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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-10-21 · 43 (21.10.1904) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
43 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Sette 694 Dr. Dlocb's Mocvenscvrlrr. Nr. 43 Naturalisierung ihrer Eltern in Rumänien geborenen jüdischen Kinder als rumänische Bürger zu gelten haben und daß es gegen das Gesetz verstoße, jüdische Einwohner als solche aus dem Lande zu treiben, so möchte man wohl der Hoffnung Raum geben, daß endlich bessere Zeiten für die Juden in Rumänien kommen werden, wenn diese Hoffnung nicht gar zu oft schon getrogen hätte. Die neue» Judengesetze in Rußland. Eine geheime Denkschrift des Gouverneurs von Wilna über die Judengesetzgebung und über das Elend der russischen Juden. Aus Petersburg erhalten wir von besonderer Seite die Mitteilung von einer geheimen Denkschrift, welche der Gouverneur von Wilna in Betreff der Judenfrage in Rußland ausgearbeitet hat und der man einen gewichtigen Einfluß auf die gegenwärtige russische Regierungspolitik umso eher zuschreiben darf, als Fürst Swiatopolk-Mirski, der jetzige Minister des Innern, bis zu seiner Ernennung Generalgouvernenr von Wilna war. Es ist wohl anzunehmen, daß das Memorandum des Gouverneurs Pallen von dem Fürsten Mirski inspiriert ist und den Tendenzen desselben in der Judenfrage entspricht. Die Denkschrift führt aus, daß die existierenden Judengesetze, die oft einander widersprechen, teils nur einen provisorischen Charakter tragen und teils nicht mehr der gegenwärtigen Sachlage entsprechen, das Bewußtsein wachgerufen haben, daß eine Revision dieser Gesetze an der Zeit sei. „Zur Zeit ist unter der jüdischen Masse, vorzüglich unter der Jugend und unter der Arbeiterklasse, eine unerwünschte politische Gärung zu beobachten, die, vom Auslande herrührend, an und für sich schon gefährlich ist, und deren Gefährlichkeit umsomehr zu betonen ist, als dieselbe eine gleichartige Gärung, die sich seit jeher in diesem Rayon kundgegeben hat, erheblich stärkt." Der Verfasser der Denkschrift ersieht die Hauptberechtigung für die neue Judengesetzgebung in dem Umstande, daß „die jüdische Jugend sehr leicht ihren Religionsglauben verliert, da die Staatsgewalt keine Maßnahmen zur Stärkung und Förderung desselben ergreift; und somitentstehe eine Generation, die, des religiösen Glaubens bar, allzu leicht von den revolutionären Strömungen hingerissen werde." Als einen wesentlichen Fehler betrachtet es der Verfasser der Denkschrift, daß die Regierung es unterlassen hat, für die religiöse Erziehung der Juden zu sorgen. Was aber die Einschränkungsgesetze auf dem Gebiete der wirtschaftlichen Verhältnisse sowie die Aufenthaltverbote aus dem Lande und außerhalb des Ansiedlungsrayons anbetrifft, so haben diese Gesetze, nach Ansicht des Verfassers, ihre raison ä'otrs gänzlich verloren. Diese Gesetze hätten zu einer horrenden Verelendung der jüdischen Masse geführt, wie sie in keiner anderen Schicht der Bevölkerung Rußlands anzutreffen sei. Die durch die Ausweisung der Juden aus den Dörfern und aus den inneren Gouvernements Rußlands hervorgerufene Dichtigkeit der jüdischen Bevölkerung im Ansiedlungsrayon biete bereits eine Gefahr auch in sanitärer Hinsicht. „Die offiziellen Personen, die an der Volkszählung von 1897 mitarbeiteten und die von Kindheit an von der jüdischen Ausbeutung hörten, waren geradezu verblüfft, als sie die Lebensbedingungen der Mehrheit des jüdischen Volkes kennen lernten. Sie sahen einen fürchterlichen Wohnungsmangel, eine beispiellose Armut, eine Masse Bettler und Leute ohne bestimmten Beruf. In einem Kellerraume von etwa vier Kubikfaden Luftraum wohnten oft bis zehn Personen, aber nie weniger als sechs bis acht Personen; ein Möbelstück, welches an ein Bett erinnern sollte, diente zum Ruhelager einem Teile der Familie, die übrigen schliefen auf dem schmutzigen Boden. Das Leben solcher Familien stellt ein chronisches Hungern dar. Eine Familie von fünf Personen ernährt sich oft den ganzen Tag mit fünf Pfund Brot und einem Häring. Alle gehen sie barfuß und sind in Lumpen gekleidet. Die Kinder haben alle ohne Ausnahme gelbe Gesichter und weisen alle Anlagen zur Schwindsucht auf." Diese Beobachtungen, die übrigens jeder Kenner der jüdischen Verhältnisse in Rußland nur bestätigen wird, ergänzt der