Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 40 (30.9.1904)
- Date
- 1904-09-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 646 Dr. Vlocb's MLocbenscbrtkt. Nr. 40 in Altstadt verfügte Ausschluß israelitischer Bewerber gegen Artikel II des Staatsgrundgesetzes vom 21. Dezember 1867, R.-G.--Bl. Nr. 162 und gegen Absatz 2 der Gewerbeordnung verstoße und verfügte die nochmalige Einschaltung des Inserates mit Hinweglassung der angeführten Beschränkung. Der Gemeindevorstand in Altstadt erhielt indes Kenntnis von der eingebrachten Beschwerde und sah sich veranlaßt, noch vor Erledigung derselben seitens der Bezirkshauptmannschaft die nochmalige Einschaltung in gesetzlicher Form vorzunehmen. Inserate ähnlichen Inhaltes waren in der letzten Zeit häufig zu lesen, es wäre zu wünschen, daß die berufenen Faktoren gegen derartige Uebergriffe energisch Stellung nehmen und es nicht wie der Vogel Strauß machen. Joseph von Portheim gestorben. Joseph von Portheim ist in den ersten Tagen des Monates September in Smichow im Alter von 87 Jahren gestorben. Mit ihm sank ein Stück jenes denktvürdigen Alt-Prag ins Grab, das nur noch wie die Botschaft einer fernen Zeit in unsere geräuschvolle Gegenwart Hineinklang. Aus einem Hause hcrvorgegangen, in dem unermüdlicher Fleiß, geschäftliche Integrität, lebendiger Unternehmungssinn einen reichen Wohlstand begründet hatten, mußte der junge Mann nach Absolvierung seiner Gymnasialstudien in das väterliche Unternehmen, eine Kattunfabrik, eintreten und seine ganze Kraft demselben widmen. In wechselnder Stellung, die durch das Ableben seines Vaters, Herrn Moses von Portheim und durch das Kompagnieverhältnis mit seinem Verlvandten bedingt wurde, blieb er in der Leitung der Fabrik bis zum Jahre 1873, wo sie in die Aktiengesellschaft „Prag- Smichower Kattun-Manufaktur" verwandelt wurde. Auch dann noch gehörte er dem Institute mehrere Jahre als Präsident des Verwaltungsrates, an. Im Hause Portheim war seit jeher eine Tradition feinfühliger künstlerischer Interessen lebendig gewesen; im Zuge dieser Ueberlieferungen wurde Josef von Portheim erzogen und von früher Jugend an gehörten alle seine Mußestunden der Literatur und der Musik. Besonders die Tonkunst hatte an ihm einen begeisterten Jünger gefunden und er rang stets, schon von Jugend an, darnach, über die Grenzen des Dilettantismus hinaus sich in ernster, künstlerischer Betätigung zu ergehen. Von seinen musikalischen Lieblingsstudicn konnte ihn auch die angestrengteste und gewissenhafteste berufliche Beschäftigung nicht abhalten; er erzählle selbst immer gerne, wie mühevoll er es zustande brachte, den Anforderungen des weitverzweigtere Unternehmens, dem er Vorstand, gerecht zu werden und doch auch niemals den Zusammenhang mit der Kunst und ihren Fortschritten zu verlieren. Die Musik war und blieb bis in den letzten Zeiten seines Lebens der Nerv seiner Interessen; als Cellospieler hatte er es zu einer ansehnlichen Künstlerschaft gebracht, die ihm kein geringerer als David Popper — so oft er in Prag weilte — als ständiger Mitspieler bezeugte. Und an seinem Cello hing er wie an einem der liebsten Gegenstände seines Lebens; als die körperlichen Kräfte ihn im Laufe der letzten Zeit soweit verließen, daß er das Instrument nicht mehr halten konnte, da fühlte er impulsiv, daß damit die letzte Spanne seines Lebens begonnen hatte. Ein auserlesener Kreis von Musikern hatte zu allen Zeiten seine ständigen Zusammenkünfte um den kunstbegeisterten Freund; noch bis in die letzten Zeiten gehörten Regierungsrat Direktor Dr. Al. Baudiß, der intimste Freund des Hauses, dann Prof. Dr. Schenkt, Dr. v. Bölsky, Direktor Bennewitz, Konservatoriumsprofessor Bauer diesem engsten Komitü von Musikinteressenten an. Mit diesen Freunden disputi"rte er über alle Fragen der Tonkunst auf das Sachkundigste und Eifrigste, und in derartigen Sitzungen wurden auch die Entwürfe für die Programme des Kannnermusikvereins geschaffen. Die Initiative Joseph v. Portheims gab bei diesen Beratungen immer gewichtige und entscheidende Anregungen. Der Kammermusikverein war im Jahre 1876 hauptsächlich unter seinen Impulsen