Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 42 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 42 Dr. Wlocb's Mocvenscvrltt. <scUi Öb3 Dieses Zwiegespräch wurde in leisem Flüstertöne gehalten, daß es der Doktor, der sich an seinem Schreibtische zu schaffen gemacht, nicht hörte. Egon rückte für Rieke einen Fauteuil zurecht, setzte sich ihr gegenüber auf ein niedriges Tabourett, der Doktor saß abseits und warf nur ab und zu ein Wort in das muntere Geplauder der Zungen Leute, bis er nach einer Weile zu einem Patienten geholt wurde und die jungen Leute sich selbst überlassen mußte. „Wie hat Ihnen gestern mein Amtsnachfolger, Herr von A. gefallen?" „Ihr Amtsnachfolger?" frug Rieke fast erschreckt. „Gnädiges Fräulein wissen doch, daß ich als Regierungsassessor nach O. versetzt wurde, wo meiner ein größerer Wirkungskreis harrt. — — „Ich gratuliere zu diesem Avancement, wenn ich es auch tief bedauern muß, daß unser Haus einen guten Freund einbüßt. Ihr Herr Amtsnachfolger ist, trotzdem der schwarze Gesellschaftsanzug seine große, hagere Gestalt schlecht kleidet, eine bemerkenswerte Erscheinung. Das scharfe Gesicht mit den unruhig forschenden dunklen Augen, die Art des Auftretens zeigt den Mann der großen Welt und erweckt ein Gefühl der Sympathie. Aber wir werden Sie doch sehr vermissen." „Könnte ich das als Ermutigung auffassen, ich wäre glücklich." Rieke schwieg und er fuhr fort. „Ich fand hier so viel Entgegenkommen, daß ich immer den lebhaften Wunsch hegte, mich hier dauernd niederzulassen. Freilich steht mir die Wahl des Wohnortes nicht zu, da sprechen andere Faktoren mit. Käme es auf meinen Willen an, ich bliebe ewig hier an der Seite des anziehendsten Mädchens, doch ich bin nicht Herr meiner Entschlüsse." „Gehen Sie, Sie Schmeichler." „Gnädiges Fräulein, ich schmeichle nicht und wenn ich aufrichtig sein soll, dann muß ich Ihnen sagen, daß zarte Bande mich hier festhalteu." Rieke schlug die Augen nieder. „Es ist also doch wahr, daß Thekla von S. es Ihnen angetan?" „Die ist nach meinem Geschmacke zu vorlaut und emanzipiert. Ich liebe es nicht, wenn junge Mädchen zu selbständig in ihrem Urteile, überall eine eigene Meinung haben. Ein junges Mädchen muß weich und nachgiebig sein und davon ist bei der originellen Thekla keine Spur. Deshalb konnte sie auch nie einen Eindruck auf mein Gemüt machen. Warum sollte ich auch Versteckens spielen, meine heiligsten Gefühle verbergen! Rieke, seit Monden ist ein Sehnen nach Ihrer Liebe und Zärtlichkeit in mir aufgekeimt. Es ist unbezwingbar, ich vermag es nicht zu unterdrücken, ich liebe Sie mit verzehrender Glut, wollen Sie die Meine werden?" Dabei fiel er ihr zu Füßen, erfaßte ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen. Ein süßer Schauer durchrieselte Riekes Körper, sie zog ihn'zu sich empor und sank ihm an die Brust. Sie blieb nur wenige Augenblicke in dieser Stellung, dann aber ergriff sie ein Gefühl der Scham über den leichten Sieg, den Sie Egon über sich eingeräumt, sie entschlüpfte seinen Armen und lief zur Türe hinaus. Mit geröteten Wangen kam sie wieder ins Hinterhaus. Sie öffnete die Türe und sank ganz erschöpft auf einen Stuhl. Josef stand noch auf demselben Platze und blickte wie traumverloren vor sich hin. Er erschrack heftig, als sie so ungestüm ins Zimmer stürzte und er die Veränderung in ihrem Aeußern wahrnahm. Nachdem Rieke zu Atem gekommen war, sprach Josef zu ihr: „Was ist Ihnen geschehen? Sie sind ja so auffallend erregt." „Ich habe mich mit Egon von Brinkmann soeben verlobt. Sie sind doch mein bester Freund und Sie sollen es auch zu allererst erfahren." Entsetzen malte sich auf Josefs Gesicht ab. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Der alte Prager Judeu-Friedhof Ein europäisches Unckum! So lautet das einmütige Urteil auch der erfahrensten und weitgereisten Touristen, welche auf ihren Kreuz- und Querzügeu' durch Europa, inmitten des Prager Ghettos den altehrwürdigen Boden dieses Friedhofes betreten. Und wirklich — wie ein Stück Orient, wie ein Stück längstvergangener Welten wirkt dieser seltene mystische Ort inmitten des Lärmes der modernen Stadt. Es ist dies aber nicht mir ein ganz außergewöhnliches, in seiner Art einziges Denkmal von allgemeinem, kulturellem und historischem Werte, sondern diese Stätte hat namentlich für den gebildeten Israeliten besonders großes Interesse. Wem es je vergönnt war, auf diesem altertümlichen Totenselde. namentlich im Mai, zu verweilen — wenn der ganze Friedhof grünt und blüht, wenn das dichte Laub und die weißen Blüten der Fliedersträucher, die gleich Greisen sich neigenden und sinkenden Steine umhüllen — der wird sich eines nachhaltigen tiefen Eindruckes nicht erwehren können, und Zeit seines Lebens verbleibt ihm die eigenartige Erinnerung an sein Verweilen in diesem poetischen, ergreifend stimmungsvollen Totengarten. Gott sei es geklagt, daß die „Moderne Assanation der Stadt" auch auf dieses unersetzlich teuere Denkmal ihre vernichtende Tätigkeit ausdehnte. En ganz ansehnliches Srück dieses uralten Begräbnisortes fiel der modernen Umgestaltungssucht zum Opfer. Dieser unersetzliche Schaden wird zum Glück wenigstens teilweise gemildert durch Herausgabe einer künstlerischen Publikation über diesen Friedhof, welche in eleganter, reich mit Bildern ausgestatteter Form eben im Kunstverlag B. Koci in Prag erschienen ist und den ganzen Friedhof in seiner ursprünglichen unverkürzten Schönheit wiedergibt, so wie er war, bevor die neuzeitige Stadtregulation an seine Mauern klopfte. So wie der Friedhof selbst ein Unikum ist, so gilt dasselbe in unvermindertem Maße auch von diesem schönen Buche. Das Werk ist von Dr. L. Jeräbek (übersetzt von A. Major und Doc. Sp. Wukadinowiü) und repräsentiert sich in seiner einfachen, aber ebenso vornehmen Ausstattung höchst vorteilhaft. Der peinlich saubere Druck auf feinem Büttenpapier in schöner, klarer Antiqua macht der k. und k. Hofbuchdruckerei A. Haase alle Ehre. Das Buch wird eingelertet durch die Aquarellreproduktion einer Studie von B. Jansa, die wir schon aus dem Werke Alt-Prag desselben Künstlers kennen. Außerdem zieren 22 graphisch hervorragend ausgeführte Tafeln, die bedeutendsten Grabdenkmäler darstellend, die 47 großformatische Seiten starke Monographie. Diese Darstellungen, die doch alle das gleiche Motiv wiedergeben, die hohen flachen Grabsteine sind sehr verständig ausgewählt und überraschen durch die Verschiedenheit in der Gleichartigkeit. Es sind neben einigen Gesamtansichten und Totalansichten die bedeutendsten unter den zahllosen Steinen im Bilde wiedergegeben, namentlich die Grabsteine des gefeierten Gelehrten Rabbi Bezalel Löw, ferner des großen Bibliophilen Rabbi David Oppenheim u. s. w Textlich ist das Buch ausgezeichnet. Die Darstellungen Jeräbeks sind stimmungsvoll und wissenschaftlich bedeutend. Ein reichhaltiges, zuverlässiges Quellenmaterial hat ihm zu Gebote gestanden, so daß in diesen 47 Seiten ein interessantes Stück hebräischer Geschichte niedergelegt ist. Die Fußnoten von Dr. Pollak sind wertvolle Ergänzungen. Der Preis dieser originellen Publikation, die wir der Aufmerksamkeit unserer Leser wärmstens empfehlen, ist: 5 Kronen 4 25 Mark. Neue Bücher. Dr. Arthur Rrrhpin. Die Juden derG egenwart. Eine sozialwissenschaftliche Studie. Mark 4.80. Verlag von S. Calvary & Co., Berlin, NW. 7. 1904. Fabius Schach. ueber die Zukunft Israels. Eine kritische Betrachtung. Verlag von M. Poppe lauer, Berlin. 1904. Briefkasten. S. Das Landesgericht in Lemberg hat die Weiterverbreitung der folgenden in jüdischer (Jargon-) Sprache verfaßten Broschüren verboten, und zwar: '. „Anarchie (!) vor Gericht." 2. „Die anarchistische (!) Gesellschaft." 3. „Gedanken von Revolution." (!) 4. „Die religiöse Pest" von Johann Most. (!) 5. „Das wahre Ziel des Anarchismus." (!) 6. „Die neue Thora." (Dieses „Werk" wurde konfisziert von den Worten: „Es lebe" bis zn dem Worte „Revolution".) (!) 7. „Wie kommt ein Jude zum Sozialismus." Wie man sieht, ein ganzes Sammelsurium von revolutionären und anarchistischen Schriften. Und alle sind in jüdischer (Jargon-) Sprache geschrieben. K. 8. In O d e s s a wurden mehrere Hundert jüdischer Reservisten zum Kriege einberufen und als Tag der Abreise wurde der jüdische Versöhnungstag festgesetzt. Natürlich war der Militärbehörde nicht unbekannt, was dieser Tag den Juden bedeutet. An 10.000 Juden umlagerten den Bahnhof, um die abziehenden Brüder zu begrüßen.