Verfasser durch ein umfangreiches statistisches Material, welches über das Einkommen und die Erwerbstätigkeit der Juden Aufschluß gibt. Um dem ernsten Uebel im russischen Staatsleben, genannt Judenfrage, abzuhelfen, schlägt der Wilnaer Gouverneur vor, die Hauptursachen der unerwünschten politischen Gärungen unter den Juden im Auge zu behalten. Es müssen erstens alle Ausnahmsgesetze für die Juden in den Grenzen der Ansiedlungsrayons aufgehoben werden; und zweitens müsse die jüdische Jugend von den allgemeinen Bildungsanstalten ferngehalten und für sie eine Reihe spezieller Mittel- und Anfangsschulen unter der Leitung christlicher Lehrer errichtet werden. Das sind offenbar auch die Grundzüge des „judenfreundlichen" Reformprogramms des neuen Ministers des Innern, und man wird kaum fehlgehen, wenn man in dieser Denkschrift die Richtung des „neuen Kurses" sucht, welchen die russische Regierung in der Judenfrage einzuschlagen gedenkt. Jüdische Soldaten im russischen Heere. Petersburg. Die Juden haben eine Petition an die Regierung gerichtet, daß den Familien der im Feldzuge gefallenen jüdischen Soldaten gestattet werden möge, sich im ganzen Reiche anznsiedeln. Nach amtlichen Berichten dienen derzeit 27.000 Juden in der mandschurischen Armee. Ein Spruch der russischen Justiz. Die letzte Gerichtsverhandlung der Odeffaer Strafkammer über die vorjährigen Judenmetzeleien in Kischenew endete mit einer Freisprechung der Angeklagten Kawerin, Piroschok und Foksch. Diese Angeklagten haben in jenen Metzeleitagen den Juden Kalman Walowitsch auf die gräßlichste Art ermordet und seinen Sohn und Frau Jtta Walowitsch lebensgefährlich verwundet. Diese Missetaten sind in der ganzen Stadt bekannt, die Mörder wurden auf frischer Tat ertappt und mehrere Zeugen haben diese unter ihrem Eid als Täter bestätigt. Als Verteidiger der Mörder trat der berühmte Kischenewer Lieferant Pronin auf, der, wie bekannt, der Hauptorganisator der Ausschreitungen war. * * Der neue griechisch-orthodoxe Archierej in Kischenew, ein human gesinnter Priester, hat kürzlich in einer Ansprache auf die furchtbare Notlage in Rußland und das Kriegsunglück hingewiesen und hinzugefügt: „Andere mögen diesen unsäglichen Jammer durch politische und ökonomische Gründe erklären; ich sage euch, es ist eine Strafe von Gott für das unschuldige Blut eurer jüdischen Mitbürger, das ihr im vorigen Jahre vergossen!" * * * Die schönen Worte des neuen Ministers wären beinahe imstande, die Aufmerksamkeit der Welt von der wirklichen inneren Politik Rußlands abzulenken. Ein helles Licht auf die Vorgänge im Lande werfen die neuerlichen Judenexzeffe in Südrußland. Trotz der Dementis der Regierung, die diese Exzesse in einem für sie günstigen Lichte darsiellen wollte und sogar das alte Plehwe-Argument vom jüdischen Sozialismus aufs Tapet brachte, bleiben doch die Nachrichten von ernsten antijüdischen Exzessen - wahr. In Jekaterinoslaw, in Alexandrija, in vielen anderen Städten wüteten die Reservisten gegen die Juden, ohne daß die Behörden eingriffen. Die Krieger für den fernen Osten stärken sich zunächst an Judenplünderungen. Athen. Ueber die Juden in Chalcis der Hauptstadt der griechischen Halbinsel Euböa, plaudert Paul Elsner in der „Schl. Ztg.": Interessant war ein Gang durch das nördlich von Kastro gelegene Quartier der Juden, die hier zumeist, gleich dem von Saloniki, spanischen Ursprunges sind. Unweit der Euryposbrücke zieht sich die Odos Kotzou, die Judenstraße, bis zur „Gigantenstraße" mit Trümmern eines großen Bauwerkes aus venetianischer Zeit empor. Das mächtige, zur Zeit der Türkenherrschaft hier aufragende und des Abends geschlossene Tor des Ghettos ist seit langen Jahren gesunken. Von warmen Sonnengolde umsponnen, liegen die häufig von liebevoll gepflegten blühenden Nelken umstrahlten Häuser jetzt frei im Lichte des Tages. Denn auch die hohen Mauern, die früher Luft und Sonnenglanz den Zutritt wehrten, sind seit langem gefallen. Von den Schildern der Läden grüßten bekannte Namen wie Israel, Lewh, Cohn, Isaak nieder. Ich bestellte mir im „Napheneion" des Ghettos eine Taffe Kaffee, die mir eine kleine schwarzhaarige Frau dienstfertig brachte. Vor dem Laden des Schlächters mit dem nach jüdischem Ritus geschlachteten Schafen saß der Rabbiner der Gemeinde, der offenbar aus der Türkei

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