Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 624 Dr. Llocb's Mocvenscbrltt. Nr. 39 einen direkte Haudel der Juden nord westwärts von Konstantinopel nach Regensburg und den anderen süddeutschen Handelsstädten, wie auch nach Frankreich und England. Aus rabbinischen Quellen weist Güdemann den Handel nach Polen und Russland nach — 1213 spricht selbst eine päpstliche Bulle vom grossen Handel der Juden in Köln. CJeber alle christlichen und mohammedanischen Reiche hinweg bewahren sie ihren kommerziellen Zusammenhang, und dieser ist für die Förderung ihres Handels ein Moment, welches man überhaupt bei Minoritäten, vergleichsweise seinerzeit auch bei den Hugenotten, Quäckern, Herrenhutern, deutlich sehen konnte. Nur durch diesen grossgedachten langgestreckten Zug in ihrer Handelstätigkeit war es ihnen möglich geworden, das Monopol für den in jener Zeit wichtigsten Handel, jenen mit den vielbegehrten Waren des Orients, festzuhalten; nicht nur mit Spezereien, Gewürzen u. s. w., sondern auch mit allen feineren Geweben, besseren Waffen, Kostbarkeiten: Artikel, die bei dem fast völligen Mangel heimischen Gewerbefleisses ja doch nur aus der Ferne zu holen waren. Hiedurch, durch dieses Monopol gewinnen sie ein ganz eigenes Ansehen, eine ganz spezielle Wertschätzung. Den grossen Verkehr machen sie allüberall in den neuen Königreichen überhaupt erst möglich, weil sie seine Voraussetzungen schaffen; diese sind vor allem die Anerkennung des „Besitzes“ d. h. das Besitzrecht auf jedes bona ffde durch Kauf erworbene Gut. Wie soll auch der Kaufmann auf der Messe oder auf seinen Kreuz- und Querfahrten in fremden Landen über das ihm zum Kauf Angebotene eine rückwärts schleichende Kontrolle üben? Es ist für die Alleinherrschaft des Handels der Juden jener Epoche ausserordentlich charakteristisch und beweisend, dass dieses Besitzrecht in d r Anschauung der Bevölkerung zu einem jüdischen Privilegium wird, im Gegensätze zu dem für die germanische Bevölkerung allein gütigen Begriffe des „Eigentumsrechtes“. Sie geben weiters dem Gel de den Charakter einer Waare und schaffen damit die Möglichkeit eines Preises für dessen Gebrauch, den Ziusfuss. Sie führen den kaufmännischen Wechsel ein, d. h. die Verpflichtung allein schon als Zahlungsgrund, ein Rechtsgrundsatz, ohne welchen ein „Kommerz“ nicht zu denken ist. Einfluss uud Wirkung dieses jüdischen Elements waren umso nachhaltiger, als dasselbe keine plötzliche Erscheinung war. Nur langsam und allmählich, aber stetig und unaufhörlich sind die Juden, und zwar von zwei Seiten her zu dieser Tätigkeit in Mitteleuropa vorgedrungen. Einerseits gehen sie schon während des Bestandes des römischen Reiches mit den römischen Heeren den Rhein, die Donau, die Strassen des Balkan aufwärts als Marketender für die Armee, als Händler, die den dortigen barbarischen Völkerschaften die Erzeugnisse römisch-hellenischer Industrie zuführen, sich dann dort niederlassen. Es liegt in der Natur der Sache, dass sie vor Allem von den sich zu jener Zeit mehr und mehr bildenden „Städten“ als den Konsumplätzen angezogen werden, dort nach dem damals allgemeinen Brauche des geschlossenen Zusammenwohnens nach Nationalität und Berufen eigene Judenviertel schaffen. So treffen wir urkundlich deren in Köln (Cod. Theod.) schon im vierten Jahrhundert, in Regensburg nicht viel später, in Magdeburg und Merseburg schon im zehnten Jahrhundert. Und allüberall, wo diese Städtebildung fortschreitet, aus dem vormaligen Kastelle der Römer ein städtisches Gemeinwesen sich entwickelt, tun die „Juden“, indem sie den Handel in seine Mauern bringen, entscheidend mit. Das drückt sich in geradezu klassischer Weise in den Worten aus, mit denen der Bischof Rüdiger v. Speier im Jahre 1084 sein