Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 41 (7.10.1904)
- Date
- 1904-10-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 658 Dr. Llocb's MlocbenscbrLN. Nr. 41 Ersparnisse, bedeutende Erleichterungen, sowie Rechtsschutz können aber den armen Emigranten nur auf eine Weise gesichert werden, nämlich durch eine planmäßige Organisation der Auswanderung. II. Organisation. Die Aufgaben der zu schaffenden Organisation sind außerordentlich mannigfaltige und große, und es wird im Anfang vielleicht nicht möglich, jedenfalls nicht ratsam sein, die Erfüllung aller dieser Aufgaben sofort und gleichzeitig in Angriff zu nehmen. Aber diese Ziele muffen doch von vornherein bei der Schaffung des ganzen Apparates in Betracht gezogen werden. Die für die Emigration zu bildende Organisation hat a) Die Auswanderer in ihrer Heimat mit den erforderlichen Auskünften zu versehen; sie hat diejenigen, die noch kein festes Reiseziel haben, dahin zu dirigieren, wo sie für ihren speziellen Beruf den beste» Markt finden, ganz zur Auswanderung ungeeignete Elemente nach Möglichkeit zurückzuhalten, geeignete Reisewege zu empfehlen rc. Sicher werden besonders im Anfang nur sehr Wenige darauf hören, wenn ihnen die Auskunftsbureaus von der Emigration abraten, aber wenn es mit der Zeit gelingt, für diese Auskunftsorgane das Vertrauen der jüdischen Massen zu gewinnen, so wird es ihnen möglich sein,- auch einen wesentlich retardierenden Einfluß auszuüben und die ungeeignete Emigration wenigstens teilweise hintanzuhalten.'^ b) Den Auswanderern, sobald sie ihre Heimat verlassen haben, auf der Reise, besonders in den Grenzstationen und Hafenplätzen, zur Seite zu stehen und vertrauenswürdige Personen dort zu bestellen, die die nötigen Auskünfte erteilen können, sowie die Emigranten vor der Ausbeutung durch Agenten, Geldwechsler rc. zu schützen; e) mit den Dampfschiffahrtsgesellschaften und Eisenbahnen zu verhandeln, um möglichst billige Preise für die Reise zu erzielen; d) durch Verhandlungen mit den zuständigen Ministerien dafür zu sorgen, daß für die Behandlung der jüdischen Auswanderer in den Staaten, die sie paffieren müssen, unter Respektierung aller gebotenen hygienischen Vorsichtsmaßregeln für die Durchgangsländer, feste und tolerante Normen geschaffen werden, um die Emigranten vor Uebergriffen untergeordneter Organe zu schützen. Kommen solche doch vor, so sind alsdann die Organe der zu schaffenden Organisation in der Lage, sich der Emigranten anzunehmen; e) mit den geeigneten jüdischen Organisationen in denjenigen Ländern, die das Ziel der Auswanderung bilden, Verbindungen anzuknüpfen, um sicherzustcllen, daß die jüdischen Emigranten am Ziele ihrer Reise tatkräftige Hilfe zur Erringung einer neuen Existenz finden; f) außer den Ländern, die jetzt hauptsächlich die Einwanderung aufnehmea, andere Gebiete zu suchen, die in der Lage wären, wenigstens einen Bruchteil des Auswanderungsstromes zu absorbieren. So könnte z. B Italien, das nur zirka 40.000 Juden zählt, sehr toohl viele jüdische Handwerker aus Rumänien aufnehmen, die info'ge der Stammes¬ und Sprachenverwandtschaft zwischen Italien und Rumänien sich für die Ansiedlung auf der Apenninenhalbinsel eignen dürften. Dieses eine Beispiel kann leicht vervielfältigt werden; g) endlich ist als ein ferner liegendes Ziel ins Auge zu fassen die Vorbereitung der Emigranten für ihr neues Heimatland durch Sprachunterricht re. vor der Abreise. Eine Organisation, die diesen Aufgaben nach und nach gerecht werden soll, ließe sich etwa folgendermaßen bilden: 1. Eine Zentrale, eine Art jüdisches Auswanderungsamt, in einer der westeuropäischen Großstädte. Dieser Zentrale fielen die Aufgaben zu, mit den Transportgesellschaften und Behörden zu verhandeln, die Informationen über Arbeits- und Ansicdlungsgelegenheiten in den Zielländern der Auswanderung zu sanimeln und diese Nachrichten nach Rußland, Oesterreich rc. weiterzugeben, neue Einwanderungsgebiete zu suchen und deren Verhältnisse zu studieren, sowie endlich alle gesammelten Erfahrungen auf diesen Gebieten allen Teilen der Organisation, respektive der Oeffentlichkeit bekannt zu geben. 