Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 39 Dr Blocb $ Mocbenscbritt. Seite 635 dem Freunde zur Flucht rät, der dabei seinen Tod findet. Tätliche Schlaffheit überfällt Götz, da der Freund, sein zweites Selbst, ihm so grausam entrissen wurde. Rastlos, planlos verbringt er Stunden und Tage. Immerwährend aber trägt er das Bild des geliebten Toten im Herzen und zu seinem Grabe flüchtet er, um die Seelenharmonie wiederzufinden. Götz Krafft, ein durch keinerlei Vorurteile und Schranken getrennter Freund und treuer Genosse des unglücklichen Löwenseld kann in unserer von Vorurteilen erfüllten und durch Haß zerklüfteten Zeit durch sein reines, echt humanes Empfinden nur als Muster hingestellt werden, dem unsere Jugend nachstreben soll und sind uns Götz Krafft und Löwenfeld ebenso wert wie Lessing-Mendelssohn, deren Geist uns umweht, wenn wir uns in das Buch vertiefen. So hat Löwenfeld nicht umsonst sein Leben ausgehaucht auf dem Felde der Ehre. Auf dem kleinen, der jüdischen Gemeinde gehörenden Teile des Friedhofes von La Sallaz da liegt der Mann begraben, der, im heiligen Zorne eine in ihm seinerganzen Glaubensgemeinschaft angetane Schmach sühnend, sein junges Leben mutig in die Schanze geschlagen hat. Mit Immergrün und rankendem Epheu hatte die Liebe der im. fernen Mannheim weilenden Eltern das Grab des toten Lieblings schmücken und auf einer schlichten Marmortafel die goldene Inschrift eingravieren lassen: „Hier ruht in Frieden unser einziges Kind Sally Löwenfeld, geboren in Mannheim am 23. Februar 1865, erschossen in Saint Gingolphe am 10. Juni 1888. Die tiefgebeugten Eltern". Und darunter die Worte des Psalmdichter David's: „Unser Leben ist kurz, wie ein Gras im Felde, das da frühe blühet und bald welk wird und des abends abgehauen wird und verdorret". Und ein herrliches Denkmal hat ihm sein Freund gesetzt in seinem Werke, das berufen ist, den Gesichtskreis der Leser zu weiten und sie von Vorurteilen frei zu machen, die unser gesellschaftliches Leben vergiften. Ein Blatt aus der Chronik unserer Stadt. Roman von N. P r ns ch a n s k i. Berlin. Siegfried Eronbach. „Zuvörderst müssen wir versichern, daß die Aufschrift dieser Bogen einen sehr vorteilhaften Eindruck auf uns gemacht hat. Ta tritt, dachten wir, ein feuriger Geist, ein fühlbares Herz, bis zum selbständigen Alter unter einem fremden Himmel aufgewachsen, auf ^AkMalÄ unsere Welt .. ." mit diesen Worten leitet Goethe eine ^WffpreHung von Gedichten „eines polnischen Juden" ein und fährt ■'fnrjpAttischem, ja sogar in lieblosem Tone folgendermaßen fort: ist rTcht löblich, ein polnischer Jude sein, der Handelschaft entlaßen, sich den Musen weihen, Deutsch lernen, Liederchen runden, wenn man aber in Allem zusammen nicht mehr leistet als ein christlicher Zäutirmt en heiles lettres, so ist es, däucht uns, übel getan, mit ' feiner Judenschaft ein Aufsehen zu machen." unsterbliche Dichter sieht von seiner hohen Warte mitEnt- . Hstupg auf Me „Göttern und Menschen verhaßte Mittelmäßigkeit" Mrab, ,er.'schwingt die strengste Geißel der Kruik gegen den unwür- - «gen Mchringling in das Reich der deutschen Dichtung, scharf und LfchouüHMöL ist sein Urteil und des Dichterlings zerpflückte Lorbern fallen welkend schmucklos auf die wettergebräunte Stirne des polnischen Juden