Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 41 (7.10.1904)
- Date
- 1904-10-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 662 Dr. Blocb’s MlocbenscbrM. Nr. 41 dankend abgelehnt worden waren — zwei prächtige Kränze angebracht als letzte Grüße des D. L.-L.-V. i. B. und seines persönlichen Freundes Direktor Pohl. Die Herren Dr. Fischer und Dr. Thieberger hielten im Badhofe an der Bahre des Verblichenen ergreifende Trauerreden und es erglänzten in manchem Auge Tränen, als der überaus einfache, vorschriftsmäßig nur aus rohen Brettern gezimmerte Sarg auf den Leichenwagen gehoben wurde, um die Ueberreste des teuren Toten zur Bestattung zu führen. Voraus schritten Zöglinge des israel. Kaiser Franz Josef-Knaben-Waisenhauses, hinter dem Sarge folgte die ungezählte Menge Leidtragender bis zur Stadtgrenze beim Staatsbahnbofc, von wo aus die Trauergäste mittels Wagen nach Straschnitz bei Prag fuhren, um der Beisetzung beizuwohnen. Am Grabe hielt noch der Vorstand des Waisenhauses kaiserl. Rat Joß eine inhaltsvolle Abschiedsrede, worauf die Schollen auf den Sarg rollten. Brünn. (R a b b i n e r w a h l.) Endlich haben luir einen Rabbiner. Nachdem die zuletzt mit Herrn Dr. Max G r u n w a l d in Wien vom Vorstande der hiesigen israelitischen Knltusgemeiude angeknüpften Unterhandlungen wegen Uebernahme des hiesigen Rabbinates zu keinem Resultate geführt hatten, da Herr Dr. G r u n w a l d schließlich die Berufung abgelehnt, schritt der Vorstand zur Einladung eines Probepredigers. Diesmal mit recht glücklichem Erfolge. — Herr Dr. Ludwig L e v y aus Breslau, welcher an den letzten Festtagen hier Probepredigtcn abhielt, ist bereits zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewählt. Der neue Rabbiner ist noch sehr jung, stammt aus dem Elsaß, ist somit ein Reichsdeutscher, hat das Breslauer Rabbinerseminar absolviert und gefiel ausnehmend gut. Zweifellos verfügt er über große rednerische Beanlagung. Er übernimmt hier gewiß kein leichtes Amt, umsomehr müssen alle, die guten Willens sind, ihm Glück und Segen zu seiner Aufgabe in unserer Großgemeinde wünschen. Deutschtum und Judentum. In einem Aufsatze der „Täglichen Rundschau" über Wilna finden wir folgende Bemerkung: „Die meisten Deutschen, die ich kennen lernte, radebrechten chre Muttersprache nur noch mit Mühe, so daß man, auf Russisch viel weiter mit ihnen kam . . . Hier, in nächster Nähe der baltischen Provinzen, inmitten von 80.000 Juden, die sich freuen, wenn sie deutsch sprechen dürfen (ich habe mit ihnen, in deren Händen natürlich fast alle Geschäfte sind, nie anders als Deutsch gesprochen!), bei nur 16. v. H. Russen — unter so günstigen Verhältnissen russifiziert sich eine sehr starke deutsche Kolonie in kürzester Zeit. Der Grund liegt, wie man mir versichert hat, durchaus nicht etwa in einem von oben ausgeübten Drucke, sondern einzig und allein in der bekannten deutschen Bequemlichkeit und Kulturdüngerhaftigkeit." Also die russisch-polnischen Juden freuen sich, wenn sie deutsch sprechen können, die Deutschen aber radebrechen ihre Muttersprache. Wahrlich, so schreibt mit Recht die „Kölnische Zeitung", höchst ehrenvoll für das Deutschtum! Wir glauben ja gewiß nicht, daß diese russischen Juden sich irgendwie als Deutsche fühlen oder etwas für das Deutschtum übrig hätten — wie sollten sie auch? — aber sie haben den Instinkt, daß das Deutschtum eine höhere Kulturstufe darstellt, als das Russentum und daß die Sprache eine Verbindung mit dieser höheren Kultur bildet. Dieser Verbindung, dieser Möglichkeit, sich einmal. zu etwas Höherem emporzuschwingen, wollen sie nicht verlustig gehen, während die Deutschen, die dieses Höhere schon durch Geburt besitzen, sich dessen mit derselben Gleichgiltigkeit entäußern, wie man einen abgetragenen Rock bei- .feite legt. Diese Kläglichkeit des Deutschtums tritt ja nicht nur bei dieser Gelegenheit und an dieser Stelle zu Tage. In einer Besprechung der Ursachen der schnellen Amerikanisierung der Deutschen in den Vereinigten Staaten von Nordamerika sagt Wilhelm von Polenz: „Der deutschen Grundtugend entsprechend, willenlos im fremden Wesen aufzugehen, hat sich jener Prozeß der Assimilierung, der hier (Polenz erwähnt eine Rede des Präsidenten Roosevelt) als Gebot der Bürgertugend aufgestellt