Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 38 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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-^■g»mw»' »"«> M I» i11 illhWllipi i nn i'MMiii ■BWWMHIBIIIillllBIHHI ll'llil Seite 616 hatte noch nicht das 25. Jahr zurückgelegt, als er durch den gerechten Willen Gottes sein Augenlicht verlor und ewige Grabesnacht ihn umfing. Während dieses Zeitraumes sehnte sich seine Seele eben so sehr nach dem Lichte, wie sein väterliches Herz nach dem Anblicke seines jüngsten, ihm von Gott vor 20 Jahren zur Freude seines Alters geschenkten Sohnes. Jetzt, angesichts des Todes, dessen eisigen Hauch er schon in sich und um sich zu verspüren glaubt, quätt ihn der Gedanke, ob er sich wohl durch sein irdisches Wallen dieses neuen Lebens verdient gemacht hat — ob der Tod ihm Licht — oder ewige Finsternis bringen werde. Vor einer Weile waren alle seine Lieben dagewesen, Kinder und Enkel, er küßte und segnete sie, ohne ihr Antlitz zu schauen, er wußte, daß es sein letzter Segensspruch sei, daß das letzte Mal die heißen Tränen seiner Lieben seine abgemagerten Hände netzen,daß es sein letzter Vorabend des Jom-Kippur *) sei. Jom-Kippur! . . . der heiligste der heiligen Tage, an dem alles, selbst Kinder und verkrüppelte Greise der Synagoge zueilen, um den Herrn und Richter des Weltalls um Vergebung der Sünden, der Sünden des Nächsten und der Sünden Israels zu sichen. Und er so elend! .... so elend darniederliegend, nicht nur nicht selbst im Stande, die zehn Schritte weit entsernte Synagoge auszusuchen, sondern auch seinen geliebten Sohn an sein Bett fesselnd. Es ächzt und stöhnt seine gequälte Seele, es blutet sein Herz und sein ganzes Wesen erzittert unter dem Schluchzen, daß er nicht mehr wie früher in der Synagoge im Chore das Lob des Herrn mitsingen und um Erbarmen für dessen auserwähtte Kinder, um Erlösung aus diesem sklavischen Leben sichen kann. Die Frommen sahen und lauschten gern der schönen einschmeichelnden Stimme des im Chore seit fast 60 Jahren mitwirkenden blinden Jankiel, denn kaum 7 Jahre alt, übergaben ihn seine Eltern dem alten Vorbeter zur Ausbildung in den Chor. Drei Vorbeter haben seit jener Zeit das Zettliche gesegnet, aber Jankiel sang an jedem Samstag und Feiertag mit seiner metallenen sonoren Stimme das Lob des Königs der Könige und war der Dolmetsch der Gebete aller treuen Söhne Jakobs. Es dunkelte bereits, doch Jankiel sah das nicht, er empfand blos ein Kättegefühl, das seine Knochen bis ans Mark durchdrang und seinem von Schmerz brennenden Herzen Kühlung brachte. Die Lichtflut der Synagoge ergoß ihren Reflex auf die Scheiben des kleinen ärmlichen Stübchens und warf ins Innere einen roten blutigen Streifen, der die Flammen der Wachskerzen und deren vier Stearingefährten verdunkelte, die sich gleichsam ihres elenden Schimmers zu schämen schienen. Aus der alten Synagoge vernahm man anfangs ein leises Raunen, das immer deutlicher und deutlicher, von Stimmen getragen, zu einem von Tränen erstickten Gebete vieler hundert Menschen anwuchs. Nach einer Weile erstarb allmählich das leise Sttmmengemurmel, um dem anfangs leisen aber immer lauter werdenden Gesänge des Vorbeters und dessen Chores Platz zu machen, und es erklang das ergreifende uralte Lied „Kol Nidraj“. Jankiel schien es, als ob nicht nur der Chor, nicht nur ein Teil seiner Glaubensbrüder, nicht nur sein ganzes Volk — sorckern alle Völker der Erde, das ganze Weltall, die ganze Natur: Tiere, Pflanzen, selbst Steine — als ob Alles, Alles müeinstimmte, in das der Ewigkeit geweihte Lied „Kol Nidraj“. Und er durchlebte in diesem Liede die ganze sonnige Vergangeuhett, die trübe und düstere Gegenwart und die magischdunkle Zukunft seines unglücklichen, schmerzenreichen Volkes. Er sprang plötzlich auf und