Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 40 (30.9.1904)
- Date
- 1904-09-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 642 Dr. Llocv's Hüiocbensc&rtft Nr. 40 Verhältnissen, anderseits aber nicht zum wenigsten darin, daß der Religionsunterricht plan- und systemlos nach dem freien Ermessen jedes Berufenen oder Unberufenen gelehrt wird. Während für alle profanen LehrgegenstLnde strenge, von Fachleuten ausgearbeitete Normen bestehen, deren genaueste Einhaltung jedem Lehrer zur Pflicht gemacht ist und welche gleichzeitig die Grundlage der eingeführten Lehrbücher bilden, während die Methode für den Unterricht in allen diesen Gegenständen von hervorragenden und ausgezeichneten Pädagogen vielfach besprochen, ja, zu einer eigenen Literatur verarbeitet wurden, so daß es jedem Lehrer bei einigem guten Willen leicht möglich ist, hieraus eine ziemlich verläßliche Richtschnur für den Unterricht in jedem Gegenstände zu finden, entbehrt der israelitische Religionsunterricht alles dessen. Hier fehlt vorerst ein allgemeiner, v o n F a ch l e u t e n a u sgearbeiteter Lehrplan für die einzelnen Schulkategorien, der zur Erreichung des Unterrichtszweckes unbedingt nötig ist. Durch ihn muffen Ordnung und Klarheit, Einheit und Bestimmtheit des zu nehmenden Lehrstoffes erzielt werden. Im Anschlüsse daran müßte für jede Schule ein eigener, den Verhältnissen angepaßter Lehrplan ausgearbeitet werden, wie dies ja auch bei allen anderen Unterrichtsgegenständen geschieht, so zwar, daß der besondere Lehrplan als eine spezielle Anwendung des allgemeinen Lehrplanes auf die besonderen Verhältnisse einer Schule erscheint. Nicht minder beeinflußt der Mangel eines jedweben methodischen Wegweisers die Erfolge im Religionsunterrichte, ein Umstand, der umsomehr ins Gewicht fällt, als die Heranbildung der israelitischen Religionslehrer noch alles zu wünschen übrig läßt. Nur derjenige, der aus eigener Erfahrung weiß, wie unbeholfen der in der Präparanderie fachmännisch herangebildete junge Lehrer, obwohl er in den letzten Jahrgängen der Lehrerbildungsanstalt zu praktischen Auftritten angehalten wird, in dem Augenblicke dasteht, wo er selbständig unterrichten soll, wird auch begreifen, in welchem Maße dies erst beim israelitischen Religionslehrer der Fall ist, dem diesbezüglich auch die geringste Erfahrung fehlt. „Was soll ich nehmen?" „Wann soll ich beginnen?" „Wie viel soll genommen werden?" Diese Fragen stürmen verwirrend auf ihn ein und zu seiner Rettung findet er irgend ein — Religionsbüchlein, das in trockener Aufeinanderfolge, das eine mehr oder minder ausführlich, das andere im Anschlüsse an die biblische Erzählung höchstens die dem Kinde vollkommen unverständliche Moral enthaltend, die biblischen Ereignisse aufzählt. Es ist klar, daß Plan- und Systemlosigkeit in der Wahl des zu nehmenden Lehrstoffes, daß Mangel an fachmännisch herangebildeten Lehrkräften sowie an methodischen Wegweisern für dieselben, und daß endlich Lehrbücher, welche in Bezug auf Sprache, Inhalt, Anordnung und Einteilung desselben der Willkür Tür und Tor öffneten, Resultate zeitigen müßten, welche zu allgemeinen und begründeten Klagen Anlaß geben, welche uns aber auch die Gesichtspunkte bestimmen, von denen ausgcgangen werden muß, um Abhilfe zu schaffen, und welche, kurz zusammengefaßt, folgende wären: I. Z u l a s s u u g von nur fachmännisch h e r a n g ebildet en Lehrkräften zum Religionsunterrichte. II. Feststellung eines allgemeinen, von Fachleuten ausgearbeiteten Lehrplanes für die einzelnen Schulkategorien. III. Einführung von Lehrbüchern, welche in Bezug auf Inhalt, A n o r d n u n g u n d E i n t e i l u n g d e s Lehrstoffes den gegenwärtigen Zeitverhältniffen und den zur Verfügung stehenden Unterrichtsstunden für den Religionsunterricht möolichst Rechnung tragen und welche durch methodischen Aufbau die Unterrichtserteilung wesentlich fördern, so daß hiedurch dem minder erfahrenen und minder gewandten Lehrer wenigstens der einzuschlagende Weg gezeigt wird. Daß die Verwirklichung von Punkt I. noch in weiteste Ferne gerückt ist, insbesondere solange, als wir keine Brldnngsanstalt für Religionslehrer besitzen und als deren Existenzverhältnisse nicht geregelt sind und daß auch Punkt II. bei dem geringen Interesse, das dem Religionsunterrichte entgegengebracht wird, nicht so bald zur Durchführung kommen dürfte, braucht nicht näher beleuchtet zu werden. Anders steht es um Punkt III. Die Realisierung desselben ist Sache der Lehrer und die Verfassung geeigneter Lehrbücher ihre Aufgabe. Die sofortige Lösung derselben erscheint umso dringender, als der die Unterrichtserfolge so hemmende Zwiespalt zwischen Schule und Haus in religiöser Beziehung, der kaum mehr verschwinden dürfte, ja, nach den geänderten Zeitverhältniffen kaum mehr verschwinden kann, das Hauptmoment der religiösen