Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 43 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Kr. 48 Dr. Dlocb's Mocbenscbritt. Seite 693 Die Antwort war, daß Dr. Lachmann durch Kabinetsordre vom 20. Juli der Abschied bewilligt wurde. Auf seine Beschwerde ist ihm ein materieller Bescheid nicht zuteil geworden. Auf seine Anfrage erwiderte ihm das Bezirkskommandv, daß es die Beschwerdeschrist an das Kriegsministerium abgegeben habe. Zweifellos werde der Kriegsminister Kenntnis davon erhalten oder erhalten haben. Eine formelle Beschwerde wie in anderen Fällen sei in diesem Falle unstatthaft. Eine weitere Anfrage, weshalb eine formelle Beschwerde in diesem Falle unstatthaft sei, blieb unbeantwortet. Damit ist die Sache einstweilen erledigt. Bülow über Theodor Herzl. Der bekannte Wiener Schriftsteller Sigmund Münz erzählt in der „Neuen Freien Presse": „Die Rede kommt auf den jüngst dahingeschiedenen Dr. Herzl und im Zusammenhänge damit auf die zionistische Bewegung, die namentlich unter den Juden des Ostens platzgegriffen. Der Reichskanzler erinnert sich, den nun Verstorbenen zweimal gesehen zu haben, einmal im kaiserlichen Zeltlager in der Nähe von Jerusalem, das zweite Mal in Berlin. Beide Male hatte Dr. Herzl dem Grasen Bülow seine Aufwartung gemacht, um zuerst den Staatssekretär des Aeußern in ihm und dann den Reichskanzler für die Förderung des zionistischen Gedankens zu gewinnen. Gras Bülow war jedoch keineswegs in der Lage, Dr. Herzl in dessen Propaganda zu bestärken und ihm irgendwelche verheißungsvolle Förderung seines Projektes in Aussicht zu stellen. Bei Anerkennung der hervorragenden schriftstellerischen Begabung des Verstorbenen, dessen gefällige und eindrucksvolle äußere Erscheinung dem Kanzler in lebhafter Erinnerung geblieben, vermochte dieser jedoch nicht, dem Zionismus viel Geschmack abzugewinnen. Graf Bülow hat offenen Sinn für den Druck, unter dem die in Massen zusammengepferchten Juden des Ostens leben, ja er sucht sogar in einem Gespräche den Ursachen nachzuforschen, die es bewirkt haben, daß sich gerade im Osten solch ein, in trostlosen Verhältnissen befindliches jüdisches Proletariat herausgebildet; aber es will ihm keineswegs einleuchten, daß eine Massenansiedlung der Juden in Palästina diesen Zustand zu sanieren vermöchte. Wie leicht könnten so die armen Juden, deren Not Graf Bülow während eines mehrjährigen Wirkens als deutscher Gesandter in Bukarest aus nächster Nähe teilnahmsvoll nachzugehen Gelegenheit hatte, aus der Skylla in die Charybdis geraten. „Ich habe nicht leicht", bemerkte der Reichskanzler, der im Herbst 1898 im Gefolge des Kaisers Wilhelm die Jerusalemfahrt mitmachte, „ein so unfruchtbares Land gesehen wie Palästina". Schon dies spricht gegen die zionistische Utopie. Dazu — woraus ich dem Dr. Herzl gegenüber kein Hehl machte und worauf er auch nicht viel einzuwenden wußte — die Erwägung, daß der Zionismus höchstens das jüdische Proletariat, keineswegs aber Wohlhabenden und Gebildeten unter den Juden Europas zur Auswanderung nach Palästina zu bewegen vermöchte. Schnorrer aber eignen sich nicht zur Staatengründung und nicht einmal zur Kolonisierung. Die deutschen Juden zumal wären durch ihre ganze Geschichte und durch ihr von nicht gewöhnlicher Begabung und Zähigkeit getragenes Eingreifen in das deutsche Wirtschafts-, Geistes- und Kunstleben zu sehr mit Deutschland verknüpft, als daß sie das Bedürfnis empfinden könnten, sich in ein aussichts- und uferloses Palästinaexperiment hineinzustürzen. Gewiß, er könne und wolle sich nicht der Anschauung verschließen, daß der Not der östlichen Juden gesteuert werden sollte — und zunächst von jüdischer Seite — aber noch immer sei er der Meinung, daß ihnen trotz der bisherigen Mißerfolge durch Kolonisierung in Argentinien eher Heil erwachsen könne, als durch den mehr von sentimentaler Romantik und keineswegs von praktischen Erwägungen geleiteten Ausblick nach den Gestaden des Toten Meeres." Berlin. Gegen die Behauptung, die Juden seien zumeist umstürzlerischer Gesinnung, protestierte Profstssor Dr. Philippson in einem dieser Tage im Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gehaltenen Vorträge über„Das Judentum und der Staat' . Der alte israelitische Staat biete ein bisher unerreichtes Vorbild seiner Humanitären, freiheitlichen, sozialen und milden Gesetzgebung. Die jüdische Lehre schreibe auch den Juden in ihrer Zerstreuung unter den Völkern Vaterlandsliebe, Königstreue und Unterordnung unter die Gesetze ihrer neuen Heimat vor. „Das Gesetz des Landes, in dem du lebst.sei auch dir Gesetz", heißt es im Talmuo. Und in der Tat hätten Juden in allen Ländern, wo man sie zu Aemtern und Ehrenstellen zugelafsen habe, im Dienste des Vaterlandes als Staatsmänner, Parlamentarier und Soldaten Hervorragendes geleistet, es sei nur an Riesser, Laster, Bamberger, Crömieux, Fould, Ottolenghi, Luzatti