Judenprivilegium beginnt: „Cum ex Spirensi villa urbem facerem, d. h. „Da ich aus demi Flecken Speyer eine Stadt machen wollte“ — habe ich die Juden aufgenommen. Das zeigt doch ganz deutlich, dass diese letzteren damals geradezu mit zu dem Begriffe der Stadt gegenüber dem Dorfe und dem Marktflecken gehören. Ein sehr objektiver Forscher, Neumann, (Geschichte des Wuchers) sagt: „Bei dem Entstehen der Städte des deutschen Südens und Westens, zum Teil auch Mitteldeutschlands — nur nicht, fügen wir in Parenthese hinzu, im Machtbereich der Hansa, — repräsentieren Juden einen unentbehrlichen Eckstein ihrer Gründung; fehlen sie bei Beginn, so stellen sie sich ein, sobald die Entwicklung des Bedarfes, wie die Notwendigkeit des Absatzes den Handel verlangt. „Ganz allgemein ist in der „Stadt“ die Judengemeinde ein wesentlicher Teil der Einwohnerschaft.“ Und dieses Urteil Neumann’s, mehr oder weniger so ziemlich das Urteil aller anderen Forscher auf dem Gebiete der Stadtgeschichte, trifft für Deutschland gewiss das Richtige. Ebenso breiten sie sich auf einem zweiten Wege, von den Küsten und Städten des europäischen Südens, an denen sie bereits seit Jahrhunderten ansässig waren, aufwärts nach Spanien, Gallien, Flandern aus und von da aus wieder nach dem Osten unseres Kontinents. In den ersten Jahrhunderten des Mittelalters haben demnach die fort und fort immer nachdringenden jüdischen Grosshändler überall schon Stammesgenossen angetroffen. Sie sind hiebei allerdings nicht mehr, wie Oppenheim meint, einer sprachlichen Gemeinsamkeit begegnet. Der ausgezeichnete Gelehrte hat wohl noch nie die Gelegenheit gehabt, zu beobachten, wie unglaublich rasch und gründlich Hausierer und Krämer samt ihren Familien die mitgebrachte Sprache gegen jene .der Kundschaft, unter welcher sie sich ansiedeln, tauschen, und die hebräische Sprache war ja nach dem, was wir von Rom und Alexandria allein schon wissen, längst aufgegeben. Unmöglich hätte ja der aramäische Urtext der Evangelien verloren gehen können, wenn die Juden, aus denen sich ja die ersten Christengemeinden rekrutierten, noch diesen Dialekt gesprochen hätten. Jüdische Gelehrte haben allerdings zu allen Zeiten hebräisch zu schreiben verstanden; aber zu der Zeit war im besten Falle die hebräische Sprache für die Juden eine nur einer ganz kleinen Schichte zugängliche diplomatische Handelssprache geworden. Ungefähr wie beispielsweise durch eine lange Zeit des Mittelalters die Kaufleute lateinisch korrespondierten und buchten. Doch haben die zuwandernden Juden immerhin damals einer nationalen Solidarität begegnet, an die sie sich lehnen konnten; ungefähr wie sich ja von je Engländer und Deutsche in der Fremde an ihre dort schon ansässigen Konnationalen anlehnen. Das gibt diesen Juden eine ungeheure Unterstützung fürdie Aufgabe, die sie lösen: der Schöpfung des ganzen europäischen Handels in der ersten Hälfte des Mittelalters. Und sie finden hierbei zu jener Zeit von keiner Seite einen Widerstand, im Gegenteil, die wirtschaftliche, die kulturelle Notwendigkeit dieser ihrer Tätigkeit wird allseitig, wenn auch unbewusst, anerkannt. Instinktiv fühlen die blonden Barbaren aus der Handelstätigkeit der Juden ein Höheres heraus. Und dieses Gefühl ist ein richtiges. Ihr Handel vollführt eine der höchsten Aufgaben. Die Anfänge des Mittelalters sind nämlich gegen die antike Kaiserzeit, welche kulturell nur mit dem 18. Jahrhundert zu vergleichen ist, ein entsetzlicher Rückfall in die Barbarei. Diesem Handel der Juden ist nun vor Allem die Aufrechterhaltung alter Kulturelemente, die Einpflanzung neuer Keime zu danken. Sie sind nämlich die Träger, die Verbreiter des beweglichen Eigentums und bringen mit ihm die ersten sozialen und kulturellen Gärungsstoffe