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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-09-23 · 39 (23.9.1904) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
39 (23.9.1904)
Date
1904-09-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 89 Dr. Mocb's Mocbenscbritt. Sette 625 in das rein agrikole Dasein der neu aufgetretenen Stämme. Und die Anerkennung für diese Tätigkeit, sie zeigt sich vor allem in der vollen Freiheit, die ihr Handel in allen fränkischen Gebieten . ohne jede Beschränkung geniesst. Als Kanfleute stehen sie speziell unter Königs Schutz. Nach dem Gesetze Karls II. zahlen sie den elften Teil ihres Gewinnes an Steuern, alle Anderen den zehnten Teil. Von einer Anfeindung des jüdischen Handels ist zu jener Zeit keine Hede. Agobard, Bischof von Lyon, erzählt in seiner Schrift: „de insolentia Judaeorum“, dass ihretwegen der Markt vom Samstag auf einen anderen Tag verlegt wird. Die Hohen beschützen — die Niedrigen schätzen diese jüdischen Kaufleute. Jeder Fürst zieht sie ins Land, jede Stadt zieht sie gerne in die Mauern. So verfahren in Deutschland Karl der Grosse und durch Jahrhunderte die meisten seiner Nachfolger, so fast sämtliche landesherrliche Bischöfe. Wenn nun nach dieser durchaus aus den Quellen geschöpften Schilderung dieses zweite Handelsvolk der Geschichte auf der vollen, sozusagen Handelshöhe gestanden, so liegt die Frage sehr nahe, in welchem Konnex mit dieser von ihnen eingenommenen hervorragenden kommerziellen Position ihre sonstige Situation im Lande gestanden ist. Waren sie „fremde Kaufleute“, wie es die Insassen der Hansahäuser in Skandinavien, Russland, England zu allen Zeiten geblieben sind? Waren sie Mitglieder von Fremdenkolonien, wie heute noch die Griechen in Wien und Paris, London und Amsterdam? Dieser Seite ihrer Existenz wollen wir uns in unserem nächsten Artikel zuwenden. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichle. (Die verjudete Presse. — Die Reklame. — Die z ugedrückten Augen. — Brüder und Schwestern. — Die kleine Perfidie. — Der Kommentar des „Deutschen Volks blatt". — Antisemitische G a stfreundschaft. — Mechaniker Schneider's Senf zu dem Bankett. — Die große Perfidie. — Der Raubmörder. — Der Winterrock.) Jawohl, die Presse ist verjudet. Sie ist gerade so verjudet, wie es der Stand der Advokaten, der Aerzte, wie es die Börse ist. Der Jude muß immer doppelt so viel gelernt haben, doppelt so viel leisten wie der Antisemit, nicht etwa um diesem dann wirtschaftlich und gesellschaftlich gleichgestellt zu sein, — das wäre schon zu viel verlangt, — sondern um nur halb so sehr berücksichtigt zu werden wie bieser. Jene bequemen Stellungen, welche ein auskömmliches Dasein und gesellschaftliches Ansehen gewährleisten, ohne daß man dazu allzuviel gelernt haben oder sich mit Arbeit überanstrengen müßte, sind Juden nicht zugänglich, und so drängen sie sich dann — echt jüdische Zudringlichkeit! — in den Berufen zusammen, wo notorisch das Elend bereits ein endemisches geworden ist. Und daraus wird ihnen dann auch noch ein Vorwurf gemacht. Man weiß, wie es heutzutage unter den Aerzten, unter den Advokaten, wie es auf der Börse aussieht. Es ist Zeit, auch die Legende zu zerstören, daß die Journalisten in eitel Wohlleben prassen. Wenn auch ihr Stand verjudet ist, so rührt das einfach daher, daß er bei unzureichender materieller Entlohnung ganz bedeutende Anforderungen von Geist, Wissen, Talent und Geschicklichkeit an seine Männer stellt. Das ist nichts für den Antisemitismus, und dämm ist die Gefahr eine sehr geringe, daß dieser sich wirklich je eine halbwegs zureichende Presse und dieser auch nur das notdürftigste Ansehen schaffen könnte. Die Presse ist also verjudet, und dennoch wurde ihr in der jüngsten Wiener Kongreßzeit schön getan von den höchsten Spitzen der geistigen Aristokratie herunter bis auf Herm Bielohlawek. Dr. Lueger war auch offenherzig genug, das Motiv einzugestehen. Es war von wegen der erhofften Reklame. Warum nicht? Dagegen ist nichts