Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 626 Dr. Mocb's MLocbenscbrM. Nr. 39 Schwärmer nach der Rede Lueger's von einem Wendepunkt, von einem förmlichen Umschwung gefaselt. Was denn nicht noch?! Der Genuß an dem Bankett hätte kein vollständiger sein können, wenn nicht Mechaniker Schneider seinen Senf auch noch dazugegeben hätte. Er hat in seiner gastfreundlichen Stimmung sich das sinnige und unschuldige Vergnügen bereitet, fremde Journalisten über ihre Wiener Kollegen aufzukläreu. Er hat ihnen „nominativ nachgewiesen", daß vom Raubmorde, Fälschung von öffentlichen Wertpapieren, Wechselfälschung, Unzucht, Blutschande, gemeinem Winterrockdiebstahl bis zum Taschendiebstahl herab jedes Verbrechen irgend ein Vertreter der Wiener Judenpresse begangen habe. Nun, das wäre doch schon etwas. Es ist natürlich nicht leicht, den Gedankengängen und Sprüngen eines Ernst Schneider nachzuspürcn, aber es bieten sich da doch gewisse Anhaltspunkte, die es unzweifelhaft dartun, daß er wieder einmal und zwar bewußt gelogen habe. Hier der Beweis. Beginnen wir mit dem Raubmord. Mechaniker Schneider hat vor Jahren schon im Parlament und in unzähligen Volksversammlungen wirre Reden darüber gehalten, daß unter den leitenden Direktoren der „Concordia" Raubmörder säßen. Die Beschuldigung wiederholte sich so oft und mit solcher Bestimmtheit, daß man ihr endlich doch nachgehen mußte. Der Vorstand setzte sich zusammen und erforschte sein Gewissen. Es war kein Raubmörder darunter. Unter den Mitgliedern — kein Raubmörder. Etwas kam aber doch aus. Was käme nicht auf, wenn Journalisten einmal zu recherchieren anfangen! Einer der Diener war tatsächlich vor vielen, vielen Jahren wegen Raubmordes verurteilt worden. Er hatte das Verbrechen als halbwüchsiger Bursche begangen und war zu achtzehn Jahren verurteilt worden, die er auch abgesessen hatte. Sein Bruder war ein ehrenhafter und angesehener Beamter und mit dessen Empfehlung war es gelungen, den entlassenen Sträfling als Diener unterzubringen. Der Diener, von dessen Vergangenh.it seine Brotgeber keine Ahnung hatten, hielt sich viele Iah e . eradezu tadellos. Er war unbedingt treu und unbedingt verläßlich, und vbscho-l gerade er mit der Geldmanipulation b: traut war, hat es in den vielen Jahren keiner Tätigkeit niemals auch nu - den ger'ngj.en Anstand gegeben. Er hatte sich vollkommen gebessert, hatte eine Familie gegründet und führte ein ehrenhaftem und geachtetes Dasein. Da begann die Schneider'sche Hetze. Der Bruder, der Beamte, ging zv dem 'Volksvertreter Schneider und bat ihn mit aufgehobenen Händen, die Sache nicht weiter zu treiben. E klärte ihn auf, daß der Betreffende nicht Leiter und nicht Mitglied de" „Concordia" sei und bcschw, r ihn, i icht zwei christliche und arische Familien unglücklich zu machen. Er war an die falsche Adresse geraten. Mechaniker Schneider setzte sein Werk fort und er arbeitet au h heute noch daran. Der Diener mußte entlassen werden und ist heute verscholl n. Welche Gemeinh.it der Gesinnung gehört aber dazu, selbst heute noch mit der längst widerlegten Beschuldigung auszutreten und Verdächtigungen zu verbreiten! Nicht besser ist cs mit einer anderen Verdächtigung, der des Winterrockoiebstahls, bestellt. Von antisemitischer Seite ist vor Jahren schon die alberne Legende erfunden worden, daß ein hervorragendes Mitglied der „Concordia" sich in seiner Jugend eines Winterrockdiebrtahles schuldig gemacht habe. Einmal war der Verleumder doch zu f> ssen und der Verleumdete schleppte ihn vor Gericht. Dort ward die erbärmliche Lüge gerichtsordnu 'gsmäßig aufgcdeckt und dort winselte der Lügner de- und w. tzmutig um Verzeihung. Das Alles ist bekannt und Mechaniker Schneider lanciert die Lüge doch noch einmal, allerdings m't aller Vorsicht und ohne Namensnennung. Welche Gemeinheit der Gesinnung usw. — siehe oben. So also sieht die Schneider'sche Verbrechensliste aus,. und das sind die Leute, deren Gastsreundschast sich die Wiener Journalisten, freilich nicht alle, haben gefallen lassen! Wh. Der Religionsunterricht in der Mittelschule. Von G. V. Meine Absicht, mit meinem ersten Artikel unter obigem Titel die Geister wachzurufen, scheint sich zu erfüllen; Nummer 34 der „Oesterr Wochenschrift" bringt gleich zwei Artikel zu dem genannten Gegenstände. Der erste mit „Tachau S . . ." gezeichnete bildet gleichsam eine Bestätigung und Erweiterung meiner Anregungen, der zweite ist aus der Feder eines „Schulmannes", ein Gegenstück zu dem Artikel des Neligionslehrers Moscheh ben Ahron, und ich stehe nun da- „Prophete rechts, Prophete links, das Weltkind in der Mitte." Während aber Herr Moscheh ben Ahron in mir und tausenden von Familienvätern mit dem Hinweise auf die im Zuge