde erfülle. Da er außer arabisch, türkisch und hebräisch keine andere Sprache kannte, mußte ich es mir versagen, mit ihm ein Gespräch anzuknüpfen. Der Kaufmann erzählte mir dagegen mancherlei aus dem Leben der Gemeinde, von seinem Geschäfte, einem Kurzwarenhandel, der ihm nur geringen Gewinn abwerfe. Von seinem Vater, der mit Seide und Baumwolle gehandelt, stamme das Vermögen der Familie, die mehrere Häuser im Ghetto besaß. Der freundliche Mann, Mitglied des Gemeinderates, führte mich auch zur Synagoge, einem niedrigen, hellgrauen Gebäude von schweren, gedrungenen Bauformen, mit der Kanzel des Rabbiners und einer Galerie, von der herab die Frauen aus ihren dunklen Augen auf die zu ihren Füßeu betenden Männer herniederschauen. Nur der von einem christlichen Gärtner bestellte Synagogengarten, durch dessen Blätter und Ranken die Sonne glitzerte, milderte den Ton herber Schwermut, der über dem Ganzen lag. Sir Harry Johnston über das Ostafrika-Projekt. Der Sekretär der englischen zionistischen Vereinigung, Herr L. I. Greenberg, hat sich an Sir Harry Johnston, den ehemaligen Gouverneur des für eine eventuelle zionistische Niederlassung in Betracht kommenden Gebietes in Ostafrika, mit dem Ersuchen gewendet, ihm in Hinblick auf die demnächst nach Ostafrika zu entsendende Forschungsexpedition seine Ansicht über die projektierte Ansiedlung in einem zur Veröffentlichung bestimmten Schreiben darzulegen, und hat darauf folgende Antwort erhalten: Geehrter Herr Greenberg! In Beantwortung Ihres Briefes vom 26. September habe ich Ihnen mitzuteilen, daß ich die Frage einer jüdischen Kolonie in Britisch-Ostafrika mit Berücksichtigung Ihrer letzten Information sorgfältig in Betracht gezogen habe und daß ich bereit bin, Ihrem Wunsche zu entsprechen und Ihnen in folgendem meine persönliche Meinung darzulegen. Zunächst ist das Gebiet näher zu betrachten, das die britische Regierung zu einer jüdischen Kolonie vorgeschlagen hatte. Das von Ihnen auf der Karte bezeichnte Stück Land verlangt einige unbedeutende Veränderungen, ehe ich mich dazu verstehen könnte, es als absolut für den Zweck passend anzusehen. Wenn das jüdische Komitee mit den von mir durch einen roten Strich auf der Karte bezeichneten Aenderungen einverstanden ist, und wenn diese Grenzenänderung von der Regierung zugestanden wird, so darf ich wohl behaupten, daß auf allen Gebieten Ostafrikas und Ugandas keine bessere Wahl getroffen werden könnte. Als im vorigen Jahr das Projekt zuerst erwogen wurde, nahm man an, daß die britische Regierung dem zionistischen Komitee ein beträchtliches Landgebiet im sogenannten Tanaland oder weiter nördlich im Galaland zur Verfügung gestellt habe. Natürlich war diese Geschichte nicht korrekt, aber trotzdem hatte ich es für nötig gehalten, dieses Anerbieten als ein ironisches zu bezeichnen. Man hätte dort den Juden aus Osteuropa einen Landstrich gegeben, der entweder sehr heiß und ungesund oder ganz ohne Wasser und von wilden Eingeborenen bedroht gewesen wäre. Das hätte natürlich ein Zugreifen von Seiten der Juden nicht gelohnt. Dann wurde uns gesagt, diese Annahme wäre unrichtig; das zu wählende Land sollte entweder in der Umgegend von Kikuju an der Uganda-Eisenbahn oder auf dem Nandi-Plateau liegen. Gegen diese Pläne hatte ich wiederum einzuwenden, daß wir an nichtbritische Untertanen ein besonders wertvolles Stück Land geben sollten, eines der wenigen, aus denen der englische Steuerzahler voraussichtlich die für die Ugandabahn verausgabten Summen mit der Zeit würde herausziehen können; oder daß wir, wie im Kikujuland, ein Gebiet zur Verfügung stellen sollten, das bereits in ziemlich bedeutender Ausdehnung von betriebsamen Eingeborenen bewohnt war, das fortzugeben wir also gar keine Veranlassung hatten. Die letzte Auswahl der englischen Regierung, das Gwas' Ngischu-Plateau, gibt — vorausgesetzt, daß Ihre diesbezüglichen Berichte korrekt sind und daß die von mir bezeichneten Aenderungen vorgenommen werden — zu keiner berechtigten Kritik Anlaß. Es ist genau abgeteilt von dem Gebiet, das den Nandi- und Kawirondostämmen gehört, überläßt den britischen Ansiedlern vollständig die noch unbebauten Teile des Nandi-Plateaus und die Gegend um die Ravine-Station und kommt fast gar nicht in Berührung mit irgendwelchem von ackerbautreibenden Negervölkern besiedelten Land. Trotzdem ist das angebotene Land sehr begehrenswert, es gehört zu den schönsten Teilen des Ostafrika-Schutzgebietes. Es ist fruchtbar, durch durchströmende Flüsse bewässert und besitzt wundervolle Gebirgsketten, deren einzelne Berge 10.000 Fuß, und an mehreren Stellen selbst 14.000 Fuß hoch sind. Die in diesem Landstrich bereits von Kawirondostämmen bewohnten Dörfer und Ansiedlungen werden selbstverständlich ihren legitimen Eigentümern nicht genommen, aber die von mir vorgeschlagenen Veränderungen würden das unbewohnte Terrain weiter