2. In den Ländern, aus denen die Emigranten kommen, je eine Zentrale in den Hauptstädten, also Petersburg, Warschau, Lemberg, vielleicht auch Bukarest, zu errichten, an die das Auswanderungsamt seine Informationen und Instruktionen abgibt. Von dieser Landeszentrale sind dann in allen wichtigen Plätzen des betreffenden Landes Auskunftsstellen zu schaffen, bei denen der Auswanderuiigslustige Informationen und Rat aller Art erhalten kann. Meist wird man für diese lokalen Auskunftsstellen an die vorhandenen Gemeindeinstitutionen resp. Vereine anknüpfen können, oder Private werden sich freiwillig für die gemeinnützige Arbeit zur Verfügung stellen. Nur in seltenen Ausnahmefällen wird man bezahlte Kräfte verwenden müssen. 3. Auf den wichtigen Grenzstationen Rußlands, auf den Knotenpunkten des Verkehrs der Auswanderungszüge in Mitteleuropa, endlich in den Hafenstädten müssen Komitees oder Agenten vorhanden sein, die sich der durchreisenden Auswanderer annehmen. Auch hierfür wird man meist an die vorhandenen Gemeindeinstitutionen, Vereine, Komitee rc. anknüpfen können und fast immer freiwillige Hilfe in ausreichendem Umfange finden. Wenn eS nötig ist, müssen jedoch an den wichtigsten Punkten bezahlte Beamte angestellt werden. 4. In den Ländern, die das Ziel der Auswanderung bilden, muffen die dort existierenden Organisationen, die sich schon jetzt für die Emigranten interessieren, dafür gewonnen werden, mit dem Auswanderungsamt diesseits des Ozeans in enge Verbindung zu treten. Wo noch keine solchen Institutionen existieren, müssen sie begründet werden, doch wird dies nur in den seltensten Fällen notwendig sein. Die Schaffung einer derartigen umfassenden Organisation, obgleich sie im Wesentlichen auf eine Zusammenfassung bestehender Institutionen beruht, ist zweifellos schwierig, vor allen Dingen zeitraubend, und wenn auch allseits Uebereinstimmung und guter Wille vorhanden sein würden, so würde doch die Durchführung längere Zeit beanspruchen. Allein auch eine weniger umfassende Organisation, z. B. eine derartige Organisation nur in Deutschland durchgeführt, kann so viel Segen bringen, daß die darauf verwendete Mühe sich reichlich lohnt. III. E i n w ü r f e. Einwürfe zweierlei Art sind bisher gegen ein derartiges Projekt geltend gemacht worden, das, wenn auch ohne die obigen Details, in der jüdischen Oeffentlichkeit widerholentlich diskutiert worden ist. Die Einen behaupten, daß der jüdische Auswanderer sich durch die Informationen und den Rat der neuen Organisation nicht werde leiten lassen; die Anderen befürchten von einer derartigen Organisation der Auswanderung eine Förderung und damit Vergrößerung derselben. Es läßt sich nicht leugnen, daß beide Einwände einen beachtenswerten Kern enthalten; dennoch treffen sie nicht zu. Gewiß wird besonders im Anfang der Rat solcher Auskunftsbureaus zwar viel eingeholt, aber nicht immer befolgt werden. Die Emigrationslustigen werden immer gern von den materiellen Vorteilen Gebrauch machen, die ihnen durch eine derartige Organisation erwachsen, und besonders die zweifellos zu erreichende Ermäßigung der Schiffahrtspreise werden sie gern benutzen. Allmählich werden sich unsere Glaubensgenossen im Osten auch daran gewöhnen, den Rat der Auskunftsbureaus in anderer Beziehung, besonders bei der Wahl des