Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 41 (7.10.1904)
- Date
- 1904-10-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Leite 656 Dr. Llocv's MocvenscvrM. Sir. 41 Staatsbürgern gleich zugänglich sein. Wenn die Kommune Wien eine Stelle ausschreibt, wird die Beibringung eines Taufscheines vorgeschrieben. Gemeinderat Dr. Oskar Hein hat dieserhalb interpelliert. Ist es da nicht sehr fad, darauf antworten zu müssen? Uebrigens war auch diese Interpellation lediglich ein rein theoretisches Vergnügen, denn wenn auch der Taufschein nicht gefordert würde, das weiß ein jedes Kind, daß ein Jude bei irgend einer Verwaltungsbehörde der Stadt oder des Landes doch nicht angestellt wird. Es ist nur von wegen der Gleichheit vor dem Gesetz. Sonst sind Judengeschichten natürlich durchaus nicht langweilig, sondern im Gegenteil sogar sehr erwünscht. Im Einlauf befindet sich eine Eingabe des Vereines der marktbesuchenden Kaufleute, betreffend die Absonderung der jüdischen Händler von den christlichen Kaufleuten auf den Märkten. Herr Dr. Lueger hat mit keiner Silbe angedeutet, daß ihm auch das langweilig sei und doch ist es auch eine Judengeschichte und wahrhaftig keine heitere. Dazu wird höchstens wohlgefällig geschmunzelt. Man kann ja ein Gesetz beugen, aber man nimmt doch Anstand, es vor aller Oeffentlichkeit zu brechen. Es wird also vielleicht nicht gehen, den sinnigen Wunsch des Vereines der christlichen Marktkaufleute ohneweiters zu erfüllen, aber seine stille Freude kann man doch daran haben. Wenn nur Herr Dr. Lueger und seine Leute einmal Farbe bekennen und klar und deutlich heraussagen wollten, was denn nun überhaupt aus den Juden werden sollte. Was sie immer betreiben, wird ihnen verargt. Das Geheimnis ist noch nicht enthüllt. Werden sie Aerzte, Advokaten, Schriftsteller, Künstler, Gewerbetreibende, Kaufleute, so wird von antisemitischer Seite Einsprache dagegen erhoben. Dann haben sich die Juden vorgedrängt; sie müssen zurückgedrängt und ferngehalten werden. Was also soll mit ihnen geschehen? Die einzige antisemitische Größe, die ihre Forderung klar formuliert hat, ist die pathologische Erscheinung eines Ernst Schneider. Er verlangt ein Schußgeld auf Juden. Das ist doch wenigstens deutlich und dabei vielleicht nicht einmal unmenschlicher als die verschämte Methode von Dr. Lueger und seinen Leuten, die es mit dem Aushungern versuchen möchten. Die erwähnte Eingabe ist ein viel zu markantes Zeichen der Zeit, als daß wir ohne Bemerkung über sie hinweggehen dürften. Das muß festgehalten und für die Geschichte angenagelt werden, daß sie möglich war und sich ereignet bat unter der glorreichen Herrschaft Doktor Lueger's. Durchaus nicht langweilig war Herrn Dr. Lueger die Judengeschichte, in deren Mittelpunkt der bekannte, auch gerichtsbekannte Magistratssekretär Heinrich Demel stand. Er hat diese Geschichte sogar mit einigen seiner köstlichen, humorvollen Pointen auszustatten gewußt. Der genannte Herr hat, wie gerichtlich erwiesen wurde, es an einem öffentlichen Orte laut hinausgerufen, daß alle Juden Fälscher seien und daß jedem Juden die Augen ausgestochen werden sollten. Ein öffentlicher Beamter! Herr Dr. Lueger, der oberste Chef dieses Beamten, hat Erhebungen versprochen — über den, der diese wüsten Aeußerungen zur gerichtlichen Anzeigegebracht hat, und er gibt nun die seine Leute durchaus befriedigende Aufklärung, daß der Anzeiger und Beleidigte überhaupt kein Wiener sei. Dann freilich ist das ganz etwas Anderes. Er hat auch Erhebungen pflegen lassen über den Urheber jener zartsinnigen Aeußerungen, aber da hat er zu irgendwelchen Maßnahmen keinen Anlaß gefunden. Gut. Nun hatte 'aber das Gremium der Kaufleute, bei welchem besagter Magistratssekretär als städtischer Kommissär fungierte, sich deffen weitere Bemühungen verbeten. Der moralische Druck, den eine solche Korporation zu üben vermag, ist stark genug, um sich selbst dem absoluten Herrn von Wien gegenüber fühlbar zu machen. Zwar hat sich Herr Dr. Lueger anfänglich auch dem Gremium gegenüber auf das hohe Roß gesetzt, aber schließlich ist es doch nur bei den schnodderigen Redensarten geblieben, im Uebrigen mußte er doch klein beigeben und auf die Abberufung seines Schützlings bedacht sein. Wie er dabei vorging, das ist echtester Lueger. Doppelt hält stärker, und die Doppelzüngigkeit hat doch auch ihre Vorteile. Er gibt den Juden nach; denn er ist ein gerechter Mann. Demel's schätzbare Gegenwart wird dem Gremium entzogen, dafür wird er zum Leiter des magistratischen Bezirksamtes Alsergrund ernannt. Der Alsergrund ist nach der Lcopoldstadt jener Bezirk, in dem die meisten Juden wohnen. Man muß nur die ganze Größe Lueger's begreifen. Daß er dem Gremium den