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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-09-30 · 40 (30.9.1904) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
40 (30.9.1904)
Date
1904-09-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 40 Dr. Mocb s Mocbens^ orm. Sette 639 das Tor desselben nicht überschreiten können, ohne vom Pöbel, und nicht bloss von diesem, beschimpft zu werden — diesen Schimpf geduldig als selbstverständlich ertragend, geradeso wie auch den gehörnten Hut auf dem Kopfe und den gelben Fleck auf dem Kittel. Von Ansehen und Ehre, von sozialer Stellung wie bis in das 13. Jahrhundert ist nirgends mehr eine Spur. Und diesem sozialen Tiefstand entspricht notwendig auch seine natürliche Voraussetzung, die tiefe materielle Lage. Sie sind keine Hausbesitzer mehr, selbst in den Ghettos müssen sie vielfach die Häuser, in denen sie wohnen, auf die Namen gefälliger christlicher Geschäftsfreunde, ihrer christlichen Diener u. s. w. kaufen und sich die Nutzniessuug auf 100 und 200 Jahre durch Erbpacht, Scheinexekutionen für Darlehen u. s. w. sichern. So war es in unserer Nähe, in dem von deutschen Bürgern und nach deutschem Stadtrecht regierten Pressburg noch bis zum Jahre 1848. Sie sind aber auch keine Kauflente mein*, sie sind Trödler, Schacherer und Wucherer für kleine Leute, für Kleinbürger und Bauern. Wann hatte diese tief und das ganze Leben des jüdischen Handelsvolkes durchgreifende und umfassende Veränderung begonnen, durch welche Ursachen war sie eingetreten? Wie war sie — einem angesehenen Kantmannsstand gegenüber — überhaupt möglich geworden? Diese merkwürdige Wandlung in ihrer Genesis historisch darzulegen, wollen wir in unserem nächsten und Schlussartikel versuchen. Vom Jahrmarkt des Hebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (D a s k u r z e G e d ä ch t n i s u n d das g e r i n g e A n st a ii d s g e f ü h l. — Gewählt — D r. S ch a ch e r l. — Wenn man ein e m P f i n d s a m e s H e r z hat! — D i e T n r »e r e i a l s I n d e n f r a g e. - Der A r i e rp a r a g ra p h. — Sr. G ö tz ist kein dents cher Mann, und — wer sagt es? „Man sollte es kaum für möglich halten, wie kurz das Gedächtnis und wie gering das Anstandsgefühl gewisser Leute ist". Mit diesen elegischen Worten leitet das „Deutsche Volksblatt" einen Klagegesang in Form eines Leitartikels ein. Ich bitte — das „Deutsche Volksblatt", Telegramm-Adresse: Vergani, Wien! Was hat man nun dem armen Vvlksblatt getan? Sie haben in Graz einen Herrn Dr. Schacherl zum Vertreter der allgemeinen Kurie gewählt. Das ist bitter. Ein Unglück aber kommt selten allein. Dr. Schacherl ist nicht nur Jude, er ist auch Sozialdemokrat. Das Letztere wäre vielleicht noch verziehen worden, aber Jude sein — das ist eine Todsünde, für die es keine Absolution gibt. Die Leitung der Deutschen Volkspartei in Steiermark wird dafür verantwortlich gemacht, daß nun ein Jude als Vertreter eines Wahlbezirkes der deutschen Steiermark in den Landtag einziehen wird. Diese Leitung hatte nämlich angesichts der Aussichtslosigkeit aller Chancen für die eigene Partei für ihre Anhänger die Parole der Wahlenthaltung ausgegeben, und so stand denn die Partie lediglich zwischen den Sozialdemokraten und der christlichen Volkspartei. Hütte die Deutsche Volkspartei bei Zeiten ihr christliches, will sagen christlich-soziales Herz entdeckt, dann wäre dem „Deutschen Volksblatt", Telegramm-Adresse: Vergani, Wien, der doppelte Schmerz erspart geblieben, ihr selbst aber jene betrübliche Anrempelung, von welcher wir in den einleitenden Zeilen eine kleine Kostprobe geliefert haben. Nun muß sie sich nachsagen lassen, daß sie sich nicht nur „charakterlos" benomnien habe, sondern auch „unsagbar dumm". Und von wem nachsagen? Vom „Deutschen Volksblatt", Telegramm-Adresse: Vergani, Wien. Berücksichtigt man nun noch die stille Liebe, die die Deutsche Volkspartei für den Antisemitismus im Herzen trägt, dann wird man zugeben müssen, daß gottlob auch die Zeitgeschichte ihren Humor hat. Schlechte Zeit überhaupt für das „Deutsche Volksblatt". Vorne schmerzt sie die Deutsche Volkspartei, hinten die österreichische Turnerschaft. Es ist halt ein Jammer, wenn man gar so ein empfindsames Herz hat. Was die gute Turnsache für das deutsche