Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 41 (7.10.1904)
- Date
- 1904-10-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 41 Dr Wlocb s Mocbenscbrttt. Seite 657 erläutert, plötzlich meldet sich ein „Discipulus" und erzählt, sie hätten heute Schweinefleisch gegessen. Allgemeines Gelächter. Darf und kann nun der Lehrer dies billigen?! Isch eth oviv weeth imo thirou weeth Schabschothaj thismom.) Schon unsere heilige Schrift betont: Jeder ehrfürchte Vater und Mutter, aber beobachte meine Sabbathe, wozu unsere Weisen bemerken, daß der Gehorsam gegen die Eltern sofort zu erlöschen habe, wenn diese zur Uebertretung irgend einer Satzung auffordern. Und auch die moderne Gesetzgebung wahrt sich durch Schulzwang und Kuratoren das Recht am Kinde, wenn die Eltern auf dessen sittliches Gedeihen unheilvollen Einfluß ausüben. Uebrigens ist es religionsanwältische Rabulisterei, aus unserem Artikel, der seinem ganzen Tenor nach das ganze Judentum — die jüdische Schule, das jüdische Gotteshaus — und in erster Linie die jüdische Familie in den Dienst unserer heiligen, unmodelbaren Religion gestellt sehen möchte, einzelne Sätze herausgeriffen ineinander zu schachteln, um in hypertalmudischer Weise Widersprüche hinein zu deuteln. Jawohl, wenn Eltern, anstatt das religiöse Leben in ihrem Hause in seiner Integrität wiederherzustellen — mögen sie auch hundertmal behaupten, es sei dies unmöglich — gerade vom Lehrer (!) der Religion die Anpassung an ihre bequem-modernen Verhältnisse fordern zu können glauben, dann, nur dann wird dieser von seinem Gewissen genötigt werden, auf die sonst so wertvolle, ja unumgängliche Mithilfe der Familie zu verzichten. Eine andere Frage ist es, ob es von den Eltern pädagogisch und taktvoll ist, den gewissenhaften Religionslehrer durch Leben und Wandel im Hause zu desavouieren. Weder pädagogisch, noch religiös, Herr Religionsar.walt! Nur dadurch, wenn es sich Eltern angelegen sein lassen, die Kluft zwischen Lehre und Leben, zwischen Schule und Haus noch mehr zu erweitern, wird es dem Lehrer fast unmöglich gemacht, sein pädagogisches Lehrziel zu erreichen, das eben nicht nur Aneignung des vorgeschi iebenen Lehrquantums, sondern Erziehung zur religiösen Lebensführung bedeutet. Wenn er dann für den Mißerfolg die Eltern verantwortlich macht, kann man ihm es verargen? Der Religionslchrer aber wird, wie jeder gewissenhafte Fachlehrer, nach wie vor bestrebt sein, selbst in der so kurzen ihm zur Verfügung gestellten Zeit das Maximum des Erreichbaren anzustreben, und braucht vor jedem Vernünftigen nicht erst betont zu werden, daß er den mit der Begeisterung ehrlich-religiöser Ueberzeugung vorgetragenen Stoff auch von den Schülern aneignen und intensiv durchdringen lassen wird, ohne sich darum zu kümmern, ob dem „wichtigeren" Lateinpensum und gar den vielen Nebengegenständen — Stenographie, Musik re.— etwas weniger Zeit hiedurch gewidmet wird. Wenn Ihr Eltern die Ueberbürdung fürchtet, so leget die Scheere an andere Stoffgebiete an und wenn Euer Knabe selbst die weltlichen und nicht immer nützlichen und erzieherischen Gegenstände nur säiwer bewältigen kann, an denen der Studienplan nicht die geringfügigste Verkürzung zulasten will, — nun dann bleibt Euch nichts anderes übrig, als zum Allheilmittel, der jüdischen Mittelschule, zu greifen, die die richtige Mitte zwischer weltlicher und religiöser Bildung schon zu finden wissen wird und der Ueberbürdung auch dadurch abhilft, daß sie der verschiedenen religiösen Vorbildung der Zöglinge eher gerecht werden wird. Auf die