Erziehung der Schule überweist, allerdings nicht zum Vorteile dieser Erziehung, welche mehr t-ie jede andere auf die häusliche Unterstützung angewiesen ist Umsomehr ist es Pflicht der Sckule, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln — und hiezu gehören in den gegenwärtigen Zeitläuften ganz gewiß geeignete Lehrbücher — der ihr gewordenen verantwortungsvollen Aufgabe zu entsprechen. Die Einberufung einer Enquete, bestehend aus tüchtigen und erfahrenen Fachmännern, sowie die Ausschreibung einer Konkurrenz für die besten Lehrbücher seitens der für den Religionsunterricht sorgenden Körperschaften würden dieses Ziel ganz gewiß wesentlich fördern. Pohrlitz, im September 1904. Moritz Bader, Oberlehrer. Jüdische Anstalten in Groß-New-Aork. Das größte jüdische Gemeinwesen in New-Iork, das mit seinen 700.000 Angehörigen in nicht allzu ferner Zukunft ein bedeutendes jüdisches Kulturzentrum bilden und eine ganz bedeutende Rolle in der Geschichte unseres Volkes spielen dürfte, ist bislang von wenig Einfluß auf das Gesamtjudentum geblieben. Was 700.000 Juden leisten können, das bewies das deutsche Judentum, das bei einer noch geringeren Seelenzahl länger als ein Jahrhundert die Hegemonie des Judentums besessen und diese selbst bis auf den heutigen Tag noch nicht ganz verloren hat. Man darf aber bei der Beurteilung der geringen Leistungsfähigkeit unserer Glaubensgenossen von New-Hork die Tatsache nicht außer Acht lassen, daß sie fast alle eben eingewandert sind und sich von den Reisestrapazen noch nicht genügend erholt haben, um mit Muße jüdische Interessen pflegen zu können. Daß trotzdem jetzt schon in New-Aork ein mächtiges jüdisches Leben pulsiert, beweist eine nach den Aufstellungen der Steuerbehörden von dem „^msriean Hebrew“ gemachte Berechnung des Wertes des im Besitz von öffentlichen jüdischen Anstalten sich befindenden Grundeigentums. Nach dieser Zusammenstellung gibt es in Groß-New-Iork 7 jüdische Krankenhäuser mit einem Gesamtwert von 14°4 Millionen Mark. Davon repräsentieren allein die 3 Anstalten des Mount Sinai Hospital einen Wert von 12,700.000 Mark. Die 5 Anstalten für Waisen- und Kinderpflege sind mit 4,416.000 Mark eingeschätzt, von dem freilich das Waisenhaus in der Straße 138 für sich allein 3'8 Millionen wert ist. Die elf jüdischen Bildungsanstalten Groß-New-Iorks einschließlich des theologischen Seminars wurden mit 690.000 Dollars 2'9 Millionen Mark, wovon 1°1 Million Mark den 3 Anstalten der berühmten Lüueationul ^.llianee gehören. Ferner besitzt das jüdische New-Iork 2 Altersversorgungsanstalten und eine Siechenanstalt, deren Grundstücke mit 3,310 000 Mark eingeschätzt sind. Endlich besitzen 4 Wohltätigkeitsvereine ein in Grundbesitz resp. Baulichkeiten investiertes Vermögen von 1,965.000 Mark, wovon 672.000 den Vereinigten Wohltätigkcitsvereinen gehören. Eine allgemein jüdische Bedeutung hat das zum Schutze der jüdischen Emigranten bestimmte Fremdenasyl, das mit 1,050.000 Mark zur Steuer eingeschätzt ist. Im Ganzen besitzt Groß-New-Iork 34 jüdische Wohltätigkeitsanstalten, die zusammen Grundeigentum im Werte von 27,370.000 Mark repräsentieren. Man braucht sich nun vorzustellen, was wohl der Unterhalt dieser Anstalten kostet, um sich einen Begriff davon zu machen, welche enorme Summen das junge jüdische Gemeinwesen in New-Iork ausgibt. Der allergrößte Teil dieser Institutionen wird von deutschen Juden unterhalten, welche bereits in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts aus Süddeutschland nach den Vereinigten Staaten ausgewandert und da im Laufe der Jahrzehnte zu Reichtümcrn gelangt sind. Die erst in jüngster Zeit eingewanderten osteuropäischen Juden sind zur Zeit noch viel zu arm und auch noch viel zu wenig zivilisiert, um in großen Verbänden im modernen Sinne Wohltätigkeit zu üben. Sie verstehen — und das gewiß weit besser als die modernen jüdischen Jankees — im altjüdischen Sinne Zdokoh zu geben. Sie erfüllen ferner eine edle und hohe Mission, indem sie alljährlich Tausende von Schiffskarten an Verwandte und Freunde in der Heimat schicken und so Zehntausende jüdische Seelen auo der osteuropäischen Hölle erlösen. Ueber diese Aufgabe bleibt ihnen wenig für New-Iork selbst übrig, so daß der Grundbesitz der von ihnen an Ort und Stelle unterhaltenen jüdischen Wohltätigkeitsinstitutionen den Wert von 1,330.000 Mark nicht übersteigt. Dagegen repräsentiert ihr Anteil bei einer anderen Gruppe jüdischer Institutionen bereits jetzt schon einen weit höheren Wert. Von dem in den 77 Synagogen und Bethäusern Groß- New-Aorks investirten Kapital von ca. 14 Millionen Mark gehören 4 5 Millionen den osteuropäischen Juden. Der Wert der einzelnen Synagogen ist sehr verschieden und variiert von 5,460.000 und 6.425.000 Mark der Tempel Emanu El und Beth El in der feinen Fisth Avenue und den sehr bescheidenen Schülchen