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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-10-14 · 42 (14.10.1904) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
42 (14.10.1904)
Date
1904-10-14
Page
– (sequence 14)
Language
German
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©eite 682 Dr. Dlocb's Miocbenscbrtrr. Str. 42 überlegen, konnte jedem ernsten Gespräche eine scherzhafte Wendung geben, dazu war der ernste Mann nicht fähig. Auf dem glatten Boden des Parquets konnte er ihm nicht folgen. Josef, ein Mann von ernster tiefer Bildung, war Kunstkritiker. Seine Artikel über Kunst und Wissenschaft erregten berechtigtes Aufsehen, er ging darin seinen eigenen Weg, abseits von der breiten Heeresstraße, und in der Originalität zeigte sich seine außergewöhnliche Geistestiefc. In wenigen Wochen sollte auch sein erster dramatischer Versuch über die Bretter gehen, die die Welt bedeuten, und eine größere Erzählung, deren Heldin Ricke, lag fertig in seinem Schreibpulte. Josef erzählte seiner Freundin Ricke gerne von seiner literarischen Tätigkeit und sie hörte ihm auch zu. Das Verständnis dafür fehlte ihr nicht, aber ihre leichte lebhafte Natur verlor bald die Geduld und sie lief ihm davon und überließ ihn oft der Gesellschaft der ernsten, immer traurig at Mutter. Ricke wußte, daß Josef ein ungewöhnlicher Mensch, sie blickte zu ihm auf, legte sogar eine große Verehrung für ihn an den Tag, aber der Verkehr mit ihm war so unbefangen, als wäre es gar nicht denkbar, daß Josef wärmere Gefühle als die der Freundschaft für sie hege. Daß auf dem Grunde ihres Herzens andere Gefühle als die der Freundschaft für Josef schlummerten, sie nahm sich nicht die Zeit, ihr eigenes Herz zu ergründen, in dessen Tiefen hinabzusteigen. Sie gehörte zu jenen leichten, oberflächlichen Naturen, die der Eingebung des Augenblickes folgen, ohne sich ernst zu prüfen, ohne den edlen Keim, der im verborgensten Winkel ihres Herzens schlummerte, zu erwecken, ehe sie fürs Leben sich prüfen und diese Leichtlebigkeit mit ihrem Lebensglücke bezahlen. Ihr Vater hatte sie vor einigen Monaten in die Gesellschaft eingeführt und das schöne reiche Mädchen wurde überall mtt offenen Armen empfangen, es fehlte ihr nicht an Huldigungen, uud solche zu empfangen ward ihr Bedürfnis.; : Verglichen mit den Andern, die ihr Huldigungen darbrachten, gefiel chr Egon recht gut. Und warum sollte sie auch seine ritterlichen Bemühungen zurückweisen? Er war der intime Freund ihres Vaters und sie durfte es schon des Vaters halber nicht tun. Auf allen Bällen und Festlichkeiten war er eifrig um sie bemüht. Er machte ihr den Hof und geizte darnach, ein Zeichen ihrer Huld zu erringen. Er war wohl Nichtjude, aber was lag daran? Die ftomme Mutter versuchte es zwar immer wieder, sie für den Väterglauben zu begeistern, auch Josefs Auge konnte so hell aufleuchten, wenn er von Juden und Judentum sprach, für das jüdische Bewußtsein, für den Glauben und den Namen Jude sie begeistern wollte, doch die verbotenen Früchte, die sie beim Vater genoß, schmeckten zu süß, ihre Genußsucht und ihr Leichtsinn waren stärker als ihr religiöses Bewußtsein. Und gerade deshalb hätte sie die Mutter gerne an Josefs Sette gesehen. Sie setzte in seine tiefe, überzeugungstreue Religiosität die feste Hoffnung, daß ihr Kind, einmal sein ehelich Weib, daran begeistert werden dürfte. Josef war am andern Tage in den ersten Vormittagsstunden schon im Hinterhause erschienen, direkt in den Salon eingetteten, in welchem Ricke ganz allein war. Nachdenklich saß sie am Tisch, die Ellbogen darauf stützend, die Finger in dem schwarzen Haare vergraben, der gestrige Abend hatte doch einen schweren Kopf zurückgelassen. Trug Egon die Schuld daran oder war es nur der schwere Wein, der sie eine solche Leere im Kopfe fühlen ließ? Sie wußte sich keine Antwort darauf zu geben. Josef hatte ein literarisches Jahrbuch mitgebracht, das noch nach Druckerschwärze roch, und wollte ihr einen Artikel daraus vorlesen, welcher den Titel „Literarische Ketzereien" trug und ihn selbst zum Verfasser hatte. Nach kurzer Begrüßung setzte er sich zu Ricke und begann zu lesen. Doch mitten in einem Satze, den er ihr zu erklären versuchte, brach er ab und ließ das Buch auf die Knie sinken. Trotzdem Ricke