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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-09-23 · 39 (23.9.1904) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
39 (23.9.1904)
Date
1904-09-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 622 Dr. Kiocb's MocbenscbrM. Nr. 39 aber nie stillstehender Strom jüdischer Auswanderer in alle anderen Lande, die ihnen erreichbar waren, verbreitet. Schon die Profeten, also mindestens achthundert Jahre vor der Zerstörung des Reiches, predigen heftig gegen diese ständige Landflucht, agitieren für die Heimkehr: aus Egypten, aus Pkönizien, aus Aethiopien, dem Pontus — aber auch schon aus dem fernen „Westen“: aus Jonien, den Inseln des Mittelländischen Meeres und selbst aus Spanien (Tarsclrisch)! Natürlich bleibt dieser patriotisch heilige Eifer ganz ohne Erfolg! Je weiter wir in die eigentlich historische Zeit fortschreiten, desto zahlreicher erscheinen diese Juden in der Fremde, desto mehr erscheinen sie als grosse und zahlreiche Gemeinden in allen Landen. Und wo bilden sich diese jüdischen Gemeinwesen? Vorerst und zumeist in Städten des Orients, und zwar vorzugsweise in den bedeutenderen. Von 52 Städten dieser letzteren allein, die als von Juden mitbewohnt in den Schriften der Griechen und Römer angeführt werden, sind 39 durchaus lebhafte Verkehrs- und Handelszentren, wie Antiochia, Damaskus, Seleucia. Am stärksten ergoss sich dieser Strom der Einwanderung nach Egypten, wo schon zur Zeit Christi Geburt nach den Zeugnissen zeitgenössischer Autoren die jüdische Bevölkerung nahezu auf eine Million angewachsen ist. Alexandria, dessen Hauptstadt, war damals eine mit Rom konkurrierende Weltstadt, und die Einwohnerschaft dieses Weltverkehrs, Fabriks¬ und Handelszentrums war mindest zu einem Dritteil jüdisch; von den fünf Stadtvierteln gehören zwei den Juden, und von ihrer Bedeutung für Egypten zeigt deutlich die Tatsache, dass die Regierung ihnen die Aufsicht, Verwaltung und Kontrolle der Nilschiifahrt übergibt. Wie viele Juden schon lange vor dem Ende des Judenstaates in der Welt verteilt sein mussten, dafür haben wir die merkwürdigsten Nachr ichten. Als Mitliridates, 100 v. Ohr., den Krieg gegen Rom plant, finden wir sie unter den Parthern, wie sie vorsichtig ihre Kapitalien nach Kos in Sicherheit bringen. Zur Zeit Christi Geburt ist diese Einwanderung der Juden aus dem Osten in alle westlichen Teile des römischen Weltreiches eine seit Jahrhunderten zu beobachtende Massenerscheinung. Namentlich in der Reichshauptstadt, in Rom, finden wir eine Judenschaft, so gross, dass sie nicht weniger als sieben Synagogen besitzt, und bezeichnend fürdas Alter dieser Judengemeinde ist die Tatsache, dass nur mehr eine einzige dieser Synagogen für die noch hebräisch Redenden reserviert ist. Die Hauptmasse ist schon latinisiert. Aus Cicero (pro Flacco) ersehen wir, dass er sogar ihren Einfluss auf die Volksversammlungen fürchtet! Herodes’ Gesandtschaft an Augustus wird zur Audienz von 8000 Juden Roms begleitet. Da diese offenbar nur aus den Erwachsenen und Besseren der männlichen Hälfte bestehen können, so ist leicht auf die grosse Gesamtzahl zu schliessen. Doch sehen wir zu gleicher Zeit schon weit über Italien hinaus diese Juden-Ansiedlungen über den ganzen Balkan verbreitet, in Griechenland wie in Thessalien und Mazedonien, auf allen Inseln und auf allen Hafenplätzen des Mittelländischen Meeres bis Spanien hin; namentlich kennen wir eine Ansiedlung in Chartagena, die so bedeutend war, dass der Apostel Paulus auf seiner Bekehrungsreise sie trotz der grossen Entfernung besuchen will. Diese in der ganzen Welt zerstreuten jüdischen Gemeinwesen haben für das angestammte historische Judenzeutrum jener Zeit, Jerusalem, eine solche Bedeutung erlangt, dass sie in diesem Zentrum nicht nur je nach ihrer Provenienz : „Römer“, „Asiaten“, „Cyreneer“, „Alexandriner", „Cilieier“ genannt werden, sondern dass sie, je nach ihrer Heimat eine besondere Synagoge besitzen, und solcher fremdnationaler Synagogen sollen nicht weniger als 380 gezählt worden sein. Den drastischsten Beleg aber liefert gleichfalls schon Cicero, wenn er in seiner Rede pro Flacco, genau so wie heute von mancher Seite über den Peterspfennig geklagt wird, über den ständigen Goldabfluss loszieht* der durch die aus aller Welt nach Jerusalem fliessenden Geldsendungen für den Tempel verursacht wird. Wenn darum in der „Sibylla“ bereits gesagt ist, „dass jedes Land und Meer von Juden erfüllt sei“ und wenn Philo seine Aufzählung der Juden in der Fremde mit den Worten resümiert: „dass in Europa wie in Asien und Libyen — auf den Festländern und, auf den Inseln, am Meere und im Binnenlande“ von ihnen zahllose Städte bewohnt seien, so kann man diese Aeusserungen gewiss nicht etwa als Hyperbeln betrachten. Denn auch Strabo, ein ganz verlässlicher nüchterner Beobachter sagt: „Es sei nicht leicht, einen Ort der bewohnten Erde zu finden, welcher nicht von diesem Geschlechte bewohnt und benützt werde.“ Einen starken statistischen Massstab für die Grösse dieser Judengemeinden in fremden Gebieten kann auch die Tatsache allein geben, dass, als zur Zeit des Aufstandes in Palästina der erbitterte Pöbel der Städte über die Juden herfiel, gerade so wie 1824 zur Zeit des griechischen Aufstandes die Türken in Konstantinopel über die Christen, in verhältnismässig kleinen Städten, wie in Caesarea und Joppe, in ersterem ihrer zwanzigtausend, in dem zweiten zehntausend niedergemetzelt wurden. Zweifellos hat dieser Aufstand und die auf ihn folgende Vernichtung des jüdischen Staates alle diese Kolonien verstärkt, aber keineswegs geschaffen. Die Tatsache der Verbreitung der Juden vor der Katastrophe und unabhängig von derselben, so sehr sie den gang und gäbe Ansichten widersprechen mag, steht nach den neueren unbefangenen Forschungen ganz fest. Sie ist aber auch durchaus keine auffallende Erscheinung, sondern nur eine einzeln unter vielen ähnlichen und aus ähnlicher Ursache erfolgte in der Völkergeschichte. Geht, um mit der Ferne zu beginnen, ein aufmerksamer Beobachter heute nach Egypten, so wird ihm sofort der alle anderen Europäer ganz unverhältnismässig überwiegende Anteil auffallen, welchen die Griechen in der Gesamtbevölkerung einnehmen. Der ganze Handel, der kleine wie der grosse, das Bankgeschäft vom Wechseltisch des „Seral'en“ auf der Strasse bis zum Bankhause ist zumeist griechisch, alle geschäftlichen Berufe, alle Hantierungen sind in ihren Händen. Unser Beobachter wird sagen müssen: das europäische Egypten ist so weit griechisch, dass die anderen Nationalen dagegen verschwinden. Er wird aber auch bald sehen, woher dieses Uebergewicht! Er wird bemerken, dass eine leise flutende, aber nie stille stehende Welle fort und fort, unaufhörlich Massen junger und alter Griechen ins Land führt; er wird erfahren, dass von vier Söhnen eines Bauern auf dem Peloponnes oder auf den Inseln in der Regel nur der älteste auf der Scholle verbleibt, dass schon der zweite Junge, kaum dass er reisefähig, mit einem Stück Brot, wenigen Münzen in der Tasche nach dort oder auch nach einer der Städte in der Levante, wo überall die gleichen Verhältnisse herrschen, geschickt wird. Kaum dass dieser Junge, wenn auch nur in dienstlicher Stellung, eine kleine Existenz erreicht hat, lässt er einen, dann einen zweiten, und diese beiden dann den dritten der zu Hause gebliebenen nachkommen, schliesslich holen sie die Schwestern und verheiraten sie an Konrpatrioten, an Landsleute. Und wer auch nur geringe Geschichtskenntnis sein eigen nennt, weiss, dass dieselbe massenhafte Einströmung der Griechen nach

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