Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 41 (7.10.1904)
- Date
- 1904-10-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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*tr. 41 Dr. Klocb's MocbenscvrM. Seite 655 Grund- und Hausbesitzer in den Städten gewesen, welche des jüdischen Kaufmannes, seiner Waaren bedurften und sie verlangten. Letztere waren zu jener Zeit überwiegend Produkte, die nur aus dem Orient gebracht werden konnten: das waren nicht bloss die damals viel mehr als heute begehrten Spezereien, Gewürze u. s. w., sondern, wie wir schon früher gezeigt, bei dem fast völligen Mangel nationalen Gewerbfleisses sämtlicher Industrialien besserer feinerer Art. Der Handel der Juden, in jener Epoche überhaupt der einzige, war darum vorwiegend ein internationaler; die primitive Stufe, auf der sich die Wirtschaft befindet, die Herstellung des spärlichen Bedarfes des Bauern- und Kleinbürgers im Hause selbst macht den Handel in den gewöhnlich und allgemein gebrauchten Dingen nahezu unnötig. Allgemach mussten aber auch die Massen in ihrem Konsum gestiegen sein, und dieser hat einen ganz anderen Charakter. Bürger und Bauern brauchen keine kostbare Waare von ferne her, sie wechseln den bisher allgemein getragenen Leinenkittel mit dem Wams aus Wollzeug, sie verlangen gewalkte Tuche, die Metallartikel sowohl der Klingenwie der Hammerschmiede, die Schuster, die sich bisher für ihr Fusszeug mit roh ausgearbeitetem Fell begnügten, verlangen jetzt ordentlich gegerbtes „Leder“ u. s. w. Und alle diese Bedürfnisse fängt an der langsam, aber stetig sich entfaltende heimische Gewerbefleiss zu befriedigen. Da wird nun eine erste Lücke. Den internationalen Handel haben die Juden allerdings ganz in ihren Händen. Aber vom inländischen kennen sie nur jenen mit den Rohprodukten. Die neu entstehende nichtjüdische Kaufmannschaft wirtt sich nun allüberall mit der grössten Energie vorerst auf dieses offene Gebiet des Handels mit den Industrialien des heimischen Erzeugers Der christliche Händler findet sich, was nur ganz natürlich, mit dem jetzt aufgekommenen christlichen Leinen- und Wollweber, Gerber, Sensen- und Hackenschmied, Kleinmetallwaarenerzeuger leichter zusammen, als der jüdische. Bald greift aber der erstere weiter; er macht dem Juden im inländischen Handel auch das von ihm gepflegte Feld streitig: vor Allem den Verkehr in Salz, dann in Wolle und Häuten, Getreide und Wein, Holz und Rohmetall — kaum dass man ihm den Viehhandel belassen will. Dazu tritt eine zweite, eine räumliche Lücke. In Nieder-Deutschland, an der See, hatten die Juden nie recht Fuss fassen können. Dort hatte der Verkehr mit Skandinavien viel zeitlicher als in Mittel- und Süd-Deutschland Kaufieute gezeugt, und diese norddeutschen Kaufleute — die spätere Hansa — waren den Juden nicht nur feindlich, sondern auch immer genau so über gewesen, wie etwa heute die Yankees den in Amerika einwandernden Juden. Kurz, der neue Handel organisiert sich, er erhält feste Gestaltungen, aber so vielfach auch diese wechseln, durch die wechselnden Konjunkturen im Welthandel bald diese bald jene Städte Deutschlands die Führung erlangen — der Jude bleibt ausgeschlossen; er läuft noch mühsam zwei Jahrhunderte hinterher, bis er jeden Versuch eines Wettbewerbes im Grossen, im eigentlichen Handel, aufgibt. Was in all diesen Vorgängen zu Tage tritt — und nicht bloss in diesen, ergeht es ja den Hanseaten, die von Beginn an nie einen Juden unter sich geduldet hatten, ihrerseits wieder ebenso durch die entstehende Kaufmannschaft des skandinavischen Nordens Und Englands — ist ein Stück grobkörnigster, egoistischester Völkerpsychologie, das wir mit all unserer Gesittung nicht, auch heute noch nicht, im Stande sind, zu überwinden. Jahrhunderte lang sind die Juden gleichsam die kommerziellen Vormünder der Völker gewesen. Wenn auch vielfach zum Nutzen derselben, so war es ja nur