Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 42 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 674 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Wr. 42 Vaterland kämpften. Besonders hätten sich die jüdischen Trompeter des 11. Regiments bei Turentschun ausgezeichnet. Die Regierung könne nicht umhin, den Heldenmut der Juden dankbar anzuerkennen. _ Die kastilianische Sprache im.Orient. Ein Madrider Korrespondent schreibt: Hervorragende spanische Schriftsteller hahen in der letzten Zeit begonnen, die öffentliche Aufmerksamkeit auf eine Angelegenheit zu lenken, die auch für weitere Kreise nicht ohne Interesse ist. Ich meine die Sympathiebewegung, die sich für die Inden im Orient regt, die 400 Jahre hindurch die kastilianische Sprache, die einst ihre Väter sprachen, wenn auch etwas korrumpiert, treu bewahrt haben. Jüdisch-spanische Studentenverbindungen in Wien haben die so lange unterbrochenen Verbindungen wieder augekriüpft; die ersten hiesigen Literaten haben mit einem Geschenk ihrer Werke geantwortet und Dr. Angel Pulido hat kürzlich ein Buch veröffentlicht, welches das obige Thema in umfassender Weise behandelt und die Verhältniffe genau darlegt. Immer mehr bricht sich hier die Ucberzeugung Bahn, daß es wohl recht getan wäre, das von der Inquisition begangene Unrecht wieder gut zu machen, da die sich daraus ergebenden Folgen für beide Teile nur günstig sein könnten. Das Vorhandensein großer Gruppen spanischer Juden im Orient ist ja für die, welche etwas weiter herumgekommen sind, nichts Neues. Weniger bekannt dürste es aber doch wohl sein, daß diese Israeliten, die in so schmählicher Weise aus ihrer damaligen Heimat vertrieben wurden, mit den alten, von den Literarhistorikern schon verloren geglaubten Romanzen und Gesängen auch noch eine Zuneigung zu dem Lande und der Nation als solcher sich erhalten haben. Die Jahrhunderte scheinen bei ihnen den Groll ausgelöscht und eine rege Sehnsucht »ach den Stätten, wo sie einst glücklich waren, hervorgerufen zu haben. Wenigstens muß man das aus allen ihren privaten und öffentlichen Aeußerungen entnehmen. Unter der Herrschaft der Mauren sprachen die in Spanien ansäffigen Juden arabisch; aber in dem Maße wie die Rekonquista fortschritt, eigneten sie sich das Kastilianische an und dienten nun vielfach als sehr nützliche und wichtige Vermittler der alten Kulturschätze, die die Araber zurückließen. Schon um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts verfaßten jüdische Aerzte, Philosophen und Rabbiner ihre Schriften in spanischer Sprache, und unter der Regierung Alfons des Weisen übertrugen sie darin arabische Werke religiösen, medizinischen, astronomischen und selbst kunstgewerblichen Inhalts. Die spanischen Liederbücher des vierzehnten Jahrhunderts sind voll von Poesien jüdischer Dichter. Sogar bei den gottesdienstlichen Handlungen wurde vielfach, wohl weil das Hebräische in Vergessenheit geraten war, die spanische Sprache verwendet, so daß es nicht weiter wundernehmen kann, daß sie diese als ihre eigene betrachteten, als sie Ende des fünfzehnten Jahrhunderts das Land verlaffen mußten. Einige zogen nach Südfrankreich, andere nach Italien, England und den Niederlanden, ein großer Teil aber wanderte nach dem Orient aus. Während die ersten aber bald die Idiome der genannten Länder annahmen, bewahrten letztere, die in Städten mit einer sich aus den verschiedensten Raffen zusammensetzeuden Bevölkerung lebten, die spanische Sprache als Bindeglied und Verständigungsmittel unter sich und zwar bis auf den heutigen Tag. Es handelt sich dabei nicht um kleine Kreise. Sprechen doch in Konstantinopel allein 52.000 Juden spanisch, in Salonichi 50.000, in Smyrna 22.000, in Bulgarien 35.000, in Bosnien 10.000, in Serbien 6000 u. s. w. Enrique Bajarano, der Leiter einer jüdischspanischen Schule in Bukarest, schätzt die Gesamtzahl der spanisch sprechenden Juden im Orient auf über '/, Million. Auch die Familiennamen sind noch spanisch geblieben, und Namen wie Campas, Castro, Rodriguez, Caldaran, Perez u. s. w. sind bei ihnen ganz geläufig. Die Frauen nennen sich Angele, Amada, Buena, Flor, Estimada, Fermosa, Nina, feenoro, Virtud, Sol, Esparanza u. s. w. Zahlreiche spanisch-jüdische Zeitungen find in den letzten 50 Jahren entstanden, als erste 1846 die „Puerto de Orients" in Smyrna, später „La Luz de Israel", „El Nacwnal", „El Tempio" (korrumpiert aus Tiempo), „El Pragreso", „El Telegrafo". „El Sol" in Konstantinopel, „El Lunar", „La Epoca" in Salonichi, „La Esperanza", „La Verdad" in Smyrna, „El Dragoman", „El National", „El Carreo de Viena", „La Polttica" und andere in Wien. In der Türkei nehmen über tausend spanische Juden Staatsämter ein. Man begegnet ihnen in fast allen Ministerien und auch im Heere. Unter den Kaufleuten des türkischen Reiches figurieren sie mit an erster Stelle. David Bally, Lehrer in