genaue, ungeschmälerte Kenntnis der jüdischen Religion und ihre praktische Betätigung im Leben verzichten zu wollen, heißt dem Unterricht der jüdischen Religio u die Wurzeln abgraben. Bleiben wir stets eingedenk, daß das nationale und religiöse Judentum, vor allem mit der jüdischen Religion steht und fällt. Szukkoth, 1904. Ein Schulmann. Organisation der jüdischen Auswanderung. Der Plan, eine Organisation zu schaffen, die die jüdische Auswanderung aus dem Osten zu überwachen in der Lage ist und die die einzelnen Auswanderer vor Uebervorteilung rc. zu wahren sich bemüht, ist ein alter. Seiner Verwirklichung naher geführt wurde er bisher nicht. Nunmehr kann die Hoffnung gehegt werden, daß in gegebener Zeit ein entscheidender Schritt vorwärts getan wird, damit dem dringenden Bedürfnis der armen Auswanderer Genüge geschieht. Der „Hilfsverein der deutschen Juden" hat in der letzten Sitzung seines geschäftsführenden Ausschusses am 21. September beschlossen, die Durchführung des Planes in die Hand zu nehmen, und zwar wurden den Beratungen folgende Ausführungen zu Grunde gelegt. I. Gegenwärtige Situation. Die Auswanderung von Juden ans Rußland, Oesterreich und Rumänien ist schon jetzt außerordentlich beträchtlich und wächst von Jahr zu Jahr. Gerade in den letzten Jahren hat eine Reihe Ereignisse, deren Aufzählung im Einzelnen unnötig, weil sie allgemein bekannt sind, dazu beigetragen, den Auswandernngsstrom zu verstärken. Es ist zum Beispiel nur zu erinnern an Kischenew und Homel. Aber es muß auch darauf hingewiesen werden, daß die wirtschaftliche Not, die die ruffisch-polnischen Jndustriebezirke infolge des japanisch-ruffischen Krieges heimsucht, besonders stark auf die Juden drückt und daher die Auswanderung derselben auf Jahre hinaus vergrößern wird. Genaue statistische Zahlen über die Auswanderung fehlenzwar, doch lassen die Ziffern, welche der Einwanderungskommissär der Vereinigten Staaten von Nordamerika veröffentlicht hat, ziemlich sichere Schlüffe auf die Gesamtzahl der Emigranten zu. Die Vereinigten Staaten bilden zur Zeit das Hauptziel der Auswanderung für die Juden Rußlands, Oesterreichs und Rumäniens. Im Jahre 1902—3 gingen nach den Vereinigten Staaten 76.295 Juden, davon 47.689 aus Rußland, 18.859 aus Oesterreich-Ungarn, 8562 aus Rumänien und nur 1185 aus sämtlichen anderen Ländern. Als Auswanderungsziele zweiten Ranges kommen Kanada und Südafrika und im Orient Egypten in Frage, aber zerstreut geht die Auswanderung auch nach den Ländern Europas, der asiatischen Türkei. Süd-Amerikas und Australiens. Man wird nicht wesentlich fehlgehen, wenn man die Gesamtziffer dieser zerstreuten Auswanderung auf zirka 25.000 Seelen und dementsprechend die Zahl der Juden, die alljährlich aus Rußland, Oesterreich und Rumänien emigrieren, auf rund 100.000 Seelen schätzt. Nach dem Berichte des amerikanischen Einwanderungskommiffärs bestehen diese Emigranten zum größten Teil, soweit sie erwerbsfähig sind, aus gelernten Handwerkern, und zwar in viel höherem Perzentsatze, als die nichtjüdischen Einwanderer. Dagegen befinden sich ebenfalls in erheblich höherem Perzentsatze, als bei den Nichtjuden, Frauen und Kinder unter den jüdischen Emigranten. Die Auswanderung vollzieht sich im Allgemeinen ohne jede Organisation oder Beeinflussung von irgend einer jüdischen Seite her. Die einzige Ausnahme bildet die von der Jewish Colonisation Assoziation protegierte Emigration, welche die Mehrzahl der rumänischjüdischen Auswanderer nach Nordamerika befördert und dann auch kleine Gruppen alljährlich aus Rußland