Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 634 Dr. Llocb's Moebenscdrlkt. Nr. 39 des Hofbankiers Kahn. Eines Tages geriet Kahn beim Baden in einen Strudel und war dem Ertrinken nahe; der junge und mutige Dr. Schwarz rettete ihm das Leben und das sollte seiner Tochter verhängnisvoll werden. Der junge Arzt kam oft in's Haus und gewann die Neigung der Tochter. Der Vater flehte sie auf den Knieen an, sich den irreligiösen Mann aus dem Herzen zu reißen; vergebens! Die Leidenschaft war mächtiger als die religiöse Erziehung. Wohl versprach Dr. Schwarz, den religiösen Anschauungen der Frau nicht nur nichts in den Weg zu legen, sondern auch Rechnung zu tragen. Aber bald zeigte sich, daß dies nur eine leere Fiktion war und wenige Jahre nach der Hochzeit war der Bruch ein vollkommener. Schwarz heuchelte nicht mehr, zeigte den Abfall und Treubruch vom traditionellen Glauben ganz offen und frei. Deshalb zog Sarah Schwarz sich mit ihrem Töchterchen in das Hinterhaus zurück. Freilich konnte sie es nicht hindern, daß ihr Töchterchen auch den Vater lieb hatte, und dieser Umstand machte alle religiöse Erziehung der Mutter fruchtlos. Was die Mutter lehrte, verspottete der Vater und streute das Gift des Zweifels, die böse Saat des Jndisferentismus, schon frühzeitig in des Kindes Brust. Jacob Schwarz war als Jude ein sogenannter moderner Jude und war auch den Fehlern des modernen Judentums mit Haut und Haaren verfallen. Unter den modernen Menschen sollen ja die verschiedenen Konfessionen und verschiedenartigsten Parteischattierungen ohne Anstoß und Mißklang mit einander verkehren können. Und dazu gehört nur eine gewisse Rücksicht auf die Anschauung des Andern, ohne daß man ihnen irgend eine Konzession macht oder gar eines Sinnes zu sein brauchte. Diese Rücksichtnahme nennt man Toleranz und gegen dieses einfache Gesetz des guten Tones und Anstandes verstoßen eben die meisten der modernen Juden, wo es sich nämlich um das überlieferte, gesetzestreue Judentum handelt. Wenn in ihrer Gegenwart der Armenier seinen Rosenkranz abzählt oder der Derwisch unter gräßlichen Zuckungen zu Boden stürztkein Lächeln wird ihre Lippen umspielen, mit einer gewissen heiligen Scheu werden sie vor jeder Prozession zur Seite treten und werden das, was ihnen unbegreiflich, zu verstehen suchen. Sie werden dem religiösen Gefühle Anderer mit der größten Schonung begegnen, werden Vieles sogar mitüben, um nur keinen Anstoß zu erregen, um den Anschein der Intoleranz nicht auf sich zu laden, aber soll einmal eine Jüdin an ihnen vorübergehen, die in althergebrachter Weise ihren Haarschmuck verbirgt, oder sie mögen einmal bei einem ungeregelten Gottesdienst zugegen sein, wenn ein gequältes Herz in seinem Schmerz, in seiner heiligen Begeisterung laut aufschreit, sie werden die Nase rümpfen, lächeln, spötteln, ihre Nichtbeteiligung ostentativ zur Schau tragen und einen gewissen Stolz darein setzen, der Väter Brauch mit ätzendem Spott zu verhöhnen. Sie nennen sich die Pächter der Toleranz, sind auch gegen alle Menschen vorurteilsfrei, duldsam, achten jede religiöse und politische Anschauung, nur gegen die eigenen Brüder sind sie unduldsam, da verletzen sie den Anstand und das Gesetz des guten Tones, ihnen gegenüber legen sie eine Unduldsamkeit an den Tag, die an Fanatismus grenzt. Zu diesen Toleranten gehörte auch der Hofmedikus; er hegte für die bigotte Fürstin die höchste Achtung, hörte ihre salbungsvollen Redensarten mit der größten Andacht an, ohne daß sich in seinem Herzen auch der leiseste Spott regte, für das aber, was seine Gattin als das Heiligste erkannte und übte, dafür hatte er nichts als losen Spott und feile Witze, für die rührende Frömmigkeit der Gattin hatte er nur verletzende Sticheleien. Sarah Schwarz war eine begeisterte Jüdin; die heilige Flamme der Liebe und Ehrfurcht für den Väterglauben brannte auf dem Altäre chres Herzens, die innigsten heiligsten Gefühle des Gottglaubens und der reinsten Menschlichkeit erfüllten ihre Seele und äußerten sich in getreuer und gewissenhafter Erfüllung aller Gottesgesetze und in werktätiger