Gefallen erwiesen, damit gewinnt er die Juden. Es könnte aber seiner Prätorianerschar mißfallen. Ohne Sorge! Er versetzt den menschenfreundlichen Magistratssekretär auf den Alsergrund, das sollte für seine Leute besagen, daß er die Juden mit Skorpionen züchtigen werde. Und so ist er allen Seiten gerecht worden, der große Balancierkünstler. Er hat das Nützliche mit dem Angenehmen verbunden. Ornne tulit punctum, qui miscuit utile dulci. Whig. Der Retigioi»su«terricht und seine Anmältr Ich hatte vor längerer Zeit in der „Qesterreichischen Wochenschrift" einen größeren Aufsatz über die Verinnerlichung und intensivere Pflege des Religionsunterrichtes veröffentlicht und das jüdisch-konfessionelle Gymnasium als jene Erziehungsstätte bezeichnet, in welchen! die jüdische Religion nicht nur in entsprechenderem Ausmaße gelehrt, sondern auch praktisch betätigt werden könnte. Diese Ausführungen sind nun nicht, wie ein Autor in der vorletzten Nummer Ihres geschätzten Blattes mit der Chiffre G. B. meint, durch seine „die Geister wachrnfenden Artikel" hervorgerufen worden, sondern waren als Ausdruck persönlicher Ueberzeugung und praktischer Erfahrung schon viel früher zur Publizieruug bestimmt. Ich erlaubte mir bloß die Gelegenheit zu benützen und auch einige in der „Oesterreichischen Wochenschrift" zur Frage des Religionsunterrichtes von verschiedenen Seiten vorgebrachteu Bemerkungen mit in meine Erörterungen einzubeziehen. Möglich, daß ich dabei Herrn G. B.'s „Artikel" zu wenig Beachtung schenkte, jedenfalls aber war ich, wie bei jeder wiffenschaftlicheu Frage, möglichst bestrebt, die größte Sachlichkeit zu bewahren, und verzichtete darauf „das Weltkind G. B." nach Schulmeisterart aus Religion, Logik und Pädagogik zensurieren zll WolleN. . . .!r.,; -ui;, „ Der Ton unseres sachlichen, auf konkrete Fälle hinweisenden, doch nie persönlich werdenden Artikels gemahnt ihn an die finsteren Zeiten des Mittelalters — wie ist es nur möglich, daß die stets gemäßigte Redaktion solch' finsterem Fanatismus ihre Spalten leihen konnte! — und nur Die Unmöglichkeit der Ausführung unserer Worte kann ihn beruhigen. Nun diese Beruhigung wollen wir ihm wieder rauben. Es gibt in Deutschland eine stattliche Zahl blühender, jüdischkonfessioneller Mittelschulen und selbst in Oesterreich ist in jüngster Zeit ein jüdisch-konfessionelles Privatgymnasium errichtet worden, das sich lebhaften Zuspruchs erfreut. Es ist ja sehr löblich, daß Herr G. B. in die neu entdeckte jüdische Marsellaise einzustimmen -für gut findet und es betont, daß eine jüdische Station ohne jüdische Religion ein Unding ist. Nicht die Zukunft hat darüber zu entscheiden, sondern die jüdische Geschichte hat es bereits bewiesen, daß nur die jüdische Religion, und zwar in ihrer konservativsten Form das Judentum, das jüdische Volk erhalten hat. - Wer jedoch die Religion in das Prokrustesbett der modernen Zeitkultur hineinpasse» will, verstümmelt und vernichtet sie. Ist aber Herr G. B. anderer Lebensanschauung, warum kämpft er gegen Windmühlen? Möge er sich seinen „Reformreligionsunterricht" (noraen est omen) nach Herzenslust zurechtschneidern, möge er den Lehrstoff vermindern — wozu auch das unzeitgemäße Hebräisch, wozu auch das Einprägen unmoderner, überwundener Satzungen, die, wenn sie im Leben übertreten werden „müssen", in der Tat totes Wissen und Ueberbürdung des jugendlichen Geistes bedeuten. Möge er seinen Leibkatecheten ruhig gewähren lassen, wenn er am Sabbath seinen Zöglingen mit hohltönenden Phrasen „Begeisterung fürs Judentum" in die Feder diktiert und möge er überzeugt sein, daß trotz der guten Note ein Assimilantensöhnchen erzogen wird, das in Sachen der Religion dereinst noch viel „logischere", jedenfalls aber noch „radikalkonsequentere" Ansichten entwickeln wird als sein „pädagogischer" Vater. Ein solch „moderner", über die „wesenlosen Formen" hinwegschreitender Religionsunterricht wäre also pädagogisch?! Und doch kann weder die Pädagogik, noch viel weniger die Religion als Erzieherin des Menschengeschlechtes der „Formen" entraten — und auch in literarischen Kontroversen sind sie recht wohl am Platze. Gegen den unreligiösen, ja auch schon gegen den laxen, der bequemen Opportunität huldigenden Vater muß aber der ehrliche, seine Pflicht kennende Religionslehrer entschieden Front machen, und das geschieht einfach und allein dadurch, daß er den ihm anvertrauten Zögling zur Religiosität erzieht und sich nicht erst erkundigt, ob die eine oder andere der gelehrten Satzungen auch dem Herrn Papa genehm sein wird. Man vergegenwärtige sich die Situation: In der Schule werden die Speisegesetze aus der Bibel vorgelesen, oder sagen wir bloß ihr „idealer Kern" wird auf moderne Art philosophisch