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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-10-21 · 43 (21.10.1904) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
43 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 686 Dr. Mocv's MocbenscbrM. Sir. 43 wie wirkungslos. Es gibt da aber eine Ehrenpflicht zu erfüllen auch für „andere Faktoren" und namentlich auch für die nichtjüdische Gesellschaft, sofern nicht jegliches Gefühl für Recht und Gerechtigkeit und Menschlichkeit in ihr ganz abgestorben ist. Es war natürlich ganz überflüssig, in den Beschluß ausdrücklich den Vorbehalt hineinzunehmen, daß Juden niemals in den Genuß eines solchen Stipendiums sollten treten können. Denn es ist ja ganz klar, daß „Pouero cknes et auspiee lenerl" auch ohnedies niemals ein Jude zugelassen worden wäre. Es genügt aber wirklich nicht am Hinauswurf, man muß auch grob sein. Es wäre auch ohne Debatte ganz glatt gegangen, aber Bielohlawek und Mechaniker Schneider mußten doch ihr Genie leuchten lassen. Wann findet sich denn wieder eine so günstige Gelegenheit? Und so ward zum Ueberfluß der Vorbehalt mit hineingenvmmen. Die hier geübte christliche Milde wollte treffen bis ins dritte und vierte, bis ins zehnte und hundertste Glied. Besonders bemerkenswert war bei Herrn Bielohlawek das Streben nach parlamentarischer Würde. Begreiflich, der Urheber des Satzes: „Die ganze Bewegung gegen den Alkoholismus erkläre ich in toto für eine Eselei!" hatte doch Einiges gut zu machen. Er versucht es also einmal mit der Würde und läßt sich in abstrakte Dinge ein. Er beginnt: „Was uns zum Antisemitismus zwingt, ist nicht die Religion. Wir sind nicht gegen die Religion der Juden". Er hält es aber nicht lang aus mit der Würde und hat auch kein rechtes Glück mit ihr. Es schlägt ihm doch sofort der echte Bielohlawek in's Genick und er fährt fort: „Wenn sich im Tempel ein Jude auf den Kopf stellt, werden wir nur sagen: No ja, das ist dem seine Religion, er soll sich nur auf den Kopf stellen". Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß diese Worte im niederösterreichischen Landtag Beifall und Heiterkeit weckten. Das war zu erwarten, was aber nicht zu erwarten war, das war die Art, wie der illustre Redner fortfuhr: „Ueber die Religion spotten wir nie!" Das verschlägt einem allerdings die Red'! Einige meinen Paranoia orig., während andere der Ansicht sind, daß auch einfache Borniertheit als ausreichende Erklärung angenommen werden könne. Ungleich wichtiger und verhängnisvoller als all das blöde Geschimpfe ist das Unterfangen dieses Landtages, die einfache und nackte klerikale Schule i n N i e d e rösterreich zu etablieren und gesetzlich zu statuieren. Die neue Schulnovelle des Herrn Geßmann bezweckt nichts Geringeres, als die Sch u l e in den Dienst der antisemitischen Partei zu stellen, die Lehrer zu Parteiagitatoren zu erniedrigen. Die Rechte, welche bisher den autonomen Schulbehörden, dem Ortsschulrate, dem Bezirksschulräte zustanden, sollen zu Gunsten des antisemitischen Landesausschusses und des antisemitischen Wiener Stadtrates konfisziert werden. Nur einen einzigen Herrn soll die Schule, richtiger: sollen die Lehrer über sich haben. Landesausschuß und Stadtrat sind ja ein und dasselbe. Die Ernennung, die Beförderung, das Disziplinarverfahren soll künftig fast ausschließlich in die Hände dieser Zweieinigkeit gelegt werden. Welch gewaltige Waffe, und zwar in Händen, welche dieselbe rücksichtslos zu schwingen wissen! Und auf Schritt und Tritt verstößt diese Novelle gegen das Staatsgrundgesetz. Schon in der Zusammensetzung des Ortsschulrates. Der Pfarrer ist eo ixso Mitglied des Ortsschulrates, er hat bei Beratung und Beschlußfassung sämtlicher Belange Sitz und Stimme; der Rabbiner, nur wenn 100 jüdische Schulkinder nachgewiesen sind, und auch dann darf er nur in Sachen den jüdischen Religionsunterricht betreffend der Beratung zugezogen werden. Herr Dr. Geßmann ist ein fleißiger und gründlicher Herr, ein guter Parteimann und flinker Gesetzgeber. Wenn es nach chm ginge, so wäre seine neue Schulnovelle, welche die Organisation der niederösterreichischen Volksschule derart merkwürdig verändert, in einigen Tagen