nieder, der die Kühnheit hatte, Kulturmensch zu werden -MMder!.Kttltursünde des Schriftstellerns zu fröhnen. Mtzs nun mich betrifft, sei ohneweiters zugestanden, daß reine ^Zarte -lange nicht so hoch, meine Entrüstung nicht so streng sei 18 ckste Goethe's, umsomehr, da die Mittelmäßigkeit gegen die des Altmeisters zornentbrannte, heutzutage eine Tugend ist und da sie in Literatur und Kunst ihr unbestrittenes Bürgerrecht besitzt. Möge daher mildes Wohlwollen und duldsame Nachsicht in folgenden Zeilen walten. Zwei Dinge sind es, die ich dem Verfasser ganz besonders übel nehme, und zwar das Undeutsche seiner deutschen Sprache und das Unjüdische der jüdischen. Deutsche Syutaxis und Stilistik sind in diesem Roman recht blutig davon gekommen und es ist — gelinde gesagt — ein kühnes Unterfangen, mit so dürftigen Sprachkenntnissen, wie die des Verfassers, einen deutschen Roman zu schreiben. Ich will mich gewiß nicht an Einzelheiten klammern, doch allen, die einen Blick in diesen Roman werfen, wird das Undeutsche dasselbe Mißbehagen verursachen. Nun würde man vielleicht glauben, daß in diesem Werke, dessen handelnde Personen echt jüdisch-polnische Gestalten sind, statt des reinen Hochdeutsch die kernige Urkraft der jüdisch-deutschen Sprache, der Bilderreichtum, die Tiefe und Wärme, die Demut und Schlauheit des Dialektes zu finden seien, leider ist das nicht der Fall. Der Verfasser hat mit rührender Ungeschicklichkeit alles Mark des jüdischen Ausdruckes verwässert und verdünnt, er wollte den Jargon verdeutschen und hat ihm seine ursprüngliche Innigkeit nnd seine eigenartige Fülle geraubt. Der Verfasser hätte seine Leute entweder frank und unverblümt im Jargon sprechen lassen sollen oder das Jüdisch-Deutsche treu, sinnreich und geschmackvoll ins Hochdeutsche übertragen inüsseu. Nichts von beiden ist geschehen. Darum ftuö auch die Dialoge frostig und denaturiert nnd machen denselben Eindruck, den ein polnischer Jüngling macht, der sich lange genug Wiener dünkt, uni weanerisch zu sprechen. Etwas günstiger läßt sich die Handlung des Romanes beurteilen. Kultnrdrang und Lichtscheue, kühne Neuerungslust und ehernes Beharren am Althergebrachten stehen sich in diesem Romane feindlich gegenüber. Lewin, der armselige Talmudjünger, der eines Tages im Lehrhause erscheint und mit seiner schlagsertigkeit und tiefen Gelehrsamkeit Jung und Alt in Erstaunen setzte, entwickelt sich im Laufe der Erzählung zum siegreichen Herold der Aufklärung. Esther, die schöne Frau des Rabbi Pinchas, Besitzerin eines vielbesuchten Gasthauses und glückliche Mutter der lieblich-holden Sara ist nicht minder bestrebt, nach ihren Kräften und Fähigkeiten der Kultur eiu Gäßchen in die Heimatsgemeinde zu ebnen. Verwandte Geister finden sich und Lewin wird in kurzer Zeit Sara's Bräutigam. Die böswilligen Nachbarn sind der Esther wegen ihres zukünftigen, hochgelehrten Schwiegersohnes neidisch. Zur Mißgunst gesellt sich der auflodernde Fanatismus und die Feinde Esther's und Lewin's vervielfältigen sich, nachdem Lewin an einem Sabbathmorgen beim Gottesdienste die Dreistigkeit besaß, einem „predigend Reisenden" den Unsinn seiner scheinheiligen, abergläubisch finsteren Anschauung darlegen zu wollen. Die Zuhörerschaft hat ihn einstimmig zum Epikuräer gestempelt und Dowsche. die