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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-10-14 · 42 (14.10.1904) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
42 (14.10.1904)
Date
1904-10-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Rr. 43 Dr. Blocb’s MocbenscbrLtt« Seite 673 ihrer Cadres sich regelmäßig in solcher Ruhe, mit solcher Würde und olchem Anstand vollziehen würde. Und dennoch sind es durchwegs Lumpen, die am 1. Mai in den Prater ziehen, und der Mann, der das laut hinausruft, in offener Sitzung der Vertreter der Wiener Bürgerschaft, unter Umständen und an einem Orte, der, wenn es auch das Gesetz nicht vorschriebe, einen besonderen Anstand erfordert, das ist der Bürgermeister von Wien! Man greift sich an die Stirne und kann nicht verstehen, wie derlei möglich sei, aber bei einiger Besinnung kommt doch die bessere Erkenntnis, und man gelangt dann dahin, zu finden, daß das Unwahrscheinliche, das Unglaubliche, das Unanständige nicht nur nicht unmöglich, sondern geradezu die Regel sei. Die Sache wirkt nur im ersten Augenblick so verblüffend, weil sie so namenlos dumm erscheint. Die Brutalität allein wäre nicht mehr so ausgefallen. Warum sollte man aber der Dummheit und der Brutalität aus dem Wege gehen, wenn sie sich bisher so nützlich erwiesen haben? Man zieht einfach die Konsequenzen und erhebt Dummheit und Brutalität zu einem Prinzip, mehr als das, zu einem System. Die Arbeiterschaft mag sich getrösten. Was ihr da einmal von allerdings erstaunlicher Schamlosigkeit angetan worden ist, wird der Judenschaft jahraus jahrein und Tag für Tag angetan, und nicht nur von dem gnädigen Herrn selber, sondern bis zum letzten seiner Bedienten herab. Und alle sind sie dabei wohlgefahren. Warum sollten sie also nicht bei der Sorte bleiben? Das System ist ungeheuer einfach. Anstatt zu argumentieren, schmäht man, und dann besorgt man gleich das Ganze pauschalster und in einem Aufwaschen. Was nicht mit ins christlich-soziale Horn stößt, wird gleich in Bausch und Bogen abgeschlachtet. Das ist unsere städtische Großschlächterei. Wenn es ein spirituos angeregter Magistratssekretär auf der Spiritusausstellung ist, so sagt er nicht etwa, dieser oder jener Jude hat gefälscht. Das müßte er doch beweisen. Er sagt einfach in seiner stillen und sinnigen Art: alle Juden sind Fälscher und jedem Juden sollten die Augen ausgestochen werden. Da kann ein Beweis nicht gefordert werden und die ganze generalisierende Methode ist — dafür ist der Beweis erbracht worden — weitaus ersprießlicher und vorteilhafter. So erklärt Herr Dr. Lueger in kurzem und summarischem Verfahren gleich alle sozialdemokratischen Arbeiter für Lumpen — alle! Sie sind nicht christlich-sozial, folglich sind sie Lumpen. Und er erschreckt nicht vor dem Schall seiner Worte. Denn er hat das Gefühl, daß sie angenehm klingen und ihm ein Bild einlegen werden — oben und unten. Um diesen Preis kann man schon Leute gegen sich aufbringen, die ja doch nur — Arbeiter sind. Die anderen aus der christlich-sozialen Sippe machen es aber gerade so. Monsignore Scheicher, der katholische Priester und Mitglied des niederösterreichischen Landesausschusses, hält auf dem Bürgermeistertage eine Rede, in welcher er unter Anderem seinem Auditorium folgenden Kernsatz hinlegt: „Wir haben in Niederösterreich 1608 Gemeinden, davon sind 1607 vernünftig, nur die 1608. ist eine Ausnahme." Gemeint ist damit die Stadtgemeinde St. Pölten. Man sollte annehmen, daß, wenn eine Partei wirklich von 1608 Gemeinden 1607 sich als zugehörig anrechnen kann, sie sich ohneweiters den ungefährlichen Luxus des politischen Anstandes vergönnen und wenigstens die Existenzberechtigung auch einer Opposition anerkennen könnte. Das wäre zuviel verlangt. Wer nicht christlich-sozial ist, ist unvernünftig. Und der große Bielohlawek?! Der katholische Mäßigkeitsverein für Oesterreich und Priester-Abstinentenbund erbittet eine gerinfügige Subvention für die Vereinszwecke. Die ganze wissenschaftliche Welt, die Mediziner, die Soziologen, die Kriminalisten, die Gesetzgeber, die geistlichen und weltlichen Instanzen beschäftigen sich ernst mit der Alkoholfrage, Herr Bielohlawek ist dagegen. Er erhebt sich und spricht: „Wenn die Wissenschaft mit ihrem Latein zu Ende ist, kommt sie mit Spucktrücherln