Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 632 Dr. Llocb's Mocbenscbrttt. Nr. 39 diesem Tage auf gewohnter Stelle mit ihrem Gotte Zwiesprache hielten. So war cs auch am Sonntag. Nur einige Fromme hatten sich eingefunden. Und wiederum hob das Stein-Kardätschen der römischkatholischen Jugend von Sosnowice an. Es war um 3 Uhr nachmittags. Unaufhörlich flogen die gefährlichen Geschosse, die je nach der Armkraft des Schleuderers Dimensionen von beträchtlicher Stärke hatten, an die Przemsa hinab. Dennoch beteten die Juden weiter. Da wurde einer von ihnen, ein Mann, schwer von einem faustdicken Stein getroffen. Ergrimmt warf er denselben Stein in den feindlich gesinnten Haufen an der Straße zurück. Unglücklicherweise traf er dabei das kleine Mädchen eines Werk ° eisters aus einer Spinnerei. Das Kind trug im Gesicht eine blutende Wunde davon. Nun war die Entrüstung auf der anderen Seite natürlich groß. Ein wahrer Hagel von Steingeschoffen sauste auf die Israeliten herab, die ihr Heil in schleuniger Flucht suchten. Als die Angreifer sahen, daß ihre Opfer ihnen entkommen waren, wurden sie von namenloser Wut gepackt. Bei der Verfolgung stieß plötzlich einer den Ruf aus: „Schlagt die Juden tot, sie haben ein Ehristenmädchen ermordet!'' Dieser Schreckensruf zündete. Tatsächlich war, wie der behandelnde Arzt selbst erklärt hat, die Verletzung des Kindes nur unbedeutend. Doch der Alarmruf war einmal ausgestoßen und pflanzte sich mit Blitzesschnelle in der ganzen Stadt fort. Ein wildes Gejohle entstand. Die Arbeiterbevölkerung glaubte blindlings, ballte sich zu größeren Trupps zusammen (meist waren es halbwüchsige Burschen und betrunkene Frauenzimmer) und geriet, von den Anführern systematisch aufgewiegelt, in eine Berserkerwut. Zunächst stürzte sich die Meute auf die Wohnhäuser israelitischer Krämer. Dann drang die Menge in die Läden, mißhandelte, was ihr begegnete, gleichviel, ob Mann, Weid oder Kind, raubte, was nicht niet- und nagelfest war, begoß die vorrätigen Waren (Zucker, Mehl u. s. w.) mit Petroleum, verunreinigte das sonstige Material und zertrümmerte die Utensilien. Mit blankem Messer stach man auf die armen Juden ein, die sich vor der Wut des Janhagels in die oberen Räume und ans die Böden verkrochen. Auch Revolverschlisse wurden auf die Juden abgegeben. Das Blut floß an manchen Stellen in Strömen. Nachdem die Exzedenten die Läden ausgeraubt hatten, zogen sie wieder auf die Straßen, wo inzwischen jüdische Paffanten aufs schwerste gemißhandelt worden waren. Dann zog man von Gasse zu Gasse. Soweit sich die Inwohner nicht auf die Böden retteten und sich hier verbarrikadieren konnten, wurden sie mit Messern, Knüppeln und Eisenstücken bearbeitet, die Frauen in hier nicht wiederzugebender Weise mißhandelt. Besonders schlimm wurde eine Frau Golenzer mitgenommen, eine junge Frau von 26 I hren, Mutter mehrerer Kinder. Das arme Weib erhielt sieben Messerstiche in den Leib und brach ohnmächtig zusammen. Erst nachdem sich der Krawall gelegt, wurde sie nach dem Hospital der benachbarten Kreisstadt Bendzin transportiert, wo sie nach wenigen Stunden ihren qualvollen Leiden erlag. Ein Messerstich hatte ihr den ganzen Oberschenkel des rechten Beines aufgeriffen. Auch ihr Mann und die unschuldigen Kinder waren stark mißhandelt worden. In Alt- Sosnowice spielte man am ärgsten dem Kaufmann Liepner mit. Hier war hauptsächlich der gefährliche Bergmannsstock mit dem spitzen