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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-09-16 · 38 (16.9.1904) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
38 (16.9.1904)
Date
1904-09-16
Page
– (sequence 13)
Language
German
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IV'iifWSMUigaRSg Nr. 38 Dr. Klocb's MocbenscbrM. Teile 617 „Nein, niemals. Du bist eine Frau so klug und schön, wie es deren nicht viele gibt." Errötend wandte sie sich weg. „Wozu diese R--den? Ich bin ein einfaches, jüdisches Mädchen, eine Arbeiterin. . ." Die häufigen Besuche bei Dinah ermangelten nicht, Stoff zu zahllosen Klatschereien zu geben. Die Initiative in dieser Angelegenheit war selbstverständlich das Werk meiner Frau. Jedesmal, wenn ich das Haus verließ, rief sie mir nach. „Zur Geliebten eilen Ew. Gnaden? Geh' rascher, damit Du Dich nicht verspätest." Ich beschloß, das vollkommen schuldlose Mädchen vor weiteren Verfolgungen zu schützen, und ohne lange zu zögern, begab ich mich am nächsten Feiertag zu ihr. Die Werkstätte war leer. Ich wollte nicht, wie man sagt, mit der Tür ins Haus fallen und überlegte, was ich mit Dinah zu reden hätte. Als ich ihrer jedoch ansichtig wurde, vergaß ich an Alles und sagte nur: „Weißt Du, Dinah, es wäre besser, wenn Du die Stadt verlassen würdest." Sie erbebte. „Warum?" „Schon aus diesem Grunde, weil Du hier wenig verdienst, indeß Du bei Deinem Talent, in welcher Stadt Du willst, ein größeres Modewarengeschäft anlegen kannst." Ungläubig blickte sie mich an. „Sie verhehlen mir die Ursache Ihrer Worte. Bitte, sagen Sie mir die Wahrheit. Sicherlich ist etwas vorgefallen." „Gute, liebe Dinah! Du willst die Wahrheit wissen. Sei es darum. Ich bin der Ansicht, daß Du die Stadt verlassen solltest, weil allgemein behailptet wird, Du seiest meine Geliebte. Ich kann es nicht hindern, daß verschiedene Wespen Dich mit Ihren Stachel verwunden, also. . ." Sie schwieg lange. Ich hatte den Kopf auf ihren Arbeitstisch gestützt, und, — daß ich es dir nur gestehe, — ich weinte wie ein Kind. Dinah trat an mich heran, und vorsichtig strich sie mit der Hand über mein Haar. Mir wurde noch schlimmer zu Mute als vorhin. „Hören Sie aus, ich bitte, hören Sie auf," flüsterte sie leise, „und gestatten Sie, daß ich Ihnen die Sache erkläre." „Ich habe das längst vorausgesehen. Weder bin ich ein fünfzehnjähriges Mädchen, noch ein reiches Fräulein, die beide vieles nicht zu verstehen brauchen. Während der zwei Jahre, die ich in einem französischen Modemagazin zubrachte, habe ich Verschiedenes mit angesehen. Mein Entschluß ist gefaßt: ich verreise nicht. Wenn ich Sie so glücklich wüßte, oder wenn mein alter Vater noch lebte, ich würde verreisen, um ihm den Kummer zu ersparen. . . Jetzt aber . . . wozu? Sie besitzen nur eine treue Seele: mich. Ich meinerseits habe Niemanden auf der ganzen weiten Welt. Mein Gewissen ist rein. Selbst meine Feinde können nicht sagen, daß ich mit müßig verschränkten Armen dasitze. Ich verdiene mehr als ich verbrauchen kann. Und daß ich Ihre Geliebte ..." (die Aermste stotterte bei diesem Wort und ihre bleichen Wangen wurden von einer dunklen Röte bedeckt) „nicht bin, das wissen Sie und ich, und Gott, und mein armer Vater, dem ich vor seinem Tode lobte, daß ich immer ein rechtschaffenes Leben führen würde... Lassen Sie die Leute reden! Ein Jahr, zwei, — dann wird ihnen die Geschichte langweilig, und fie hören auf. Und diese Zeit über werden wir es ertragen. . . Gut?" Was konnte ich sagen ... und welchen Wert haben Worte in solchen Augenblicken! Ich ergriff Dinah's kleine, dunkle Hände und bedeckte sie mit Küssen. Sie wehrte mir nicht. Sie verstand, daß ihr Opfer angenommen worden war. So leben wir denn, mein Bruder. Zu Hause — die Hölle. Bei Dinah das Paradies... vor der Sünde. Und nichtsdestoweniger ist der Mensch manchmal so verzweifelt, daß er sich am liebsten auf dem ersten, besten Haken aufhängen möchte. Die Kinder erhalten eine schlechte Erziehung. Glücklicherweise sind es Knaben; sie werden ins Gymnasium gehen und dann wird es schon recht werden müssen. „So, nun weißt Du, meine ganze