ein lauter Wehruf entrang sich seiner gequälten Brust, als wollte er in diesem Schrei den Rest seiner Kräfte festhalten — er setzte sich im Bette auf und bedeckte sein Gesicht mit seinen leichenfahlen Händen. Erschrocken schnellte der Sohn von seinem Sitze auf, doch der Vater schob ihn mit einer Handbewegung bei Seite und Nr. 38 sprach: „Singe mit mir"! und es erscholl von den Lippen des alten Meschorer das letzte Kol Nidraj so schön, so sonderbar ergreifend schön, als sollte mit dem letzten Tone des Liedes das All zusammenbrechen und in nichts vergehen. Denn das Lied durchzitterte der ganze Schmerz, das ganze Weh seiner vierzigjährigen Sehnsucht nach dem Lichte, das grenzenlose, Jahrtausende währende Ungemach seines vaterlandslosen, gedrückten Volkes, dieses Lied, das eine stille, traurige und doch überirdisch-titanenhafte Klage der ganzen Menschheit ausdrücken — eine Klage, die selbst mit dem Grabe nicht aufhören sollte. Der Chor in der Synagoge hatte längst zu singen aufgehört, aber Jankiel sang, sang und sang — aber die Kräfte verließen ihn allmählich, er sang immer leiser und fiel mit dem Liede auf den Lippen auf's Bett zurück, hinhauchend „ich sehe" und schloß auf ewig seine blinden, nach dem Lichte sich sehnenden Augen. Sein Sohn, hingerissen vom Gesänge des Greises, gewahrte dessen Tod nicht, er stand an der Leiche seines Vaters und sang weiter die schöne, uralte Weise Koi Nidraj. Glanzende Kähnen. Skizzen aus dem Leben unbedeutender Menschen. Von R. M. Chiu. Uebersetzt von Malwina Vlumberg. (Schluß.) Nach solchen Auftritten, so sollte man glauben, müßten die Menschen sich schämen, einander in die Augen zu blicken. Aber wo denn! Nach einer oder höchstens zwei Stunden stürzt meine Gattin, als wäre nichts vorgesallen, zu mir herein und flüstert: „Bist Du mir böse Kätzchen? Selber beleidigst Du Dein armes Frauchen und dann schmollst Du noch obendrein! O, Du böser Mann!" Und sie setzt sich auf meine Knie und überschüttet mich mit Liebkosungen, die mir nichts weniger als angenehm sind. Indessen beherrsche ich mich, so lange ich nur kann. Endlich, nachdem sie mich freigegeben, verlasse ich unsere Wohnung und eile zu dem kleinen Häuschen, wo ein treues Herz meiner harrt; ein Herz, welches das Unrecht, das ich ihm getan, vergessen, alles vergeben hat und zugleich mit mir leidet. Sobald sie meine Schritte hört, kommt Dinah mir entgegen. Sie ist schlank wie eine klassische Bildsäule, schön, mit harmonischen Bewegungen und einer angenehm klingenden Stimme. Bei ihr bedarf es keiner Erklärung — ohne Worte versteht sie alles. Ich erkenne es an der Angst in ihren herrlichen, demütigen Augen, an der eigenartigen Zartheit, mit der sie mich in ihr Helles, freundliches Zimmer geleitet, mir den Platz aus dem Ledersopha anweist, mir Tee und Zigaretten reicht. Und ich denke daran, daß sie die meine hätte sein, daß wir Beide hätten glücklich werden können, und ein Sehnen ergreift mich, diese biegsame Gestalt zu umfassen, dieses schwarze, glänzende Haar zu streicheln und dieses Gesicht, dessen Züge an die Frauengestalten der Bibel erinnern, mit endlosen Küssen zu bedecken. „Liebst Du mich, Dinah?" ftagte ich sie einst. Stumm senkte sie das Haupt. „Und liebtest Du mich auch damals?" „Immer", flüsterte sie leise. „Warum hast Du mir erlaubt, eine andere Frau zu nehmen?" Erstaunt blickte sie mich an. „Wie konnte ich. . . Ich paßte nicht für Sie . . . ein armes, unwissendes Mädchen. . „Dinah, Dinah. . . Warum sprichst Du so? Du bist eine millionmal klüger und gebildeter als ein ganzer Wald voll solch' dressierter Affen wie meine Frau." Leise schüttelte sie das Haupt. „Das scheint Ihnen jetzt so, weil Ihre Frau einen schlechten Charakter hat. Aber meiner würden Sih sich schämen vor der Welt. Dr. Mocb's Mocbenscbrltt. *) Versöhnungstag.