sanktionsreif. Und Herr v. Körber? Er hat soeben Herrn Lueger den Wunsch erfüllt, den Fackelzug, dem ein sicheres Fiasko drohte, zu untersagen. Trotz des zum Schein überreichten Rekurses wissen wir genau und verläßlich, daß Herr Lueger selber das Verbot gewünscht hat und die Regierung tat ihm den Willen! Wird sie den Mut aufbringen, der gewalttätigen, beutegierigen Sippe, welche sich des niederösterreichischen Landtages bemächtigt hat, hier einmal Widerstand zu leisten? Das hängt wesentlich von der Energie ab, welche die öffentliche Meinung in der Abwehr dieses neuesten Schulattentates aufbringt. Wh. Die „Beharrlichkeit" des Herrn Ir. n. Korker. Herr Dr. v. K ö r b e r ist bekanntlich Minister für Politik und auch für Justiz. In der ersteren Eigenschaft regiert er nach dem selbsterfundenen Rezept mit „leidenschaftsloser Beharrlichkeit". Die Opportunität dieses in der Tat leidenschaftslosen Systems, seine Zweckmäßigkeit in politischen Belangen sollen hier unerörtert bleiben. Diese Zeilen sind dem I u st i z minister Dr. v. K ö r b e r gewidmet. Für dieses Ressort gilt offiziell das System der leidenschaftslosen Beharrlichkeit als ausgeschaltet. Es durchweht vielmehr ein frischer, fröhlicher Zug das Walten des Herrn Justizministers — im Allgemeinen; von Fall zu Fall jedoch schnellt die Schale des Rechtes wild empor, das Zünglein an der Wage neigt sich devot der Schale zu, auf welcher, mit „leidenschaftsloser Beharrlichkeit" geduldet, das Ausmaß der Nichtswürdigkeit angehäuft ist, die schrankenlos und vor den Augen der berufenen Hüter des Gesetzes in Wort und Schrift die Aufhetzung der Massen gegen die jüdische Bevölkerung betreibt. Wir wollen von der Wiener antisemitischen Schmutzpresse nicht reden, deren Hintermänner im Parlamente die sichere Reserve bilden; für den Fall, als das „hohe Haus" irgendwie arbeitsfähig gemacht werden sollte — ist doch in Wien der antisemitische Mob bereits gedrillt, ein Mehr kann kaum mehr schaden. Und überdies, gestehen wir es.ein: Die Verschleuderung des Kommunalvermögens unter den Augen der Regierung ist auch keine kleine Sache — Herr Dr. v. Körber ist ihr gegenüber beharrlich leidenschaftslos. Der Wahlschwindel im Zentrum des Reiches ist auch keine kleine Sache — Se. Exzellenz duldet sie beharrlich. Das ekelhafte Strebertum auf Kosten der Bevölkerung ist ebenfalls keine kleine Sache — Herr Dr. v. Körb er schließt die Augen und mit leidenschaftsloser Beharrlichkeit gestattet er den Christlich-Sozialen, Unrecht über das Recht zu stellen. Wie sollten solchermaßen die berechtigtesten Klagen der Wiener jüdischen Einwohner Gehör erwarten? Und schließlich sind in Wien Kasernen und in den Kasernen sind Soldaten, die man im ärgsten Falle ausmarschieren lassen kann, wenn der Wiener Mob zur blutigen Arbeit sollte schreiten wollen. Aber in der Provinz? Da gibt es Gegenden, in welchen die Juden nicht weniger bedroht sind, wie in Rußland und wie in Galizien, welches der Herr Ministerpräsident so befriedigt „inspiziert" hat. Was in manchen Orten an Aufreizung gegen die Juden geleistet wird, spottet jeder Schilderung. Es liegen uns zwei Exemplare eines in Bozen unter dem Titel „Der Tiroler" erscheinenden Blattes, u. zw. vom 8. und 11. d. M. vor, in welchen gegen die Juden Artikel enthalten sind, deren Veröffentlichung in einem Rechtsstaate denn doch nicht geduldet werden sollte. Solch ungeschminkte Einladungen an die bäuerliche Bevölkerung, sich gegen die Juden zu kehren, sollten doch geeignet sein, in dem I u st i z minister die leidenschaftslose Beharrlichkeit zu bannen, welche den verehrten Chef der Regierung sonst auszeichnet. Das genannte Tiroler Blättchen, dem katholische Priester nahestehen, veröffentlicht neuerdings die gerichtsordnungsmäßig gebrandmarkten Lügen Rohling's und ist unverschämt genug, seinen bäuerlichen Lesern weiters vorzulügen, daß in dem bekannten Prozeß Rohling — Bloch der Letztere gar nicht versucht habe, den Publikationen Rohling's auch nur die geringste Fälschung nachzuweisen! Und plump wie diese Lüge, aber für den ungebildeten Leser des „frommen" Blattes wirksam, ist der Kommentar, welcher den Fälschungen Rohling's

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