wird, bei den meisten unserer Landsleute in Amerika ziemlich rasch voltzogen." Essegg. (I u g e n d g o t t e s d i e n st.) Wie seit einer Reihe von Jahren hat der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde zu Essegg-Oberstadt auch an den diesjährigen hohen Feiertagen für die Schüler des Gymnasiums, Realgymnasiums und der . mit letzterem verbundenen höheren Handelsschule im Saale des Gemeindehauses den Gottesdienst abhalten lassen. Die jüdischen Mittelschüler, ca. 150 an der Zahl, wohnten demselben fast vollzählig bei und folgten mit Gebetbüchern und in großer Anzahl auch mit Machsorim in der Hand mit größter Andacht und ungeschwächtem Interesse den Gebetsvorträgen und Gesängen des Vorbeters und einstigen Kantors Herrn Krauß, welcher seine schwere Funktion — er.betete am Rosch-haschonoh an beiden Abenden, dann an beiden Tagen Schacharit und Mussaph, am Jom - Kipur, Kolnidre, Schacharit, Mussaph, Mincha, Neila und Mariw, las die Thora vor und war auch Bal-tokeo — in geradezu bewunderungswürdiger Weise ausübte. Am ersten Tage des Neujahrsfestes, welcher mit dem Todestag der verewigten Königin Elisabeth zusammenfiel, hielt der Religionslehrer und Sekretär der Kultusgemeinde Herr Nathan Schwarz eine Gedenkrede, welche mit einem Gebet für Seine Majestät den König und das allerhöchste Herrscherhaus endete. Am Versöhnungstage wurde auch Maskir abgehalten und bei der Haskarah der verewigten Königin Elisabeth, Sir Moses M o n t e f i o r c's, Baron H i r s ch's, Dr. Theodor Herz l's, des Essegger Oberrabbiners weil. Dr. S. Spitzer's sowie der verstorbenen Eltern der Mittelschüler in pietätvoller Weise gedacht. Die betreffende Ansprache hielt auch diesmal Herr Nathan Schwarz in der kroatischen Landes- und Vortragssprache; ebenso wurde auch die Mincha-Hafthorah in kroatischer Sprache verlesen. An beiden Feiertagen wurde von den zur Thora gerufenen Studenten auch eifrig für verschiedene wohltätige Zwecke gespendet, wie denn auch die Funktionen der Gaboim in die Hände der älteren Studenten gelegt wurden, welche ihrer Aufgabe in geradezu mustergiltiger Weise nachkamen. In zuvorkommendster Weise hat der Direktor des Realgymnasiums Herr Gustav Pexidr über-Ansuchen-der Kultusgemeinde einen jüdischen Professor derselben Anstalt zur Inspektion beim Jugendgottesdienste beordert, unter dessen Aufsicht auch vom kommenden Samstag an der allwöchentliche Samstag-Gottesdienst für die Schuljugend im großen Tempel abgehalten werden wird. Für die Veranstaltung und Förderung des Jugendgottesdienstes gebührt dem verehrlichen Vorstande und dem Vorsteher Herrn Dr. Hugo Spitzer, sowie Sr. Ehrwürden Herrn Oberrabbiner Dr. Simon Ungar im Namen der Jugend der Dank. N. b. M. Mährisch-Aussee. Unsere Gemeinde ist von einem schweren Verlust betroffen worden. Am zweiten Tage des Sukkoth-Festes starb hochbetagt, im Alter von 87 Jahren, unser Altvorsteher Herr S. A. P o l l a k, welcher fast 40 Jahre an der Spitze der Gemeinde gestanden war und auch Mitglied des Bezirksschulrates in Hohenstadt gewesen ist. Der Verewigte war ein durch wahrhaft fromme, altjüdische Gesinnung, durch Bildung, Thora-Gelehrsamkeit und rabbinisch-talmudisches Wissen ausgezeichneter Mann, und mit seinem Namen verknüpft sich zugleich die Erinnerung an eine Blüte- und Glanzzeit unserer Gemeinde. Die große Beteiligung an dem Leichenbegängnis gab Zeugnis von den Gefühlen warmer, aufrichtiger Freundschaft, hoher Verehrung und Pietät, die dem Verstorbenen allseits entgegengebracht wurde. Nicht nur die Gemeindemitglieder von hier und von Mähr.-Schönberg, sondern auch die andersgläubigen Mitbürger erwiesen ihm die letzte Ehre. Es hatten sich ferner eingefunden: als Vertretung der Nachbargemeinde Loschitz Herr Vorsteher Karl Ehrlich, Herr Vorstand Eckstein mit Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. G ü n z i g, ferner Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Oppenheim aus Olmütz, als 'Freund der Familie, außerdem als Vertretung. des Vereines der Mähr.-Ausseer in Wien Herr S. A. W a s s e r v o g l, Bethausvorstand der Wiener Kultusgemeinde, und Herr Direktor I a h o d a u. v. A. Der Sarg wurde in den Tempel gebracht und vor schwarz drapierter Bundeslade hielt der Rabbiner unserer Gemeinde, Se. Ehrwürden Herr Dr. P r o ß n i tz aus