befindlichen Bestrebungen der Religionslehrer - Versammlungen, „den Unterricht modernen Verhältnissen anzupassen", frohe Hoffnungen zu erwecken vermochte, schlägt der „Schulmann" einen Ton an, der an die finsteren Zeiten des Mittelalters erinnert und unsere Beunruhigung nur noch vergrößern könnte, wenn seinen Worten auch nur die Möglichkeit der Ausführbarkeit innewohnen würde. Der „Schulmann" zieht den Inhalt meines und den des Artikels des Herrn Mosche ben Ahron gleichsam in eine Flasche ab, schüttelt das Ganze tüchtig durcheinander und kredenzt uns ein Allheilmittel. Die Etikette lautet: „Es bat Jeder Recht" oder „Es hat Jeder Unrecht", oder „Es hat Jeder Recht und Unrecht." Das Allheilmittel selbst aber ist unlogisch, unpädagogisch und nebstbei auch unmöglich. Oder ist es logisch, aus der Prämisse: „Der Krebsschaden des Religionsunterrichtes liegt in dem Zwiespalte zwischen Schule und Familie" und der Tatsache, daß die Familie den Anforderungen des Religionsunterrichtes heute absolut nicht folgen kann (und nicht, wie auch der „Schulmann" lieber annimmt, nicht folgen will), den Schlußsatz abzuleiten: „Läßt sich nicht mit der Familie zum Ziele gelangen, so muß gegen sie Front gemacht werden." Würde dieser Zwiespalt dadurch geringer und der Unterricht ersprießlicher? Und ist es logisch, zu betonen, ' „daß der Zweistunden-Unterricht unmöglich die ganze Arbeit der jüdisch-religiösen, sittlichen Erziehung bewältigen könne" und dann doch zu verlangen, „daß im Unterrichte das Maximum in dem ihm vorgezeichneten Lehrstoffe anzustreben sei?" Un pädagogisch! Der „Schulmann" weiß und muß es wissen, daß kein Unterricht, geschweige gar der Religionsunterricht der Familie entraten kann. Und er will mit zwei Stunden wöchentlich ohne, ja sogar gegen die Familie sein Lehrziel erreichen? Religio n s unterricht gegen das Heiligtum der Familie? Ist das pädagogisch? Der „Schulmann" selbst sagt: „Die Vorbildung der Schuljugend ist eine höchst verschiedene, der Eine hat schon Talmud gelernt, der Andere kann mit Mühe buchstabieren." Und um dieser äußerst Wenigen willen, die bereits Talmud gelernt haben, soll der Lehrer „unbekümmert das Maximum in dem vorgezeichneten religiösen Lehrstoffe anstreben." „Er kann ja dann die Verantwortung von sich ab-, auf die Eltern, auf die Einflüsse der Umgebung und andere Faktoren hinüberladen." Also um die Verantwortung dreht sich's, nicht um das Lebrziel? Ist das pädagogisch? Ferner: der „Schulmann" muß doch wissen, wie heute unsere Kinder von der Schule in Anspruch genommen werden und daß zumal jüdischen Schülern nichts geschenkt wird; er muß also auch wissen, wie viel Zeit dem Studierenden für die Religion übrig bleibt. Er sieht, daß das Lehrziel schon heute nur in Ansnahmsfällen erreicht wird. Statt nun der Einengung des weiten Gebietes behufs Ermöglichung intensiverer, nachhaltigerer Pflege das Wort zu reden, verlangt er noch eine Erweiterung des Lehrstoffes, dessen Pflege sich dadurch nur noch mehr verflachen müßte „und wo sich der Schulunterricht als ungenügend erweist, häuslichen Privatunterricht ohne Rücksicht auf Ueberbürdung." Ist das pädagogisch? Unmöglich! Denn was der „Schulmann" verlangt, ist kurz gesagt nicht mehr und nicht weniger, als die Rückkehr zum Ghetto, zur konfessionellen Schule! Und das ist heute unmöglich. Die Mauern des Ghettos sind für i m m e r gefallen, die Sonne der Freiheit und der Oeffentlichkeit durchdringt heute das Judentum bis in alle seine Winkeln und Ecken! Auch der Jude will heute seinen Platz unter der Sonne haben und nicht im Schatten altersschwacher Gemäuer! Und Gottes Sonne wird auch dem Judentum nicht schaden! Im Verkehre mit den Andersgläubigen lernten wir gewisse Schwächen und Eigentümlichkeiten oblegen, die uns zum Gespötte gemacht hatten; die Andersgläubigen aber bekamen eine andere Meinung von unserem mißkannten, verleumdeten Leben. Gewiß, das Judentum hat auch heute seine Feinde und Neider, aber — „Viel Feind, viel Ehr!" Niem ls zählte das Judentum so viele Bewunderer seiner Gottesverehrnng, seines Familiensinnes, seiner Lebensanschauung wie heute, und mich däucht, dies trifft den edlen, alten Kern, nicht aber die wesenlose Form! Unsere jungen Leute im Handwerks-, Handels- und Gelehrtenstande schließen sich trotzdem enger aneinander, bilden Vereine mit ausgesprochen jüdischex Tendenz, man trägt sein Judentum frei und offen zur Schau, bekennt sich mit Selbstbewußtsein zum Judentum, fühlt sich gleichberechtigt, gleichwertig! Dazu aber bedarf es geistig und körperlich gesunder Menschen mit geraden Gliedern und steifem Nacken, nicht jener menschenscheuen, blutleeren Wesen, die die Abgeschiedenheit, das Ghetto, erzeugte! Aber auf jenem blanken -- —:--V.-J-^.-^aear^.