Volk bedeutet, braucht uicht erst umständlich entwickelt zu werden. Das deutsche Volk stellt der Zahl nach die meisten und dem Durchschnitte der Leistungsfähigkeit nach die besten Turner der Welt. Wenn man sagt, daß die letzten Kriege der Deutschen vom deutschen Schulmeister gewonnen worden seien, so darf nicht übersehen werden, daß auch die Turnlehrer und Vorturner der Gilde der Schulmeister zuzurechnen seien. Für die deutsche Nation ist die edle Turnerei eine Sache der Vvlkserziehung, für Herrn Vergani lediglich eine Judensrage. Da ist es denn nur allzu erklärlich, wenn ihm gelegentlich recht schmerzliche Enttäuschungen bereitet werden. Man sollte es wirklich kaum für möglich halten, wie kurz das Gedächtnis und lvie gering das Anstandsgefühl gewisser Leute ist. Vergani hat vollkommen recht. Müssen wir daran erinnern, wie viele Fußtritte Herr Vergani schon von alldeutscher Seite empfangen hat? Wenn, wie man sagt, auch die Nase ihr Gedächtnis hat, so ließe sich das vielleicht auch von dem diagonal entgegengesetzten Körperteil voraussetzen, und das wieder müßte Herrn Vergani in den Stand setzen, bei jedem neuen ihm versetzten Fußtritt unbesehen und ohne sich umzuwenden, die Provenienz mit unfehlbarer Sicherheit anzugeben. Es gibt nun doch schon Stieselsohlen, die ihm ungemein bekannt Vorkommen müßten. Diese alldeutschen Fußtritte hatte er vergessen, — „wie kurz das Gedächtnis ist!" — sowie er den Juden eins anhängen kann. Dann besorgt er auch willig die grobe Arbeit für die Altdeutschen — „und wie gering das Austandsgesühl!" Es find nämlich in erster Linie die alldeutschen Turner in Oesterreich, die die heiligsten Interessen des deutschen Volkes bedroht sehen, wenn in einer Turnerriege einmal auch ein Jude den Bauchaufschwung macht. Nun ist aber die Turnerei in Deutschland als ein wichtiges Mittel der Volkserziehung eine ernste Sache und die Leiter der deutschen Turnerschaft sind durchaus abgeneigt, sich auf solche Albernheiten einzulassen. Wie schnell Herr Vergani auch sonst bereit wäre, den Alldeutschen eins am Zeuge zu flicken, in dem Moment, wo es gegen die Juden geht, dreht er sich wieder um und bietet seinen edelsten Körperteil willig dar zur gefälligen gut besohlten Bedienung. Er widmet sich der Turnsache und hält den Schönerer-Jünglingen die Stange. Diese wollen nämlich nichts anderes, als daß alle österreichischen Turnvereine, die bei der Aufnahme von Mitgliedern mehr auf die turnerische Tauglichkeit als aus den Taufschein sehen, und die — Wuotan behüte! — am Ende gar einen oder mehrere Juden in ihren Riegen dulden, samt und sonders aus dem Verbände der deutschen Turnerschaft hinausgeworfen, infam kassiert werden. Das ist Wasser auf Herrn Vergani's Mühle. Daher das kurze Gedächtnis und daher das bemerkenswerte Anstandsgefühl. Nun ist aber die Leitung der deutschen Turnerschaft weit davon entfernt, den Wuotan-Jünglingen — Wuotan oder Schönerer ist ja so schon bald Alleseins — und ihrem fragwürdigen Eidhelfer den Gefallen zu tun. Ein in diesem Sinne eingebrachter Antrag ist wiederholt mit Glanz abgelehnt worden, zuletzt auf dem Turnertage zu Berlin, und Berlin wird man hoffentlich noch als so gut deutsch ansehen wie Wien. Wenn sich schon die patentierten Alldeutschen in Oesterreich ihren „Arierparagraphen" nicht nehmen lassen wollen, so sollen sie in Gottesnameu damit glücklich werden, sie sollen aber wenigstens nicht hindern dürfen, daß neben ihnen auch Verbandsvereine bestehen, die ihre Abgeschmacktheiten nicht mitmachen. Es wurde also beschlösse», zwei Turnkreise in Oesterreich neben einander bestehen zu lassen. Das darf nicht sein. Was nämlich echtes Deutschtum ist, das wissen nur unsere Schönerer-Jünglinge in Oesterreich. Die Deutschen selber in Deutschland draußen, die wissen es nicht. Dieselben herrlichen Jünglinge, die dann, wenn sie ausstudiert haben und genügende Protektion finden, mit Vergnügen ganz lammfromme k. k. schwarzgelbe Beamte werden. Es wird also Protest eingelegt gegen den Beschluß und dieser als Rechtsbruch und Gesetzwidrigkeit gebrandmarkt. Sie haben sich nun in Wien selber versamnielt und sind aus der deutschen Turnerschaft, die ihnen nicht deutsch genug ist, ausgetreten. Der Ausschuß der deutschen

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