Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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N-. 39 Dr. Bloch’s ♦ i ♦ Jahrgang XXI ♦ Centralorgan für die gesammten Interrffe» des Iudenthums. --H- Wie«, 83. September 1304. -»-4—- Erscheint jeden Freitag. - ■» i. - Brief-Adresse: Wie«, EC/1, Berggasse SS. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. X -X TU. ft. Postsxarcaffen-Rrnt Clearing-Verkehr Nr. 810.876. Mrdsrtton und AdmtnipraNon: Wir» IX/1, VerggaWe Nr. SS. Telephon Nr. 14.847. it - —x )(======* voprgsprel» für Sestrrreich: I Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 , ® Anzeigen: Die4malgespaltene Petitzeile 24 Heller. x ■■■■=■■■= =m Inhalt r Leitartikel: Die Handelsvölter in der Geschichtschreibung. — Vom Jahr markt des Leben«: Glossen zur Tagesgeschichte. — Der Religionsunterricht in der Mittelschule. — Die nihilistischen Attentate in Rußland und die Wiener Antisemiten. — Korrespondenzen: Militärgottesdienst. Albert Janowitzer. Wien, Prag, Krakau, StaniSlau, Dobrisch, Berlin. Die Juden im deutschen Heere. Schleswig, London. Die Judenkrawalle in Sosnowice. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien, Brünn. Theresienstadt. Czernowitz. Budapest. — Feuilleton: Gesühnt. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Die Handelsvölker in der ~ . .. Yon Sigmund Mayer. II. Das jüdische Handelsvolk. — Historische Aufgabe. — Lösung. „Euch Ihr Götter gehöret der Kaufmann. Güter zu suchen „Geht er doch an sein Schiff knüpfet das Gute sich an.“ Schiller. Für Freund und Feind, für Theologen und Historiker ist das Volk der Juden eine in der ganzen Geschichte einzig dastehende Erscheinung. Die Motive des Theologen kommen für uns hier nicht in Betracht. Dem Historiker ist dasselbe vor allem merkwürdig dadurch, dass es nicht verschwunden ist, wie die Phönizier und all die anderen geschichtlich bedeutenden Völker des Orients, die Assyrer und Babylonier, die Perser und Meder, sondern dass seine Volksgenossen, diese Juden, heute, nach Jahrtausenden, noch leben und weben am ,,sausenden Webstuhl der Zeit“. Aber dieses Handelsvolk der Juden unterscheidet sich speziell von dem ersten, von den Phönizern, noch mehr durch den Beginn seiner weltkommerziellen Laufbahn. Und dieser Beginn ist für uns hier weitaus das interessanteste Moment. Wie treten sie zuerst in der Geschichte auf? Nach der Bibel sind sie in Palästina ein Ur-Bauernvolk. Ackerbau und Viehzucht ernährt sie, der Handel ist ihnen fremd. Was sie an anderen Waren: gewerblichen Erzeugnissen und Luxus-Artikeln, brauchen, tauschen gegen Judäas Getreide und Oel, Vieh und Wolle, gegen dessen gesuchten Wein die phönizischen Kaufleute, welche die über dasselbe gehenden Handelsstrassen passieren, oder auch die bei ihnen ansässigen fremden Krämer, welche die umgetauschten Waaren an den phönizischen Grosshandel weiter verkaufen. Aktiv beteiligen sie sich an diesem ihre Strassen passierenden Durchgangshandel nicht. Selbst eine so tiefgreifende Diversion wie die gewaltsame Versetzung eines grossen Teiles der Bevölkerung nach Babylon brachte hierin keine Aenderung. Gewiss waren der Verlust des alten Ackers und Weinbergs, die Notwendigkeit eines neuen Erwerbs in der neuen Heimat für Viele die Veranlassung, sich dem Handel zuzuwenden. Kennen wir doch durch den merkwürdigen Fund einer grossen Zahl (nahe an 3000) Tontafeln, die sämtlich Handelsurkunden darstellen, ein grosses jüdisches Handelshaus: Bet Egibi, welches an der Fundstelle zu Nebukadnezars und seiner Nachfolger Zeit ein grosses Bankgeschäft betreibt. Aber die nach Palästina zurückkehrten, waren gerade die konservativsten Kreise, welche sich nach den alten Verhältnissen, der alten Tätigkeit zurücksehnten, sich dem neuen Berufe verschlossen. Und darum war es nur ganz natürlich, dass auch nach der Rückkehr in Palästina die Handelstätigkeit von keinem Belange ist, nach Herzfeld *) sogar von einem geringeren als vor dem Exil. Dass Gesetzgebung und Sitte den Ackerbau begünstigen, ist nicht die Ursache, sondern umgekehrt die Folge dieser ausschliesslich agrikolen Tätigkeit der Bevölkerung: „Die Israeliten sind kein Handelsvolk“ resümiert Spekh. Gewiss, sie waren kein Handelsvolk, aber wie, wodurch sind sie es geworden? Ein geistreicher Publizist hat die Juden das Rätsel in der Geschichte genannt. Schwerlich mit Recht. Die Lösung des hier aufgeworfenen Teilrätsels hat man in der Zerstörung des jüdischen Reiches bald nach Beginn unserer Zeitrechnung gesucht. Diese Lösung ist ganz und gar falsch. Auch wenn das jüdische Reich in irgend einer Form bestehen geblieben wäre, würden die Juden dennoch nicht anders, als es heute wirklich der Fall ist, in einem grossen Teile der Welt die professionellen Händler sein. Denn zu jener Zeit, als der Gegensatz zwischen dem national-religiösen Judentum und dem antiken Staats-Heidentum tatsächlich zur historischen Katastrophe, nicht nur zur Auflösung des jüdischen Staates, sondern zur Vernichtung fast aller im Lande befindlichen Juden führte, hatte sieh diese ihre Zukunft schon unabweisiich gestaltet. Konstatieren wir den wirklichen historischen Sachverhalt. Viele Hunderte Jahre schon vor diesem Zeitpunkte hatte sich bereits aus Palästina ein leise rinnender, *) Geschichte des Handels im alten Palästina. 592859230961