Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Vit. 39 Dr. JBlocb's ‘Mocbenscbritt. Seite 623 Egypten zu allen Zeiten bestanden, dass der Beginn derselben schon hinter der eigentlichen Geschichte liegt, dass Alexander und die Diadochen die in der vorchristlichen Zeit unzweifelhafte Hellenisierung Egyptens wie des Orients nur ins Staatspolitische umgesetzt, beendet, aber gewiss nicht begonnen, sondern zur grösseren Hälfte schon vorgefunden haben. Und die Ursache dieser Landflucht von dem allen Helenen so teuren Boden? Sehr natürlich die verhältnismässige Armut desselben; die Wein- und Olivengärten auf den vielfach steinigen Bergen, die Korintenpflanzungen haben den Volkszuwachs ebenso wenig im Altertum ernähren können, wie sie es heute im Stande sind. Und genau so schiften heute, von Not getrieben, die Italiener nach Argentinien und Brasilien, die Iren nach den Vereinigten Staaten und Kanada, strömt aus Böhmen ständig sein Populationsüberschuss nach Wien, Niederösterreich und den anderen Provinzen, gehen die ruthenisehen Bauern über den Ozean. Und da nun die gelehrte Forschung wohl die Tatsache dieses unglaublich frühzeitigen Exodus aus dem alten Palästina festgestellt hat, aber nicht der Ursache desselben nach-, sondern an ihr entweder ganz vorübergegangen ist oder deren allein entscheidende Bedeutung durchaus verkannt hat, so wollen wir nun wagen, es klipp und klar auszusprechen : einzig aus de mselben Grunde wie in den soeben angesetzten Beispielen aus der Gegenwart; aus gar keinem anderen Grunde, als aus dem des nüchternen Hungers, muss schon Tausend vor Ohristo die hier geschilderte Emigration aus dem „g e 1 o b t e n" Lande begonnen und nie m ehr a u f g e h ö r t haben. Allerdings nach der Bibel sind dort Milch und Honig auf den Strassen geflossen, mehr als auf den unseren das Wasser und hätte jede einzelne Weintraube einige Zentner gewogen. Kann sein, verehrter Leser, mit der Bibel wollen wir nicht streiten. Das hindert aber gar nicht, zu erkennen — gerade die Erzählungen der Bibel machen allüberall diesen Eindruck und die agrarischen Notgesetze sind ein kräftiger Beweis dafür — dass dieses kleine, zu einem sehr grossen Teile ganz unfruchtbare Land an der dort gewöhnlichen wirklichen Nahrung der Einwohner: Gerstenwie Roggenbrot auf dem Felde und Hammeln auf der Weide, viel zu wenig produzierte, als dass es imstande gewesen wäre, die bei dem reichen Kindersegen rapid und riesig anwachsende Bevölkerung aufzunehmen, und darum musste selbstverständlich ein Teil zum Wanderstab greifen. Diese jüdischen Massen kommen nun auf den fremden Plätzen an, hungrig nach Erwerb; aber sie kommen mit leeren Händen — nicht die Reichen sind es, die zum Wanderstab greifen müssen, sondern die Besitzlosen. Sie sind darum ausser Stande, sich Grund und Boden zu kaufen und sich auch hier durch Acker- und Weinbau, die einzige Arbeit, die in Palästina gekannt und getrieben wurde, zu erhalten. Da war es nur ganz natürlich, dass sie zu Händlern, zu Kaufleuten prädestiniert sind. Von der Ausbreitung dieses Volkes und ihres Handels ist der geschichtlich wichtigste Teil nun nicht jener, welcher sich ostwärts verbreitete, sondern umgekehrt der Strom nach westwärts, jener, welcher sich längs der ganzen europäischen Küste des Mittelländischen Meeres, an allen Hafenplätzen und sonstigen Städten festsetzte. An diesen jüdischen Colonien hat sich seinerzeit das Christentum wie an einer Leitstange gehalten und fortgepflanzt; dieser Zweig der Judenschaft ist es, von dem die europäischen Juden wenn nicht ausschliesslich so doch in ganz überwiegendem Masse abstammen — von den palästinensischen Juden hat nach Josephus kaum der zehnte Teil die Katastrophe überlebt — diese Juden des Westens sind — werden das jüdische „Handelsvolk". In dem Handel dieses westwärts strebenden jüdischen Handels olkes, in den bestimmten und reichlichen Nachrichten, die wir über denselben haben, kann der Blick des Kaufmanns deutlich zwei Richtungen verfolgen, in die sich die jüdischen Händler teilen und die scharf von einander abstechen. Die ganz Mittellosen, die Hungerigsten greifen in den Städten zu dem Nächstliegenderen, dem Kleinhandel, zum Trödel. In der Art und Stellung von Trödlern und Kleinkrämern als Schacherer mit alten Lumpen und Resten, mit Glasscherben und Schwefelfäden u. s. w. werden schon zur Zeit der Zerstörung des jüdischeu Staates die Juden in Rom von Martial in seinen Satyren verspottet. Aber das von diesem römischen Satyriker gegebene Bild ist, wie sich aus der oben schon erwähnten Rede Ciceros (pro Flacco) ergibt, ein einseitiges, falsches. Es entspricht auch für jene Zeit nicht mehr der Wirklichkeit und in späterer Zeit schon gar nicht. Denn in Wahrheit sind sie schon damals in allen Landschaften des römischen Weltreiches, jenes in der ganzen Geschichte einzig dastehenden Freihandels-Gebietes, dessen internationaler Handelszug erst wieder 2000 Jahre später, in der heutigen Zeit, erreicht ist, die Exporteure, welche die Erzeugnisse des Ostens nach dem Westen, jene des Südens nach dem Norden und umgekehrt bringen. So führen sie urkundlich von Spanien dessen Rohproduete: Wein, Oel, Honig, gesalzene Fische, Vieh, Wachs, Pech, Wolle nach Osten, resp. Rom und den anderen lateinischen Plätzen. Von Medien bis Spanien und Britannien, vom persischen Meerbusen und Aethiopien bis Mazedonien und Italien ist kein Hafenplatz, keine Handel.-Stadt, an deren Verkehr sie nicht einen hervorragenden Anteil nahmen. Und als dann dieses römische Kaiserreich zusammen fällt, neue Barbarenstaaten entstehen, wird die Bedeutung dieser jüdischen Handelswelt eine noch ungleich grössere und wichtigere. In den neuen germanischen Königreichen kennen die Nationalen gar nicht den Handel und darum sind in allen ihren Gebieten diese „Fremden" die selbstverständlichen berechtigten Kaufleute. Hieraus ist erklärlich, dass in den meisten der neuen Staaten die ersten geschichtlichen Spuren des Handels vom ersten nachweisbaren Auftreten der Juden begleitet sind. Und sie führen diesen Handel durchaus im Stile des Weltverkehrs. Eine „Handelsgeschichte" jener Zeit besitzen wir allerdings nicht; aber die zahlreichen verstreuten Nachrichten geben uns ein sicheres Bild von der grossartigen, ganz selbständigen Handelstätigkeit der Juden jener Zeit, die sich durch die ganze damalige Welt hindurchzieht. In allen grossen Verkehrsplätzen des Abendlandes: Narbonne, Marseille, Arles, Genua, Palermo, Neapel, sitzen sie dicht gedrängt. Grosse jüdische Kaufleute vermitteln nach unangreifbaren, weil ganz unabsichtlichen Berichten auf ihren eigenen Schiften den Handel zwischen Köln und England und von den französischen Plätzen nicht bloss nach Italien, auf dessen Märkten: Amalfi, Pisa, Venedig, die jüdisch - deutschen Handelsherren regelmässige Erscheinungen sind, sondern weiter ostwärts nach dem Orient. Die verschiedenen Meinungen, die nach der bekannten Erzählung eines reisenden Mönches beim Herannahen einer Flotte in einer gallischen Hafenstadt 1 ut werden: „alii Judaeos, alii vero Africanos, alii Britannos mercatores esse dicebant", beweisen, wenn nicht mehr, so doch die Gewöhnlichkeit jüdischer Seefahrer in den europäischen Gewässern. Unzweifelhafte arabische Quellen, wie jene des Ibn Khordabad, Postmeisters des Khalifen, zeugen von einem regulären langgestreckten, von jüdischen Kaufleuten auf vier genau angegebenen Routen betriebenen Verkehr aus dem ganzen Osten, selbst aus China, nach allen Gebieten des Abendlandes; und wieder andere Gewährsmänner bekunden