Hammer in Aktion getreten. Nachdem man in den Vorstädten genug gehaust, zog sich der Volkshaufen, der nach vielen Hunderten zählte, nach dem Zentrum der ca. 25.000 Einwohner zählenden Stadt. Ein Trupp stürzte unter dem Rufe: „Schlagt die Synagoge ein!" nach dem Gotteshaus, das sich auf der Polizinastraße befindet, aber gut verschlossen war. Die elend gepflasterte Straße muffte alsbald das Material zu dem Steinbombardement hergeben. Keine Scheibe blieb ganz. Haufenweise fand man am nächsten Tage die Steine im Bethause vor. Den Unterdiener und Wächter der Synagoge, Scherrer mit Namen, faßte die Mordgesellschaft auf der Straße; er wurde fürchterlich von den Meffern seiner Angreifer zugcrichtet« Nicht viel besser soll es dem Schächter Federmann gegangen sein, dem man mit seinem eigenen Handwerkszeuge das Lebenslicht auszublasen suchte. Wenn mein heute (Montag) nach dem grausigen Aufruhr durch die betroffenen Straßen wanderte, so konnte man glauben: rechts und links befänden sich Ruinen, da in keinem Hause die Fensterscheiben heil geblieben waren. Man versichert mir, daß mindestens 50 Personen mehr oder weniger schwer verletzt worden sind. Meistens sind es Geschäftsinhaber, kleine Kolonialwaren- und Kleinhändler und deren Angehörige. Wo ist denn aber die Polizei während des ganzen Auftrittes gewesen, wird man nun fragen. Sosnowice und Polizei! 15 ganze Mann und ein paar Nachtwächter bilden das Sicherheitspersonal. Als der Krawall begann, sandte ein Hausbesitzer zum Polizeimann, der wunderbarerwerse die Nummer 194 trägt, mit der Bitte, Hilfe zu leisten. Was ließ er sagen? „Wer was von mir will, muß selbst kommen." Sprach's und ging nach der entgegengesetzten Seite der Stadt. Reizend ist die Antwort, die der Polizeimeister Kronenberg gegeben haben soll, als man hilfesuchend sich an ihn wandte: „Damüssen Sie Anzeige beim Gericht machen!" Schließlich ließ sich der Herr aber doch bewegen, an den Kreischef von Bendzin um Zusendung von Militär zu telegraphieren. Man sagt nun: Von hier aus habe man sich erst nach Petrikau an den Gouverneur wenden müssen und um Erlaubnis fragen. Ob die Kosaken gekommen sind» steht nicht genau fest.I Die einen sagen:"^ein Piquet von 25 Mann'sei'wachts um 2 Uhr, 5als. eben^alles vorüber gewesen sei, angekommen, die anderen bezweifeln auch das und behaupten: das Gouvernement habe Anweisung gegeben, erst dann, wenn sich in Sosnowice der Krawall erneuere, solle Militär entsandt werden. Jedenfalls hat man von dem Piquet am nächsten Abend in den Straßen nichts gesehen, obgleich das Gerücht ziemlich bestimmt anftrat, die Ausschreitungen würden sich an diesem Tage wiederholen. Auch für den nächsten Sonntag, an dem die Israeliten wieder Festtag haben, befürchtet man eine Wiederholung der „Kischenew"-Vorgänge. Endlich sei noch bemerkt, daß die Polizei auch Verhaftungen vorgenommen hat. Die Hauptkrakehler und Rädelsführer sind aber nicht dingfest gemacht worden. Heute morgen wurden die Inhaftierten, etwa zehn, sämtlich wieder freigegeben. Ueber die Judenexzesse berichtet der „Vorwärts": „Die jüdische Bevölkerung von Smela ist von einem großen Unglück betroffen worden. Ganz unerwartet infolge eines Streites zwischen einer Jüdin und einer Russin wegen eines Tuches, das diese bei der Jüdin gestohlen hatte und das ihr wieder weggenommen wurde, begannen Ausschreitungen, die fast den ganzen Sonntag, die ganze Nacht und Montag bis 1 Uhr Morgens dauerten; bis das