und Antialkoholbewegung. Die Bewegung gegen den Alkoholismus in toto erkläre ich für eine Eselei". Er ist also mit seinem Latein — „in toto“ beweist er — noch nicht zu Ende. Auch das ist nicht einfache Insolenz und Dummheit. Die Wirte find Wähler und die Greißler verkaufen auch Flaschenbier. Welche Partei sonst dürste fich in gleicher Weise gehen lassen? Die christlich-soziale Partei ist die, innerhalb welcher Alles gesagt werden darf. Man genießt da unbeschränkte Freiheit, insbesondere die Freiheit der Stupidität und der Brutalität. Der Bürgermeister sagt, alle sozialdemokratischen Arbeiter sind Lumpen, der Magistratssekretär schreit, alle Juden sind Fälscher, der Herr Landesausschuß predigt, alle nicht christlich-sozialen Gemeinden find unvernünftig, und der Herr Stadtrat versichert, alle Gelehrten find Esel. Das wäre nun Alles ganz schön und gut, aber wir meinen, daß schließlich auch Alles seine Grenzen haben müsse, und es hat ganz den Anschein, als sei der Herr Bürgermeister mit dieser neuesten Dummheit an die äußerste Grenze und zugleich in eine recht bedenkliche Sackgasse geraten. Wie die Dinge nun liegen, will es uns bedünken, als sei da eine historische Dummheit begangen worden. Man beleidigt nicht hunderttausend Männer, ohne daß das irgend eine Folge haben sollte, und es ist nicht ausgeschlossen, daß auch diese Folge eine historische werden könnte. Den „Lumpeix" werden die Arbeiter auf fich sitzen laffen, aber vielleicht in etwas anderer Weise, als Herr Dr. Lueger fich das vorgestellt haben mag. Es ist nicht unmöglich, daß das Wort zu einem historischen Ehrentitel erstarren wird, wie das verächtlich gemeinte Wort von den Geusen, das den niederländischen Edelleuten hingeworsen wurde, als sie fich verwahrten gegen die von Philipp II. gesandten Inquisitoren zur Vollstreckung der tridentinischen Dekrete. Die „Bettler" haben das Wort zu Ansehen gebracht, und es sollte uns wundern, wenn die Wiener Arbeiterschaft nun nicht als sinniges Andenken an die historische Tatsache der Bürgermeisterschaft eines Lueger fich die Bezeichnung der „Partei der Lumpen" beilegen sollte. Es wird Herrn Doktor Lueger sicherlich ein ausnehmendes Vergnügen sein, am 1. Mai oder vielleicht schon früher den Emblemen der „Partei der Lumpen" zu begegnen. Whig. Juden auf dem Schlachtfelde. Eine folgenreiche Heldentat hat der jüdische Soldat des 4. ostsibirischen Schützenregiments, Michel Tschernomordnik aus Mohilew vollbracht. Das 3. Bataillon dieses Regiments war bereits von drei Seiten von den Japanern umzüngelt und sehnsüchtig blickte sein Kommandierender nach der Richtung hin, von wo dem Bataillon Verstärkung oder doch wenigstens ein Rückzugsbefehl kommen sollte. Endlich kommt aus schäumendem Roffe ein Bote herangesprengt, schon ist er nur wenige Schritte vom Kommandierenden entfernt, als er von einer Kugel getroffen vom Pferde stürzt. Der Schwerverwundete hat aber noch die Geistesgegenwart, im Stürzen mit der Hand auf die Mütze zu zeigen, in der schriftlicher Befehl zum Rückzug gefunden wurde. Letzterer konnte noch unter Mitnahme der Verwundeten ohne großen Verlust bewerkstelligt werden. Es stellte sich heraus, daß der Ueberbringer der erlösenden Botschaft vier volle Stunden im dichtesten Kugelregen aus dem weiten Schlachtfelde umhergeirrt war, bevor er den Standort des Bataillons finden konnte. Während der ganzen Zeit fielen auf jedem Quadratmeter gegen 100 japanische Geschosse, das Unternehmen war so gefahrvoll, daß zu seiner Ausführung Freiwillige ausgefordert wurden. Es meldete sich aber kein weiterer Soldat, als der Jude Tschernomordnik, der so zum Retter eines ganzen Bataillons wurde: Held Tschernomordnik, der jetzt.im Hospital zu Charbin sorgfältig gepflegt wird, wird das Georgkreuz, sowie das Recht erhalten, in ganz Rußland wohnen zu dürfen. Die Tapferkeit der jüdischen Soldaten beginnt übrigens selbst dem russischen Tschinowniktum zu imponieren. So hat der Gouverneur von Taurien, wirklicher Staatsrat Trepow gelegentlich eines Besuches in Theodofia auch die dortige Synagoge besichtigt und bei dieser Gelegenheit eine warme Lobrede auf die jüdischen Soldaten gehalten, welche in der Mandschurei nicht weniger tapfer als die christlichen Ruffen für das gemeinsame

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