heute nicht bei der Sache war, mertte sie doch die jähe Unterbrechung und schaute Josef an, der ganz verändert, wie geistesabwesend ins Leere starrte. Sie hatte schon lange eine Veränderung an Josef gemerkt; er sah in der letzten Zeit gar oft so traurig aus, doch sie dachte ttnmer zu viel an sich und ftagte Josef nicht, was ihn bekümmere. Und Josefs Trauer und Ernst waren berechtigt. Er machte sich Gedanken und diese waren peinigend. Er kannte Riekes leichtlebige Natur, durch seine literarische Tätigkeit stand er mit der Gesellschaft in reger Fühlung und er sah, wie gerne sich Ricke huldigen ließ, welchen Gefallen sie an jedem leichtfertigen Flirt hatte, und dies machte ihn nachdenklich. Er liebte Ricke mtt jeder Faser seines Herzens, und wenn er auch seine Gefühle niemals offenbarte, durfte er, der arme Literat, zur reichen Erbin das Auge erheben, ohne den Schein zu erwecken, daß er nicht Rieke, sondern ihre Besitztümer erwerben wolle? Das war seit gestern anders. Er konnte einer gesicherten Zukunft entgegenblicken und Riekes Mutter hatte ihn ermutigt. „Josef, warum sind Sie so erregt? Heute und seit Wochen schon sind Sie wie umgewandelt. Warum?" „Warum? fragen Sie? Rieke, fühlen Sie es denn nicht, daß mein Leben sich in neue Bahnen lenkt, meine Zukunft wird eine gesicherte und mtt wem soll ich mein Glück teilen?" Er fühlte, daß ihm das Blut in den Adern heiß aufwallte und er schwieg. „Haben Sie nicht eine liebende Mutter, haben Sie nicht Freunde, die sich mit Ihrem Glück freuen werden?" „Rieke, Sie verstehen mich nicht oder Sie wollen mich nicht verstehen. Doch es muß Klarheit zwischen uns werden und deshalb will ich Ihre Frage rückhaltlos beantworten. Sie wissen ja, daß sich in diesem Hause eine wichtige Veränderung vollzogen. Ihr Vater hat den Glauben der Väter abgeschworen. Dieser Glaubenswechsel wird noch andere, tief in Ihr Leben einschneidende Veränderungen nach sich ziehen. Sie werden vielleicht in nächster Zeit schon zwischen Vater und Mutter entscheiden müssen, und wenn Sie dem Vater folgen wollten, dann würde auch unser, wenn auch nur rein freundschaftliches Verhältnis davon berührt werden. Und könnte ich es auch über mich bringen, an der Türe des Renegaten zu klopfen, trotzdem noch treu zu Ihnen zu halten, wie aber, wenn Sie am Arme Ihres Bräutigams mir entgegenlächeln würden?" Rieke wollte eine gleichgiltige Antwort darauf geben, doch sie kam nicht dazu, denn der Diener ihres Vaters klopfte an der Türe und störte das tets ü tote. Rieke öffnete. Der Diener brachte die Aufforderung des Vaters, bei ihm zu erscheinen, er wäre eben von der Morgenvisite zurückgekehrt und habe sie heute noch gar nicht gesehen.- Während im Hintertrakte zwischen Rieke und Josef dieses Zwiegespräch geführt wurde, saß der Doktor in reger Unterhaltung mit dem Regierungsassessor Brinkmann. Was die Beiden bei Pommeri und Havannaduft . so lebhaft besprachen? Egon deutete dem Doktor an, daß er um Riekes Hand anhalten möchte und dieser ermutigte ihn. Denn je eher Rieke aus dem Hause geht, desto besser wäre es. So dachte er, denn er kannte die religiöse Unbeugsamkeit seiner Gattin. Wenn sie einmal etwas als recht erkannte, dann blieb sie starr und er wollte seinem Kinde den Schmerz ersparen, die Ehegatten auch nach rechtlicher Form geschieden zu sehen. Einmal aus dem Hause, würde sie den Schlag nicht so empfinden. Der adelige Bewerber war dem edlen eifersüchtigen Manne angenehmer als der Liebling seiner Gattin, Josef Thalheim, den er nie recht leiden mochte. Rieke betrat das Zimmer ihres Vaters und er eilte ihr entgegen, um sie zu umarmen. Egon verneigte sich tief und küßte ihr galant die Hand. „Ich bin hocherfreut Sie wiederzusehen, gnädiges Fräulein! Haben gnädiges Fräulein sich von der gestrigen Soirse erholt? Ihren schönen Augen hat das Nachtwachen nicht geschadet, dessen überzeuge ich mich eben." Rieke errötete leicht. „Sie Schalk, daß Sie doch das Komplimentemachen nicht lassen können." „Komplimente?" fragte er. „Sind Ihre Augen nicht herrlich? Je tiefer ich hineinblicke, desto unergründlicher werden sie und doch möchte ich gerne darin lesen; wüßte ich ja dann auch, was sich auf dem Grunde Ihrer Seele abspielt, deren Spiegel ja das Auge."

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