Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 43 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 43 Dr. Bloch's ♦ 1 ♦ Jahrgang 1X1 4 Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. --G- Wien, 21. Oktober 1904 -4 4' *K”-■ Ersch eint jeden Freitag. - —4- Brief-Adresse: Wien, IX/1» Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wie«. n - - '=■» L-prgsxrri» für Seflrrretch: Halbjährig 8 Jtionen. Ainzelexrmplare 50 Heller^ Dir'» Ausland: Halbjährig 10 Krone». Ganzjährig 20 , ® Anzeigen: Die4mal gespaltene P^itzeile 24 Heller. X- — — « X -x B. ft. Poflsparraffen-Nmi Clearing-Verkehr Ar. 810.976. LrdarNon und Administration: wir« IX/1, Vrrggassr Ar. 89. Talephon Nr. 14.847. I c -■ — X Anhalt: Leitartikel: Der niederösterreichische Landtag. — Die „Beharrlichkeit" des Herrn Dr. v. Kö.ber. — Organisation der jüdischen Auswanderung. — Entwicklung der Sage von Salomo und dem Todesengel. — Korr e i d o u b e n i c it: Ans der öff,-nllichen Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Wien, Budapest. Ein Dankschreiben des Königs von Italien. Eine Beschwerde gegen Minister von Einem. Bülow über Theodor Herzt. Berlin. Konfessionelle Medizin. Bukarest. Tie neuen Judengesetze in Rußland. Jüdische Soldaten im russischen Heere. Ein Spruch der russischen Justiz. Sir Harry Johnston über das Ostafrika-Projekt. — Vermischtes: Wien. Die Raffe Ernst Schneider's. Prag. Ein Jude zum Bürgermeister gewählt. Marienbad, Klattau, Brody, Konstantinopel, Köln, Straßburg, Frankfurt a. M., Hongkong. — Feuilleton: Gesühnt. — Reue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Der niederösterreichische Landtag. Cin Wort des Präsidenten Dr. Alfred Stern. Anbruch der klerikalen Schule. Große' Beratung am häuslichen Herd. Die Bäuerin wäre nicht abgeneigt, Würste für den Winter einzulagern, aber sie gibt der Besorgnis Ausdruck, daß dann der kleine Michel von den Würsten naschen dürfte. „Was?!" ruft der Bauer wüthend. „Du wirst uns die Wärst' wegfreffen?" Und damit langt sich der Bauer seinen hoffnungsvollen Sprößling heraus und bläut ihn gottsjämmerlich durch. Im niederösterreichischen Landtag große Beratung; eine Juden-Debatte; ein Denkmal unserer Zeit. Beantragt werden zwei Landesstipendien für Frequentanten der Export-Akademie in Wien, und zwar von vorneherein für christliche Frequentanten. Es soll nicht zuerst nach der Würdigkeit und Bedürftigkeit, sondern vor allen Dingen nach dem Taufschein gefragt werden. Gut, eigentlich nicht gut und nicht gerecht und nicht anständig, aber es ist bei uns einmal so Stil. Es ist also gar keine Aussicht vorhanden, daß jemals ein jüdischer Zögling, und zeichne er sich noch so sehr aus, zu einem solchen Stipendium gelangen könnte. Für alle Fälle aber und weil es doch gar nicht schaden kann, wird jetzt schon auf den Juden losgedroschen. Die Würste find noch gar nicht eingelagert, und Michel wird schon verhauen, weil er in Zukunft vielleicht einmal naschen könnte. Das Vorgehen des besorgten Vaters ist nicht sehr vernünftig, noch weniger ist es aber das unserer allerchristlichsten Landesväter. Denn Michel könnte doch einmal naschen, während es von Haus aus ausgeschlossen ist, daß ein jüdischer Hörer der Export-Akademie jemals von jenen Stipendien etwas zu kosten kriegen wird. Kriegen werden die Juden also ganz und gar bestimmt nichts, aber hingehaut wird doch auf sie. „Hinauswerfen — gut, warum aber auch noch grob sein?" ftagt einmal Nestroy in elegischem Sinne. Ein Trost ist den Juden übrigens geblieben: mitzahlen zu den Stipendien, das dürfen sie, das müssen sie sogar. . Ein Denkmal unserer Tage haben wir die jüngste Juden- Debatte im niederösterreichischen Landtag genannt. Der Ehrentitel gebührt ihr. Denn man muß sich nur vor Augen halten, daß Heroen des Geistes wie Herr Bielohlawek und Mechaniker Schneider ihre hauptsächlichsten Kosten bestritten haben. Das kommt alles ins Diarium und da wird kein Leugnen und kein Beschönigen und kein Vertuschen helfen — so ist am Anfänge des 20. Jahrhunderts, da ein Dr. Lueger der Herr von Wien war, in der niederösterreichischen Landstube von den Erwählten des Volkes gesprochen worden. Nicht jüdische Bosheit hat Solches tückisch ins Protokoll praktiziert, um die Leute vor der Nachwelt bis auf die Knochen zu blamieren, sondern der Stift des Schriftführers, der Stift, der hier so tief gegraben hat, als wäre es der von Klio selber gewesen. Ein Denkmal auch für die Begeisterungs- und Entrüstungsfähigkeit unserer Vertreter des Freisinns. Da erhebt sich einer von ihnen und säuselt flüsternd in die historisch bedeutsame Versammlung: „Ich glaube, daß es richtig ist, wenn wir auch dem jüdischen Schüler, wenn er brav lernt, volle Gerechtigkeit gewähren." Es gibt doch noch eherne Ueberzeugungstreue. Was der Mann nicht Alles glaubt! Er glaubt, er vermutet. Was kann ihm im schlimmsten Falle geschehen? Höchstens hat er sich geirrt. Schade, daß der Mann nicht im Konvent gesessen ist, als über das Schicksal Ludwigs XVI. entschieden wurde. Dieser grimmige Revolutionär hätte es doch vielleicht für ein wenig unzart und entschieden nicht genügend taktvoll gefunden, einem König dem Kopf abzuschlagen. So nimmt sich das Brausen des Entrüstungssturmes bei unseren modernen Liberalen aus. Ein kräftiges und würdiges Wort wurde allerdings gesprochen aber — außerhalb der niederösterreichischen Landstube. Dr. Alfred Stern, der Präsident der Wiener israel. Kultusgemeinde, hat auf das politische Phänomen, das zugleich ein öffentlich-sittliches ist, hingewiesen, daß bei der ganzen, bei den Haaren herbeigezogenen schmachvollen Diatribe alle berufenen Faktoren schwiegen und nicht ein einziger derselben im allgemeinen öffentlichen Interesse ein Wort der Entgegnung fand, so daß sich die Frage aufdrängt, „ob wir rechtlos seien, ob die pöbelhafte Hetze gegen uns von Regierungswegen sanktioniert werde!" Dieses Wort aber, so mannhaft, so dankenswert und verdienstvoll es ist, — man vernahm es zum ersten Mal von dem Präfidentenstuhl der israelitischen Kultusgemeinde — es hätte auch von anderer Seite und an anderer Stelle gesprochen werden müssen, und wenn die Gerechtigkeit nicht ausgestorben ist aus der Wett, so wird es dort nicht ungesprochen bleiben können. Es ist das Naturrecht des Wurmes, sich zu krümmen, wenn er getreten wird. Der feierliche und flammende Protest von — jüdischer Seite ist ebenso berechtigt