Bukarest, versichert, daß, wenn die spanischen Konsuln angewiesen würden, die spanisch sprechenden Juden in die Matrikel aufzunehmen, Spanien sehr bald über beinahe eine Million treu ergebener Untertanen mehr zählen würde. Und aus hundert anderen Aeußerungen, die Pulido in seinem Werk auführt, geht hervor, daß die spanischen Juden in bewußter Weise an der spanischen Sprache festhaltm wollen. Unter solchen Umständen empfindet man es hier vielfach als eine moralische Pflicht, diese intellektuelle Annäherung, die vielleicht'die Vorläuferin engerer Baude ist, Wetter zu fördern und alle, die in der Ferne die nattonale Sprache nicht nur bloß sprechen, sondern ihr auch von Herzen zugetan sind, wieder an das gemeinsame Vaterland zu fesseln. Eine antisemitische Ausbeutung jüdischer Stiftungen. „Um das Andenken an das 60. Geburtsfest des Bürgermeisters Dr Karl Lueger, seines gütigen Förderers, zu ehren, hat der im Jahre 1808 von Hofrat Professor Unger unter dem Protektorat weiland der Kaiserin Elisabeth gegründete Heilverein (Hygienische Gesellschaft) in Lesina, Dalmatien, eine Stiftung ins Leben gerufen, die darin besteht, daß derselbe alljährlich in seinem derzeitigen Kuretablissement „Kaiserin Elisabeth" und den in der Folge projektierten weiteren Erholungsstätten je einem Magistrats-Hilfsbeamten zu Kurzwecken einen ganz freien Platz inklusive Verpflegung gewährt. Diese Stiftung hat für immerwährende Zeiten den Namen „Dr. Karl Lueger-Stiftung des Heilvereines in Lesina" zu führen und hat nur die Magistratsdirektion das Recht, diesen Stiftnngsplatz einen würdigem Hilfsbeamten zu verleihen. Der genannte «rein christliche" Verein hat bekanntlich auch beschlossen, seine Kuretabliffements nur christlichen Kurgästen zugänglich zu machen und außer dem bereits im Betrieb stehenden Kurhotel „Kaiserin Elisabeth" Erholungsstätten für den Klerus, öffentliche Beamte christlicher Konfession, die christliche Kaufmannschaft, Redakteure und Administrationsbeamte christlicher Tages- und sonstiger Journale, Schriftsteller, Schauspieler re. zu erbauen und unter Modalitäten zugänglich zu machen, wie sie noch von keinem arideren Kurorte der Monarchie geboten wurden." Gestiftet aber wurde das Institut von Hofrat Professor Unger, einem Juden, mit nahezu ausschließlich jüdischem Gelde. Deutschtum und Judentum. Die von Eduard Riesen in Dresden herausgegebene Fachzeitschrift „Künstliche Blumen" brachte im 22. Hefte einen „Ein verkanntes Mittel zur Förderung unseres Auslandsgeschäftes" überschriebenen Artikel, dessen Verfasser über einen Meinungsaustausch berichtet, den er über diesen Gegenstand mit dem weitgereisten bayrischen Professor Martin Hingerl hatte. Er sagt dabei: „Wie viele Länder gibt es, wo der deutsche Kaufmann betrogen, gemißhandelt, ausgebeutet und zurückgesetzt wird, ohne daß unsere Regierung energische Maßregeln' ergreiftProfessor Hingerl, ein guter Deutscher, weist mit Empörung auf die Chikanen hin, denen die deutschen Geschäftsleute jüdischen Glaubens in Rußland ausgesetzt sind. Das lassen unsere Gesandten und Minister zu, weil sie nicht ahnen, daß gerade dieser jüdische Kaufmann der Förderer deutschen Wirtschaftslebens und deutscher Sprache ist, dem wir auch im Orient viel verdanken. Das sagt ein Katholik, und ich, ein Protestant, unterschreibe es, um ähnlicher Erfahrung willen. Die Chikanen, die uns Rußland zugefügt hat und noch zufügt, wül jene Kaufleute jüdischer Religion sind, kosten uns Millionen. Unser Handel würde sich um Millionen heben, wenn diesen Chikanen ein Ende gemacht würde. Rußland würde selbst dabei profitieren. Es ist ein Blödsinn, in derlei Dingen von Religion zu reden; es handelt, sich um unsere Landsleute, um unseres Vaterlandes Wohlergehen. Würde hiernach gehandelt, so hatte man der russischen Regierung längst schon von Berlin aus mit dem nötigen Nachdruck begreiflich gemacht, daß deutsche Staatsbürger, Leute, die Deutschlands Handel und Industrie nützlich sind, nicht in der von Rußland beliebten Weise behandelt werden dürfen. Jene chikanierten Vertreter unseres Geschäftslebens kennen ihr Publikum und überwinden Schwierigkeiten mancher Art, an die man draußen nicht denkt. Wer weiß, wie viel Langmut ein Kaufmann im heutigen Rußland haben muß, bevor er zum Ziele, zum Geschäfte kommt, der erwägt, daß wir ein Bindeglied, dessen wir nicht entraten können, stützen müssen. Unser Auslandsgeschäft muß zu den sonstigen Sorgen des Konkurrenzkampfes auch noch den Ballast der Chikanen tragen, mit denen gewisse Staaten im Angesichte der Kratzfußpolitik des mächtigen Deutschen Reiches die jüdischen Angehörigen des letzteren aus angeblichen nationalen und religiösen Rücksichten zu belasten wagen. Gegen solchen Schnupf, den Nationen uns antun, die hinter uns zurückstehen, die unseres Wirtschaftslebens, unserer Geld- und sonstigen Hilfe dringlich benötigen, müssen wir Front machen!"