Militär aus Tscherkassy (die Kreisstadt befindet sich ca. 25 Werst von Smela, mit der sie durch eine Eisenbahnlinie verbunden ist) angekommen war, dauerte es l1/» Tage. Ganz Smela ist ausgeplündert; es sind übrig geblieben vier Läden, die von den Russen selbst losgebeten wurden, die Kowalewka (so wird ein Stadtviertel genannt, in dem etwa ein Zehntel der gesummten jüdischen Bevölkerung lebt) und unsere Straße von der Feuerwehr ab; das haben die hiesigen jungen Leute mit noch 60 aus Tscherkassy, die mit Revolvern bewaffnet waren, gerettet. Die Plünderung ist um so bemerkenswerter, als der Metropolit beim Beginn der Verheerung hier durchreiste. Als er über den Markt fuhr, hielten ihn die Juden auf und baten ihn. zu der Menge hinauszugehen (es war bloß eine Bande von etwa 5'i Burschen). Er antwortete nichts und fuhr weiter. Man kann eigentlich sagen, daß dank ihm die Verwüstung so groß wurde; denn die gesamte Polizei war neben ihm und Niemand störte die Plünderer in ihrer Arbeit. Als man die Polizei um Hilfe bat, antwortete man, daß sie den „Wladyka" (Wladyka Herrscher; so wird der Metropolit gewöhnlich genannt) nicht verlassen dürfe, sie blieben denn auch bei ihm, während die Geschäfte und Häuser geplündert wurden. Gestern ist der Gouverneur angekommen. Er fuhr durch die Stadt und schrie den Juden zu: „Fort, nach Hause!" Darin bestand seine ganze Tätigkeit und Hilfe. Einer jüdischen Deputation hat er versprochen, am andern Tage die nötigen Anordnungen zu treffen, er ist jedoch während der Nacht nach Kiew ausgerissen. Die Polizei schreitet sehr ungern ein; die Hausdurchsuchungen werden nicht mit der erforderlichen Energie ausgeführt, diejenigen, bei welchen Waren gefunden werden, bleiben in Freiheit; auch die Führer der Menge sind nicht verhaftet. Kurz, diese Verheerung wird ungestrafter als alle bisherigen bleiben. Wir halten an die Redaktionen der „Nowosti" und anderer Zeitungen telegraphiert, daß sie diese Kreuel bekannt machen möchten, bekamen aber die Antwort, daß die Zensur es nicht erlaube." Dieses Verhalten der Gerichte, der Behörden und der Presse läßt allerdings auch für die Zukunft nichts Gutes für die große Masse der russischen Juden erhoffen. Die Juden in Rußland haben von jeher den Prügelknaben für die Sünden anderer abgeben müssen, und diese Vorstellung ist so tief in allen Schichten der Bevölkerung eingewurzelt, daß eine Wandlung zum Besseren nur von einer Hebung des gesamten Kulturniveaus des russischen Volkes zu erwarten ist, und. mit dieser hat es, falls nicht etwa die kriegerischen Verwicklungen mit Japan auch innere Umwälzungen zur Folge haben sollten, leider noch gute Wege. Vermischtes. Kranzablösungsspenden zu gunsten der Chewra-Kadischa Wien, I., Seitenstetteugasse 4 für arme kranke Glaubensgenossen. Anläßlich des Ablebens der sel. Therese K o l l i s ch: Von Dr. Max Landau K. 20.—, Dr. Ignaz Kornfeld K 20.—. Zusammen K 40.—. Anläßlich des Ablebens der sel. Regine K a i ck e r: Von Helene Müller K 8.—. Anläßlich des Ablebens des sel. Herrn Asriel G a l a tz e r: Von Jakob Weichselbaum K. 5.—. Anläßlich des Ablebens des sel. Herrn Dr. Ludwig Herz: Von Dr. Heinrich Schwamm K 10.—. Anläßlich des Ablebens des sel. Herrn Jakob Deutsch: Von Dr. Karl D. Boskowitz K 10.—. Anläßlich des Ablebens des sel. Herrn Karl Feile ndorf: Von Louis Weinstein, Paris K 20.—, Emil Feilendorf K 20.—, Robert Feilendorf K 20.—, Moritz Braun K 10.—. Zusammen K 70,—.