zu sagen. Ueber den Wert der Reklame besteht kein Zweifel mehr, und es ist kein schlechtes Bemühen, für eine gute Sache die nötige Reklame zu machen. Nur ist der Bürgermeister in seiner Offenherzigkeit etwas zu weit gegangen. Er erklärte, als er die Joumalisten vor sich sah, im Jntereffe der guten Sache alle Augen zudrücken zu wollen. Der jüdische Präsident des Kongresses und seine Getreuen machten ein bittersüßes Geficht dazu, aber keiner fand die entsprechende Nackensteife, darauf mit der richtigen Antwort zu dienen. Im Gegenteil, sie — die Beleidigten wurden nicht müde, zu versichern, Dr. Lueger habe das nicht so. sondem anders gemeint; obschon bei Dr. Lueger unter den obwaltenden Umständen eine starke Vermutung dafür spricht, daß er sehr wohl gewußt hat, was er sprach. Immerhin kann es Vorkommen, daß einer einem irrtümlich eine Ohrfeige gibt, ihm unabsichtlich auf das Hühnerauge tritt oder sonst einen Tort antut. Dann ist es aber nach allgemeiner Auffassung nicht an dem, der die beabsichtigte oder unbeabfichttgte Injurie erlitten, zu erklären, zu beschönigen, zu entschuldigen, sondern an dem, der den Tort verübt hat. Dr. Lueger hat aber ruhig zugewartet, ob die Leute nicht doch zu seinem Bankett kommen werden. Und sie sind gekommen. Dann freilich begrüßte er die Gekommenen als seine Brüder und Schwestern und man kann gerade, wenn man will, das als eine Art Abbitte betrachten, die freilich für die Gäste einigermaßen beschämend spät gekommen ist. Vorher vergönnte er sich aber noch eine kleine Perfidie, und diesesmal ganz gewiß nicht unbeabsichtigt. Er sprach es aus, daß der Kongreß eine mächttge Gegnerschaft habe. Verruchte Blätter, wie die „Neue Freie Presse", die „Allgemeine Zeitung" und die noch verruchtere „Concordia" stünden dem ganzen Kongreßrummel durchaus nicht sympathisch gegenüber. Er mag damit nicht Unrecht gehabt haben. Dann konstatierte er aber mit dem befriedigten Behagen des glücklichen Hausherrn, daß nahezu alle Plätze besetzt seien und daß fast niemand seine Einladung abgelehnt habe. In der Tat spielen bei achthundert Bankettplätzen ein Dutzend oder weniger leere Sessel keine Rolle. Wie war das nun bei der mächtigen Gegnerschaft, die sich abseits hielt und fern blieb, doch möglich? Dr. Lueger weiß das am besten, wie in letzter Stunde die leeren Plätze gefüllt worden find, aber er verkündet es doch stolz und freudestrahlend der Welt: sie find alle zu mir gekommen! Was es auf sich hat mit der weinseligen Liebe, die nun nur noch Brüder und Schwestern kennt, dazu liefert ein Leitartikel des „Deutschen Volksblatt" einen sehr klaren Kommentar. Dort wird die Erwartung ausgesprochen, daß aus dem „Scherze" niemals Ernst werde und dann heißt es weiter: „Bürgermeister Dr. Lueger selbst würde sich wohl entschieden dafür bedanken, wenn die „Brüder" und „Schwestern" vom Rathausbankette ihre verwandtschaftlichen Rechte über den Festabend hinaus erstrecken würden. Davon kann ja keine Rede sein." Das „Deutsche Volksblatt" versucht es hier einmal mit der Ehrlichkeit, und es ist kein Zweifel, daß es in diesem Falle wirklich ehrlicher ist, als der Herr und Meister Dr. Lueger selber. Jedenfalls wird hier bis zur Evidenz klar gemacht, was es mit der antisemitischen Gastfreundschaft auf sich hat. Dr. Lueger drückt die Augen zu und doch drängt sich alles zu seiner Tafel. Ist es da zu verwundern, wenn nun das „Deutsche Volksblatt", das es bekanntlich mit der Moral, mit Ehre und Anstand sehr genau nimmt, sich in die Brust wirst? Es schreibt weiter: „Diese Elemente haben dadurch, daß sie sich im Rathause begrüßen und bewirten ließen, nur bestätigt, was wir längst wußten, nämlich daß sie die Fleisch und Blut gewordene Charakterlosigkeit find. Wären sie das nicht, dann hätte sie die Scham zur Türe hinaustreiben müffen, als sie das Wort Dr. Lueger's von den „Brüdern und Schwestern" vernahmen". Das hat man nun davon, daß man einmal gratis bankettiert hat. Und da haben dann naive

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