schöne, sinnliche, liebeglühende Dienerin des Hauses, deren dargebotene Reize ihn nicht locken, trägt, um ihre Demütigung zu rächen, einen schönen Teil dazu bei, um Lewin in den Ruf eines gottlosen Menschen zu bringen. Der Groll geg n Lewin verpflanzt sich bis ins Gemeindehaus. „Die Kahalleute", denen seitens der Behörde das Recht zusteht, Rekruten auszuheben, sind ihm abhold und der Entschluß wird gefaßt, ihn zum Soldaten zu machen. Doch alle Bosheit und alle Schlauheit war gegen Lewin ohnmächtig. Sein kühnes Wort, seine scharfe Logik und sein biederer Charakter blieb siegreich im Kampfe mit seinen Gegnern und erwarb ihn zum Schluffe auch die Geneigtheit des Gouverneurs. So schreitet er liebespendend, belehrend und bekehrend auf der Bahn seiner Ideale weiter. In der engen Sabbathstube, wie im wildfremden Palaste des Gouverneurs, in der Synagoge, wie im Gefangenhause läßt er seine Lehren demütig, aber entschieden in unwiderlegbarer Folgerichtigkeit vernehmen. Der Erfolg krönt sein Bemühen und Bildung und Kultur halten allgemach ihren Einzug in das jüdische Gemeinwesen. Moderne Schulen erschließen sich und der inimer wachsende Drang nach Fortschritt entvölkert selbst die berühmtesten Pflanzstätten des Talmuds. So vergehen und vergingen 30 Jahre. Lewin machte medizinische Studien, wurde Arzt, ließ sich in St. Petersburg nieder, doch auch dort vergißt er seiner stürmischen Jugend nicht, er bleibt ein treuer Sohn des Judentumes, ja noch niehr, er ist ein durchdrungener Bekenner des Zionismus. Lewin und Esther sind die Pfeiler dieser Erzählung. Beide sind recht liebenswürdige, scharf gezeichnete Individualitäten und wäre ihnen ihre Sprache nicht entstellt worden, hätten sie gewiß den Wert des Romanes über die eingangs erwähnte, verhaßte Mittelmäßigkeit emporgehoben. Die Schilderung des Kahals und seiner Wirtschaft ist ein wolgelungenes Stück eoulear locale und wenn zum Schluffe noch hinzugefügt wird, daß manche Szenen der Wirkung nicht entbehren, scheint alles das erschöpft, was man, trotz aller wohlwollenden Beflissenheit, milde und' schonend zu sein, zum Vorteile dieses „Blattes aus der Stadtchronik" sagen kann. Z s o l n a (Sillein). Pros. Philipp Nasch. Nene Bücher. 27. Jahresbericht der Landes - Rabbinerschnle in Budapest für das Schuljahr 1903— 1904. Vorangeht: D i e Vormundschaft nach mosaisch-talmudischem Rechte von Prof. Moses Bloch. B ud ap e st 1904. Hebrew Union Coliege Annuai, Cincinnati 1904. Editor-in-Chief. Ephraim Frisch. Eine sehr interessante und reichhaltige Publikation mit ausgezeichneten Beiträgen von: Morris R o s e n f e l d New-Ä)ork, Präsident Dr. K. Köhler in Cincinnati, Professor W. B a ch e r in Budapest, Professor G. Deutsch in Cincinnati, Professor H. Malter in Cincinnati, Claude G. M v n t e f i o r e in London, Doktor M. B u t t e n w i e s e r in Cincinnati, Dr. Gustav K a r p e l e s in Berlin, Professor Dr. Louis Großmann in Cincinnati, Professor E. F e l d m a n n in Cincinnati, Professor Doktor M. L. M a r g o l i s in Calisornien, Caspar L e v i a s in Cincinnati, Professor Dr. Emil G. Hirsch in Chicago, Pros. Dr. D. P h i l i p p s o n in Cincinnati, S. Mannheimer in Cincinnati, M. S i l b e r, M. L o v i t ch, Nathan G o r d o n, Max R e i ch l e r, Ephraim Frisch, Harry W. E t t e l s o n.