u. s. w. erinnert. Nur da fänden wir die Juden im sozialdemokratischen Lager, wo man ihnen volles Bürgerrecht versagte, oder wo ihre Gleichberechtigung bloß auf dem Papier steht. In England, Amerika, Italien, Frankreich, sei ihre Zahl unter den Sozialisten verschwindend. Die Juden seien, wie schon ihr dreitausendjähriges Festhalten an ihrer Religion und den Bräuchen beweise, ihrem innersten Wesen nach konservativ und gemäßigt liberal. In Rußland und Rumänien, wo sie schlimmer behandelt würden als Tiere, dürste man sich allerdings nicht wundern, zahlreiche Inden im staatsfeindlichen Lager zu treffen; daß sie sich die schmähliche Behandlung, die ihnen zu Teil werde, nicht ruhig gefallen lassen, sei ein erfreuliches Zeichen von Kraft, Ehrgefühl und Nechtsbewnßtsein. Konfessionelle Medizin. Rom. Im April d. I. versammelten sich die katholischen Aerzte aus verschiedenen europäischen Ländern in Rom, um das 50jährige Jubiläum der Verkündigung des Dogmas von der „unbefleckten Empfängnis Mariä" zu feiern. Bei dieser Gelegenheit haben sie die Gründung einer großen internationalen Vereinigung aller Mediziner, Chirurgen, Apotheker und verwandter Fachgenossen beschloffen, die „sich zur katholischen Religion bekennen". Das Rundschreiben, in dem sich die „Förderation" unter dem Präsidium eines Herrn in Rom, der auf den echtkatholischen Namen Dr. L. T a u s s i g hört, an sämtliche Bischöfe und Erzbischöfe der Welt gewendet hat, um das Interesse dieser vielvermögenden Herren für die ärztliche Gesellschaft zu gewinnen, ist im „Osservatore Romano" in Nummer -201 veröffentlicht worden. Die Satzungen der Förderation vom 8. April 1004 sind beigefügt; sie haben ein so eigentümliches Gepräge, daß sie zu Nutz und Frommen aller Beflissenen der Medizin und verwandter Wissenschaften hiermit wiedergegeben seien. Sie lauten: I. Die katholischen Aerzte, in der Absicht, die brüderliche Eintracht untereinander wiederherzustellen und bie alten christlichen Ueberliefernngen zu erneuern, beschließen, in jedem Lande Vereine zu gründen unter dem Schutze der ärztlichen Heiligen Lukas. Kosmas und Damianus. 2. Diese ärztlichen Vereine haben den Zweck, a) in der Ausübung der ärztlichen Kunst die christlichen Tugenden zu entfalten und die berufsmäßige Liebe zu entwickeln (lo svilluppo della caritä profeasionale), b) alle medizinischen Fragen zu studiren, vor allem diejenigen, welche den Glauben, die Moral und die göttlichen Dinge betreffen, alles unter vollkommener Unterwerfung unter die kirchliche Autorität, e) alles zu befördern, was zur Belehrung in geistlichem und christlichem Sinne dienen kann. 3. Tie Vereine enthalten sich durchweg der Erörterung politischer Fragen. 4. Tie Vereine erkennen als ihr Patronatsfest das des heiligen Lukas an. 5. Die in den einzelnen Ländern gegründeten Vereinigungen sind unabhängig und verwalten sich selbst; um die wissenschaftlichen und kollegialischen Beziehungen zu pflegen, können sie untereinander durch Vermittlung der einzelnen Präsidenten korrespondieren. 6. Sie beabsichtigen internationale Generalversammlungen, in denen abwechselnd die erschienenen Präsidenten nach bestimmter Reihenfolge den Vorsitz führen. 7. Die Generalversammlungen werden nach Möglichkeit in Rom, dem Mittelpunkt der Christenheit, zusammentreten. 8. Die Kollegen in Rom werden beauftragt, sich mit den verschiedenen Vereinen in Korrespondenz zu erhalten und ihnen alle Informationen und Erklärungen zu geben, welche Interesse für sie haben können.-Bisher galt die Medizin immer als etwas, was mit der Konfession nicht das Geringste zu tun habe. Es gibt keinen katholischen Beinbruch, keinen katholischen Magenkrebs, keine katholische Cholera, sowenig es eine katholische Mathematik, Chemie, Physik oder Physiologie u. s. w. gibt. Was soll unter solchen Umständen die Klerikalisierung der Medizin? Was hat das Studium, was hat die Ausübung der Heilkunde mit der „vollkommenen Unterwerfung unter die kirchliche Autorität" zu tun? Und der Urheber dieser Klerikalisierung der Medizin heißt Dr. L. T a u s s i g! Bukarest. In der Begründung eines Urteils in einem großen Prozeß hat der K.isiationshof, das höchste Gericht in Rumänien, eine Entscheidung ausgesprochen, die für die Stellung der Juden dieses Landes von weittragender Bedeutung ist. Es wird darin ausgeführt, daß die in Rumänien lebenden Juden, soweit sie nicht Untertanen eines anderen Staates find, mit Ausnahme der politischen dieselben Rechte genießen sollen wie alle anderen im Lande geborenen Bürger. Da nach bisherigem Brauch alle die Juden angehenden Fälle nach dem Fremdengesetze behandelt, die Juden damit also offiziell für Fremde oder Ausländer erklärt worden sind, so wird damit die allgemeine Stellung und die Lage der rumänischen Juden eine ganz andere werden. Wenn man diese neue Entscheidung mit zwei anderen desselben Gerichtshofes zusammenfaßt, daß nämlich die vor der