Menschenliebe. Dieser Geist leitete die Mutter bei der Erziehung des Kindes; allein der genußsüchtige Vater senkte in das für die Saatkörner der Religion so empfängliche Kindesherz andere Lehren und so wurde Rieke schon frühzeitig eine Heuchlerin. In Gegenwart der Mutter hielt sie am Väterbrauche fest und mit dem Vater entweihte sie alles Heilige. Sie war voll Bewunderung für die begeisterte Frömmigkeit der Mutter, aber dem Genußleben, das ihr der Vater in reicher Fülle bot, zu entsagen, dafür fehlte ihr die sittliche Kraft. Der Vater mochte noch im Geiste bei seiner Tochter geweilt haben, als diese ungestüm die Türe aufriß und hereinstürmte. Ein seliges Lächeln umspielte Riekes Antlitz, als sie den ordengeschmückten Vater erblickte. „Ich gratuliere Dir, teuerster, bester Papa, nun wird ja auch die Nobilierung nicht lange auf sich warten lassen." Mit diesen Worten fiel sie dem Vater laut aufschluchzend um den Hals. Der Gedanke, daß nun auch das rein äußerliche Band, das die Eltern mit einander verknüpfte, entzweigerissen, preßte ihrem Auge bittere Tränen des Schmerzes aus. Rieke hatte ein gutes Herz, wie alle leichtlebigen Naturen, und der Gedanke an der Mutter Weh betrübte sie tief. Der Vater liebkoste die weinende Rieke und flüsterte ihr in's Ohr, daß heute große Gesellschaft bei ihm sei, der auch der Regierende anwohnen würde, daß auch — der Regierungsassessor Egon von Brinkmann auf Traunstein sein Kommen zugesichert, und Rieke lächelte unter Tränen. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Götz Krafft. Unter diesem Titel ist die Geschichte einer Jugend von Edward Stilgebauer (Berlin, Verlag R. Bong) erschienen, die sich rasch einen großen Leserkreis errungen. In diesem ersten Teile einer Romanserie finden wir mit warmem Empfinden und lichtem Blicke den Entwicklungsgang eines Frankfurter jungen Mannes von ihm selbst geschildert, der schon im ersten in Lausanne verlebten Semester in das gefährliche Getriebe der Klassen- und Rassenkämpfe hineingeraten. Was uns das Buch besonders wertvoll macht, ist die echt humane Gesinnung, die durchweg in demselben zum Ausdrucke gelangt und die der deutschen Jugend in den letzten Jahren abhanden gekommen ist. Daraus ist es auch zu erklären, daß Götz Krafft den Juden eine andere gerechte Beurteilung zu Teil werden läßt als viele Schriftsteller, welche deren hervorragende Anteilnahme an der modernen Kultur entweder einfach totschweigen oder was noch viel schlimmer ist, ungehörig entstellen. Der Verfasser, der unter manchen Geisteskämpfen sich zur Höhe einer geläuterten Weltanschauung emporgerungen, wird uns besonders durch sein Freundschaftsverhältnis zu dem Studenten Sally Löwenfeld, dem Sohne eines jüdischen Trödlers aus Mannheim, sympathisch. Götz Krafft, der mit Löwenfeld befreundet wurde und ein offenes Auge für die Mißhandlung der Juden durch die Gesellschaft hatte, tritt in ein deutsches Korps ein und zieht sich infolge dessen etwas von dem Juden zurück, um sich ihm bald wieder desto herzlicher anzuschließen, als ihn die Hohlheit, die in der Verbindung herrschte, anwiderte und er zur Erkenntnis gelangte, daß die ganze Bande ihn nicht aufwiege. Dieses herzliche, durch ein dem Löwenfeld von Götz Krafft angebotenes „Du" von Neuem befestigte und besiegelte Freundschaftsbündnis zerstört Graf Schlippenstaedt, ein Typus geistiger Beschränktheit, der, als er in einem Restaurant beide zusammen antrifft, sich über Krafft's jüdische Begleitung mit den Worten „Haben da nette Gesellschaft" abfällig aussprach und auf eine scharfe Erwiderung Löwenfeld's, die für denselben verhängnisvoll werdenden Worte hinwirft: „Wenn sie mit mir reden wollen, dann stehen Sie gefälligst auf, Sie krummer Judenlümmel!" Da war es geschehen. Ein kleiner roter Tropfen Blutes sickerte langsam aus der Wunde an der Wange des Grafen hinunter, die Löwenfeld's Ring bei dem wuchtigen Schlage gerissen, den seine Hand als einzige Antwort auf diese unerhörte und vom Zaun gebrochene Beleidigung gegen Schlippenstaedt's Gesicht geführt hatte". Es kommt zum Duell, obgleich Krafft, der aus dem Korps getreten,