Geschichte", schloß Worobiejczyk mit einem gezwungenen Lächeln. „Sonst nichts — mußt es nicht übel nehmen. Und jetzt, Bruderherz, laß' wirklich etwas zum Essen reichen. Es ist mir ganz trocken in der Kehle geworden." Der Hausherr läutete. Ein Dienstmädchen brachte aus einem Plateau verschiedene kalte Speisen und Wein, stellte alles auf den Tisch und verließ das Zimmer. »Ja, ja", sagte Dymkin nachdenklich, „es ist uns gelungen . .. besonders Dir. So geht's mit den glänzenden Partien. Warum aber scheidest Du Dich nicht?" „Meine Frau verlangt zwanzigtausend Rubel als Entschädigung. Wo soll ich das Geld hernehmen? Höchstens daß Du, als alter Freund, mir zu Hilfe kommst?", fragte Worobiejczyk ironisch. „Hi, hi", lachte Dymkin, sichtlich gezwungen, „über solch' eine Summe verfüge ich nicht. Aber gesteh' nur", fragte er mit einschmeichelnder Stimme, „ist zwischen Dir und Dinah.. . wirklich nichts ... gar nichts? ..." Worobiejczyk warf seinem Freunde einen wütenden Blick zu und zuckte mit den Schultern. Dymkin ward verlegen. Eine Weile herrschte im Zimmer tiefe Stille, die endlich von dem Hausherrn unterbrochen wurde. „Entschuldige", sagte er, „ich wollte Dich nicht kränken", und um den ungünstigen Eindruck vollends zu verscheuchen, fügte er hinzu: „Weißt Du, Bruderherz, das Leben hat uns Beide irre geleitet. Aber auch wir hatten einst goldene Träume — unsere reine Jugend. Gedenken wir ihrer mit Dankbarkeit. Nun, vorwärts, so wie einst... Gaudeamus igitnr .. „Geh' zum Teufel!", rief Worobiejczyk, als habe man ihn an einer wunden Stelle berührt, eilte an den Tisch, stieß rasch zwei Gläschen Schnaps hinunter und auf das Kanapee niedergleitend, ließ er, trübe sinnend, sein Haupt tief auf die Brust sinken. Ende. Klrrakrr. Die hervorragendsten jüdischen Religionsphilosophe» und Dichter im Mittelalter. Von Dr. M. H. Friedländer, Rabbiner in Pifek. Druck und Verlag von M. Waizner & Sohn, Wien, IX. 1904. So oft uns der Verfasser mit einem neuen Buche beschenkt — und das geschieht alljährlich — sind wir hoch erfreut. Nicht sowohl weil wir ein Originalwerk, das neue Bahnen erschließt, erwarten, als vielmehr weil wir wissen, daß er, nachdem er der Fachwissenschaft ehrlich seinen Tribut gezollt, sich in den Dienst der zumal in unseren Tagen so nötigen Verbreitung der jüdischen Geschichtskenntnis gestellt hat. Und tatsächlich besitzt kaum einer wie er die Fähigkeit, den vielfach spröden Geschichtsstoff zu popularisieren und genußreich zu gestalten. Er versteht es, lebendig und anregend zu schildern und zum Herzen zu sprechen, hat bei all seiner echten und geradezu patriarchalischen Frömmigkeit stets ein offenes Auge für die Bedürfniffe der Gegenwart, zeichnet die Vergangenheit in mehr oder weniger verhüllter Beziehung auf die modernen Bewegungen, so daß das Tote lebendig, das welk Erscheinende vor unseren Augen aufzublühen und selbst das Vergängliche zum Ereignis zu werden beginnt. Darin liegt denn auch das Geheimnis seines Erfolges. Während uns andere Darsteller durch ein wahlloses Aneinanderreihen und Aufeinanderhäufen geschichtlichen Stoffes ermüden, mehr bedacht, durch Gelehrsamkeit zu glänzen, als uns durch eine psychologische Geschichtsauffassung zu intereffieren, gruppiert er, die große Fülle seines Wissens meisterhaft und bescheiden beschränkend, den geschichtlichen Stoff um große und überragende Persönlichkeiten, so daß der tote Stoff in wundersamer Weise auflebt. Daher gibt uns denn auch der Verfasser keine Geschichte in hergebrachtem vulgären Sinne, sondern Geschichtsbilder, wohl wissend, daß die großen Geschehnisse in der Geschichte nicht von der großen Maffe, die nur das Organ, sondern von den führenden Geistern der Nation ausgehen. Es kann dem Verfasser nicht genug nachgerühmt werden, daß er diese Form der Geschichtsdarstellung gewählt hat, zumal seine Schrift, wie er selbst in der Vorbemerkung sagt, „den Zweck hat, die reifere Jugend, wie überhaupt.geb i l d e t e L a i e n, die fich für die Geschichte und die Wissenschaft des Judentums intereffieren, mit den wichtigsten Momenten der Ge-

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