nach Argentinien, Kanada rc. entsendet. Wollte man diese organisierte Auswanderung auf ca. 10.000 schätzen, so wäre diese Ziffer zu hoch gegriffen. Eine zweite Gruppe der Emigranten bilden diejenigen, welche von Verwandten, die schon in Amerika oder sonst irgendwo sich niedergelassen haben, die Schiffskarte erhalten. Diese wissen bereits, wohin sie geh'n sollen, finden am Ziel tatkräftige Hilfe zur Begründung einer Existenz vor und sind auch unterwegs durch den Besitz der Schiffskarte vor der ärgsten Ausbeutung, nämlich derjenigen durch die Unteragenten der Schiffsgesellschaften, geschützt. Beiweitem die zahlreichste Gruppe bilden aber diejenigen Emigranten, die nach Verkauf aller ihrer Habe sich auf die Wanderschaft begeben, ohne über das Reiseziel und den Reiseweg im Klaren zu sein. Sie sind die Opfer jeder Art von Ausbeutung, so bei dem Kauf der Schiffskarten, die sie meist in der Heimat erwerben, dann an der Grenze, welche sie oft auf illegalem Wege überschreiten müssen, beim Geldwechseln, in den Hafenstädten beim Verladen des Gepäcks rc. Ihre geringen Mittel reichen kaum bis New-Aork; sie können gar nicht daran denken, entlegenere Reiseziele aufzusuchen, vielmehr suchen sie Anhalt bei ihren Landsleuten, aus der Heimatstadt oder Provinz, die sie schon in New-Aork vorfinden, und fallen zum Teil der jüdischen Wohltätigkeit in den Vereinigten Staaten zur Last. Sehr häufig reichen die Mittel der Auswanderer nicht einmal bis New-Iork; sie wurden unterwegs liegen bleiben und auf den öffentlichen Bettel angewiesen sein, wenn nicht von den jüdischen Gemeinden und Vereinen in den Städten, die sie unterwegs berühren, unterstützt würden. Täglich kommen solche Unglückliche in unser Bureau, wo wir die traurigsten Fälle mit ansehen müssen, ohne nach Lage der Dinge durchgreifend und planvoll helfen zu können. In welcher Weise die Schiffsagenten die Notlage der Emigranten ausbeuten, dafür ist folgendes Vorkommnis in Königsberg ein sprechender Beweis: Am 26. Juli trafen dort 48 russische Juden ein, welche nach New-Iork via Dänemark reisen wollten und Schiffskarten nach Kopenhagen besaßen. Als sie schon auf dem Dampfer waren, der sie nach Dänemark führen sollte, wurden sie von der Polizei zwangsweise in die Quarantänestation in Insterburg zurücktransportiert. Dort wurde ihnen eröffnet, daß sie nur durch die Hamburg-Amerika-Linie oder eine der affiliierten Linien weiter befördert werden dürsten, andernfalls würden sie nach Rußland zurückgebracht werden. Die Leute sahen sich genötigt, die Karten der Hamburg-Amerika-Linie zum Preise von 176 Mk. pro Person zu erwerben, während die Route über Kopenhagen nur 70—80 Mk. gekostet hätte Da viele der Auswanderer nicht genügende Mittel besaßen, so mußte eine Sammlung für sie.in Königsberg veranstaltet werden. Solche Vorkommnisse sind leider nicht selten, und sie erregen nur Aufsehen, wenn sie gleich ganze Gruppen betreffen, während das einzelnen Familien zustoßende schwere Ungemach unbeachtet bleibt. Wenn man in Betracht zieht, daß es sich bei dieser Emigration sicher um mindestens 60.000 Seelen handelt, so versteht man sofort, um wie große Geldsummen es sich bei einer derartigen Massenbewegung handelt, und daß selbst durch kleine Ersparnisse Hnnderttausende Mark, vielleicht Millionen, den armen auswandernden Juden erhalten bleiben können. Sie würden sich dann in New-Dork umso länger selbst erhalten können, und der ohnehin so stark in Anspruch genommenen jüdischen Wohltätigkeit diesseits des Meeres, wie in New-Aork, wird ihre Last doch etwas erleichtert.