gegründet worden. Trotzdem Joseph v. Portheim noch in den Traditionen einer ftüheren musikalischen Epoche ausgewachsen war, verschloß er sich dennoch in keiner Weise den Anforderungen der neuen Entwicklung der Tonkunst, und Niemand konnte sich über Rückständigkeit in der künstlerischen Leitung des Kammermusikvcreins beklagen. Auch dem Theater war er ein eifriger und begeisterter Freund; er fehlte bei keiner musikalischen Premiere und eine große Zahl von Komponisten kehrte in den gastlichen Räumen des Portheim'schen Hauses ein, wo jeder des feinsinnigsten Entgegenkommens sicher sein konnte. Sein Interesse an der Kunst betätigte er aber auch als freigebiger Mäeen; all die jungen Talente, die nach Förderung heischend in Prag ankamen, wandten sich an ihn und keiner ging mit leeren Händen aus diesem Hause. Anton Dvorak, der tschechische Komponist, hat in jungen Jahren als Violaspieler in den Quartetten bei Portheim mitgespielt. Daralls entwickelte sich ein Freundschaftsverhältnis, das später auch darin seinen Ausdruck fand, daß Dvorak Herrn von Portheim sein Erstlingsquartett widmete. Auch die vier Mitglieder des heute so berühmten „Böhmischen Quartetts" habe:: sich im Hause Portheim ihre ersten Sporen verdient. Als Suk, Nedbal, Hoffmann und Berger das Konservatorium absolviert hatten, empfahl sie Direktor Bennewitz an Joseph von Portheim und durch - ihn traten sie dann im Kamnlermusikverein zum erstell Male zu einem Quartett vereinigt vor das Publikum. Der Kreis der Virtuosen, die im Hause verkehrten und sich künstlerisch betätigten, reicht der Zeit nach bis auf Ferdinand Laub, den bekannten Violinisten und Komponisten, zurück, der 1832 in Prag geboren wurde und vor seinem 1856 erfolgten Abgang nach Berlin ständiger Mitspieler bei Portheim war. Auch A. W. Ambros, dann W. H. Veit, I. Joachim, Remenyi, Ondkieek u. A. gehörten seinerzeit zu den Kunstgenoffen des Hauses. Gleichzeitig mit den Musikern fanden sich auch der Aesthetiker Josef Bayer, der Philosoph Stumpf, der bekanntlich über die Tonenlpfindungen epochemachende Untersuchungen angestellt hat, der Mathematiker Durege, der ein äußerst begabter Cellist war, dann P. Barnabas, der vortreffliche Musikkenner, und der Beethovensammler Dr. Schebek regelmäßig ein. Sie Alle, die Musiker und Musikgelehrten, bewunderten das unfehlbare Gedächtnis des Hausherrn, der wie kein Zweiter die gange Quartettliteratur beherrschte. Er wußte zum Beispiel von allen 85 Haydnschen Quartetten die Tonart, das Thema und die Opuszahl auswendig und er fügte auch gleich hinzu, wann und von wem jedes einzelne Quartett zum ersten Male in Prag zum Vortrage gebracht worden war. Diese stupende Detailkenntnis auf musikalischem und musikgeschichtlichem Gebiete verdankte Joseph von Portheim außer seinem Gedächtnis auch den genauen Aufzeichnungen, die er in seinem „Quartettbuche" — bis in die Dreißiger-Jahre zurückgeführt hatte. Als der bekannte Musikschriftsteller Dr. Max Friedländer dieses Buch bei einem seiner Besuche bei Portheim zu Gesichte bekam, bestürmte er den gewissenhaften Chronisten, das in seiner Art einzige musikgeschichtliche Dokument zu veröffentlichen. Aber eine unüberwindliche Bescheidenheit hielt Josef von Portheim von der Ausführung dieses Wunsches ab, ebenso wie er seine eigenen Kompositionen, in denen sich ein feinsinniges Können mit künstlerischem Geschmacke harmonisch paarte, niemals der Oeffentlichkeit übergeben hat. Wohltätigkeit übte er nicht etwa nur im engen Rayon der musikalischen Interessensphäre; in seiner Familie war er als Erbe einer großen väterlichen Stiftung jahraus jahrein mit der Führung menschenfreundlicher Werke betraut. Diese Stiftung war die „Josephstädter Kinderbewahranstalt", die der Vater Joseph von Portheims begründet hatte. Das Gedeihen dieser Anstalt lag ihm außerordentlich am Herzen; die Hunderte von armen Kindern, die da alljährlich für die Elementarschule vorbereitet wurden, betrachtete er stets als ein Vermächtnis jener väterlichen Wohltätigkeit, die hier ein äußerst gemeinnütziges Werk geschaffen hatte. Und so erschien er denn, so lange es seine Kräfte erlaubten, zu jeder Zeit bei den armen