ganz natürlich, dass dieselben die Vormundschaft abwerfen, wenn sie dieselbe nicht mehr glauben zu brauchen. Aber die germanischen Völker des Mittelalters haben die Vormünder nicht nur der weiteren Vormundschaft entsetzt, sie haben Existenz und Leben derselben ganz aufgehoben wissen wollen. Und was für diese Juden das Verhängnisvollste, man drängt sie aus dem Warenhandel hinaus, gewaltsam in einen anderen verhängnisvollen Geschäftszweig, in den „Wucher“, hinüber. Die Geschichte dieses „jüdischen Wuchers“ ist es, mit der wir unseren nächsten und Schlussartikel beginnen wollen. (Ein Schlussartikel tolgt.) Dom Jahrmarkt des Levens. Glofien zur Tagesgejchichte. (Die faden Judengeschichten. — DieJnterpellation D r. Oskar Hei n's. - Christliche und jüdischeMarktkaufieute. — Der Fall Demel.) Das wäre ja eigentlich gar nicht so übel. Dem Herrn Dr. Lueger sind die ewigen Judengeschichten schon zu sad geworden und er wünscht dringlich, daß man ihn endlich damit in Ruhe lasse. Also hat er es in offener Gemeinderatsfitzung verkündet unter dem regsten Beifall seiner Parteigenossen — was könnte er ihnen verkünden, was nicht ihren Beifall fände?! — und er genießt diesesmal das seltene Vergnügen, daß die Juden mit ihm eines Sinnes sind. Auch ihnen ist es schon beträchtlich fad und vielleicht mehr als das geworden, daß bei der öffentlichen Verwaltung von Stadt und Land kein Anlaß, und sei er noch so geringfügig oder noch so schlecht gewählt, versäumt wird, die Juden zu schmähen und die Bevölkerung wider sie aufzureizen. Auch die Juden hätten nichts dagegen, wenn die ewigen Beschimpfungen und die ewigen Ungerechtigkeiten einmal ein Ende nähmen. Freilich wäre dann nicht abzusehen, wovon die christlich-soziale Partei und ihre Heerführer noch leben sollten. Wenn man aufhören müßte, den brutalen Instinkten der Massen zu schmeicheln, dann wäre es ja aus mit der großen politischen und sozialen Machtfülle. So hat es aber Herr Dr. Lueger auch gar nicht gemeint. Er meint es gewöhnlich auch noch etwas anders, als er es sagt. Wenn er beim Empfang seiner Gäste sagt, daß er alle Augen zudrücken wolle, so gilt für diese die Auffassung, daß er in seiner überströmenden Herzlichkeit sich allen etwaigen politischen Divergenzen verschließen wolle. An sich wäre das vielleicht gewagt dem sozialen Rowdietum seiner Leute gegenüber. Für diese gilt aber die andere Auffassung, deren Sinn ein wenig anders ist: Der Bande, der ich mich nicht erwehren konnte, habe ich's doch ordentlich hineingegeben, ich, der Dr. Lueger, der stramme Antisemit, ich mit meinem bekannten freien Mannesmut! Doppelt hält stärker, und so ist er nach jeder Seite hin der große Mann. So ist denn nun auch seine liberale Anwandlung im Gemeinderat zu verstehen, die die ewigen Judengeschichten endlich auch ihm so ekelhaft erscheinen läßt. Die Freisinnigen werden ihn dafür loben müssen, und es gibt wirklich solche, die ihm auch daraus hineinfallen und es tun, und seine Leute wissen, wie es aufzufassen ist und daß sie sich auf ihn demtoch verlassen können. Die Sache ist einfach die, daß ihm die Judengeschichten immer plötzlich dann langweilig werden, wenn er wieder einmal eine sonnenklare Ungerechtigkeit rechtfertigen soll, die er natürlich nicht rechtfertigen kann. Das Staatsgrundgesetz enthält nämlich einige durchaus unzweideutige Bestimmungen über die Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetz, und wenn dann, was ja unverbürgten Nachrichten zufolge doch manchmal Vorkommen soll, dieses im kommunalen Machtbereich nicht respektiert und daraufhin von einem unbequemen Gemeinderat in offener Sitzung interpelliert wird und eine einfache Ableugnung doch nicht recht tunlich ist, dann ist es ja ein sehr hübsches und freisinnig klingendes Auskunstsmittel, daß man ersucht, doch endlich mit den langweiligen Judengeschichten aufzuhören. Nach dem Staatsgrundgesetz sollen alle öffentlichen Aemter allen