ausdehnen und die schon von dichter Bevölkerung besetzten Stätten ausscheiden. Es bleibt für dieses Gebiet noch die Einzelheit zu bemerken, daß ein Teil davon gegenwärtig von einer prächtigen Fauna wilder Tiere belebt ist. Es wäre bedauerlich, wenn diese ausgerottet werden sollten, und ich bin sicher, daß die etwaigen jüdischen Ansiedler sich gern dazu verstehen würden, einige natürliche Parks in ihrem Gebiet bestehen zu lasten, in denen unter ihrer Aufsicht die großen Tiere weiter gehalten werden könnten, als interessante wissenschaftliche Objekte für sie selbst und für andere. Alles, was Sie mir über die geplante Einrichtung der Anfiedlung gesagt haben, macht weitere Bedenken meinerseits gegenstandslos; ich hätte aber gern noch die weitere Sicherheit, daß 1. die Ansiedlung ohne Zustimmung dieses Reiches vom britischen Reich abgettennt werden dürfte; 2. wenn nach einem Zeitraum von, sagen wir, 25 Jahren der Plan sich als nicht durchführbar erweist, oder wenn irgendwelche politischen Vorkommnisse die Kolonisierungsbestrebungen der Juden nach einer anderen Richtung lenken, daß dann das jetzt angebotene Land wieder zur Verfügung der englischen Regierung gestellt wird. Wenn das für Ihre Zwecke vorgesehene Land Ihrem Komitee zur Verfügung gestellt wird, so bekommen Sie eines der schönsten Stücke Land, das irgendwo im britischen Reich gefunden werden kann. Da ich sehe, welchen Wert die britische Regierung auf das Gedeihen des jüdischen Volkes legt, glaube ich auch, daß unter geeigneten Vorbehalten das Hergeben des Landes nichts anderes ist, als eine gute Spekulation von unserer Seite — aber wenn Ihr Volk im Laufe der Zeit doch keinen Geschmack an der Landwirtschaft finden oder sonst keinen vernünftigen Gebrauch von der ihnen jetzt gebotenen Gelegenheit machen sollte, fände ich es nicht richtig, daß das betreffende Gebiet von irgend einer anderen europäischen, asiatischen oder Neger- Niederlassung auf unbestimmte Zeit übernommen werden sollte. Die britische Regierung müßte das Recht behalten, jederzeit Eisenbahnen zu Staatszwecken durch das Ansiedlungsgebiet zu bauen. Soweit ich Ihre Pläne verstehe und billige, soll das Land ausschließlich eine jüdische Kolonie sein, ganz einfach eine der Provinzen des englischen Ostafrika-Gebietes, die zwar von einem jüdischen Untergouverneur verwaltet, aber unter der allgemeinen politischen Verwaltung des zukünftigen Generalgouverneurs für Ostafrika stehen würde; sie bliebe ein integrierender Teil des britischen Reichs, obwohl den darin ansässigen Juden ein hervorragender Grad von Autonomie zugestanden würde. Sie ersuchen um meine Ansicht in Bezug auf die allgemeine Zukunft des jüdischen Volkes. Ich halte immer noch an dem Palästina- Ideal fest, bin aber der Meinung, daß wir uns politisch, strategisch und in unsrem Herzen auf einen eventuellen jüdischen Staat im südlichen Syrien und Palästina vorbereiten sollten, auf einen Staat, der sich möglicherweise über die Halbinsel Sinai und östlich bis zum Euphrat erstrecken würde. Die Juden sollten nach meiner Meinung in Arabien ihr Zivilisationswerk wieder aufnehmen, das seinerzeit durch die Bekehrung des Landes zum Islam unterbrochen worden war. Als eine Station auf jenem Wege ist das Ostafrika-Projekt innerhalb der jetzt vereinbarten Grenzen als einwandfreies Mittel zur Kräftigung und zum Zusammenschluß mehr oder weniger vernachlässigter Juden zu einer körperlich starken und selbstbewußten Nation wohl zu empfehlen. In der Voraussetzung, daß die beanstandeten Einzelheiten des Planes geändert werden, wünsche ich ihm in vollstem Maße Erfolg. Jedenfalls kann ich die Tatsache bestättgen, daß Ihnen in Ostafrika ein gesundes Stück Land angeboten worden, das vom landwirtschaftlichen Standpunkte alle guten Eigenschaften besitzt und auf das gegenwärtig keinerseits zu berücksichtigende Ansprüche vorhanden sind. Ihr sehr ergebener H. H. Johnston." Vermischtes. Wien. (Die „Oefterreichisch-Jsraelitische Union") hält Samstag den 22. d. M., halb 8 Uhr abends, im Saale des „Hotel Guth", II., Stefaniestraße 14, eine öffentliche Vereinsversammlung ab, welche sich voraussichtlich zu einer scharfen Protestkundgebung gegen die jüngsten Vorgänge im niederösterreichischen Landtage, insbesondere gegen die Verletzung der Gleichberechtigung durch Schaffung konfessioneller Stipendien und gegen die klerikalen Schulvorlagen des Landesausschusses, durch welche gleichfalls die Rechte der jüdischen Religionsgenossenschaft beschränkt werden sollen, gestalten dürfte. In den Kreisen der jüdischen Wählerschaft macht sich heftige Entrüstung gegen die in jüngster Zeit von den Christlich- Sozialen unternommenen Einbrüche in die staatsbürgerliche Rechtssphäre geltend, und es wird immer dringender der Ruf laut, den Kampf gegen solche Vorstöße der christlich-sozialen Partei mit aller Energie aufzunehmen und insbesondere die