Auswanderungszieles, zu befolgen, wenn sie sehen, daß sie zweckentsprechend zurechtgewiesen werden. Sicher ist überdies, daß die anderen Aufgaben der Organisation die Ueberwachung ans der Reise, die Hilfe an der Grenze, an den Hafenplätzen und am Ankunftsort, die zu erzielenden Vergünstigungen von Transportgesellschaften und Behörden, einer außerordentlich großen Zahl von Auswanderern zugute kommen müssen, und es wird auf diese Weise viel Geld erspart werden, das jetzt verloren geht. Was den anderen Einwand betrifft, daß nämlich diese Organisation die Auswanderung erleichtern und dadurch fördern, daß also die Zahl der Auswanderer steigen werde, so ist dies in gewissem Umfange möglich. Andererseits aber tritt durch die Arbeit einer derartigen Organisation eine bessere Verteilung der Auswanderer ein, als bisher. Zur Zeit bleiben zwei Drittel der jüdischen Auswanderer nach den Vereinigten Staaten in New-Iork sitzen; in Zukunft würde erstens ein Bruchteil von den Vereinigten Staaten überhaupt abgelenkt werden, dann aber auch ein Bruchteil, und zwar ein recht erheblicher, bereits zu Hause erfahren, daß je nach der Eigenart der Berufe andere Städte in Amerika geeigneter zur Ansiedlung sind, als New-Iork; durch Einschränkung der Ausbeutung unterwegs würden die Auswanderer mehr Geld mitbringen, als jetzt, sie würden darum eher in der Lage sein, weiter zu reisen, und sie würden der jüdischen Wohltätigkeit weniger schnell zur Last fallen, wenn sie überhaupt diese noch nötig haben sollten. Durch diese beiden Faktoren würde eine vielleicht eintretende kleine Vermehrung der Einwanderung doch nicht zu einer Vermehrung der mittellosen Auswanderer und zu einer Vermehrung der Lasten der in Betracht kommenden jüdischen Gemeinschaft führen. Betont muß noch werden,: daß eine Unterstützung der Auswanderer mit Geldmittel durchaus nicht in dem obigen Plane liegt. Die Mittel, die hierfür nötig wären, ließen sich auf die Dauer überhaupt nicht beschaffen. Dagegen bliebe zu erwägen, ob in seltenen, aber besonders berücksichtigenswerten Fällen Unterstützungen zu gewähren wären, um solchen Auswanderern zu helfen,, die einen großen Teil ihrer Reise bereits znrückgelegt haben und aus Mangel an Geld nicht weiter kommen. Dies geschieht auch jetzt schon vielfach. Indessen ist, wie nochmals hervorgehoben werden soll, .der eigentliche Plan der Organisation von Erwägungen dieser Art ganz unabhängig. IV. Durchführung. Eine Durchführung des ganzen umfassenden Planes wäre natürlich nur durch gemeinsame Arbeit aller großen jüdischen Organisationen, die hierfür zuständig sind, möglich. Indessen ließe sich auch zunächst die Organisation für Deutschland schaffen, und dies wäre eine Aufgabe, die der Hilfsverein mit den befreundeten deutschen Organisanonen leisten sollte. Freilich muß dann der Rahmen der Tätigkeit entsprechend enger gesteckt werden, und besonders die Zentrale würde ihre Arbeit sehr beschränkt sehen. Sicher würde der Nutzen einer Organisation für die unglücklichen Emigranten auch in dieser Beschränkung noch sehr bedeutend sein; in jedem Falle müßten die Grundlagen von Anfang an so beschaffen sein, daß im weiteren Ausbau ohne Schwierigkeit eine inteinationale Organisation für diesen Zweck geschaffen werden könnte. Wir fügen noch hinzu, daß eine Anzahl deutscher Komitees an der Ostgrenze, mit einer Zentrale in Königsberg, die wiederum mit dem „Hilfsverein" in Verbindung steht, bereits gebildet worden ist und daß es nunmehr geboten erscheint, Verhandlungen einzuleiten, um durch eine gemeinsame Kooperation aller großen Organisationen in Deutschland und außerhalb Deutschlands, die für diese Zwecke in Frage kommen können, die Grundlagen für ein gemeinsames Handeln zu schaffen.